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„Helicopter Money“ wird gesellschaftsfähig

 

Geld fällt vom Himmel, von einem Helikopter abgeworfen, Mario Draghi am Steuerknüppel, immer wieder neue Flüge – bis die Leute so viel geschenkt bekommen haben, dass sie ihre Schulden fühlbar abbauen können und anfangen, endlich mal mehr Geld auszugeben. Dadurch würde die Konjunktur stimuliert und die Inflationsrate da hingebracht werden, wo sie hingehört, auf knapp zwei Prozent. Wenn es bisher an Geld gefehlt hat, na ja, dann lassen wir es doch einfach vom Himmel regnen. Wofür hat man schließlich eine Notenbank?

Das Thema hat eine lange intellektuelle Vorgeschichte – sie reicht mindestens von Keynes über den Monetaristen Milton Friedman (1948) bis zu Ben Bernanke (2002, 2003), dem vorletzten Chef der amerikanischen Fed. Jetzt hat Adair Turner in einem lesenswerten Buch seinen Hut in den Ring geworfen („Between Debt and the Devil – Money, Credit, and Fixing Global Finance„). Er plädiert dafür, die Geldpolitik durch das Instrument des Helicopter Money wieder handlungsfähiger zu machen und damit den Knoten zu durchschlagen, der durch die Überschuldung von Banken, Haushalten, Unternehmen und Staat, durch das Platzen von Blasen an den Märkten für Immobilien, Aktien, Devisen und Rohstoffen sowie das folgende sogenannte Deleveraging entstanden ist. Wenn durch den forcierten Schuldenabbau so viel gespart wird, fehlt es auf der Ausgabenseite. Turner würde das verbinden mit Maßnahmen, durch die Banken bei ihrer Geld- und Kreditschöpfung weniger Spielraum haben als bisher, weil Blasen immer dann gefährlich sind, wenn sie kreditfinanziert sind.

Adair Turner ist ein Geschäftsmann, Technokrat und Hochschullehrer, der von 2008 bis 2013, in der heißen Phase der Finanzkrise, Vorsitzender der FSA war, der britischen Finanzaufsicht. Er galt als Kandidat für die Nachfolge von Mervyn King als Chef der Bank of England und ist als geadelter Baron Turner of Ecchinswell seit 2005 (parteiloses) Mitglied des House of Lords, ist also ein Mann des Establishments schlechthin. Er weiß, wovon er spricht.

Seit dem Ausbruch der großen Finanzkrise im Herbst 2008, also seit mehr als sieben Jahren, sind die Notenbanken der reichen Länder dabei, ihre Bilanzen gewaltig aufzublähen, das heißt Geld zu drucken, die Leitzinsen in der Nähe von Null zu halten und gleichzeitig den Marktteilnehmern zu versichern, dass es für lange Zeit dabei bleiben wird (forward guidance nennen die Zentralbanker diese Strategie). Trotzdem liegen die Inflationsraten immer noch wie festgemauert weit unterhalb der Zielmarken wie übrigens auch in Japan, wo es bereits in den frühen neunziger Jahren zum großen Knall gekommen war. Der Einbruch des Ölpreises und anderer Rohstoffpreise bedeutet, dass sich an der Quasistagnation der Preisindizes fürs Erste nichts ändern wird und dass die mittelfristigen Inflationserwartungen, auf die es den Zentralbanken vor allem ankommt, weiter sinken dürften.

Zudem ist es in der Realwirtschaft offenbar zu einem nachhaltigen Rückgang des Potenzialwachstums gekommen – die expansive Geldpolitik hat die Investitionstätigkeit bisher noch nicht stimulieren können. Diese sogenannte secular stagnation ist zu einem Risiko geworden, das ernstgenommen werden muss. Was passiert erst, wenn es jetzt global zu einer neuen Rezession kommen sollte?

Vermutlich haben die Zentralbanken mit ihren Maßnahmen Schlimmeres verhindert, aber sie haben weder ihre Inflationsziele erreicht noch einen sichtbaren Beitrag für mehr Wachstum geleistet – und sind insofern gescheitert. Vielleicht wird zu viel von ihnen erwartet, vielleicht fehlen ihnen die richtigen Instrumente, vielleicht verstehen sie auch einfach nicht, wie die Wirtschaft angesichts hoher und steigender Schulden funktioniert.

Mario Draghi versichert immer wieder, dass die EZB alle denkbaren geldpolitischen Alternativen unvoreingenommen untersuche, aber es kommt bisher immer nur heraus, dass die bereits existierenden Programme modifiziert, verlängert oder aufgestockt werden. Wie Adair Turner frage auch ich mich, ob Helicopter Money im Kampf für eine höhere Inflationsrate eine Alternative ist. Soweit ich mich erinnern kann, hat es noch kein Journalist gewagt, Draghi bei einer seiner Pressekonferenzen zu fragen, ob sich seine Analysten mit diesem Thema beschäftigen. In einem Interview hatte Mark Schrörs von der Börsenzeitung kürzlich immerhin von EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio wissen wollen, ob Helikoptergeld eines der denkbaren geldpolitischen Instrumente sei, das heißt der Vorschlag, dass die Zentralbank Geld druckt und dieses dann direkt an die Bevölkerung oder den Staat weitergibt. Die Antwort: „Die ursprüngliche Idee von Helikoptergeld bezog sich auf die direkte Finanzierung öffentlicher Ausgaben. Das ist für uns keine Option. Das ist nichts, was wir erwägen. Wie Präsident Draghi zu dem Thema gesagt hat, verbietet der EU-Vertrag die direkte Finanzierung von Regierungen des Euroraums.“ Mit anderen Worten, Helicopter Money ist verboten und kommt daher von vornherein nicht infrage. Das ist wohl so.

Um was geht es bei dem Konzept eigentlich genau? Es handelt sich um ein Instrument, bei dem Finanzpolitik und Geldpolitik vermischt werden, was nach den Erfahrungen mit den hohen Inflationsraten der siebziger und frühen achtziger Jahre nie wieder passieren sollte. Wer darüber offen spricht, holt ein Tabuthema aus dem Schrank und riskiert, sich zu blamieren. Die Notenbank würde dem Staat Anleihen abkaufen, diese auf der Aktivseite ihrer Bilanz buchen und ihm auf seinem Konto (auf der Passivseite) den Gegenwert zur freien Verfügung gutschreiben. Das wäre verbunden mit der Zusicherung, dass die neuen Anleihen niemals eingelöst werden müssten – sie bleiben für alle Zeiten zwar eine Verbindlichkeit des Staates, aber nur pro forma. Die Zinseinnahmen der Notenbank aus diesen Anleihen würden an den Staat zurücküberwiesen und da die Notenbank dem Staat gehört, ist das nichts als ein bisschen Hin- und Hergebuche im Staatssektor ohne realwirtschaftliche Effekte. Die Bonität des Schuldners Staat würde nicht leiden, weil die Schulden gegenüber der Notenbank letztlich Schulden gegen sich selbst wären.

Turner weist darauf hin, dass die Kompetenzen klar abgegrenzt sein müssen, damit es nicht zu Entwicklungen wie in Simbabwe oder der Weimarer Republik kommt: Die Zentralbank bestimmt, wie viel Geld sie auf diese Weise in die Welt setzt und wann Schluss ist mit dem Gelddrucken, wohingegen der Staat entscheidet, wie er das Helikoptergeld unter die Leute bringt, ob für Investitionen, mehr Personal oder höhere Sozialausgaben, je nach seinen politischen Präferenzen.

Es handelt sich um kein Instrument, das dauerhaft eingesetzt werden darf, schreibt auch Turner. Sobald klar ist, dass die Inflationsrate nachhaltig ihren Zielwert erreicht hat, hat Helicopter Money seine Schuldigkeit getan. Sollte die Inflation danach aus dem Ruder zu laufen drohen, käme das normale Instrumentarium der Notenbank zum Einsatz: höhere Zinsen und Mindestreserven, Verkauf von Wertpapieren aus anderen Programmen als Helicopter Money – was immer in einer solchen Situation nötig ist. Die Geldpolitiker wissen ja, wie man Inflation bekämpfen muss. Nur mit der Deflation tun sie sich immer noch schwer.

Ein Gedanke zum Schluss: Da die Regeln der europäischen Währungsunion die monetäre Finanzierung des Staates verbieten, könnte stattdessen hilfsweise eine Institution wie die Europäische Investitionsbank Bonds emittieren, die dann von der EZB gekauft und in ihrer Bilanz begraben würden. Beim gegenwärtigen Quantitative-Easing-Programm kauft die EZB ebenfalls solche (und andere) Bonds, allerdings nur im Sekundärmarkt, also nicht an der Quelle und legt Wert darauf, dass sie bei Fälligkeit eingelöst werden müssen. Begraben wird nichts. Alternativ könnte der EU-Vertrag geändert werden. Dazu müsste die Deflationsgefahr allerdings vermutlich krisenhafte Züge annehmen. Da sind wir noch nicht.

50 Kommentare

  1.   Babendiek

    Lieber Herr Wermuth,

    vor genau vier Tagen haben Sie an dieser Stelle geschrieben, dass die staatlichen Flüchtlingshilfen in Deutschland wie ein Konjunkturprogramm wirken würden. In diesem und dem kommenden Jahr würde das Bruttoinlandsprodukt nominal jeweils um 4,5 Prozent zulegen.

    Dieses nominale Wachstum enthält – neben einem kräftigen realen Wachstum – ja wohl auch eine tüchtige Portion Inflation.

    Jetzt beschwören Sie wieder einmal die Gespenster von Deflation und Rezession.

    Bitte sehr: Was gilt denn nun?

  2.   Tiefenwahn

    Auch der EZB dürfte klar sein, dass Gelddrucken zum Aufkaufen von Bonds kaum die Nachfrage und damit den Preis der Waren aus dem Warenkorb zur Bestimmung der Inflationsrate erhöhen kann. Insofern ist das Gerede von der Deflationsgefahr und dem Handeln dagegen nur ein Täuschungsmanöver. In Wirklichkeit geht es darum, die Schulden der südlichen Pleitestaaten zu monetarisieren. Würde man wirklich Helikoptergeld an die Bürger verteilen, dann wäre das mit der Deflation schnell vorbei. Die Zinsen müssten dann wieder erhöht werden, die Bondkäufe müssten eingestellt werden, und wir hätten die nächste Eurokrise. Da nimmt man schon lieber die Blasenbildung auf den Assetmärkten in Kauf. Irgendwann platzen die Blasen dann, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf, aber wenigstens haben die heutigen Politiker bis dahin noch ein paar ruhige Jahre.

  3.   Babendiek

    Ein ganz wichtiger Kritikpunkt an Helicopter Money, wie es von Turner vorgeschlagen wurde, besteht m. E. hierin: Die Anwendung ist sehr willkürlich.

    Laut Turner soll Helicopter Money nur solange emittiert werden, bis das Inflationsziel erreicht ist. Doch da erheben sich gleich mehrere Fragen:

    1. Nach welchen Kriterien wird das Programm auf die einzelnen Ländern verteilt? Vom Bond-Ankauf im Rahmen des QE haben vor allem die südeuropäischen Ländern profitiert. Ich sehe jede Menge Streit und Zank programmiert.

    2. Welche Definition von Preissteigerungsrate liegt zugrunde: Headline oder Core Inflation? Derzeit liegen diese beiden Größen in Deutschland aufgrund der stark gefallenen Energiepreise sehr weit auseinander – nämlich 0,3 Prozent versus 1,1 Prozent.

    3. Wo genau liegt das Inflationsziel? Bei exakt zwei Prozent oder knapp darunter? Die EZB ist in diesem Punkt recht vage. Möglicherweise aber verharrt die Inflation lange in der Twilight Zone, bis sie wirklich über zwei Prozent springt.

    4. Welche Inflation ist relevant – die eurozonenweite oder die nationale? M. a. W.: Wird das Programm komplett gestoppt, wenn die Inflation in der Eurozone im Durchschnitt zwei Prozent erreicht? Oder läuft es in einzelnen Ländern weiter, wo die Teuerungsrate noch deutlich unter dem EZB-Ziel liegt?

    5. Welcher Zeitraum ist maßgeblich? Kommt es auf die jährliche, die monatliche oder gar die wöchentliche Inflationsrate an? Sprich: Hat die EZB einen Ermessensspielraum? Oder muss sie instantan handeln?

    Die genannten Faktoren haben zur Folge, dass die von Turner vorgeschlagenen Ankaufsprogramme der EZB offenbar jederzeit begonnen und abgebrochen werden können. Dies bedeutet: Die Zahlungsströme sind für die betroffenen Staaten völlig unvorhersehbar.

    Wie sollen sie angesichts dieser totalen Willkür vernünftig die Ausgaben planen und umsetzen, die mit Helicopter Money finanziert werden sollen? Ein Programm zur beruflichen Qualifizierung junger Menschen läuft notwendigerweise über mehrere Jahre – sonst macht dies keinen Sinn. In noch stärkerem Maße gilt dies für den Bau von Krankenhäusern, Nahverkehrssystemen oder Universitäten.

    Für solche Investitionen braucht es eine mittelfristige Finanzplanung und keine willkürlich fließenden Geldspenden der EZB. Geradezu fatal wäre es, mit Hubschrauber-Geld Ärztinnen, Lehrer und Verwaltungskräfte einzustellen, die dann plötzlich nicht mehr bezahlt werden können, weil die EZB ihre Geldpolitik ändert. Helicopter Money ist schlicht Unfug.

  4.   BMMMayr

    @3 Babendiek

    Großteils valide Punkte (für 2. und 3. gibt es denke ich einen Konsens unter Zentralbanken: 1,9% core), aber alle treffen sowohl auf QE als auch für HeliMoney zu, ja für alle Instrumente einer ZB und Versuche einer Konjunkturbeeinflussung allgemein.

    Ihre Kernargumentation ist: Ich kann nicht genaues wissen, also kann / soll ich nicht handeln.

    Unsicherheit ist aber eines wenigen Dinge die absolut sicher sind im Leben, und trotzdem wird gehandelt:

    Das Eichhörnchen weiß nicht wie hart und lang der Winter wird, aber es bunkert Nüsse.
    Der Staat nicht weiß nicht wie stark die nächsten Unwetter und Erdbeben ausfallen, trotzdem werden Abflusskanäle, Staudämme und Atomkraftwerke gebaut.

    Man schätzt ab, was zu erwarten ist und, ganz wichtig, ob es risikoreicher ist sich nach unten oder oben zu irren. Und dann handelt man nach bestem Wissen, aber immer ohne perfektes Wissen.

    Zu viele Nüsse für den Winter zu bunkern ist Verschwendung, zu wenige ist lebensgefährlich.
    Dito Staudamm und Atomkraftwerk.

    All das trifft auch auf die Beeinflussung der Konjunktur zu.

  5.   BMMMayr

    Der größte VORTEIL von helicopter money wie oben beschrieben ist, dass es über den Fiskus läuft, der das Geld anders kanalisieren kann als eine Zentralbank.

    Der größte NACHTEIL von helicopter money wie oben beschrieben ist, dass es über den Fiskus läuft, der das Geld anders kanalisieren kann als eine Zentralbank.

    Wenn ich mir ansehe, welche spannende Wege z.B. Gelder aus EU Töpfen nehmen, häufig nicht primär am Gemeinwohl orientiert, oder die Politik von Dr. Schaeublove, die von vornherein klar macht, dass es mehr Geld für Volk nicht geben wird, dann fällt es mir schwer im helicopter money wie oben beschrieben ein Allheilmittel zu sehen.

    Da wären eine echte physische Helikopterstaffeln die tatsächlich physische Banknoten abwerfen wirkungsvoller.
    Solange es noch Bargeld gibt …

  6.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth

    >Wenn es bisher an Geld gefehlt hat, na ja, dann lassen wir es doch einfach vom Himmel regnen. Wofür hat man schließlich eine Notenbank?>

    Man hat sie, um nicht Ursachenforschung betreiben zu müssen, sondern stattdessen an den Symptomen herumwerkeln zu können.

    Warum wurden denn so viele Schulden gemacht, dass es zu Überschuldung kam?

    Die Frage ist völlig daneben, Hauptsache man kann den Knoten durchschlagen, die Geldpolitik wieder handlungsfähig machen und die Ausgabenseite in Schwung bringen.

    Kurzum:

    Wir lösen ein Nachfrageproblem. Das genügt. Die Angebotsseite hat schließlich nichts mit Ökonomie zu tun.

    Sie sagen es nicht, aber so liest sich Ihr Artikel.

    Wenn Sie A. Turner richtig wiedergeben, dann liest sich sein Buch vermutlich auch so.

    Ich setzte dagegen:

    Raghuram G. Rajan: FAULT LINES (deutsch: Verwerfungen)

  7.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 3

    Ihre Kritik, d. h. Ihre Fragen sind berechtigt, aber „technisch“.

    Weil sie nur das sind, lassen sich auch Antworten darauf finden – wiederum technische.

    Mit diesem Ansatz läuft die Kritik letztlich ins Leere.

    Ich schließe mich allerdings der Schlussfolgerung aus Ihren Fragen an:

    >Die genannten Faktoren haben zur Folge, dass die von Turner vorgeschlagenen Ankaufsprogramme der EZB offenbar jederzeit begonnen und abgebrochen werden können. Dies bedeutet: Die Zahlungsströme sind für die betroffenen Staaten völlig unvorhersehbar.>

    So ist es, und dies schon deshalb, weil – wie D. Wermuth richtig feststellt – die Notenbank dem Staat oder einer Staatengemeinschaft gehört.

    Wenn der Staat eine Notenbank hat, d. h. sie quasi als verfügbares Eigentum besitzt mit dem er Helicopter Money bereitstellen darf, braucht er keine Kriterien, sondern nur ein Dogma.

    Es lautet mit Blick auf die Finanzpolitik:

    Er muss jederzeit so viel Nachfrage generieren können, dass die Arbeitslosigkeit gesellschaftlich noch erträglich bleibt.

    Schafft er dies mit Hilfe des Helicopter Money der Notenbank, ist alles andere zweitrangig.

    Kollabiert das System, weil keiner mehr an den Wert des Geldes glaubt, dann ist das Systemversagen.

    Die Verweigerung von Ursachenbehebung ist es jedenfalls nicht.

    Es waren ja nie Ursachen zu beheben, z. B. realwirtschaftliche, die zu hoher Verschuldung und schließlich der Einführung von Helicoper Money geführt haben.

    Man hat doch immer so gehandelt, wie es die Erfahrung gelehrt hat, nämlich sich für die Option mit den kurzfristig geringsten Kosten zu entscheiden – irgendwann eben einmal für Helicopter Money.

  8.   Babendiek

    @ Diverse Foristen

    Der Punkt mit der Willkür des Hubschraubergeldes ist offenbar nicht recht verstanden worden. Ich versuche es noch einmal in aller Klarheit darzustellen.

    In einer Demokratie hat allein der Gesetzgeber die Hoheit über die Staatsfinanzen. Die Parlamente verabschieden den Staatshaushalt und entscheiden, ob die Steuern erhöht oder neue Schulden gemacht werden.

    Diese nationalen Souveranitätsrechte würden bei Helicopter Money zu einem beträchtlichen Teil an die Zentralbank übertragen. Die EZB würde festlegen, welcher Staat Geld erhält, wie viel Geld er bekommt und wie lange das Geld gezahlt wird.

    Hierbei geht esc um immense Summen: Nimmt man die bisher durchgeführten (und weitgehend erfolglosen) Programme des Quantitative Easing zum Maßstab, dürfte die Billion die kleinste Recheneinheit des Hubschrauber-Geldes sein.

    Im übrigen könnte das Helicopter Money a la Turner & Wermuth nur funktionieren, wenn es einen Annahmezwang für die Staaten gibt, wenn also z. B. die Bundesregierung verpflichtet würde, in einem bestimmten Umfang Staatsanleihen zu begeben, die die EZB dann ankauft. Dies wäre aber vermutlich nicht mit der Schuldenbremse konform, die im Grundgesetz verankert ist.

    Um es ganz klar zu sagen: In einer Demokratie herrscht Gewaltenteilung: Das Parlament verabschiedet die Gesetze, die Regierung führt sie aus und die Obersten Gerichte prüfen, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Dies gilt auch und in ganz besonderem Maße für die Staatsfinanzen.

    Bei der EZB gibt es hingegen keine Demokratie und keine Gewaltenteilung. Draghi & Co. sind letztlich keinem Parlament verantwortlich und können praktisch nicht vor irgendeinem Gericht verklagt werden.

    Die EZB entscheidet vollkommen nach eigenem Ermessen und Gutdünken, also selbstherrlich und willkürlich.

    Genau aus diesem Grund ist ihre Kompetenz ja beschränkt auf die Geldpolitik. Staatsfinanzierung darf sie nicht betreiben. Bei der Konjunkturpolitik hat sie nur eine unterstützende Rolle. Hierbei wollen wir es bitte belassen! Sonst laufen wir Gefahr, eine Monsterbehörde zu züchten, die von niemandem mehr kontrolliert werden kann.

    Bei Helikopter Money wurde die

  9.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 8

    Vermutlich stimmen alle Foristen überein, dass das Konzept des Hubschraubergeldes mit irgendeiner Art von Willkür verbunden ist.

    Ich stimme nicht mit Ihrem Verständnis der institutionellen Voraussetzungen für Helikoptergeld überein.

    Sie sagen:

    >Die EZB entscheidet vollkommen nach eigenem Ermessen und Gutdünken, also selbstherrlich und willkürlich.>

    „vollkommen nach eigenem Ermessen und Gutdünken“ stimmt nicht.

    Die EZB hat Satzungen zu befolgen, die sie sich nicht selbst gegeben hat, sondern ihr von denen, die sie als Institution geschaffen haben, vorgegeben wurden. Sie kann nur im Rahmen dieser Vorgaben entscheiden – ja, von den Satzungsgebern gewollt als selbstherrlich und willkürlich, aber nur solange sie innerhalb dieses Rahmens entscheidet. Ob die EZB verklagt werden kann oder nicht, spielt keine Rolle, wenn verpflichtend festgestellt werden kann, ob sie innerhalb des Rahmens oder nicht entschieden hat. Es kann festgestellt werden, siehe Urteil des EuGH zum OMT-Programm.

    Sie wissen das alles und es ist richtig, dass es nicht Demokratie ist. Die EZB unterliegt zwar einer Satzung, ist aber operativ nicht Teil eines Systems, das sich durch Gewaltenteilung auszeichnet. Aber sie ist auf Basis dieses Systems entstanden.

    Auf der GLEICHEN Basis kann auch Helikoptergeld geschaffen werden:

    Man muss der EZB nur eine andere Satzung geben, die ihr u. a. erlaubt so viel Geld an wen auch immer zu verteilen, wie erforderlich ist, um – sagen wir – 4,5 % Arbeitslosigkeit in ihrem Währungsraum zu erzielen.

    Staatsanleihen müssten nicht begeben werden, jedenfalls nicht als etwas, das Schuldverhältnisse begründet, d. h. durchsetzbare Gläubigeransprüche. Welcher Institution soll etwas gegen die Staaten durchsetzen, wenn diese Eigner der EZB sind, also – zu Ende gedacht – Eigentümer der EZB-Forderungen.

    Mehr als die passenden Satzungen braucht es nicht, weil Institutionen nicht vom Himmel fallen oder aus dem Nichts entstehen.

    Das Monster wäre nicht die EZB, sondern der Staat bzw. in diesem Fall die beteiligten Staaten.

    Sie wären es mit – oder – trotz Demokratie und Gewaltenteilung, weil sie und nicht die EZB es sind, die letztinstanzlich über Hubschraubergeld entscheiden.

    Abgesehen von diesen Überlegungen:

    Ich plädiere genauso wenig wie Sie für Helikoptergeld.

    Denn damit löst man keine Probleme, sondern deckt sie lediglich zu – und schafft im voraussehbaren Exzess nur neue.

  10.   Tiefenwahn

    @Babendiek
    Unter Helikoptergeld verstehe ich etwas anderes, etwa so:
    Jeder Bürger (egal ob Baby, Rentner, arm oder reich) erhält die gleiche Summe an Geld. Es gibt keine Gegenposition, dh. die Schulden der Staaten sind davon unberührt (sonst hätten wir ja sofort wieder verbotene Staatsfinanzierung). Es gibt natürlich ein organisatorisches Problem, aber das sollte lösbar sein.
    Da die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass das Geld ausgegeben wird, ist die benötigte, neu geschaffene Geldmenge zur Inflationsgenerierung auch wesentlich kleiner als mit der gegenwärtigen Methode, bei der Inflation unkontrollierbar erst später erfolgt. Ein Teil dieses Geldes wird natürlich auch zur privaten Schuldentilgung eingesetzt werden, aber das ist ja auch kein Nachteil.