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Mehr Zuwanderer bitte!

 

Weil so viele Leute Angst vor Terror haben und das mit der Ankunft überwiegend muslimischer Flüchtlinge verbinden, spielte die Frage, wie denn die Ausländer draußen gehalten werden können, eine unverhältnismäßig große Rolle in der Debatte zwischen Angela Merkel und Martin Schulz am Sonntagabend. Es war eine deprimierende Diskussion. Keiner der beiden Kandidaten wagte es, die Zuwanderung als etwas Positives zu beschreiben, als eine Bereicherung unserer Gesellschaft und aus demographischen Gründen unverzichtbar. Den beiden ängstlichen alten Leuten fehlte ganz offensichtlich der Mut, zu sagen, dass es ohne Ausländer auf Dauer nicht gehen wird und dass uns ihre Integrierung keineswegs überfordern wird. Statt sich mit den Chancen der Zuwanderung zu beschäftigen, oder damit, wie viele Menschen jährlich zu uns kommen sollten, und woher, wurde nur defensiv und rückwärtsgewandt argumentiert. Ich weiß, dass hierzulande von Politikern vor allem verlangt wird, dass sie die Sicherheit der Menschen gewährleisten, aber wie wäre es ab und zu mit ein bisschen mehr Zuversicht und Perspektive? Wo wollen wir hin?

Vermutlich werden, überschlägig gerechnet, pro Jahr brutto etwa 800.000 Zuwanderer benötigt. Das entspricht etwa einem Prozent der Bevölkerung. Dabei nehme ich an, dass die Geburtenrate weiterhin bei 1,1 Kindern pro Frau liegen wird (2,1 Kinder sind bekanntlich nötig, wenn die Bevölkerung nicht schrumpfen soll), dass netto Jahr für Jahr etwa 50.000 Deutsche wegziehen, dass die Lebenserwartung ständig zunimmt und dass das Verhältnis Erwerbstätige zu Nicht-Erwerbstätigen nicht zu sehr zurückgehen soll, dass also nicht immer mehr Kinder und Rentner von der beruflich aktiven Bevölkerung „durchgefüttert“ werden. Man könnte alternativ das Eintrittsalter bei der Rente auf 75 Jahre anheben – das kann aber nicht die Lösung sein.

Klar, das ist eine grobe Schätzung, aber sie gibt eine Vorstellung von der Größenordnung, um die es geht. 100.000 oder 200.000 Zuwanderer reichen jedenfalls nicht.

Es wird immer so getan, als gäbe es in der Welt gar nicht genügend Akademiker und Fachkräfte, die als Zuwanderer infrage kommen. Das ist aber gar nicht das Thema: Sowohl hochqualifizierte als auch weniger qualifizierte Menschen tragen zu einer effizienteren Arbeitsteilung im Land bei und steigern damit die Produktivität, die Quelle allen Wohlstands. Es gibt ja viele harte, langweilige und schlecht bezahlte Jobs, die die Einheimischen gar nicht mehr machen wollen, bei denen es nicht so sehr darauf ankommt, ob man die Sprache beherrscht oder gut rechnen kann. Auch Ungelernte sollten willkommen sein. Alles natürlich im vernünftigen Rahmen.

Und es ist ziemlich, wenn nicht sogar vollkommen unwichtig, an welchen Gott die Zuwanderer glauben und welche Hautfarbe sie haben. Am wichtigsten ist, dass sie die demokratischen Werte, wie sie im Grundgesetz definiert sind, bewusst akzeptieren. Das muss im Verlauf des Integrationsprozesses rübergebracht werden.

Vor einigen Tagen haben Robert Rowthorn und David Ruzicka in einem Beitrag für den Project Syndicate-Blog darauf hingewiesen, dass Menschen aus fremden Kulturen die Gesellschaft ihrer Gastländer stets durch ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten und Ideen bereichern. In den USA seien mehr als 40 Prozent der Fortune-500-Unternehmen durch Einwanderer der ersten und zweiten Generation gegründet worden, einschließlich Google, Apple und Amazon. Das heißt natürlich auch, dass man darauf achten muss, dass die Einwanderer aus möglichst vielen verschiedenen Ländern kommen sollten und sich keine ethnischen Gettos bilden.

Niemand muss fürchten, dass die finanziellen Belastungen für die Integration der Neuankömmlinge die staatlichen Haushalte überfordern. Selbst wenn jährlich 15 Mrd. Euro erforderlich sein sollten, sind das nicht mehr als 0,46 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im Grunde handelt es sich um Investitionen in „Humankapital“, also nicht um Konsumausgaben des Staates – sie erhöhen tendenziell die Wachstumsrate des Produktionspotenzials. Zum Vergleich: Für Ausrüstungen, Bauten und andere Investitionen werden zurzeit jährlich insgesamt etwa 660 Mrd. Euro in Deutschland ausgegeben, was einer Investitionsquote von 20,4 Prozent (am BIP) entspricht. Bei Investitionen, zum Beispiel beim Bau eines Hauses, erwartet niemand, dass sich der Nutzen schon am Tag Eins einstellt. Für die berufliche Qualifizierung der Zuwanderer gilt das genauso.

In der Debatte zwischen Merkel und Schulz wurde die Weigerung Polens, Ungarns und anderer EU-Länder, Flüchtlinge aufzunehmen, als Vorwand benutzt, erst mal auch unsererseits die Grenzzäune hochzuziehen, jedenfalls bis eine einvernehmliche europäische Lösung gefunden ist. Dazu wird es aber nicht kommen. Ich denke, dass in der Asylfrage das Einkommensniveau eines Landes, die Arbeitslosigkeit und bereits vorhandene Minderheiten- und Zuwanderungsprobleme berücksichtigt werden sollten.

Grafik: Lohnentwicklung in Osteuropa und Türkei

Wie die obige Grafik zeigt, stagnieren etwa in Polen die relativen Löhne seit Jahren bei etwa 30 Prozent des Niveaus im Euroraum. Das Land ist arm. Zudem arbeiten angeblich etwa ein Million Ukrainer im Land, die noch viel weniger verdienen. Sie nehmen den weniger qualifizierten Polen die Arbeitsplätze weg und zwingen sie, sich ihrerseits im Westen Jobs zu suchen. Schengen macht’s möglich. Kurz, es ist sehr verständlich, dass das Land keine weiteren Zuwanderer aufnehmen möchte. Im gesamten Osten der EU wird das ähnlich gesehen, so dass eine gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik ganz unwahrscheinlich ist und das Warten darauf auf eine Aufweichung des deutschen Asylrechts hinausläuft. Ein gemeinsamer militärischer Schutz der Außengrenzen hat demgegenüber viel bessere Chancen. Leider glauben fast alle Politiker, mit einer besseren Abwehr von Zuwanderern punkten zu können.

Ich denke, dass eine Bruttozuwanderung von 800.000 pro Jahr eine Art Obergrenze sein sollte. Je nachdem wie viele Asylberechtigte es gibt und wie viele Menschen aus dem Osten der EU bei uns arbeiten wollen, bliebe für Einwanderer aus der übrigen Welt eine sehr variable Quote übrig. Vielleicht sollte der Wert von 800.000, besser vielleicht noch von einer Million, nicht Jahr für Jahr, sondern im Durchschnitt über einen längeren Zeitraum hinweg erreicht werden.

Es kann angesichts der Ressourcen, über die Deutschland verfügt, und der unstrittigen Vorteile einer substanziellen Einwanderung nicht sein, dass die Integration auf einmal nicht mehr zu schaffen ist. Wie die folgende Grafik zeigt, befürchten nur Wenige, dass ihnen die Ausländer die Jobs wegnehmen werden. Ihr Gefühl entspricht dem, was Ökonomen in der jetzigen konjunkturellen Lage für wahrscheinlich halten.

Grafik: Schaffen Migranten neue Arbeitsplätze oder nehmen sie sie anderen weg?

12 Kommentare

  1.   Frankie (f.k.a.B.)

    Eine Frau in Deutschland hat 1,4 Kinder, nicht 1,1. Dabei wird das Verhältnis der Kinder zu Frauen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren gemessen. Momentan steigt die Kennziffer und es gibt eine Art Babyboom, der darauf zurückzuführen ist, dass es relativ viele Frauen im „Baby-Bekomm“-Alter ist ( 25 bis 35 ). Diese Zahl wird in den nächsten Jahren dramatisch zurückgehen. Übrigens auch in Resteuropa. 2015 war das erste Jahr überhaupt, dass in der EU ein negativer natürlicher Bevölkerungssaldo zu verzeichnen war, d.h. es starben mehr EU-Europäer als geboren wurden ( in Deutschland ist dies seit 1972 so – ohne die diversen Zuwanderungswellen würden heute in Deutschland 9 Mio Menschen weniger leben) . 2016 weiss man noch nicht, aber danach wird der Negativsaldo immer grösser werden, da wirkt die demographische Walze unerbittlich. Auch die „Überschuss“-Länder F, UK, NL, BE, DK, SW werden abbauen. Das grosse Problem ist m. E. nicht ein Rückgang von Bevölkerung, sondern die damit unweigerlich verbundene Alterung. Vor diesem Hintergrund halte ich Zuwanderung ebenfalls für ein gebotenes Mittel.

  2.   Pajarito2

    Ich danke Ihnen für Ihre Worte. Leider ist dieses Thema rational kaum darstellbar, wird irrational oft wahrgenommen und weckt Emotionen und schürt Ängste.

  3.   Tiefenwahn

    Naja, wenn man sich die Zahlen nach de.statista.com/statistik/daten/studie/28347/umfrage/zuwanderung-nach-deutschland/ ansieht, dann sind in den letzten 10 Jahren durchschnittlich weit über 800000 Zuwanderer nach Deutschland gekommen, alleine 2,1 Millionen in 2015.
    Insofern dürfte es nur von den Zahlen her keine Probleme mit unserer Rente geben. Allerdings bringt natürlich eine Zuwanderung von Sozialhilfeempfängern gar nichts. Diese bezahlen nämlich keine Rentenbeiträge. Normalerweise bringen Zuwanderer nur einen Vorteil für unser Sozialsystem, wenn sie höhere Einkommen erzielen, und damit mehr Steuern und Sozialabgaben bezahlen als der Durchschnitt. Das dürfte kaum der Fall sein.

  4.   Frankie (f.k.a.B.)

    @Tiefenwahn

    In den letzten 10 Jahren gab es im Schnitt etwas über 1 Mio Zuwanderer p.a. , und etwa 750.000 Abwanderer p.a., das ergibt ein Saldo von ca. +250.000 p.a. (so sagt es Destatis). Der Anteil der Zuwanderer aus Europa schwankt zwischen 55 und 68%, die grösste Gruppe dabei stellen die Polen. Da gibt es sicher Sozilahilfeempfänger darunter, aber weitaus meisten arbeiten auf dem Bau, als Handwerker, in der Landwirtschaft, im Schlachthof, in der Pflege, im Logistikbereich. In unserem lokalen Krankenhaus sind etwa 50% der Ärtzte herkunftsmässig eindeutig östlich der Drau zuzuordnen. Eine Ausnahme war 2015 mit dem hohen Anteil an syrischen Flüchtlingen. Ob es sich hierbei um „Zuwanderer“ im engeren Sinne handelt, bezweifle ich, denn es sind Kriegsflüchtlinge, von denen der grösste Teil auch wieder die Rückkehr plant.

  5.   GrafRotz

    Ich möchte in dieser Diskussion einmal den Advocatus Diaboli spielen.

    Wer sagt, dass eine bestimmte Kinderquote die erstrebenswerte Norm sei? Wer sagt, dass eine Gesellschaft dann am lebenswertesten ist wenn die Kopfzahl wächst? Seit dem Ende der Agrargesellschaft hängt der Wohlstand auch nicht mehr proportional von der Kopfzahl ab, sondern von der Bildung der Köpfe.

    Weltweit haben wir das krasse Problem der Überbevölkerung und ich bin offen gesagt eher pessimistisch, dass die Weltbevölkerung noch rechtzeitig schrumpft, bevor dieser Planet unter der Überbevölkerung niedergewalzt wurde und unseren Enkeln nicht mehr so lebenswert zur Verfügung stehen wird, wie wir ihn noch erben konnten. Und in dieser Situation haben wir nichts besseres zu tun, als mit inzwischen den großzügigsten Familienleistungen aller westlichen Staaten zu versuchen die Kinderzahl im Nachkommabereich nach oben zu bekommen, um zu diesem globalen Problem beizutragen?

    Steckt das selbe Geld stattdessen in die bestmögliche Bildung der Kinder, die wir so oder so haben und in die Migranten, die wir schon aus Weltoffenheit zu einem gewissen Maß erlauben sollten und Willkommen heißen sollten. Dass wir Migranten v. a. als Last, als „Sorgenkinder“ diskutieren hat auch viel damit zu tun, wie wir Einwanderung bisher angegangen sind. Als billige Arbeitskräfte oder als humanitäre Geste. Menschen einzuladen, die dem Durchschnittsdeutschen bildungsmäßig überlegen sind, die keine Sekunde auf einem Jobcenter verbringen werden, die in Frankfurt in der Taunusanlage sitzen – und im Economist blättern, die kennen wir kaum. Die gibt es in Kanada oder Neuseeland massenhaft – u. a. deutschstämmige Zuwanderer.

    Wir müssen nicht aufhören, Asyl zu gewähren, aber wir müssen aufhören zu denken, am deutschen Wesen muss die Welt genesen und Migration als ein Mittel dazu zu begreifen. Bei Milliarden Menschen die nach hiesigen Maßstäben in Armut leben, unzureichende medizinische Versorgung genießen usw. sind wir ohnehin überfordert, so gerät es zum puren Lotteriespiel, um nicht zu sagen de facto zu Sozialdarwinismus, welche der hunderte Millionen Afrikaner, die nach UN Definitionen unter der absoluten Armutsgrenze vegetieren müssen, es zu uns schaffen – wobei von denen eher wenige, die haben nämlich nicht einmal den Schilling um sich den Bus in die nächste Provinzhauptstadt zu leisten, geschweigedenn den Trek durch den halben Kontinent und die Schlepper nach Europa. Es sind also nicht einmal die Ärmsten der Armen, die es zu uns schaffen. Wir ziehen auffällig viele junge und nach Maßstäben ihrer Herkunftsländer gut ausgebildete Menschen auf diese Weise an – Menschen, von denen diese Länder zu wenig, statt zu viel haben und die diese Länder eigentlich aufbauen müssten. Stattdessen saugen wir sie ab um unsere Lücken am Arbeitsmarkt zu schließen.

    Nur aus deutscher Perspektive erscheint das als humanistische Großtat, aber man kommt sich natürlich lieber als Barone der Willkommenskultur vor, denn als Nutznießer der Armut der Herkunftsländer dieser Menschen, die jene besonders tüchtigen Glücksritter zur Emigration nach Europa treiben.

    Und wie lange soll das so gehen? Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts (das ist keine Ewigkeit mehr hin) soll Afrika schon über 4x soviele Einwohner wie ganz Europa haben, die meisten davon werden unter der absoluten Armutsgrenze leben. Wenn man daran irgendwas ändern soll, dann wäre das Gebot der Stunde diesem Kontinent nicht seine kleine, halbwegs beschulte Mittelschicht abzusagen, sondern umgekehrt, das, was teutonischen Eltern als Zuckerl in Aussicht gestellt wird, damit diese zur globalen Überbevölkerung beitragen, in massiv aufgestockte Entwicklungshilfe stecken. Nach den dortigen Preisen kann für das selbe Geld deutlich mehr als nur ein Kind oder eine Familie unterstützt werden, unterstützt dabei das Land aufzubauen, so dass es fortschrittlicher wird, fortschrittlichere Länder hatten noch immer sinkendere Kinderzahlen, aber steigendes Umweltbewusstsein und steigende soziale Stabilität und es drängt die Menschen, die an eine bessere Zukunft glauben können, auch nicht mehr zur Massenauswanderung.

    Ich sage nicht, dass alles daran unwidersprochene Tatsache sein muss und möchte nun nicht über jeden Halbsatz streiten, aber es zeigt doch eine selten betrachtete Sichtweise.

    Und zu unserer eigenen Demografie: die Kinderzahl ist grob dort, wo sie jetzt ist, seitdem es zu fünf außerordentlichen Ereignissen kam. Im Krieg kamen ganze Jahrgänge der aktiven Bevölkerung um, die später auch nicht im Ruhestand versorgt werden mussten (ökonomisch eine Entlastung), gleichzeitig gab es einen Kinderboom nach dem Krieg – sehr viele Junge, sehr wenige Alte. Diese „demografische Dividende“ war in jedem Fall ein historischer Sonderfall. Dazu die Faktoren des Pillenknicks, die Emanzipation der Frau und die Legalisierung der Abtreibung. Das kann es auch nur einmal geben und hat die zuvor außergewöhnlich hohe Kinderzahl, mit außergewöhnlich wenigen Alten, dann massiv nach unten geprügelt.

    Erst so ist der Seniorenberg entstanden, der seitdem durch die demografische Pyramide durchrollt, von unten nach oben. Ist dieser Berg erst einmal „durch gezogen“ dann normalisiert sich das auch, das ist ein historisch überschaubarer Zeitraum, für den man sich vorbereiten kann, für den man Ersparnisse anhäufen kann, a lá norwegischer Ölfonds, was auch immer.

    Aber die vermeintliche Lösung da einfach Zuwanderer hinter diese Welle des Seniorenbergs in die Alterspyramide zu schieben, damit aus dem Wellenkamm ein steter Strom wird, ist eben nicht alternativlos und auch nicht ohne Probleme. So ist in jeden Zuwanderer erst einmal Geld zu investieren und es ist nicht klar, ob jeder Zuwanderer ausreichend zu qualifizieren ist, damit seine Zuwanderung ein ökonomisches Plus ergibt. Und auch diese Zuwanderer werden einmal alt und müssen dann versorgt werden! Man löst also kurzfristig ein demografisches Problem und schafft ein zusätzliches in der weiteren Zukunft. Und wenn man das konsequent so weiter verfolgt, weil man sich einbildet, dass Deutschland immer um die 80 Mio. Einwohner haben müsse, warum auch immer, dann führt das langfristig zu einer Art Marginalisierung der Einheimischen. Und es ist nachvollziehbar, wenn Bürger das ablehnen, alle Weltoffenheit hin oder her. Darüber muss man zumindest diskutieren können.

    Und schließlich – selbst wenn wir nur noch 40 Mio. Einwohner hätten, dann wäre unser Land immer noch dichter besiedelt als das benachbarte Frankreich. Schweden ist viel größer als Deutschland und hat keine 10 Mio. Einwohner, Kanada ist viel größer als die USA und hat kaum mehr als 30 Mio. Einwohner. Es braucht keine bestimmte Einwohnerzahl um dieses Land aufrecht zu erhalten in seiner Infrastruktur und seinem Wohlstand. Aber es könnte eine Chance sein, der Natur in dieser in weiten Teilen übernutzten Industrielandschaft wieder Räume zurück zu geben. Mit weniger Menschen hierzulande könnte es Flora, Fauna und vermutlich auch dem Menschen deutlich besser gehen, statt schlechter.

    Es gibt nicht die eine, alternativlose Ideallösung, das ist der Punkt, den ich aufzeigen wollte. Und darüber müssen wir über dieses Thema endlich mehr diskutieren und zwar über die teutonische Nabelschau a lá „Gutmenschen“ Vs. „Rechtspopulisten“ hinaus. Wir müssen diskutieren in welchem Land wir alt werden wollen und welches Land wir uns für unsere Enkel wünschen und dann definieren, was es dazu an Gesellschaftspolitik braucht und das dann sachlich implementieren. Ohne dieses ewig-missionarische, das uns Deutschen immer in politischen Debatten anhaftet.

  6.   Tiefenwahn

    @Frankie

    ich bezweifle nicht, dass die meisten Zuwanderer auch wichtige und notwendige Arbeiten leisten. Ich habe selber auch jede Menge Kollegen aus anderen Ländern, die ich genauso schätze wie meine deutschen Kollegen auch. Nur hier in dem Artikel ging es um die angebliche Rettung unserer Rentenversicherung, die natürlich mit unterdurchschnittlichen Löhnen keineswegs gerettet werden kann. Wie sich das auswirkt, wenn eine große Menge an Geringverdienern in unser Sozialsystem strömt, sieht man ja an der gesetzlichen Krankenversicherung. Anstatt dass der Staat (also alle Steuerzahler) die notwendigen Kosten der Krankenversorgung komplett übernimmt, steckt man sie lieber mit den Minimalsätzen in die gesetzliche Krankenversicherung, wo dann die Solidarität auf die gesetzlich Versicherten beschränkt ist, so dass dann deren Beitragssätze steigen. So als ob die Privatversicherten über die Minimalbeiträge hinaus nichts damit zu tun hätten. Den armen Privatversicherten kann man das ja nicht zumuten. Ähnliches gilt ja auch für die Rentenversicherung, wo ja ein guter Teil der versicherungsfremden Leistungen (circa 130 Mrd Euro) nur zum Teil über allgemeine Steuern (90 Mrd.) finanziert wird.

    Ich für meinen Teil wäre ja eher für ein steuerfinanziertes Grundversorgungssystem, bei dem dann nur die tatsächlich über die Grundversorgung hinausgehende Versorgung über die Sozialversicherungsbeiträge finanziert wird (also das was etwa über die Mindestrente hinausgeht). Warum sollen Beamte und Selbständige nicht genauso an der Grundversorgung beteiligt werden wie die abhängig Beschäftigten. Dann hätten wir auch kein Problem mehr mit den Bemessungsgrenzen.

  7.   GrafRotz

    @Frankie
    In allen Prognose-Szenarien, ganz gleich mit welcher Zuwanderungszahl, entwickelt sich die Zahl derjenigen über 65 hierzulande nahezu jeweils identisch (wenn Zuwanderung, dann ja erstmal von jüngeren Leuten). Um das Jahr 2040 herum würde sie den Höchststand erreichen und danach wieder langsam sinken. Außer, man schiebt jetzt eine Art „importierten Baby Boom“ hinterher und kopiert sozusagen den demografischen Effekt, den unser erster Baby Boom hatte. Dann steigt die Zahl der ü65 bald darauf wieder ein und wenn damit wieder mit Masseneinwanderung reagiert entsprechend von vorne und immer so weiter.

    Zu einer stabilen Demografie findet man so nicht. Die hätten wir, wenn wir die Welle der Baby Boomer abwettern, also platt gesagt die Generation meiner Eltern (in den 50ern und 60ern geboren) einmal tot ist. Dann stabilisiert sich das Verhältnis Alte zu Junge wieder, wenn es auch nie wieder auf das abnormale Verhältnis während der Wirtschaftswunderzeit zurückgehen würde. Aber das wäre dauerhaft tragbar, zumal wir ja nicht nur immer älter sondern dabei auch immer fitter im Alter werden und bei Leuten mit Schreibtischjobs wie meinem, vermutlich auch bei Herrn Wermuth, nicht der Tag des Ruhestands kommt und ab dann sitzt man vor der Glotze oder auf der Terasse und wird sozialstaatlich alimentiert und wartet auf sein Ende, sondern der Ruhestand wird sehr flexibel werden, gekennzeichnet durch „Arbeit nach Kräften und Interesse“, die strikte Dreiteilung des Lebens in Ausbildung, Erwerbsarbeit und Ruhestand wird zunehmend aufgeweicht (von beiden Seiten, siehe „lebenslanges Lernen“).

    Das hat auch seine Herausforderungen. Wie auch die „Einwanderungslösung“. Es gibt kein perfektes Patentrezept, wie sich das viele erhoffen. Mir persönlich ist eine alternde, langsam schrumpfende, ruhiger und ausgedünnter werdende Gesellschaft jedenfalls sympathischer als eine, die diese Biosphäre Mitteleuropas weiterhin bis zum Anschlag und darüber hinaus (über)nutzt und vor nicht „lösbaren“ sozialen Verwerfungen steht, siehe USA, wenn die Gesellschaft einmal kulturell und ethnisch zu heterogen wird und mindestens in Ballungsräumen keine Mehrheitsgesellschaft mehr existiert, in die sich integriert werden könnte. Erkauft wofür? Damit es für die Generation meiner Eltern noch wie gewohnt weitergehen wird, zumindest solang diese leben, weil man die bestehenden Systeme, von denen man seit Adenauer weiss, dass sie nicht nachhaltig sind, dann noch weiter flicken und aufrecht erhalten kann?

    Wie eine mutige Vision einer strahlenden Zukunft klingt das zumindest für mich nicht, auch wenn es häufig so dargestellt wird. Ich meine, die Diskussion darüber hat gerade erst begonnen. Leider nicht im Rahmen unseres derzeitigen, gerüchteweise stattfindenden, Wahlkampfes, aber es wird auch mal eine Zeit nach Merkel und Co. geben und bis da hin sollte diese Diskussion ernsthaft geführt werden und zu Ergebnissen führen können, die z. B. im Rahmen eines Wahlkampfes mit einer „Richtungswahl“ in eine demokratische Mehrheitsentscheidung überführt werden.

  8.   Frankie (f.k.a.B.)

    @advocatus diaboli

    Es gibt natürlich das Problem der Überbevölkerung, das ist ja auch einer der Gründe für Wanderungen. Gewandert wird seit dem Pleistozän, und das hat sich seit dem Beginn der Globalisierung (als etwa seit der Zeit der Phönizier 😉 ) natürlich noch verstärkt. Gewandert wird immer, Räume leeren sich, Räume füllen sich. In den meisten Weltgegenden ist ein Ende des Bevölkerungszuwachses absehbar – bleibt es bei den Geburtenraten, erreicht Asien den Peak um 2055, Südamerika 2060 ( Europa 2020 ).

    Afrika wächst stark. Wie Sie sagen, werden dort 2050 4x so viele Menschen wie ind er EU leben – aber es ist ja auch 9x so gross. Afrika hat auch gigantische Potentiale , dort wäre alles möglich, der Kontinent hat riesige Reichtümer. Bei besserer Politik müssten die Menschen dort nicht arm bleiben, das gibt Hoffnung.

  9.   Dietmar Tischer

    @ Frankie

    >Bei besserer Politik müssten die Menschen dort nicht arm bleiben, das gibt Hoffnung.>

    Das ist Wunschdenken.

    Hier meine Begründung dafür:

    In Afrika ist die Geburtenrate viel zu hoch, um dort die Menschen mit besserer Politik spürbar aus der Armut zu holen.

    Die Afrikaner haben nicht genügend Eigentum, was eine notwendige Voraussetzung ist, um kreditfähig zu sein, Unternehmen zu gründen und Menschen zu beschäftigen. Und es wird auch bei besserer Politik nicht genügend Direktinvestitionen aus dem Rest der Welt geben, um die vielen Menschen zu beschäftigen.

    Was müsste geschehen?

    Die Geburtenrate müsste drastisch sinken.

    Die kann aber nicht drastisch sinken, weil viele Kinder die EINZIGE Vorsorge vor Altersarmut sind, da es keine Sozialsysteme gibt und auch keine andere Möglichkeit wie z. B. China, wo (bei einer positiven Einkommensentwicklung, die für Afrika nicht zu wiederholen ist und Ein-Kind-Politik) mit der Perspektive von mietfreiem Wohnen im Alter eine gigantische Immobilienblase geschaffen wurde.

    Kurzum:

    Die Lage ist aussichtslos.

    Hier mehr dazu:

    spiegel.de/politik/ausland/einwanderung-aus-afrika-die-jungen-afrikaner-kommen-so-oder-so-a-1166274.html

    Man muss freilich nicht alles glauben, was dieser Harvard-Ökonom sagt:

    Entgegen seiner Auffassung müssen wir nach unserem Grundgesetz, Artikel 1, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist, nicht den Afrikanern helfen.

    Denn das Grundgesetz heißt „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“ und nicht „Grundgesetz für Afrika“.

    Außerdem ist es kein guter Vorschlag, in Afrika Altenpfleger für Europa auszubilden. Erstens würde dies das afrikanische Armutsproblem höchstens lindern, es aber aufgrund der quantitativen Gegebenheiten nicht lösen. Zweitens: Obwohl wir in Zukunft ganz sicher mehr Altenpfleger brauchen, wird das zukünftige Angebotsproblem vermutlich nicht so groß sein, wie wir heute noch glauben. Denn ein erheblicher Teil der 10% junger Menschen, die hierzulande nicht hinreichend lesen und rechnen können bzw. der 25%, die wegen fehlendem Schulabschluss nicht in produktiveren Berufen ausgebildet und beschäftigt werden können, werden in der Altenpflege und ähnlichen Berufen tätig sein. Dazu kommt eine stattliche Zahl derer, die zukünftig vermutlich durch Robotik aus den Jobs gekegelt werden.

    Sie alle würden mit den Afrikanern und Zuwanderern aus den EU-Staaten konkurrieren.

    Da dies auch in Ballungsgebieten mit hohen Mietpreisen geschehen würde, hätten wir die Verhältnisse, die zum Brexit und in USA Trump an die Macht geführt haben.

    Darauf möchte ich gern verzichten.

  10.   Dieter Wermuth

    @ GrafRotz (#5)

    Die Bevölkerung einfach schrumpfen zu lassen und die Grenzen dicht zu machen, hat natürlich auch Charme. Der Übergang von hier nach da ist das Problem. Wir wollen außerdem doch vermutlich weder das Asylrecht aus dem Grundgesetz streichen noch die Freizügigkeit innerhalb der EU beenden. Und können wir den jungen Leuten der jetzigen Generation wirklich zumuten, dass sie so viele Rentner durchfüttern müssen, während sie selbst erst ab 70 Jahren oder später in Rente gehen können. DW