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Ein Schuldenschnitt ist ein Schuldenschnitt

 

Die Erfahrung lehrt: Immer wenn Politiker sprachlich kreativ werden, ist irgendetwas faul. So verhält sich das auch beim Thema Schuldenschnitt. Einen solchen werde es für Griechenland nicht geben, hat Angela Merkel immer wieder gesagt. Jetzt will man doch darüber reden. Wie das zusammenpasst? Man muss einfach die passende Definition des Begriffs heranziehen.

Die gängige Definition eines Schuldenschnitts ist die Streichung eines Teils des Nominalbetrags der Verbindlichkeiten: Ich muss meinem Nachbarn in einem Jahr 1.000 Euro zurückbezahlen und er sieht, dass ich mir das nicht leisten kann und gibt sich mit 500 Euro zufrieden.

Einen solchen Schuldenschnitt hat Merkel ausgeschlossen. Und er wäre rechtlich auch in der Tat schwierig umzusetzen, denn das deutsche Haushaltsrecht sieht so etwas nicht vor und die europäischen Verträge möglicherweise auch nicht (wobei es wahrscheinlich immer ein paar clevere Juristen gibt, die einen Ausweg finden).

Die Schuldenlast lässt sich aber auch noch auf einem anderen Weg senken. Man könnte zum Beispiel die Zinsen senken oder die Rückzahlungsfristen in die Zukunft verschieben. Ich muss meinem Nachbarn also weiter 1.000 Euro zurückzahlen, aber vielleicht erst in zwei Jahren statt in einem Jahr.

Der Vorteil: Rechtlich ist das weniger problematisch, denn die Forderung bleibt ja bestehen und wird nicht angetastet. Ökonomisch betrachtet allerdings handelt es sich auch bei solchen Maßnahmen um einen Schuldenschnitt. Wenn die Schuld später beglichen wird, hat der Gläubiger Nachteile, weil die Inflation einen Teil des Wertes der Forderung auffrisst, und weil er erst später über das Geld verfügen kann und damit Opportunitätskosten anfallen (er hätte ja mit dem Geld etwas anderes anstellen können). Und der Schuldner hat genau aus diesem Grund Vorteile.

Würde beispielsweise die Rückzahlung der 1.000 Euro ins Unendliche verschoben, dann hat mein Nachbar – einen Zins von null angenommen – auf dem Papier eine Forderung gegen mich, aber tatsächlich bringt ihm diese Forderung wenig und mich stört sie nicht. Ökonomisch werden die Verluste (aus Sicht des Gläubigers) durch die Ermittlung des Barwerts der Schuld – also des abgezinsten Werts aller Zahlungsströme – ermittelt.

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Eine Verlängerung der Kreditlaufzeiten senkt in der Regel den Barwert der Schuld. Der Thinktank Bruegel hat die verschiedenen Varianten für den Fall Griechenland durchgerechnet. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Barwert um bis zu 17 Prozent senken lässt, ohne den Nominalwert anzutasten.

Aber wie auch immer: Schuldenschnitt ist Schuldenschnitt.

109 Kommentare

  1.   Wolfgang Waldner

    Ein Schuldenschnitt bedeutet ein Ausfallrisiko für Staatsanleihen, das in Zukunft mit entsprechend höheren Zinsen abgegolten werden muss.

    Diese höheren Zinsen erhalten nicht nur die gewöhnlichen Anleger, für die das Ausfallrisiko tatsächlich besteht. Einflussreiche Spekulanten, die in der Regel lange vorher genau wissen, welchen Staat die Finanzmärkte als nächsten in die Insolvenz treiben werden, erhalten diese Risikozinsen sogar ganz ohne Risiko.

    Die Bürger der mit Insolvenz und Schuldenschnitt bedrohten Staaten geben in Zukunft viel Geld an die Finanzoligarchen ab. Die Staaten werden sich weiterhin verschulden müssen, denn ohne Staatsverschuldung kann es im Saldo kein privates Sparen geben, auch wenn die schwäbische Hausfrau im Kanzleramt das nicht kapiert. Die Staaten müssen für Schuldenschnitte höhere Zinsen zahlen, von denen die normalen Sparer aber nicht profitieren, weil es ja immer genau das Geld der gewöhnlichen Sparer und demnächst der Riester-Rentner ist, das in einer Finanzkrise plötzlich weg ist.

    Es wäre also im Interesse der braven Bürger, dass Staatsanleihen der Euroländer über jeden Zweifel erhaben und gegen Ausfall sicher sind. Gegen dieses Interesse der Menschen wird zur Zeit eine Medienkampagne geführt, bei der erst vor relativ kurzer Zeit für ihre Bücher von den Massenmedien gefeierte Wissenschaftler wie Piketty und David Graeber mit ihrer so neu gewonnenen Autorität Schuldenschnitte für die Griechen oder gar Schuldenkonferenzen für den ganzen Euroraum fordern.

    Danach haben wir mit dem Euro eine Dritte-Welt-Währung, in der nicht einmal mehr Staatsanleihen eine sichere Geldanlage für die Bürger abgeben und die Staaten ein Spielball im Finanzcasino sind.

    Mal wird zukünftig der eine Staat und dann der nächste in den Bankrott oder nur kurz davor getrieben. Wolfgang Schäuble lässt schon die passende Insolvenzordnung für Staatspleiten in der Eurozone ausarbeiten. Dank der vielen Verpflichtungen und Bürgschaften für den ganzen Euroraum wird es sicher auch die Deutschen mit ihrer schwarzen Null bald betreffen.

    Die Insider im globalen Finanzcasino gewinnen mit einem Auf und Ab der Anleihenkurse der Eurostaaten ein ganz neues Geschäftsfeld in der Eurozone für sich – mit gigantischen Gewinnen für die Finanzoligarchen und ebenso gigantischen Kosten und Verlusten für die Bürger der EU.

    Viele gutmeinende Menschen glauben, ein Schuldenschnitt solle den armen Griechen helfen, die ihre Schulden doch niemals zurück zahlen können. Aber Staaten zahlen ihre Schulden schon immer und sowieso nie zurück – läuft eine Anleihe aus, wird die nächste ausgegeben. Genau das wird aber nach den ersten Schuldenschnitten für die Eurostaaten so richtig teuer werden.

  2.   Peter Noack

    Die tatsächlichen Zusammenhänge werden immer noch verschleiert!

    Schuldenschnitt hin oder Schuldenschnitt her. Griechenland hat beispielsweise den Wunsch, die Schuldenlast um 33 Prozent zu senken. Das wären dann bei 330 Mrd. Staatsschulden rund 110 Milliarden. Das mag nun gut und richtig sein, wenn man die Interessen Griechenlands sieht. Für das derzeitige Schuldenmanagements hat das erst mit Zins- und Tilgungszahlungen Relevanz. Die sind aber bis 2022 gestundet. Vom Schuldenschnitt hat Griechenland zunächst keinen geldwerten Vorteil.
    Warum dann der vehemente Ruf nach einem Schuldenschnitt? Ganz einfach: Die Schuldenquote zum BIP verringert sich. Statt 180 Prozent wären es nach 110 Mrd. Schuldenschnitt nur noch 120 Prozent Staatsverschuldung zum BIP.
    Das Sparpaket der griechischen Regierung sieht aber 53 Mrd. neue Kredite der Geldgeber vor. Dazu kämen dann noch die 35 Mrd. Investitionsprogramme der EU, die vor dem Referendum vorgeschlagen waren. Gibt es dabei auch einen Eigenbeitrag von 10 oder 20 Prozent, was weitere bis zu 7 Mrd. wären.
    Die Gesamtsumme würde sich auf über 95 Mrd. addieren. Was heißt denn das nun wieder? Nach Schuldenschnitt von 110 Mrd. würde bis 2018 die Staatsschuld wieder auf über 325 Mrd. steigen.
    Der Schuldenschnitt ist also eine Voraussetzung zur Begründung der Schuldentragfähigkeit, die neue Kredite ermöglichen könnte.
    Damit bis 2018 die Wirtschaft den Vorkrisenstand wieder erreichen könnte, müsste jährlich ein Wachstum von über 7 Prozent realisiert werden. Glaubt jemand daran? Wie wird sich denn in Griechenland das BIP im 2. und 3. Quartal entwickeln? Wird es steigen oder sinken, leiden oder triumphieren, Hammer oder Amboss sein? Welche Folgen hätte ein sinkendes BIP für die Einnahmen des Staates in Griechenland?


  3. Vielleicht denke ich zu einfach…
    Griechenland nimmt Kredite auf, die jetzt geschnitten werden sollen. Danach sollen neue Kredite aufgenommen werden usw.
    Das ist eine Transferunion, ein Länderfinanzausgleich auf EU-Ebene.
    So haben wir das aber nicht vereinbart.

  4.   Udo Philipp

    Die Gläubiger-Schuldner Beziehung GR-EU ist nicht vergleichbar mit
    Schulden im privaten Bereich.

    Es gibt keine Opportunitätskosten. Es ist unendlich viel Liquidität im
    Markt. Wenn der ESM 320 Mrd Euro zu 30J finanziert, bewegt das die Zinsen
    in Europa nicht einen Millimeter. Fazit, es gibt (derzeit) kein crowding
    out.

    Die ESM Kredite werden nicht auf die nationalen Schuldenbremsen
    angerechnet. Fazit: keine Opportunitätskosten

    Man muss die Zinsen unter die Einstandskosten des ESM
    senken. Wenn auf alle Kredite Griechenlands die derzeit super niedrigen Zinsen berechnet würden, würde das auserichen. Fazit: Keine Subvention. Den Gläubigern geht es ökonomisch nicht schlechter.

    Im privaten Bereich reflektieren die hohen Zinsen das Risiko einer Pleite.
    Wenn man da die Zinsen senkt, verschenkt man tatsächlich etwas, weil man
    Geld nicht risikoadäquat verleiht. Für dasselbe Risiko würde man anderswo
    höhere Zinsen bekommen. Auch das ist hier anders: Die ESM Gelder können
    nicht anders gewinnbringender angelegt werden.

    Das Risiko einer Pleite des Schuldners ist normalerweise unabhängig vom
    Gläubiger. Hier liegt es massiv am Zutun der Gläubiger, ob GR in die
    Pleite rutscht oder nicht. Sobald deutsche Politiker aufhören vom Grexit
    zu faseln und sobald man mit Austerität aufhört, ist das Land auch wieder
    solvent. Da die Pleite also wesentlich von den Gläubigern abhängt, müssen
    sie keinen Risikoaufschlag verlangen

    Im übrigen ist es völlig egal, wie wir das Baby nennen. Hauptsache, GR kann aufhören absurde Austeritätsvorgaben zu erfüllen und Hauptsache, es kommt wieder Ruhe und Vertrauen auf, damit die Menschen wieder leben, konsumieren und investieren können.


  5. 17 % Reduktion innerhalb von 10 Jahren. Das klingt sehr nach dem Vorschlag, den ich immer den Grexit-Fans mache, nachdem ihr „wir wollen unser Geld zurück“ etwas abgeebt ist.

    Minuszinsen, die direkt an die Außenhandelsbilanz der Euroländer untereinader gekoppelt sind. Wer mehr importiert als er exportiert, um Deutschlands Produktionsgier zu befriedigen, bekommt im selben Umfang Minuszinsen auf seine Staatsschulden, die über den ESM – oder was auch immer für eine Konstruktion – verwaltet werden.

    In diesem Fonds werden auch die Staatsanleihen von Deutschland verwaltet und alles, was die Super-Importeure an Minuszinsen boniert bekommen, wird bei Deutschlands Zinslast drauf geschlagen.

    Das entspräche dem Konkurrenznachteil, den Deutschland in D-Mark-Zeiten beim Außenhandel hätte hinnehmen müssen.

    Die Regierungen müssten sich überlegen, ob sie weiterhin Arbeiterrechte für noch mehr Export abbauen, wenn sie dadurch direkt ihren Haushalt belasten.


  6. Ein sehr gute Arbeit die der bruegel-Thinktank hier geleistet hat. Nur leider hat er eine weitere Option ausgelassen:

    Schuldenrückzahlungen funktionieren auch OHNE Schuldenschnitt und OHNE Gläubigerverluste – und auch wenn der Schuldner KEIN Eigenkapital hat.

    Die Staatsschulden müssten nur auf die Bürger umgeschuldet werden. Die Bürger brauchen dafür nur 10% ihrer Pro-Kopf-Staatsverschuldung als „Umschuldungskapital“ – dies kann ihnen von Banken oder Fonds zu 1-2% Zinsen zur Verfügung gestellt werden. Nach der Umschuldung wären auch hoch verschuldete Staaten – ohne Gläubigerverluste/Schuldenschnitte – de-facto schuldenfrei, weil die Gläubiger ihre Zinseinnahmen mit ihrem Steuerausgaben vor-finanzieren müssten (ein Kreislauf der ohne Wachstum funktioniert).

    Dafür müssten die Bürger von ideelen Schuldnern zu echten Gläubigern ihrer Pro-Kopf-Staatsverschuldung werden. Eine Möglichkeit bestünde darin, dass sie zu gleichen Teilen die Stammaktien einer Staatsbürgerbank kaufen (oder ein Hilfsfonds tut das), welche die Staatsschulden übernimmt.

    Die Höhe des Stammkapitals pro Bürger müsste mindestens 10% der Pro-Kopf-Staatsverschuldung (ca. 3000 Euro) betragen. Die Staatsbürgerbanken hätten damit (bei einer Eigenkapitalquote von 10 %) ausreichend Eigenkapital um mithilfe von Notenbankkrediten die gesamten Schuldverschreibungen ihrer Länder (zurück-)kaufen bzw. refinanzieren zu können.

    Die Staatsbürgerbanken würden nach der Umschuldung die Zinsen der Staatsschulden kassieren und diese als Dividenden an die Bürger ausbezahlen. Die Bürger könnten mit den Dividenden der Staatsbürgerbank in den ersten Jahren den Finanzierungskredit für die Stammaktien bedienen, sodass auch mittellose Bürger von der Umschuldung profitieren könnten.

    Nach Rückzahlung der Finanzierungskredite wären die Bürger von den privaten Umschuldungs-Schulden befreit und könnten fortan die Dividenden der Staatsbürgerbanken („staatlich regulierbares Kapitaleinkommen“) für den privaten Konsum nutzen. Die Höhe des Kapitaleinkommens wäre abhängig von der Höhe der Anleihezinsen.

    Staaten mit Staatsbürgerbanken könnten somit die Zinssätze für ihre Staatsanleihen an die regionalen Wirtschaftsverhältnisse anpassen bzw. an die Primärüberschüsse ihrer Staatshaushalte koppeln. Haushaltsüberschüsse würden die Anleihezinsen automatisch steigen lassen, sodass den Bürgern in wirtschaftlich erfolgreichen Staaten ein höheres Kapitaleinkommen zugute käme.

    Länder einer Währungsunion würden eine gemeinsame Verschuldungsobergrenze (z.B. 60% v. BIP) vereinbaren. Staatspleiten auf Kosten anderer Länder der Währungsunion (oder von Banken) wären de-facto nicht mehr möglich, weil Staaten nur mehr bei den eigenen Bürgern/Steuerzahlern (zu gleichen Teilen) verschuldet wären.

    Schade, dass diese Variante von nur ganz wenigen wirklich vollumfänglich verstanden wurde – hier sollte man die Exerten von bruegel einmal ranlassen.
    Quelle: niveus.at

  7.   AmbiValent

    Es gibt verschiedene Arten, Schulden zu streichen. Und nur einer davon ist, die zu streichenden Schulden sofort zu streichen. Ein anderer ist, dies schrittweise bei Wohlverhalten zu tun. Es ist natürlich wichtig, die Schuldentragfähigkeit zu messen, damit das Land nicht ausgequetscht wird. Aber auf der anderen Seite muss vermieden werden, dass der Haushalt wieder aus dem Gleichgewicht kommt, weil eine Partei unbedingt Wohltaten verteilen oder Steuern senken will, um sich beliebt zu machen.

    Falls jemand jetzt mit dem Londoner Schuldenabkommen ankommt: Ja, das gab es. Aber damals standen seit dem Krieg Besatzungstruppen im Land, die Deutschlands Wohlverhalten garantierten. Und dank Deutschlands Wohlverhalten bekam die Bundesregierung im Laufe der nächsten Jahrzehnte allmählich ihre Befugnisse zurück. Ich glaube nicht, dass Griechenland diese Analogie weiter anstrengen sollte.

  8.   Dietmar Tischer

    @ Udo Philipp # 4

    >Sobald deutsche Politiker aufhören vom Grexit
    zu faseln und sobald man mit Austerität aufhört, ist das Land auch wieder
    solvent.>

    Wenn das so ist, dann sind die Aussichten ja bestens …nämlich:

    >…Hauptsache, es kommt wieder Ruhe und Vertrauen auf, damit die Menschen wieder leben, konsumieren und investieren können.<

    WIEDER so – wie bisher.


  9. Mal ein bisschen cross-media:

    MS fragt auf twitter: „can you reduce a debt burden without touching the NPV of the debt or transforming it into equity?“
    twitter.com/schieritz/status/619466491394686976

    NPV ist immer nominell, d.h. nicht inflationsbereinigt. Entscheidend ist die reale Schuldenlast.

    Wenn jetzt Inflation und Wachstum niedrig sind und der IRR (internal rate of return in der NPV formel, interner Zinsfuß) zwar nominell niedrig, aber immer noch höher als Inflation plus Wachstum, dann steigt die reale Schuldenlast.

    Wenn man die Schuldenlast so umstrukturiert, dass aktuell weniger, aber später mehr gezahlt wird, dann muß zwar der kalkulatorische der IRR steigen, wenn aber auch Inflation und Wachstum steigen, so daß beides zusammen höher ist als der IRR, dann kann man aus seinen Schulden rauswachsen und die reale Schuldenlast sinkt.

    Kurz: Man die reale Schuldenlast senken und die nominelle Schuldenlast gleich halten, wenn (konditionales wenn) man die Schulden erst dann abträgt, wenn (temporales wenn) das makroökonomische Umfeld günstiger ist.

    Wenn (konditionales wenn) es denn mal günstiger wird.


  10. @ # 4

    Meine Empfehlung

    Sie haben lediglich den ebenfalls wünschenswerten Effekt gesteigerter Nachfrage in der EU (nämlich in GR) nicht zusätzlich erwähnt.