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Niederlande – ein Vorbild für Deutschland?

 

Wirtschaftsdienst exklusiv im Herdentrieb„, das ist unsere heutige Meldung in eigener Sache. Im Herdentrieb wird es ab sofort exklusiv einen Artikel aus dem jeweils aktuellen Wirtschaftsdienst zu lesen geben. Der Wirtschaftsdienst, eine der traditionsreichsten ökonomischen Fachzeitschriften Deutschlands, passt mit seinen kontroversen Kommentaren und Debattenbeiträgen ausgezeichnet zum Anliegen dieses Blogs, differenziert den Kapitalismus zu ergründen. Wir wünschen unseren interessierten Lesern eine anregende Lektüre.

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Die Niederlande haben schon lange vor Deutschland auf Lohnzurückhaltung gesetzt. Das reale niederländische Bruttoeinkommen von Arbeitnehmern ist dabei seit 1977 so wenig gestiegen, dass es einer Stagnation gleichkommt. Welche Folgen hatte das für Produktivität und Innovationen? Wie die Wissenschaft erwartet, nahm die Beschäftigung modellgerecht deutlich zu. Allerdings konnte das Produktionswachstum nicht in gleichem Tempo mithalten. Die Arbeitsproduktivität wuchs entsprechend deutlich langsamer – übrigens auch im Vergleich zu den anderen Ländern der Europäischen Union.

Was aber kann Deutschland daraus lernen, das sich selbst seit einiger Zeit in Lohnzurückhaltung übt? Das deutsche Wirtschaftsmodell hat immer auf Loyalität, Vertrauen und Beständigkeit gesetzt. Deshalb werden die deutschen Produkte auch weltweit geschätzt. „Made in Germany“ ist ein Markenzeichen. Dieses Modell ist in Gefahr. Lohnzurückhaltung hat mittlerweile auch in Deutschland zu einem langsameren Produktivitätswachstum geführt. Aber vor allem eine Lockerung des Kündigungsschutzes könnte das deutsche Modell ins Wanken bringen. Die Anhänger effizienter Allokation bevorzugen das angelsächsische Ideal umfassender Flexibilität. Das nützt aber nur in statischer Perspektive. Eine dynamische Wirtschaft mit großer Innovationsbereitschaft sollte die Arbeitnehmerbindung an den Betrieb nutzen, finden Alfred und Robert Kleinknecht in ihrem Artikel in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst.

36 Kommentare

  1.   Marlene

    Die Niederlande sind ein besonders negatives Beispiel dafür wie hoch die Bewertungsverluste auf das Nettoauslandsvermögen werden können.

    Die Bewertungsverluste auf das Auslandsvermögen haben sich seit 1990 auf über 60% des niederländischen BIP kumuliert.

    „Exportüberschüsse sind nicht Ausdruck einer besonderen Leistungsfähigkeit oder Produktivität der Unternehmen eines Landes.
    Die Leistungsfähigkeit ist zentral für die Wettbewerbsfähigkeit, was die Exporte erhöhen kann. Überschüsse sind aber nicht die Konsequenz der Leistungsfähigkeit, sondern des Umstands, dass deren Früchte unzureichend den Konsumenten im Inland zugute kommen.“

    blog.fuw.ch/nevermindthemarkets/index.php/33571/das-einmaleins-der-schaedlichen-exportueberschuesse/

    Ich bin erstaunt darüber, dass im ganzen Artikel nicht einmal auf diesen Umstand Bezug genommen wird.

    Dass die Gesetzgebung (die Investoren) die langfristigen Bedingungen für eine hohe Ausbeutungsrate(Leistungsfähigkeit) schwächt …

    ist doch eine echte Tragödie angesichts der Tatsache dass die Trauben die ganze Zeit über da hangen.
    Und von anderen gepflückt wurden.

    d.h. viele Niederländer wollten schon pflücken.

    Und haben sich schöne große Häuser auf Pump gebaut.

    Das schuf viele Arbeitsplätze.


  2. Made in Germany? Also wenn dann zu mindestens, „Made International“ denn auch Deutschland lässt mittlerweile von Billig Löhnen im Ausland fertigen. Auch viele Arbeitsplätze wurden und werden von Ausländern in Deutschland besetzt. Aber das ist typisch, Erfolge will man alleine, Misserfolge allerdings, dafür waren immer andere zuständig. Spätestens seit die ersten Gastarbeiter nach Deutschland geholt wurden, spätestens da, war es mit der „Made in Germany“ Propaganda vorbei. Im Übrigen bezweifle ich generell dies, sondern sehe es eher als clevere Marketing Strategie in der Welt.

    Denn bereits früher wurden in Deutschland, durch Zwangsarbeiter viele Arbeiten in Deutschland erledigt, wovon allerdings nur die „Eigentümer“ der großen Firmenlenker und seine Familien profitierten. Und was die angebliche „deutsche Wertarbeit“ in Deutschland heute betrifft, sollte einmal „deutsche Handwerker“ beauftragen. Ich jedenfalls, habe da schon abenteuerliches in Deutschland erlebt. Wo von ich glaubte, dass es so etwas nur in sog. dritte Welt Länder gibt.

  3.   RDA

    Der Grund gegen die absolute Flexibilisierung des deutschen Arbeitsmarktes heißt „duale Berufsausbildung“ und Weiterqualifizierung (Technikerlehrgänge, Meistertitel, etc.). Hierzulande nehmen junge Menschen es in Kauf, ca. 3 Jahre ihres Lebens wenig zu verdienen und dafür z.T. extrem spezielles Fachwissen aufzubauen. Eine totale Flexibilisierung des Arbeitsmarktes entwertet dieses Fachwissen und setzt Fehlanreize, sich nur noch das nötigste Wissen anzueignen. Wir haben dann eine Volkswirtschaft von Generalisten. Ob die dann den nötigen Produktivitätszuwachs bringen, wage ich mal zu bezweifeln.

    Die bisherige Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, gepaart mit Abbau der Leistungen der Arbeitslosen- und Rentenversicherung, setzt gerade keinerlei Anreize, mehrmals das Unternehmen zu wechseln: Betriebliche Altersversorgungsansprüche sind erst nach 3 bis 5 Jahren unverfallbar – ausgenommen Entgeltumwandlung. Führt man die Entgeltumwandlung mit eigenen Beiträgen fort (z.B. weil die Betriebsrente die Erwerbsminderung mit absichert), zählt das so aufgebaute Vermögen nicht mehr als geschütztes Altersvorsorgevermögen beim ALG II und muss aufgelöst werden.
    Lustig wird´s auch bei Wertguthaben: Die sind auch eher schlecht von einem auf den anderen Arbeitgeber zu übertragen. „Parkt“ man sie bei der Gesetzlichen Rentenversicherung“, zahlt die später keine Arbeitgeberanteile zur GKV/PflegeV aus, da diese bei freiwillig Versicherten nicht mit ins Wertguthaben eingestellt werden.

    Merke: Spare in der Zeit, dann hast Du ein Problem in der Not!

  4.   Hermann Keske

    # 3 RDA

    Nur eine kleine Anmerkung:

    „Betriebliche Altersversorgungsansprüche sind erst nach 3 bis 5 Jahren unverfallbar “

    Dann ist doch die Befristung ein starker Anreiz für die Auflösung des Arbeitsverhältnisses vor Ablauf der Frist – natürlich durch den Arbeitgeber, nicht den Arbeitnehmer. Der Abbau des Kündigungsschutzes hilft dabei, die Wirtschaft von den schwer erträglichen Verpflichtungen aus betrieblichen Altersvorsorgeregelungen zu befreien.

  5.   Hermann Keske

    Der Artikel wirft ein Schlaglicht auf eine Falle, die sich unmittelbar aus den gegebenen wirtschaftlichen Verhältnissen – kapitalistische Wettbewerbswirtschaft mit einem weltweiten Überangebot an Arbeitskräften – ergibt und bestenfalls, wenn überhaupt, von außen vermieden werden könnte.

    Nehmen wir einfach an, die Steigerung der Produktivität bedeutet, daß für die Herstellung der bisher produzierten Gütermenge nun weniger Arbeitnehmer benötigt werden. Dann werden für den Fall gleichbleibenden Produktionsumfanges Arbeitsplätze überflüssig und deren Inhaber entlassen. Entlassene Arbeitnehmer scheiden ganz oder teilweise als Käufer der Produktion aus. Wenn wenigstens noch die bisherige Produktionsmenge abgesetzt werden soll, müssen die verbliebenen Arbeitnehmer höher entlohnt werden. Das allerdings verhindern das Überangebot auf den Arbeitsmärkten und der Wettbewerb.

    In der Situation, in der wir uns befinden, daß nämlich mit nur einem Teil der Arbeitskräfte, die zur Verfügung stehen, alle nachgefragten Güter hergestellt werden können, gibt es keinen Ausweg. Jede weitere Steigerung der Produktivität führt notwendig zum Abbau von Arbeitsplätzen und damit auch zur Verringerung der Güternachfrage.

    Die Unternehmer verhalten sich deshalb vernünftig, wenn sie weder investieren, um zu wachsen (vom Verdrängungswettbewerb abgesehen) und auch keine Mühen auf die Steigerung der Produktivität verwenden – wozu auch? Wir haben schon im Schnitt 15 % Überkapazitäten.

    Wir sollten uns deshalb darauf einrichten, daß wir es fortan vor allem mit Verdrängungswettbewerb und seinen durchweg schädlichen Folgen zu tun haben werden. Wenn die Welt erst eine geschlossene Volkswirtschaft ist, und sie ist auf dem Weg dorthin, wird es längst nicht mehr um Wachstum, sondern um Verteilung gehen.

  6.   Dietmar Tischer

    Die These des Artikels:

    Moderate Lohnzuwächse und die Zunahme schlecht bezahlter Jobs führen zu einer geringeren Innovationsneigung und zu geringeren Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität.

    Dies wiederum schlägt sich in geringeren Raten des Wirtschaftswachstums nieder, was wiederum nicht genutztes Wohlstandspotenzial, also letztlich selbst verschuldeter Wohlstandsverlust ist.

    Diese These untermauern die Autoren mit dem RÜCKGANG des Wachstums der Arbeitsproduktivität im Zeitraum 2001 bis 2013 auf die Hälfte der durchschnittlichen 2,16 % pro Jahr im Zeitraum 1991 bis 2001 (siehe „Abstract“ am Ende).

    Der Vergleich dieser beiden Zeiträume macht Sinn mit Blick auf die These der Autoren.

    Allerdings sagt das GESAMTBILD für Deutschland etwas anderes.

    Der Zuwachs der Arbeitsproduktivität ist seit 1950 KONTINUIERLICH gefallen, also auch dann als von moderaten Lohnzuwächsen, vergleichsweise schlecht bezahlten Jobs und Hartz IV keine Rede sein konnte:

    de.statista.com/statistik/daten/studie/249644/umfrage/historisches-wachstum-von-bip-bevoelkerung-und-produktivitaet-in-deutschland/

    Es muss also ANDERE, von den „holländischen Verhältnissen“ unabhängige Faktoren geben, die für den rückläufigen Zuwachs der Arbeitsproduktivität ursächlich sind.

    Dies falsifiziert nicht die Aussagen der Autoren.

    Es relativiert sie jedoch, nimmt ihnen die Bedeutung, die sie suggerieren.

    Der andere Punkt, Zitat:

    „In den letzten 35 Jahren waren die niederländischen Gewerkschaften immer wieder bereit, sich bei ihren Lohnforderungen zurückzuhalten. Das Motto war: „Beschäftigung ist wichtiger als Lohnerhöhungen!“ Zugleich ist die Zahl atypischer, flexibler Stellen gestiegen. Der Anteil dieser Stellen wird, abhängig von statistischen Definitionen, inzwischen auf 23% bis 35% aller Arbeitnehmer geschätzt“.

    Hier sind zwei Aspekte zu unterscheiden:

    a) die Erkenntnis, dass Beschäftigung wichtiger ist als Lohnerhöhungen INSBESONDERER dann, wenn durch die Globalisierung bedingt Löhne zu dem entscheidenden Kostenfaktor werden und damit im Renditewettbewerb entscheiden, wo Investitionen stattfinden und Arbeitsplätze geschaffen werden.

    und

    b) die Erkenntnis, dass vor allem die entwickelten Volkswirtschaften aufgrund ihres demografischen Wandels dafür sorgen müssen, dass INSBESONDERE ihr Arbeitskräftepotenzial voll ausgeschöpft wird – unabhängig davon, was dies für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität heißt.

    Natürlich heißt dies: Wegen geringerer Qualifikation eine geringere Arbeitsproduktivität und eine geringere Bezahlung. Es heißt auch – These der Autoren und hier auch schon von Schieritz vertreten –, dass von der Kostenseite nicht der Innovationsdruck ausgeht, der bei höheren Lohnkosten zu erwarten wäre (falls die Unternehmen aufgrund der höheren Lohnkosten nicht woanders investierten):

    Das muss akzeptiert werden.

    Denn:

    Verzichtet man auf die Beschäftigung dieser Menschen, schafft man sich enorme Probleme:

    Verzicht auf Wachstum, weil auch diese Arbeitskräfte zum Wachstum beitragen und enormen sozialen Sprengstoff für die Sozialhaushalte, der letztlich zu politischer Instabilität führen würde. Wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre in Europa ansieht (Empirie!) – und nicht nur die in den Peripherieländern, dann versteht man, was gemeint ist.

    Die Autoren des Artikels:

    „Die positive Seite der Medaille ist also: Die Niederlande haben ein gewaltiges Beschäftigungswachstum! Die negative Seite: Um ihr BIP-Wachstum zustande zu bringen, haben die Niederländer ein höheres Wachstum der Arbeitsstunden nötig als ihre Nachbarn, die das Potenzial arbeitssparender Technologien zügiger nutzen. Wenn das Wirtschaftswachstum infolge mäßiger Lohnerhöhungen weniger durch den Anstieg der Arbeitsproduktivität und mehr durch Arbeitseinsatz angestoßen wird, dann gibt es logischerweise auch pro Arbeitsstunde weniger zu verteilen.“

    Wir sind also mal wieder beim Zweck der Übung: Verteilung.

    Aus den oben dargelegten Gründen greift der argumentative Ansatz des Artikels zu kurz. Er weist damit auch in die falsche Richtung.

    Das ist die Logik:

    Das Wachstumspotenzial muss ausgeschöpft werden. Es kann auf Dauer nur in sozial und politisch stabilen Gesellschaften ausgeschöpft werden (nicht zuletzt deshalb, weil fehlende Stabilität ein vielleicht noch entscheidenderes Ausschlusskriterium für Investitionen ist), so dass Beschäftigung OBERSTES Ziel sein muss. Auch eine wachsende Arbeitsproduktivität muss zum Wachstum beitragen. Sie nimmt tendenziell dann zu, wenn wir in Bildung und Ausbildung so investieren, dass wir möglichst wenig gering qualifizierte Menschen haben.

    Selbst wenn wir dem folgten, ist m. A. n. immer noch fraglich, ob wir genug Wachstum generieren können, um eine gesellschaftliche Destabilisierung zu vermeiden.

  7.   Franz

    @Dietmar Tischer:
    Zum Rückgang der Produktivitätszuwächse. Ein hoch entwickeltes Land hat logischerweise niedrigere prozentuale Zuwachsraten bei der Produktivität und BIP als ein Entwicklungsland. In absoluten Zahlen sieht das jedoch meist ganz anderst aus.
    Daher sollte man meiner Ansicht nach zur Verifizierung der Thesen der Autoren die Produktivitätszuwächse von Ländern mit flexiblen und regiden Arbeitsmärkten und ähnlichem absoluten Produktivitätsniveau vergleichen. Der Vergleich Deutschland und Frankreich, Anfang und Mitte der 2000er Jahre stützt jedenfalls die These der Autoren.
    Zu Ihren zwei Aspekten:
    a) Im internationalen Wettbewerb sind die nominalen Lohnabschlüsse in einzelnen Ländern eben nicht der entscheidende Kostenfaktor, sondern die Lohnkosten werden bei freien Wechselkursen vom Devisenmarkt bestimmt.
    b) Bei einer angenommen konstanten Bevölkerungszahl wird der Verteilungsspielraum vom BIP festgelegt. Das BIP kann entweder durch eine hohe Beschäftigtenanzahl (genauer Arbeitsvolumen) bei geringer Produktivität oder eben mit einer geringeren Beschäftigenanzahl mit höherer Produktivität erwirtschaftet werden. Im letzten Fall würden die Beschäftigen höhere Realeinkommen erzielen, müssten aber über höhere Sozialabgaben und Steuern auch mehr Erwerbslose durchfüttern. Selbst wenn also die These, dass mit steigender Produktivität die Arbeitslosigkeit steigt, korrekt wäre, dann wäre jedoch der Verteilungsspielraum auch angesichts eines demografischen Wandels der selbe.
    Ich bezweifle jedoch, dass dies so sein muss. Bei gleichem Arbeitsvolumen ermöglicht eine steigende Produktivität, stetig steigende Realeinkommen und bei einer vernünftigen Einkommen- und Vermögensverteilung damit auch eine stetig steigende Nachfrage. Durch diese Zunahme der Nachfrage sinkt das Arbeitsvolumen trotz gestiegener Produktivität eben nicht zwangsweise ab.

  8.   Dietmar Tischer

    @ Franz

    >Ein hoch entwickeltes Land hat logischerweise niedrigere prozentuale Zuwachsraten bei der Produktivität und BIP als ein Entwicklungsland. In absoluten Zahlen sieht das jedoch meist ganz anderst aus. Daher sollte man meiner Ansicht nach zur Verifizierung der Thesen der Autoren die Produktivitätszuwächse von Ländern mit flexiblen und regiden Arbeitsmärkten und ähnlichem absoluten Produktivitätsniveau vergleichen…>

    Natürlich kann man solche Vergleiche anstellen.

    Das hat aber mit dem, was ich anhand des Schaubilds sage, nichts zu tun.

    Denn ich argumentiere nicht mit den Daten eines Entwicklungslandes. Es sind ausschließlich Daten, die Deutschland betreffen (wenn auch Perioden einschließend, in denen das Land nicht so „entwickelt“ war wie heute).

    Mein Argument lautet:

    Wenn das fallende Wachstum der Arbeitsproduktivität (nur) dadurch verursacht sein soll, dass die Lohnabschlüsse zu moderat und zu viele Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen waren, dann – GLEICHES Land Deutschland – dürfte das Wachstum der Arbeitsproduktivität NICHT in den Perioden gefallen sein, in denen die Lohnabschlüsse hoch und nur wenige Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen waren. Ist es aber. Also muss es (auch) ANDERE Ursachen für das fallende Wachstum der Arbeitsproduktivität geben als die von den Autoren behauptete.

    Zu den zwei Aspekten:

    a) Internationaler Wettbewerb: Es gibt zwei entscheidende Aspekte für Investitionsentscheidungen. Den ersten hatte ich nicht erwähnt. Er betrifft die Erlössituation, die in den gesättigten europäischen Märkten mit ihren Rabatt-Schlachten, nicht jedoch in denen der wachstumsstarken Entwicklungsländer auf die Margen drücken und die mit den Arbeitskosten direkt nichts zu tun haben. Der zweite Aspekt sind die Produktionskosten mit den Arbeitskosten und hier wieder den Lohnkosten: Bei dem EXTREM höheren Kostenniveau in Deutschland gegenüber den Ländern Osteuropas und Asiens sind ZUSÄTZLICHE Lohnkosten sehr wohl mitentscheidend: c. p. 3% höhere Lohnkosten in Deutschland erhöhen die Arbeitskosten und damit die Produktionskosten mehr als 6% höhere Lohnkosten in China.

    Die Wechselkurse spielen auch eine Rolle, aber anders als sie es darstellen:

    Wenn ein Unternehmen z. B. zu EUR-Kosten produziert und in EUR bilanziert, die Erlöse aber in USD erzielt und der USD gegenüber dem EUR fällt, hat dieses Unternehmen ein Problem. Für diesen Fall ist es vorteilhaft, wenn die Produktionskosten und die Erlöse sich gleich ändern. Auch deshalb produzieren die Automobilhersteller in USA.

    b) Verteilungsspielraum:

    >Das BIP kann entweder durch eine hohe Beschäftigtenanzahl (genauer Arbeitsvolumen) bei geringer Produktivität oder eben mit einer geringeren Beschäftigenanzahl mit höherer Produktivität erwirtschaftet werden. Im letzten Fall würden die Beschäftigen höhere Realeinkommen erzielen, müssten aber über höhere Sozialabgaben und Steuern auch mehr Erwerbslose durchfüttern.>

    Sie haben recht, müssen aber einen Schritt weiter gehen, um zu meiner Argumentation zu kommen:

    Der letztere Fall verschärft die Verteilungskämpfe in einer sich durch den demografischen Wandel schon destabilisierenden Situation: Wenn in etwa einer Generation nicht mehr wie heute 3 Beschäftigte, sondern 2 einen Rentner ernähren müssen (was – schematisch gerechnet – ihre Abgaben von 1/3 auf 1/2 , also um 50% erhöht), dann ist es soziales Dynamit, wenn diese 2 auch noch mehr Erwerbslose als notwendig alimentieren sollen. Vorrang muss daher eine möglichst hohe Anzahl von Beschäftigten haben und nicht die Arbeitsproduktivität, die deshalb nicht unwichtig ist und auf andere Weise, eben durch Bildung gesteigert werden muss.

    Die Politik weiß dies alles, daher schon heute Hebung der Reservearmee der Frauen für den Arbeitsmarkt, daher Ausbau der Kitas und das fortwährende Bekenntnis zu und Anstrengungen in Sachen Bildung.

  9.   Wolfgang Waldner

    @Dietmar Tischer #8

    Also muss es (auch) ANDERE Ursachen für das fallende Wachstum der Arbeitsproduktivität geben als die von den Autoren behauptete.

    Im Zeitraum 1960-73 hatten wir die erste Nachkriegsrezession 1967/68, die von der Deutschen Bundesbank durch restriktive Geldpolitik verursacht worden war. Das erklärt den Einbruch der Arbeitsproduktivität, weil halt in diesen Jahren die Auslastung mangels Nachfrage sank.

    Noch stärker war der Einbruch der Wirtschaft durch die mit Hochzinspolitik von der Bundesbank ausgelöste Rezession 1973/74 und entsprechend sank auch die Arbeitsproduktivität noch einmal stärker.

    im letzten Zeitraum 1980-89 haben wir ab 1980 die von Volcker, dem damalsigen Chef der FED, und Pöhl, seinerzeit Bundsesbankpräsident, mit Hochzinspolitik verursachte Weltwirtschaftkrise von 1980-83. Da gab es eben nicht nur Abermillionen Erwerbslose in den Industriestaaten, allein in Deutschland über drei Millionen, sondern es kamm auch durch die Unterauslastung des Produktionspotenzials und die Kapitalvernichtung durch die Absatzkrise zu geringeren Produktivitätsfortschritten. Die Hochzinspolitik – 1982 hatte die FED ihren Geldmarktzins auf 20% hochgetrieben – verhinderte Investitionen und viele Erwerbslose wurden in unproduktive Jobs gezwungen.

    Die gleiche Entwicklung gabe es dann noch durch die Hartz-Gesetze von SPD und GRÜNEN: Die Opfer der Börsenkrise zur Jahrtausendwende und des durch den 7/11 im Jahr 2001 verstärkten Einbruchs der Weltkonjunktur wurden in Drecksjobs zu Hungerlöhnen gezwungen. Das ist zwar auch Beschäftigung, trägt aber sicher nicht zu einer sozial und politisch stabilen Gesellschaft bei, die für steigende Produktivität die Bedingung ist.

    Mit der Agendapolitik wurde von SPD und GRÜNEN mit langfristigen Folgen Humankapital vernichtet. Das sehen wir an den Folgen wie sinkender Arbeitsproduktivität und Investitionsschwäche und dramatisch sinkender Akzeptanz des wirtschaftlichen und politischen Systems.

  10.   Dietmar Tischer

    @ Wofgang Waldner # 9

    Ich unterstelle einmal, dass Sie mit Ihren Erklärungen recht haben:

    In jeder Dekade ereignete sich irgendetwas, das in dieser Dekade ursächlich war für eine geringere Rate des Wachstums der Arbeitsproduktivität gegenüber der vorherigen Dekade.

    Es waren jeweils ANDERE Ursachen als die von den Autoren als für die Periode ab 2001 konstatierte Lohnzurückhaltung und die prekären Beschäftigungsverhältnisse.

    Man muss die These der Autoren nicht bestreiten, um festzustellen:

    Sie kann demnach nicht mehr das GEWICHT haben, was die Autoren ihr verleihen.

    Kurzum:

    Die These mag zwar richtig und damit relevant sein, rückt aber aus dem MITTELPUNKT der Diskussion.

    Abgesehen davon:

    Wenn das Ziel ein möglichst hohes Wachstum ist, dann wird es nur erreicht werden, wenn

    a) so viele Menschen wie möglich in Beschäftigungsverhältnissen sind

    b) der Kapitalstock wächst

    c) die Produktivität zunimmt.

    Es ist mehr als fraglich, was davon in entwickelten Volkswirtschaften, wie unserer zu realisieren ist:

    a) ist noch am ehesten zu verwirklichen, wenn man akzeptiert, dass die Arbeit in einer erheblichen Anzahl von Fällen nicht so vergütet werden kann, dass es zum Lebensunterhalt reicht. Hier muss die Gesellschaft mit Transfers aufstocken.

    Damit wird aber nicht das Problem behoben, dass der demografische Wandel das Arbeitskräftepotenzial VERRINGERT und wir dies aufgrund einer weitgehend fehlenden Akzeptanz von Einwanderern – sie Pegida – nicht kompensieren wollen bzw. können. Selbst wenn es anders wäre: Es besteht in der Bevölkerung keine hinreichende Bereitschaft in Einwanderer zu „investieren“, d. h. auf Konsum zu verzichten, um sie für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

    b) ist m. A. n. angesichts der Globalisierung nur begrenzt realisierbar.

    c) ist vermutlich bei einem Übergang von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft in dieser wenn überhaupt, nur schwer zu verwirklichen.

    >Mit der Agendapolitik wurde von SPD und GRÜNEN mit langfristigen Folgen Humankapital vernichtet.>

    Das ist bodenloser UNSINN.

    Humankapital wird „vernichtet“, d. h. als unnütz bewertet, wenn es NICHT für Wertschöpfung eingesetzt wird.