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Gott lebt nicht mehr in Frankreich

 

„Leben wie Gott in Frankreich“ war einmal. Der Lebensstandard ist zwar immer noch einer der höchsten der Welt, im Vergleich zu Großbritannien, Italien und Spanien, vor allem auch im Vergleich zu Deutschland hat er aber in den vergangenen Jahren nur sehr langsam zugenommen. Die Bevölkerung hat den Eindruck, dass ihr Land wirtschaftlich auf der Stelle tritt und ständig an Einfluss verliert. Vor allem deswegen hat der populistische, fremden- und europafeindliche Front National am Wochenende in der ersten Runde der Regionalwahlen so außerordentlich stark zugelegt. Es kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Marine Le Pen die nächsten Präsidentschaftswahlen gewinnt.

Grafik: Arbeitslosigkeit und rechtsextreme Parteien

Einmal mehr zeigt sich, dass hohe Arbeitslosenzahlen ein Nährboden für rechtsextreme Parteien sind. In der Weimarer Republik war der Höhenflug der NSDAP eng korreliert mit dem explosionsartigen Anstieg der Arbeitslosigkeit – im Jahr 1932 war sie zeitweise auf mehr als 6 Millionen gestiegen; hinzu kamen etwa 2 Millionen nicht-registrierte Arbeitslose sowie zahlreiche Kurzarbeiter. Landauf landab wurden die Löhne gesenkt, während gleichzeitig die Verbrauchssteuern erhöht wurden. Von Juni 1929 bis Januar 1933 war die Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer von 18,6 auf 11,5 Millionen zurückgegangen, also fast um 40 Prozent. Kurz darauf, am 24. März, stimmten mehr als zwei Drittel der Abgeordneten im Reichstag für Adolf Hitlers Ermächtigungsgesetz – damit war der Weg frei für den Diktator. Es war der Auftakt für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte.

Etwas Ähnliches ist in Frankreich nicht zu befürchten: Dafür ist die Demokratie zu gefestigt. Zudem ist eine allgemeine Verelendung wie zur Zeit von Weimar wegen der soliden sozialen Sicherungssysteme nicht zu befürchten. Die Wähler strafen die etablierten Parteien dennoch ab. Eins scheint die französische Wirtschaft nämlich nicht mehr zu schaffen – ausreichend neue Jobs. Seit dem letzten zyklischen Höhepunkt zu Beginn des Jahres 2008 bis heute stagniert die Anzahl der Beschäftigten mehr oder weniger, während gleichzeitig in Deutschland 6,0 Prozent mehr Arbeitsplätze entstanden. Die Jugendarbeitslosigkeit bewegt sich in der Größenordnung von 25 Prozent. Aus dem einstigen Wirtschaftswunderland ist inzwischen der kranke Mann Europas geworden.

Für den Front National und seine Wähler gibt es zwei Hauptschuldige für das Elend: die schlecht integrierten Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika sowie Deutschlands Europapolitik. Das Insistieren auf den haushaltspolitischen Vorgaben des Maastrichtvertrags hat der Finanzpolitik auf pro-zyklische Weise Fesseln angelegt, so dass es weder möglich ist, die Konjunktur durch niedrigere Steuern und zusätzliche Ausgaben zu stimulieren, noch überfällige Strukturmaßnahmen zu ergreifen. In diesem Jahr wird das gesamtstaatliche Haushaltsdefizit immer noch bei 4,1 Prozent des BIP liegen. Der Präsident vertritt zudem neuerdings die Meinung, dass ein Sieg über die Islamisten wichtiger sei als so etwas vergleichsweise Irrelevantes wie ein ausgeglichener Haushalt.

Die Lage ist ernst. Wenn es mit der Renationalisierung der Wirtschaftspolitik so weitergeht, steht das europäische Projekt auf der Kippe. Die deutsche Politik hat mit ihrer Fixierung auf die schwarze Null mit dazu beigetragen, dass die europäische Wirtschaft so schlecht läuft. Der Berliner Koalition fehlt jedes Verständnis dafür, was die Sparpolitik im Rest des Währungsraums anrichtet, beziehungsweise welche Chancen dadurch vergeben werden. Der Haushaltsüberschuss von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung betrug in den ersten drei Quartalen des Jahres 1,65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch der Finanzminister denkt vor allem in nationalstaatlichen Kategorien. Sparen hilft nicht immer – zurzeit ist es kontraproduktiv, jedenfalls was das europäische Projekt angeht.

63 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth

    >Eins scheint die französische Wirtschaft nämlich nicht mehr zu schaffen – ausreichend neue Jobs.>

    Das ist richtig und nicht erst seit gestern so.

    Die Ursache liegt ganz wesentlich in den BEDINGUNGEN, denen die französische Wirtschaft unterliegt. Die sind mehrheitlich von den Franzosen GEWOLLT (wenn auch unabsichtlich) indem sie Parteien gewählt haben und damit Regierungen an die Macht kommen ließen, die diese Bedingungen hingenommen und befördert haben. Es gibt keinen Grund, warum die „Wirtschaft“ – sozusagen aus sich heraus – keine Arbeitsplätze schaffen will.

    Insofern ist übrigens auch das Gerede in der FAZ z. B., dass die Eliten versagt haben, Unsinn. Denn es sind immer Eliten, die irgendetwas umsetzen. Insofern haben sie auch immer versagt, wenn die Dinge schieflaufen. Daher macht es keinen Sinn, sozusagen automatisch den Eliten das Versagen zuzuweisen. In Demokratien sind sie in aller Regel nur das ausführende Organ einer auf mehrheitlicher Willensbildung zustande gekommener Interessenkonstellationen. Ausnahme von der Regel: die Regierung Schröder, deren Abwahl als warnendes Beispiel für andere Regierungen meine These unterstützt.

    >Das Insistieren auf den haushaltspolitischen Vorgaben des Maastrichtvertrags hat der Finanzpolitik auf pro-zyklische Weise Fesseln angelegt, so dass es weder möglich ist, die Konjunktur durch niedrigere Steuern und zusätzliche Ausgaben zu stimulieren, noch überfällige Strukturmaßnahmen zu ergreifen.>

    Es ist richtig, dass die haushaltspolitischen Vorgaben des Maastrichtvertrags der Finanzpolitik Fesseln anlegen. Ziel und Zweck dieser Vorgaben ist es aber nicht, die Konjunktur zu stimulieren, sondern – ganz richtig – überfällig Strukturmaßnahmen zu ergreifen, um wenigstens hinsichtlich der Währungsunion Kohärenz herzustellen. Strukturmaßnahmen können aber nur ergriffen werden, wenn es keine zusätzlichen Ausgaben gibt. Denn ZUSÄTZLICHE Ausgaben konterkarieren derartige Bemühungen. Das ist nun mal so, weil Strukturmaßnahmen der Lage nach mit Verzichtleistungen verbunden sind. Die Franzosen wollen sie nicht leisten und die französischen Regierungen haben nie nachhaltig versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie zu leisten seien, wenn das Land nicht weiter auf der Wohlstandsskala abrutschen und damit in eine immer schwierigere Lage kommen will, u. a. die soziale Stabilität und den Terrorismus betreffend.

    >Der Berliner Koalition fehlt jedes Verständnis dafür, was die Sparpolitik im Rest des Währungsraums anrichtet, beziehungsweise welche Chancen dadurch vergeben werden.>

    Welche Sparpolitik?

    Soweit ich sehe, kann von einer Sparpolitik keine Rede sein.

    Sie meinen vermutlich, dass die Fiskalpolitik nicht mehr auf Basis ungebremster Verschuldung agieren kann. Das ist richtig, aber noch lange nicht Sparpolitik.

    Die Zinsen sind so niedrig, dass sich die Staaten verglichen mit der Vergangenheit ohne HÖHERE Kosten verschulden können, auch mehr verschulden können, aber damit auch die Möglichkeit haben, relativ verträglich Strukturanpassungen vorzunehmen.

    Dass sie es unter dieser Bedingung nicht oder nicht hinreichend tun, ist das Drama.

    Sie wollen dies – erlauben Sie bitte diese Feststellung – notorisch nicht sehen, weil Ihr Denken in Konjunkturpolitik statt Strukturpolitik, die natürlich erst einmal konjunkturpolitische Konsequenzen hat, gefangen ist.

    Überdenken Sie dies einmal, wenn Sie von CHANCEN reden und damit NACHHALTIG sichernde Chancenwahrnehmung meinen wollen.

  2.   BMMMayr

    Frankreich ist ein komplexes Thema.

    Zum einen gibt es komplett hausgemachte Probleme, wie die mangelnde Integration in den Banlieues, mit offensichtlichen Folgen auf Gesellschaft und für den Arbeitsmarkt. Diese Fehler zu vermeiden hat Deutschland gerade noch die Chance.

    Zum anderen musste Frankreich natürlich in der Eurozwangsjacke zurechtkommen, hat sich bei der Inflation und Lohnstückkostenentwicklung als Musterknabe verhalten, wie Flassbeck immer betont: flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2015/06/Picture14.png

    Frankreich hat auch konstant leichte Leistungsbilanzdefizite

    welt.de/wirtschaft/article135152470/DWO-WI-Leistungsbilanz-js-Leistung-Aufm-jpg.html

    Ob jetzt mit einer ausgeglichene Leistungsbilanz alles super gewesen wäre kann man getrost bezweifeln.

    Übrig bleibt nicht nur für Frankreich die große Frage: Wie bekomme ich Lohn und Brot für die allermeisten meiner Bürger hin, ohne (wie D) die Arbeitslosigkeit zu exportieren, was ja nicht jeder kann.

    Ich kenne keinen der eine gute Antwort darauf hätte und auch den praktischen Erfolg belegen kann.

  3.   Dietmar Tischer

    @ BMMMayr

    Ist es.

    Daher gibt es auch keine einfache Lösung.

    Es allerdings klar, dass es ein Weiter so nicht geben darf angesichts der Lage, die mit beklemmenden 25% Jugendarbeitslosigkeit geradezu dramatisch ist. Wenn man sich das Diagramm 2 ansieht, ist über die letzten 30 Jahre betrachtet die Arbeitslosigkeit dem Gesamttrend nach gestiegen und unterm Strich auch in den letzten 10 Jahren – und das TROTZ höherer Staatverschuldung. Allein in den letzten 10 Jahren haben sich die Staatsschulden Frankreichs nahezu verdoppelt. Hier:

    de.statista.com/statistik/daten/studie/167261/umfrage/staatsverschuldung-von-frankreich/

    Soweit die Fakten.

    Und was erzählt uns D. Wermuth?

    Es wird zu viel gespart.

    Sein Denkfehler – und nicht nur seiner hier am Blog:

    Ja, ohne Nachfrage, zu der auch Staatsnachfrage mit hinreichend ausgabenorientierter Fiskalpolitik gehört, ist alles nichts. Von dieser RICHTIGEN Prämisse wird die FALSCHE Schlussfolgerung gezogen – hier im Beitrag ganz eindeutig: Steigende Staatsausgaben, der Lage nach nur mit steigender Staatsverschuldung möglich, ist ALLES.

    Das glauben nicht einmal mehr die notorisch staatsgläubigen französischen Sozialisten, jedenfalls soweit sie in Regierungsverantwortung sind.

    Wo ich D. Wermuth allerdings zustimme:

    >Sparen hilft nicht immer – zurzeit ist es kontraproduktiv, jedenfalls was das europäische Projekt angeht.>

    Wer diese Aussage für richtig hält, sollte allerdings auch folgende Aussage für richtig halten:

    Es wurde in der Vergangenheit zu wenig gespart (und daher zu wenig reformiert), was nicht nur und nicht allein, aber eben auch mit zu der Situation geführt hat, in der das europäische Projekt jetzt ist.

  4.   Dieter Wermuth

    @ Dietmar Tischer (#3)

    Ich bin ja nicht so sehr dafür, dass sich die Staatsverschuldung in Frankreich erhöht, vielmehr, dass Länder wie Deutschland, die über Handlungsspielräume verfügen, ihre Investitionen (einschließlich in Humankapital) deutlich steigern, oder ihre Steuern wachstumsfördernd senken, und damit ihren Kapitalstock wieder rascher expandieren lassen. Dadurch erhöht sich die deutsche Nachfrage nach Importen und fördert damit das Wirtschaftswachstum bei unseren Schuldnern, senkt also tendenziell deren Arbeitslosigkeit. Ohne akzeptables Wachstum wird es nichts mit der immer engeren Union der Europäer (der EU19) – wenn Nationalstaaten wie die Schweiz, Großbritannien oder Schweden in dieser Hinsicht viel erfolgreicher sind (und das Friedensprojekt kein relevantes Ziel mehr ist), wird es zu einer Renationalisierung der Wirtschaftspolitik kommen. DW

  5.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth # 4

    Mal abgesehen von der Frage, wie groß die Spielräume sind, die Länder wie Deutschland haben: Ja, wir sollten sie nützen und wenn wir sie für Investitionen nützen, dann allemal.

    Selbstverständlich wäre eine solche Wirtschaftspolitik in Ländern wie Frankreich willkommen.

    Aber es RETTET sie nicht – an den so generierten Exxporten werden sie nicht gesunden.

    Sie haben ja Recht, wenn Sie sagen:

    >Für den Front National und seine Wähler gibt es zwei Hauptschuldige für das Elend: die schlecht integrierten Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika sowie Deutschlands Europapolitik. Das Insistieren auf den haushaltspolitischen Vorgaben des Maastrichtvertrags hat der Finanzpolitik auf pro-zyklische Weise Fesseln angelegt …>

    Die haushaltspolitischen Vorgaben des Maastrichtvertrags sollen Konvergenzbedingungen für bzw. in der Währungsunion herstellen. Das sollte in dieser Diskussion keine Rolle spielen und darüber werden wir vermutlich auch nicht streiten wollen.

    Was der FN, seine Wähler und auch Sie, so wie Sie die Sache darstellen, verkennen (keine weitere als diese Gemeinsamkeit unterstellt):

    Die haushaltspolitischen Vorgaben des Maastrichtvertrags hatten nicht das Ziel, der Finanzpolitik auf pro-zyklische (!) Weise Fesseln anzulegen. Wenn sie ein Ziel jenseits der Konvergenzbedingungen hatten und noch haben, dann ÜBER und DURCH die Finanzpolitik Strukturreformen zu erzwingen. Wie anders als mit einer restriktiveren Finanzpolitik in Ländern wie Frankreich will man das denn schaffen (wobei natürlich auch klar ist, dass man es damit allein auch nicht schafft)? Man schafft es jedenfalls nicht durch eine expansivere Fiskalpolitik in Deutschland und anderswo, die ZUSÄTZLICH zur Binnennachfrage in Ländern wie Frankreich deren Exporten hilft.

    Das Hauptproblem Frankreichs liegt IN Frankreich.

    Ich bin sehr besorgt. Wenn es nicht spätestens mit der Wahl 2017 eine große Koalition in Frankreich gibt, die auf der Basis einer dann hoffentlich noch großen Mehrheit unpopuläre Strukturmaßnahmen konsequent durchzieht, kann man nicht nur den Euroraum, sondern auch Europa als gewichtige und daher auch ernst zu nehmende Wirtschaftszone vergessen.

  6.   Dieter Wermuth

    @ BMMMayr (#2)

    Ich glaube, es gibt keine kurzfristige Lösung: nominale Abwertung und geringer Lohnanstieg (=reale Abwertung) haben nicht ausgereicht. Finanzpolitisch sitzt Frankreich in der Maastrichtfalle. Vermutlich muss sich mehr beim Angebot für Arbeit tun – das Land braucht Anreize, dass die Leute etwas lernen, bei dem es bei den angestrebten Löhnen auch eine Nachfrage gibt. Das Schulsystem und das berufliche Ausbildungssystem liegen nach meiner Erfahrung im Argen, vielleicht übertreibt es das Land auch mit der Meritokratie und dem Glauben, dass für jeden Beruf ein Baccalaureat gebraucht wird. Außerdem würde eine stärkere Dezentralisierung in Politik und Wirtschaft helfen, also eine größere Vielfalt der Lebensentwürfe. Die Ghettos gehören abgeschafft. Erstaunlich außerdem, wie niedrig trotz aktiver Bevölkerungspolitik die Erwerbsquote ist. Wie gesagt, kurzfristig bringt es nicht viel. DW

  7.   Babendiek

    @ Wermuth # 4

    Sie schreiben:

    “ … und damit ihren Kapitalstock wieder rascher expandieren lassen. Dadurch erhöht sich die deutsche Nachfrage nach Importen… “

    Dies ist mit Blick auf Frankreich und die südeuropäischen Krisenstaaten eine recht kühne Behauptung. In Griechenland, Portugal und Spanien gibt es keinerlei Investitionsgüterindustrie, die Ausrüstungen für deutsche Unternehmen liefern könnte. Italien hat zwar sehr leistungsfähige Maschinenbauer, doch die arbeiten größtenteils für Konsumgüterbranchen, die es in Deutschland kaum noch gibt, etwa Bekleidungs-, Schuh- und Möbelindustrie.

    Frankreich ist beim Maschinen- und Anlagenbau ebenfalls sehr, sehr schwach. Fabrikautomation und Industrie 4.0 finden dort praktisch nicht statt. Die Stärke Frankreichs sind Infrastrukturtechnologien. Doch hier sind die Absatzchancen in Deutschland äußerst gering. Die Deutsche Bahn fährt den ICE von Siemens und nicht den TGV von Alsthom. Die Lufthansa hat derzeit kaum Geld, um neue Airbusse anzuschaffen. Und französische Kernkraftwerke lassen sich hierzulande ganz gewiss nicht verkaufen.

    Gebraucht würde allenfalls Telekom-Technik von Alcatel (für den Ausbau des deutschen Breitbandnetzes). Doch das Unternehmen wird Anfang 2016 von Nokia übernommen. Und dann wird man sehen, was von Alcatel übrig bleibt.

    Ganz allgemein überschätzen Sie den Effekt deutscher Importe auf die Wirtschaft in den Nachbarländern. 2015 hat Deutschland Waren im Wert von rund 70 Milliarden Euro aus Frankreich eingeführt. Würden diese Importe beispielsweise um zehn Prozent erhöht, wären das gerade einmal sieben Milliarden Euro – oder einige wenige Promille des französischen Sozialprodukts. Diese Größe geht unter im statistischen Rauschen.

  8.   Babendiek

    @ Wermuth

    „Die deutsche Politik hat mit ihrer Fixierung auf die schwarze Null mit dazu beigetragen, dass die europäische Wirtschaft so schlecht läuft. (…) Der Haushaltsüberschuss von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung betrug in den ersten drei Quartalen des Jahres 1,65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.“

    Diese Überschüsse werden aber doch in den kommenden Jahren von den Kosten für die Flüchtlingshilfe aufgefressen! Das hat jedenfalls der Stabilitätsrat errechnet.

    In seinem Herbstgutachten prognostiziert dieses Gremium für 2016, dass der Finanzierungssaldo für Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung mit 16 Milliarden Euro ins Minus rauscht. Für 2017 sieht er ein Defizit von elf Milliarden voraus und für 2018 von immer noch vier Milliarden Euro.

    Angesichts dieser Zahlen dürften die Spielräume in den deutschen Haushalten sehr, sehr überschaubar sein.

    Ohnehin plant der Bund, die Investitionen bis 2019 kräftig aufzustocken; der Bundeshaushalt soll um etwa elf Prozent steigen. Diese Gelder werden aber vor allem für Bauleistungen ausgegeben. Und hier spielen Importe praktisch keine Rolle.

    Im übrigen möchte ich anmerken: Wir nehmen ja einen sehr großen Teil der Flüchtlinge auf, die aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa strömen. Hingegen tun Frankreich und viele andere EU-Staaten so gut wie gar nichts. Da besteht wohl kaum eine moralische, politische oder rechtliche Verpflichtung, dass wir weitere Hilfen leisten.

  9.   Babendiek

    @ Wermuth

    Frankreichs ökonomische Probleme, insbesondere die steigende Arbeitslosigkeit, haben im wesentlichen tiefsitzende strukturelle Ursachen, die sich mit konjunkturpolitischen Maßnahmen nicht beheben lassen.

    Neben den starren Arbeitsmärkten und der überbordenden staatlichen Bürokratie sind hierfür einige Entwicklungen verantwortlich, die bereits vor Jahrzehnten eingesetzt haben, deren Konsequenzen aber erst in den vergangenen Jahren so richtig deutlich geworden sind:

    1. Frankreich verweigert sich der Globalisierung.

    Der französische Außenhandel konzentriert sich im wesentlichen auf die europäischen Nachbarländer. Dort aber ist das Wachstum relativ schwach. Ostasien und Nordamerika, zwei der größten und dynamischsten Wirtschaftsräume der Erde, spielen für die französische Exportwirtschaft nur eine nachrangige Rolle. Hingegen gehören die USA (seit 2015 die Nummer 1) und China (Nummer 4) zu den wichtigsten Destinationen der deutschen Exporteure.

    Noch dramatischer ist der Unterschied bei den Direktinvestitionen. Die deutsche Industrie hat in den vergangenen Jahren dreistellige Milliarden-Beträge in den USA, Ostasien und Osteuropa investiert. Hingegen konzentrieren sich die spärlichen französischen Auslandsinvestitionen auf wenige Regionen wie Lateinamerika, den Nahen Osten und vielleicht noch Afrika.

    2. Frankreich investiert zu wenig in Forschung und Entwicklung

    Die Industrienationen haben sich vor einigen Jahren das Ziel gesetzt, insgesamt drei Prozent des Sozialprodukts in die Forschung zu investieren. Deutschland erreicht diese Schwelle mittlerweile knapp, Frankreich kommt nur auf gut zwei Prozent. Auf vielen Gebieten ist das Land gar nicht oder kaum präsent – von Internet und Software bis zu Gentechnologie und neuen Werkstoffen.

    3. Frankreich vernachlässigt Mittelstand und Start-ups

    Jahrzehntelang war die französische Wirtschaftspolitik vor allem bemüht, „nationale Champions“ zu züchten, also Großunternehmen, die in ihrer Branche weltweit führend sind. Das ging mal gut – zum Beispiel in der Luftfahrt mit Airbus. Oft waren die Ergebnisse aber eher bescheiden – wie bei Sanofi-Aventis in der Pharmazie, Alsthom im Elektroanlagenbau oder Alcatel in der Telekommunikation. In anderen Fällen scheiterte die französische Industriepolitik grandios – etwa bei Computertechnik, Software und dem Minitel-System (Konkurrenz zum Internet).

    Viel schlimmer aber ist, dass es heute in Frankreich keine lebendige Start-up-Szene gibt, wie diese mittlerweile auch in Deutschland zu finden ist. Allein der halbstaatliche High-Tech-Gründerfonds hat in den vergangenen Jahren hunderte von Start-ups auf den Weg gebracht.

    Überdies gibt es in Frankreich – neben den wenigen Großunternehmen auf der einen und den unendlich vielen sehr kleinen Betrieben auf der anderen Seite – praktisch keine mittelgroßen Unternehmen. In Deutschland bilden große, hochinnovative, exportstarke Mittelständler das Rückgrat der Industrie. Diese Betriebe sind dafür verantwortlich, dass die Entindustrialisierung und die Abwanderung von Arbeitsplätzen hirzulande weit weniger stark vorangeschritten ist als in Frankreich.

    Innovative Mittelständler werden hierzulande auf zweifache Weise vom Staat gefördert: Förderbanken (die es in jedem Bundesland gibt) greifen den Firmen mit günstigen Krediten und Bürgschaften unter die Arme. Der halbstaatliche Forschungsverbund der Fraunhofer-Gesellschaften unterstützt Mittelständler beim Einstieg in neue Technologien.

    Solche Institutionen gibt es in Frankreich bislang nicht. Erst vor wenigen Jahren hat die Regierung begonnen, Förderbanken für kleine und mittlere Unternehmen aufzubauen.

    Um die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen, sind gewiss viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte erforderlich. Mit Konjunkturpolitik ist da nichts auszurichten.

  10.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 7, 8, 9

    Sie systematisieren sehr schön, dass der Ansatz von D. Wermuth die Realität VÖLLIG verfehlt, weil

    a) unsere zusätzlichen fiskalisch initiierten binnenwirtschaftlichen Ausgaben ganz wesentlich der Finanzierung der Flüchtlingshilfe dienen werden. Das hat praktisch nichts mit Nachfrage aus Frankreich zu tun, hilft den Franzosen also schon von der Sache her nicht.

    b) die Größenordnung solcher Ausgaben, selbst wenn diese auf die französische Exportwirtschaft ausgerichtet würden, keine spürbaren Effekte auslösen kann („geht im statistischen Rauschen unter“)

    c) die Probleme der Franzosen tiefsitzende strukturelle Ursachen haben, die sich nicht von außen korrigieren lassen. Ihren Darlegungen unter dem Stichwort Globalisierungsverweigerung könnte man u. a. hinzufügen, dass auch die Arbeitskosten anzupassen sind und die Lebensarbeitszeit zunehmen muss. Hier liegt u. a. die Krux – exemplarisch: Wenn die Menschen nicht bereit sind NOTWENDIGES zu akzeptieren, z. B. eine Stunde die Woche länger zu arbeiten – und dies ohne Einkommenseinbußen –, dann kann man dem Land auch nicht helfen.

    Kurzum, Sie haben völlig Recht:

    Man muss von den Problemen und ihren URSACHEN ausgehen statt REZEPTE zu verschreiben, die unter anderen Bedingungen durchaus eine positive Wirkung haben, im VORLIEGENDEN Fall aber GRUNDSÄTZLICH keine haben können – „mit Konjunkturpolitik ist da nichts auszurichten“.

    Ich wundere mich immer wieder, warum Ökonomen das nicht verstehen.
    Wenn sie es nicht verstehen und benennen – wer sonst soll es dann verstehen und der Öffentlichkeit vermitteln, was eine der Lage angemessene Wirtschaftspolitik erfordern würde?