‹ Alle Einträge

Ein ökonomischer Sturm im Wasserglas?

 

In den vergangenen Wochen war in der Flüchtlingsfrage eine Art Kulturkampf zu beobachten – auf der einen Seiten diejenigen, die in den steigenden Zahlen der Neuankömmlinge eine Jahrhundertchance sehen und auf der anderen Seite diejenigen, die den Untergang des deutschen Wirtschaftsmodells fürchten.

Das Gutachten des Sachverständigenrats ist insofern interessant, denn wenn die Wirtschaftsweisen richtig liegen, dann ist keines der beiden Szenarien korrekt. Dann ist die Flüchtlingskrise – rein ökonomisch betrachtet und zugespitzt formuliert – ein eher unbedeutendes Ereignis.

Hier die zentrale Grafik:

Die Flüchtlingskrise: Ein ökonomischer Sturm im Wasserglas?

Demnach verursachen die Flüchtlinge Zusatzausgaben für die öffentlichen Haushalte in Höhe von 9,0 bis 14,3 Milliarden Euro im kommenden Jahr. In den Jahren darauf dürften die Ausgaben dann allmählich sinken. Keine Frage: Das ist viel Geld – aber nichts, was einen fundamentalen Kurswechsel in der Finanzpolitik erzwingt, schon gar nicht beim jetzigen günstigen Zinsniveau.

Auch auf dem Arbeitsmarkt sind die Veränderungen demnach weniger dramatisch als bislang vermutet.

Bildschirmfoto 2015-11-12 um 21.48.16

Wie der Rat schreibt, erhöht sich bis zum Jahr 2020 die Zahl der Erwerbstätigen um etwa 250.000 bis 500.000 Personen. Dem stehen im gleichen Zeitraum kumuliert etwa 280.000 bis 350.000 arbeitslose, anerkannte Flüchtlinge gegenüber.

Hier gilt ebenfalls: Das sind eine Menge Menschen. Aber wir reden über etwa ein Prozent der Beschäftigen. Das wirft das Land nicht um – rettet aber anderseits weder unsere Rente noch beseitigt es einen möglicherweise vorhandenen Fachkräftemangel.

Wie realistisch ist die Prognose? Das hängt vor allem an der Frage, ob die Annahmen zutreffend sind. Der Rat geht in seinem Basisszenario davon aus, dass in diesem Jahr eine Million Menschen kommen und die Zahl bis 2020 auf 200.000 zurückgeht (für 2016 wird mit 750.000 Zuwanderern gerechnet). Davon werden erst knapp 50, dann 60 Prozent anerkannt. Im Schnitt dauert es demnach acht Monate, bis über die Asylanträge entschieden ist. Die Partizipationsquote am Arbeitsmarkt liegt bei Antragstellung bei 40 Prozent und steigt dann auf 70 Prozent nach fünf Jahren (mehr zu den Annahmen ebenfalls hier).

Wie realistisch dies ist, ist nach heutigem Stand schwer zu sagen. Mit Sicherheit setzt ein solches Szenario voraus, dass die Bemühungen der Politik um eine Begrenzung erfolgreich sind – dass also eher das Lager um Wolfgang Schäuble die Oberhand behält.

Wenn das nicht der Fall sein sollte, müssen die Annahmen entsprechend korrigiert werden. In jedem Fall ist es das Verdienst des Rates, einen Rahmen für die Analyse der ökonomischen Folgen der Flüchtlingskrise bereit gestellt zu haben.

39 Kommentare

  1.   Lignite

    „Unbedeutend.“

    Ja, warum macht man dann diesen ganzen Zirkus, wenn es nichts anderes ist als ein Sturm im Wasserglass ist? An dem die EU offenbar wie ein Wasserglas zerbricht. Andere sprechen von dem grössten Ereignis seit der Wiedervereinigung Deutschlands.

    […]

    [Gekürzt. Bleiben Sie bitte sachlich. Danke. (UR)]

  2.   Mekud

    Diese Prognose der Flüchtlingszahlen halte ich für nicht sonderlich realistisch.
    1) Soweit mir bekannt, prognostiziert die EU für das kommende Jahr 3 Millionen Flüchtlinge. Kommen davon ca. 2/3 nach Deutschland, so wären wir im nächsten Jahr bei 2 Millionen und nicht bei 800.000. Diese wären also nur realistisch, wenn entsprechende restriktive Maßnahmen eingeleitet würden.
    2) Auch wenn 50% anerkannt werden, halte ich es für unrealistisch, dass die restlichen 50% nicht- Anerkannten dann wieder zurückkehren bzw. alle abgeschoben werden. Die Quote derjenigen, die hier bleiben wird höher sein. Diese Kalkulation machen auch übrigens viele Flüchtlinge.

  3.   Guofu

    Ökonomisch unbedeutend?

    1. Laut Info-Chef Sinn kosten die Flüchtlinge wohl 20 Milliarden Euro, nicht wie im Artikel 9,0 bis 14,3 Milliarden Euro!
    faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/fluechtlingskrise-ifo-institut-prognostiziert-dass-vor-allem-hilfskraefte-kommen-13908512.html
    2. 21,2 Milliarden Euro sind mehr als die Bundesrepublik Deutschland für die Bildung ausgibt (Etat des Bundesministeriums für Bildung 16,4 Milliarden Euro)!

    3. 21,2 Milliarden Euro sind mehr als die allermeisten Bundesländer an Steuereinnahmen haben!

    4. Wo werden die Kosten für die SOZIALE FRAGE berücksichtigt?

    Wenn öffentliche Ressourcen (Bildung, Gesundheitswesen, Sozialwesen) ausgetrocknet werden?

    Wenn die Löhne der deutschen Geringqualifizierte voraussichtlich sinken werden?

    Wenn sich die deutschen Sozialschwachen nun mit Millionen neuen Geringqualifizierten um Arbeitsplätze und Wohnungen konkurrieren werden??

    Laut Ifo-Chef Sinn verfügt Knapp die Hälfte der Asylanten nicht einmal über das Pisa-1-Niveau, das heißt, sie können Geschriebenes in ihrer eigenen Sprache kaum verstehen, und sie haben höchstens Mathematik-Basiskenntnisse.

    Wenn die unbremste Zuwanderung nicht endlich unterbunden wird, ist das das ENDE des Sozialstaates und des Bildungsstandortes Deutschland!

  4.   einfachmalso

    Zitat: „Wie der Rat schreibt, erhöht sich bis zum Jahr 2020 die Zahl der Erwerbstätigen um etwa 250.000 bis 500.000 Personen. Dem stehen im gleichen Zeitraum kumuliert etwa 280.000 bis 350.000 arbeitslose, anerkannte Flüchtlinge gegenüber.“

    Im Gegensatz dazu:

    Maschinen können 18 Mio Arbeitsnehmer verdrängen

    tinyurl.com/mhdxbrk

    Also irgendeine Aussage stimmt da nicht. Ich vermute mal, es wird die erste Aussage sein.

  5.   fingerphilosoph

    „Der Rat geht davon aus, dass in diesem Jahr eine Million Menschen kommen und diese Zahl bis 2020 auf 200.000 zurückgeht.“

    Worauf begründet der Rat diese Zahlen? Meiner Ansicht nach sind sie aus der Luft gegriffen. Ebenso könnte der Rat ein Basisszenario annehmen, wonach die Zahl der Flüchtlinge bis 2020 jedes Jahr eine Million beträgt oder jedes Jahr um eine Million zunimmt. Man kann auch annehmen, dass 2015 ein Ausnahmejahr war und im nächsten Jahr kaum noch Flüchtlinge kommen.

    Rein willkürliche Annahmen. Pure Beliebigkeit. Insofern ohne tatsächlichen Aussagewert, egal als wie sachverständig sich dieser Rat inszeniert.

  6.   wasistlos

    Das ist wohl wahr, einen Mehrwert hat diese Welle von Menschen in Not nicht, höchstens für diese selber, was ja auch nicht schwer zu erreichen ist. Doch ist es nicht neu u. bedarf keiner vermeintlichen Gutachten.

    Was die sogenannten Weisen immer wieder tönen, ist eben Kaffeesatzleserei u. ein solcher löst auch keinen Sturm in Wassergläsern u. sonstigen Gefäßen aus, sondern dient allenfalls der Steuerung der Debatten. Was diese Herrschaften mal wieder ausgebrütet haben, haben die Forumsgemeinschaft u. viele andere mitdenkende Menschen, schon vor Monaten formuliert. Menschen, die aus anderen kulturellen Zusammenhängen u. ganz anderen Bildungsstrukturen kommen, können eine Leistungsgesellschaft wie die in Deutschland oder anderen sogenannten entwickelten Staaten nicht ankurbeln. Gut, wenn wir die Versklavung, die wohl niemand ernsthaft wollen kann, wieder einführen, würden Reiche wohl noch reicher u. deren Brangen würden sicher nochmals zulegen. Sozusagen, ein Turbo für den Raubtierkapitalismus, der jedoch mit allen Mitteln zu verlangsamen ist u. nicht zusätzlich Befeuerung benötigt.

    Was dieser Rat also für einen Mehrwert haben könnte u. wieso irgendwer auf diese Aussagen hören sollte, entzieht sich schon seit Jahren meinem Verständnis. Dessen Prognosen liegen so oft daneben oder sind so unsinnig u. nutzlos, dass man tatsächlich auch das gute alte Orakel befragen könnte. Der einzige Nutzen, den diese Welt benötigt, ist der, der aus einem globalen Frieden u. einer gerechten Umverteilung der vorhandenen Ressourcen entstehen würde, welche jedoch von den Besitzstandswahrern wehement boykottiert wird. Krieg u. Not auf der einen Seite, bringen eben auf der anderen Seite die höchsten Renditen. Solange man Menschen über ihre unbefriedigten Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Nahrung, Wasser u. Heimat manipulieren kann, wird der Wahnsinn weiter gehen, mit oder ohne „Rat der Weisen“.

  7.   Marco Gabel

    Eines zeigt die Analyse: Panikmache ist vollkommen daneben !
    Wir schaffen das 🙂 !

  8.   alive n kickkin

    Wieviel setzen die Weisen an Kosten an für nächstes Jahr?

    9 bis 14 Milliarden?

    bei noch einmal mindestens 1 Million Zuwanderern?

    Da sind doch die Erstkosten für die Unterbringung und Verpflegung mit mindestens 10 Milliarden azusetzen – ohne weitere Integrationskosten, Wohnraum- Erstellung ….

    und ohne Einkalkulierung des Nachzugs von Familienangehörigen – so Rot/Links sich, wie zu erwarten, doch noch durchsetzen.

    Sorry – sieht mir alles zu sehr nach Bertelsmann- Niveau aus.

    Die FAZ schrieb zu den Wirtschaftsweisen vor genau einem Jahr (11.11.2014)

    „Insgesamt finden die Botschaften der fünf Wirtschaftsweisen wieder mehr Gehör – zumindest in den Medien. Eine Auswertung des Instituts Media Tenor zeigt, dass die Mitglieder des Sachverständigenrats wieder häufiger zitiert werden als in den vergangenen Jahren, wenn auch auf niedrigem Niveau.“ –

    Scheine nicht alleine zu sein mit meiner Einschätzung …..

  9.   verum_dicere

    „denn wenn die Wirtschaftsweisen richtig liegen“
    Gibt es eigentlich eine Statistik darüber, wie oft die Wirtschaftsweisen mit ihren Vorhersagen daneben lagen?
    Die Annahme, dass laut o.a. Statistik im nächsten Jahr deutlich weniger Flüchtlinge einwandern sollen als in diesem Jahr, wird nicht begründet. Ebenso nicht die Abnahme in den folgenden Jahren. Wenn selbst die Regierung keinen Überblick über die Flüchtlingsstrome im nächsten Jahr hat, wie kommen die „Weisen“ zu der Annahme, hier den „Stein der Weisen“ gefunden zu haben? Warum sollen die Flüchtlinge plötzlich nicht mehr den Lockrufen Merkels und der „Refugees Welcomer“ folgen? Oder wird etwa angenommen, dass die Zäune Ungarns und Slowenies Wirkung zeigen sollen?

  10.   MrChronos

    Hach, was bin ich jetzt beruhigt, dass der Rat der Wirtschaftsweisen, WELCHER VON DER REGIERUNG ERNANNT WIRD, uns sagt, dass alles ja völlig harmlos ist…

    Wie kommt der Rat zu der Annahme, dass nächstes Jahr weniger Flüchtlinge kommen werden?
    Wieso wird der Familiennachzug nicht berücksichtigt?

    Und letzten Endes sind das nur die finanziellen Gesichtspunkte.
    Die sozialen und gesellschaftlichen Folgen sind noch völlig unklar und sind aber weitaus langfristiger spürbar.