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Aktienmärkte vor größerer Korrektur

 

Viele Aktienmärkte haben den Bezug zur Realwirtschaft verloren. In den USA, in Deutschland und in Japan sind die Kurse seit dem letzten Tiefpunkt im März 2009 deutlich stärker gestiegen als die Gewinne und das nominale Sozialprodukt.

Eine Ursache dafür ist die nach wie vor expansive Geldpolitik. Sie hatte und hat zum Ziel, die Inflationsraten in die Nähe ihrer Zielwerte zu treiben. Das ist nicht gelungen, weil Faktoren im Spiel sind, gegen die die Zentralbanken nicht ankommen.

Zum Einen sind das die Outputlücken, die aus meiner Sicht immer noch groß sind und es erschweren, Preise und Löhne kräftiger anzuheben. Da unterscheide ich mich deutlich von Institutionen wie der OECD, dem Währungsfonds, der EU-Kommission, dem Sachverständigenrat und der EZB, für die die Preise schon längst viel stärker steigen müssten, es aber seltsamerweise nicht tun. Der andere Grund für die anhaltend niedrige Inflation ist die Beobachtung, dass die nationalen Märkte für Güter und Dienstleistungen immer mehr zu einem gemeinsamen Markt zusammenwachsen, so dass die europäischen und amerikanischen Löhne nachhaltig durch die Lohndifferenzen gegenüber den Schwellenländern gebremst werden. Solange sich die Lohnstückkosten nicht stärker annähern, so lange wird es hierzulande schwer fallen, Preise für international gehandelte Produkte anzuheben.

Die großen Notenbanken reagieren auf die niedrigen Inflationsraten mit einer sehr expansiven Zins- und Geldmengenpolitik. Da die Kreditnachfrage nicht richtig anspringt, die Realwirtschaft also nicht so reagiert wie beabsichtigt, wandert die Liquidität in die Assetmärkte, so dass an einigen Stellen wieder Blasen entstanden sind. Ich argumentiere, dass die potenziellen weiteren Kursgewinne begrenzt sind, wenn das Kursniveau bereits hoch ist. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit von Gewinnmitnahmen und einer Situation, in der die Anleger zum Ausgang drängen. Das war zuletzt in den Jahren 2000 und 2007-2009 geschehen, als die Aktien ähnlich überteuert waren wie heute. Damals kam es jeweils zu Korrekturen von fast 50 Prozent.

Diese Marktkräfte dürften, wenn sie sich schließlich Bahn brechen, weder durch die Notenbanken noch durch die gute Konjunktur gebremst werden. Für diesen Fall ließe sich vorsorgen, indem die Duration der Portefeuilles verkürzt und von Wachstums- auf Dividendenpapiere umgestiegen wird. Schulden sollten abgebaut werden. Wann es zu der größeren Korrektur kommt, die ich erwarte, ist, wie immer, unsicher, aber ich rate davon ab, weiter auf einen Fortgang der Rallye zu setzen.

Die ausführliche Analyse der aktuellen Risiken für die Aktienmärkte finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – „Stock markets move closer to a major correction“, August 2017*) (pdf, 703 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

7 Kommentare

  1.   BMMMayr

    „Für diesen Fall ließe sich vorzusorgen, indem die Duration der Portefeuilles verkürzt und von Wachstums- auf Dividendenpapiere umgestiegen wird. Schulden sollten abgebaut werden.“

    Wie so oft an Märkten:
    Die vorgeschlagenen Vorsorgemaßnahmen sind das beste Mittel die Ereignisse auszulösen, vor denen man sich schützen möchte. Der Herdentrieb empfiehlt beim Herdentrieb an der Spitze zustehen.

  2.   NIKYTOELE

    Richtig ist, die Aktienmärkte haben sich von der Realwirtschaft entkoppelt, aber dies nicht nur wegen zuviel billigen Geldes sondern auch infolge intensiver Deregulierung, die systematisch falsche Preise (Spekulaionspreise) durch Herdenverhalten erleichtert hat…
    auch durch Lohnstagnation der letzten 10 – 15 Jahre sank die Nachfrageerwartung, ein zentraler Punkt für Investitionen, es war dann interessanter, in Finanzmärkte statt in die Realwirtschaft zu investieren. und zutreffend, irgendwann platzen dann die Blasen, (die Rallye geht zu Ende), aber wann genau weiß niemand

    aber wer glaubt heute noch an den Monetarismus, dass die Geldmenge die Inflation bestimmt ?
    Es gibt einen sehr engen empirischen Zusammenhang zwischen Löhnen, besser Lohnstückkosten und Inflation und bei der systematischen Schwächung der Gewerkschaften und der objektiven Schwäche bei hoher Arbeitslosigkeit bzw. drohendem Billiglohn sind die Abschlüsse viel zu niedrig, um die Zielinflation (1,9%) zu erreichen, Deutschland müsste hier ohnehin kräftig nachholen

    Sofern ich es richtig verstanden habe soll der Globalisierungsdruck , d. h. günstigere Lohnstückkosten der Schwellenländer eine höhere Inflation in Europa und Amerika verhindern. ?
    das halte ich für unsinnig, Deutschland idürfte dann nicht Exportweltmeister sein, umgekehrt hat China seinen Exportüberschuss zurückgefahren und das wichtige Schwellenland Brasilien war durch die Überbewertung des Real in schwere wirtschaftliche Absatzprobleme geschlittert
    Nebenbei: Dass dort eine (Finanz)diktatur entsteht, jenseits jeder Legitimation durch das Volk und die Justiz dort ein kabarettreifes Schmierentheater aufführt wird in der Presse kaum behandelt, man stürzt sich lieber einseitig auf Venezuela oder das Umfeld von Trump

  3.   Dieter Wermuth

    @ BMMMayr (#1)

    Da die große Korrektur sowieso kommt, ist es besser sie kommt früh statt spät – das mindert die gesamtwirtschaftlichen Kosten. DW

  4.   BMMMayr

    @3
    good point!

  5.   GrafRotz

    Bei weiterhin spottbilligem Kapital bzw. Niedrigstzinsen auf Kapital und einer gleichzeitig brummenden Konjunktur hätte ich persönlich eher darauf gewettet, dass die (auf Denglisch ausgedrückt) „Asset-Preisblase“ erstmal weiter anschwillt, also Immobilien und Aktien. Auch stellt sich für die Anleger ja die Frage, was dann mit den Erlösen aus verkauften Aktien geschieht. Bonds? Festgeld?.. es bleibt doch gar keine Alternative zu Assets, sich also entweder in Immobilien langfristig zu binden oder in Aktien, die relativ kurzfristig wieder veräußert werden können. Da ist die Aktie derzeit für viele Anleger doch einfach alternativlos. Was übersehe ich?

  6.   Dieter Wermuth

    @ GrafRotz (#5)

    Ich habe doch vorgeschlagen, was sich machen lässt: Laufzeiten verkürzen, mehr Liquidität halten (Anlagen am Geldmarkt), Schulden zurückzahlen, aus Wachstumswerten in Dividendenpapiere umsteigen, aus volatilen in „langweilige“ Aktien umschichten. Wenn die Blasen immer größer werden, werden Sie sich natürlich ärgern – aber dafür haben Sie Sicherheit gekauft. Niemand stirbt an Gewinnmitnahmen. DW

  7.   BMMMayr

    @6
    „mehr Liquidität halten (Anlagen am Geldmarkt)“

    Wenn ich mich recht erinnere, war beim letzten Mal der Geldmarkt einer der Brandbeschleuniger. Geldmarktfonds die nach dem Motto „borrow short and lend long“ auf der Party mit getanzt haben und belly-up gingen als ihnen der Nachschub von kurzfristiger Liquidität ausging.

    Wenn schon Liquidität, dann lieber gleich cash.