Ein Blog über Religion und Politik
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Wer sind wir?

Eine Jugend im Modell Deutschland

Von 28. Februar 2014 um 09:56 Uhr

Mein Beitrag zur Titelgeschichte der ZEIT (“Mitte des Lebens”) vom 26.2.2014:

Nie wieder kamen in Deutschland so viele Kinder zur Welt wie in dem Jahr, in dem ich geboren wurde. Ich gesellte mich erst im Dezember dazu, einen Tag vor Ilse Aigner und drei vor Johannes B. Kerner. Da waren wir schon über 1,3 Millionen, wir Vierundsechziger. Jeden Monat kam eine Stadt wie Göttingen dazu, das ist mehr als doppelt so viel wie heute.

Wir waren durch schiere Masse eine Zumutung für Schulen, Vereine, Universitäten. Schon zittern die sozialen Sicherungssysteme vor dem Ansturm unserer Kohorte. So war es immer: Wir mussten uns durchsetzen, auch gegeneinander. Im Rückblick scheint mir, das ist uns gar nicht schlecht bekommen.

Die 64er waren, anders als heutige Kinder, noch keine Selbstverwirklichungsprojekte ihrer Eltern. Das schlug sich bereits in der schlicht-einfallslosen Namensgebung nieder. All die Jörgs, Michaels, Thomas, Sabines, Stefans und Stefanies, Martins und Martinas, Andreas beiderlei Geschlechts – immer kamen sie gleich mehrfach in den Klassen vor. Wir standen als Kinder nicht im Zentrum, wir liefen irgendwie so mit im Leben unserer Eltern. Endlose Nachmittage lang ließen sie uns unbetreut herumstreunen. Wohlwollende Vernachlässigung war der natürliche Erziehungsstil. Wenn man zum Abendessen wieder zuhause war, die Hausaufgaben gemacht hatte und die Noten stimmten, wollten die Eltern erstaunlich wenig über einen wissen.

Wir waren – in Umkehrung späterer Demografieprobleme – zu viele. Über 40 Schüler saßen dicht an dicht in meiner Grundschulklasse, an die 200 Studenten im Proseminar „Neuere amerikanische Geschichte“ des Wintersemesters 1983/84, als ich in Bochum zu studieren anfing. „Schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind“, begrüßte uns der junge Prof, ein 68er, voller Sarkasmus: „Ich verrate Ihnen sicher kein Geheimnis, wenn ich feststelle, dass Deutschland nicht so viele Historiker braucht. Vielleicht überhaupt nicht so viele Akademiker.“

Ich habe darauf mit Trotz reagiert, wie viele andere aus meinem Jahrgang: Das werden wir ja sehen! Historiker sind dann zwar tatsächlich die wenigsten von uns Erstsemestern geworden. Aber irgendwie haben wir es fast alle doch noch zu etwas gebracht – nicht zuletzt um es den 68ern zu zeigen, die gerade erst frisch verbeamtet worden waren und uns nun als lästige „Akademikerschwemme“ behandelten, die ihre schöne linke Uni-Welt überflutete. Sie waren überhaupt eine ziemliche Enttäuschung, die linken Professoren. Sie nervten gewaltig mit ihrem ideologischen Getue. Interessierte man sich auch nur für „unzuverlässige“ Denker wie etwa den Soziologen Niklas Luhmann, stand man schnell unter „Neokonservatismus“-Verdacht.

Wie fern das alles ist! Unvorstellbar für meine Kinder, in einer politisch so brav nach rechts und links geordneten Welt zu leben. Drei biedere Fernsehkanäle, ebenfalls links und rechts identifizierbar, zwei verfeindete Deutschländer mit einer Mauer dazwischen, von der wir ganz genau wussten, dass sie ewig stehen würde. Ein analoger Alltag ohne Computer, Handys und „soziale Medien“. Beziehungsweise: Das soziale Netzwerk bestand aus realen Freunden, bei denen man unangemeldet vorbeischaute, um gemeinsam herumzuhängen.

Wie erstaunlich zuversichtlich die frühen siebziger Jahre in der westdeutschen Provinz waren! Meine Eltern schienen zu glauben, dass es immer irgendwie aufwärts gehen und wir es besser haben würden. Sie sollten recht behalten. Aber irgendwo auf dem Weg ist trotzdem die Zukunftsfreude verloren gegangen. Ich beneide sie um die Selbstverständlichkeit, ja Wurschtigkeit, mit der sie uns erzogen. Ich hätte selbst gerne mehr davon, mehr Gelassenheit gegenüber meinen Kindern. Schon einen solchen Satz hinzuschreiben, wäre meinen Eltern nicht eingefallen.

Das Leben wurde wirklich immer besser. Vierundsechziger wuchsen in beispiellosem Wohlstand auf. Unsere spätere Konsumkritik (die uns freilich nie vom Konsumieren abhielt), mag ein Versuch gewesen sein, mit der Angst umzugehen, dass wir selber nicht in der Lage sein würden, in gleicher Weise Wohlstand zu sichern wie die arbeitswütigen und lebenshungrigen Eltern, die aus den Bombenkellern gekrochen und vom Flüchtlingswagen gesprungen waren.

Ach, die Siebziger! Woher bloß dieser plötzliche Mut, mitten in der Provinz absolut modern zu sein, von dem schon die grellorangefarbenen und hellblauen Vorhänge und Tapetenmuster kündeten! Wenn nicht gerade »autofreier Sonntag« war, fuhren wir mit unserem undeutsch eleganten Citroën DS durchs Dorf zur Jazz-Messe in der kleinen Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Ich war, bis zur Pubertät, glühend begeisterter Messdiener. Wir bekamen einen progressiven jungen Pastor, der Mädchen als Messdienerinnen anwarb und aufwühlende Nachtwallfahrten mit Meditation organisierte. Der vollbärtige Lehrer und seine linkskatholischen Hippiefreunde verkauften im Pfarrgemeindehaus fair gehandelte Dritte-Welt-Waren. Der progressive Alltag machte selbst vor unserer Zwergschule mit ihren zwei Klassen keinen Halt. Mengenlehre und Sexualkunde wurden an uns ausprobiert, vor allem Letzteres unter großem Hallo.

Wer als Heranwachsender nichts wusste von den K-Gruppen und von den Kassandrarufen des Club of Rome, von den ersten Schüssen im »Kampf in den Metropolen«, von Männergruppen, Psychoboom, Rasterfahndung und Unregierbarkeit, dem musste die Bundesrepublik der Siebziger als das beste Land der Welt erscheinen. Sexuelles und politisches Erwachen – Testosteron und Terrorismus – haben bei mir erst Ende des Jahrzehnts dieses Gefühl der Geborgenheit zerstört. Bis dahin war die Bundesrepublik für mich wirklich jenes »Modell Deutschland«, als das sie sich unter dem Kanzler Helmut Schmidt darstellte.

Als einsame Vorboten des Unheils habe ich die Plakate in der Filiale der Sparkasse in Erinnerung, auf denen Fotos von grimmigen jungen Leuten zu sehen waren, die einerseits dringend gesucht, vor denen zugleich aber auch gewarnt wurde: »Achtung, Schusswaffen!« Von Zeit zu Zeit wurde ein Foto ausgekreuzt, mit dicken, Genugtuung ausstrahlenden Strichen.

Es kamen unübersichtlichere Zeiten. Ich hatte für Schmidts Nachfolger Kohl nichts übrig, ich fand ihn peinlich und es wäre mir unmöglich gewesen, ihn zu wählen. Doch die extreme Kohl-Verachtung im linken Universitätsmilieu stieß mich ab. Ich fand, er hatte Recht mit seinem Satz von der „Gnade der späten Geburt“. Was war daran falsch? Vielleicht verstand Kohl, der seinen Bruder im Krieg verloren hatte, mehr von der Nazizeit als seine wütenden Kritiker, die ihm Verharmlosung unterstellten.

Wenn ich meine Kinder beobachte, fällt mir auf, dass wir die letzte Generation sind, für die der Weltkrieg noch eine bestimmende Rolle gespielt hat – wenn auch schon vermittelt durch die Eltern. Dabei sind Vierundsechziger eigentlich gar keine richtige Generation sondern nur ein besonders dicker Jahrgang. Es fehlt ein prägendes Gemeinschaftsereignis. Ja, doch, es gibt gewiss Gemeinsamkeiten. Wir sind pragmatischer, hedonistischer und optimistischer als die Vorgänger-Generationen.

Dass die Deutschen so viele Kinder zeugten – so wenige Jahre nach Krieg und Zusammenbruch – war ein Akt des trotzigen Weitermachens. Vierundsechziger sind Kinder der Davongekommenen, die im Wirtschaftswunder die Erinnerung an die Bomben, die Massenmorde und die Vertreibungen hinter sich lassen wollten.

Und es doch nicht schafften:1964 brachte der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt erstmals den ganzen Horror der Lager ans Licht. In konservativen Kleinbürgerfamilien der Provinz wie bei uns zuhause wurde meist das „kommunikative Beschweigen“ der Vergangenheit gepflegt, wie es der Philosoph Herman Lübbe treffend genannt hat. Diese Haltung ist nicht zu verwechseln mit Beschönigen oder Leugnen. Das Bewußtsein der moralischen Katastrophe der Nation reichte tief. Die Vertreibung meiner gesamten väterlichen Familie aus Westpreußen, inklusive Totalverlust allen Besitzes, wurde ohne Murren hingenommen, als hätte man dies zwar nicht persönlich, aber eben doch als Volk verdient. Die Vertriebenenverbände mit ihrem lauten Geschrei waren bei uns verhasst. Es gab als Folge eine stumme Entschlossenheit zum „Nie Wieder“. Meine Kriegsdienstverweigerung traf auf stille Genugtuung. Man ließ mich fühlen: Recht so. Es war genug geschossen, es war genug gestorben worden. Da gab es nichts zu debattieren.

Der Onkel mit der Beinprothese, die einarmigen Nachbarn mit den zugenähten Hemdsärmeln, die kriegsversehrten Bettler vor den Kaufhäusern – sie waren noch da, und sie waren Schreckfiguren nicht nur meiner Kindheit. Der eingefleischte Pazifismus führte die 64er allerdings gelegentlich politisch in die Irre. So sehe ich es heute.: Noch den Kampf gegen den Nato-Doppelbeschluss der Regierung Schmidt haben wir mit apokalyptischer Inbrunst geführt, um nicht so zu enden wie die Kriegsteilnehmer in unseren Familien.

Über 300.000 kamen 1981 in den Bonner Hofgarten, um gegen die Nachrüstung der Nato zu demonstrieren. „Die 80er Jahre werden mehr und mehr zum gefährlichsten Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit“, hieß es in dem Appell der Friedensbewegung. Wir glaubten das damals wirklich.

Wie falsch wir lagen! Es war eine Projektion, eine nachholende Bewältigung der Schuld am falschen Objekt. Dass nicht zuletzt die von uns verteufelte Nachrüstung die Sowjetunion an den Verhandlungstisch brachte und den Kalten Krieg beenden half, wollen viele von den Friedensbewegten heute noch nicht wahrhaben. Die Achtziger wurden nicht das gefährlichste, sondern das friedlichste und erfreulichste Jahrzehnt des grausigen letzten Jahrhunderts. Am Ende fiel sogar die Mauer.

Bei mir und meinen Freunden im tiefen Westen der Republik löste der Mauerfall klamme Gefühle aus: Käme jetzt wohl das Vierte Reich? Jürgen Habermas warnte in der ZEIT doch schon vor dem DM-Nationalismus! Im Rückblick wirkt die Angst vor der Wiedervereinigung engherzig: Das schöne, übersichtliche Westdeutschland, es war perdu. Das war es, was die Bilder von den die Mauer erklimmenden Massen in Berlin uns ankündigten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich und viele andere Vierundsechziger aus dem Westen endlich kapierten, dass wir soeben den besten Augenblick der jüngeren deutschen Geschichte erlebten. Es ist immer noch peinlich, sich das im Rückblick einzugestehen.

Ein einziges Mal habe ich meinen Vater, einen zeitlebens quirligen, jungenhaften Mann, bedrückt erlebt. Es war an seinem 50. Geburtstag. Er saß vor einer Geburtstagstorte, die er, der Konditor, für sich selbst gebacken hatte, zwei goldene Marzipanziffern oben auf. Er starrte sie an, als hätte er eben erst gemerkt, dass jetzt ein anderes Alter käme.

Nun bin ich selber bald 50. Ich werde es feiern, so wie die anderen 1 357 303 Vierundsechziger. Ich freue mich darauf.

Ich habe kein Heimweh nach der verlorenen Welt meiner Jugend, keine Sehnsucht nach der bewegten Zeit zwischen »Mehr Demokratie wagen« und »Wir sind das Volk«.

Wohl aber nach der rätselhaften Zuversicht, die in den frühen siebziger Jahren noch wider alle Vernunft und Wahrscheinlichkeit über unserem Leben lag – und die sich schon darin ausdrückte, wie viele wir waren.

Kategorien: Wer sind wir?

Stalingrad und meine Familie

Von 2. Februar 2013 um 10:24 Uhr

Überall Stalingrad-Gedenken. Ich kann das nicht lesen, nur überfliegen. Stalingrad hat meine Familie kaputt gemacht. Jedenfalls die eine Hälfte davon. Ich hatte das Glück, in der anderen aufzuwachsen.

Mein Onkel ist im Januar vor 70 Jahren mit der 6. Armee in Gefangenschaft geraten. Es war der Anfang vom Ende für Hitlerdeutschland, und erst der Beginn des großen Tötens in den deutschen Vernichtungslagern, wo man gerade begonnen hatte, mit Gas als Mordmittel zu experimentieren.

Er war ein einfacher Infanteriesoldat. Er kam erst nach vielen Jahren Gefangenschaft zurück nach Deutschland. Mehrere Zehen hat er in Sibirien gelassen, und auch sonst noch vieles. Er war ein eher kleiner, drahtiger Mann, obwohl er mir als Kind natürlich groß und stark und furchteinflößend schien. “Die Großen und Sportlichen sind alle tot. Die haben bloß ein paar Wochen überlebt”, hat er einmal gesagt, in Erinnerung an die Gefangenschaft.

Er war mein Feind, seit ich anfing selber zu denken. Nicht so werden wie er, bloß nicht so werden. Es war ungerecht, es war die reine Abwehr dem Horror gegenüber, den er mit sich herumtrug.

Zu spät habe ich verstanden, dass Viktor, wie er ironischer Weise hieß, ein geschundener, betrogener, wütender Verlierer war – ein Opfer. Er wollte keins sein, er hat sich geschämt für den verlorenen Krieg. Und so gerierte er sich lieber als Überzeugungstäter für eine gute Sache. Bis zum Ende verteidigte er die Nazi-Zeit und den Krieg. Er las die National-Zeitung. Das ideologische Gedröhne war kein Ersatz für alles das, was er nicht erzählen konnte: Er war überwältigt von den Erfahrungen des Todes, des Tötens, des Hungerns, der Verzweiflung in den langen Jahren der Gefangenschaft.

Er hatte keine Worte dafür. Die Rechthaberei über Hitler, die Nazis, den Krieg, trat an die Stelle der wirklichen Erlebnisse, die gelegentlich nur aufblitzten. Er konnte nicht darüber reden, ich wollte nicht zuhören. Seine Geschichten vom Töten, vom Beerdigungskommando im Lager mit den gefrorenen Leichen (die ein Geräusch wie Holz machen, wenn man sie vom Wagen ablädt), von Kameradschaft und Verrat – ich wollte sie nicht hören. Das machte ihn wütend, und so schrieen wir uns an, bis ich ihm nur noch aus dem Weg ging. Selbst noch seine Zärtlichkeiten waren brutal – Kopfnüsse, Schwitzkasten, freundschaftliche Schläge auf den Oberarm, nach denen blaue Flecke blieben.

Ich wünschte, ich hätte zugehört: Der katholische Junge aus dem Eifeldorf, den seine erste Reise gleich an die Ostfront und dann in den sibirischen Gulag führt – was ging in ihm vor? Einmal sagte einer seiner Freunde, auch er ein Ostfront-Veteran: “Natürlich war es nicht einfach, auf Menschen zu schießen. Beim ersten Mal hast du nachher geheult. Und dann hast du doch auf sie geschossen wie die Hasen.” Ich hatte den beiden gerade trotzig gesagt, ich werde den Wehrdienst verweigern. Das hatte sie wütend gemacht: “Ihr macht es euch leicht, wir hatten die Möglichkeit nicht.” Damals habe ich diese Kommentare gehasst, heute weiß ich, dass die bitteren alten Männer natürlich auch Recht hatten.

Der Schmerz über das Erlebte, verdoppelt dadurch, dass es im Rahmen eines Menschheitsverbrechens im Vernichtungskrieg stattfand: wie sollte er davon erzählen? Es ging nicht. Er ist tot, seit vielen Jahren schon. Vor kurzem war ich wieder an seinem Grab, hoch oben auf dem Bergfriedhof über unserem Dorf. Es tut mir leid, ihn nicht angehört zu haben. Niemand hörte zu. Keiner von uns hielt damals diese Geschichten aus. Nicht einmal seine Frau, vielleicht sie sogar am wenigsten. Die Einsamkeit der Soldaten.

Seine beiden ältesten Söhne, meine lieben Vettern, mit denen ich als Kind viel gespielt habe, sind auch bereits tot. Sie haben sich auf verschiedene Weise aus dem Leben geschafft, der hoch begabte und sensible Achim zuerst und auf die grausamste Art. Jeder Mensch stirbt im Geheimnis, und meine Vettern werden verschiedene Gründe gehabt haben, nicht mehr leben zu wollen. Bernd, der Älteste, hat den florierenden Bäckereibetrieb meines Onkels, von dem auch mein Teil der Familie jahrzehntelang sehr gut gelebt hat, systematisch heruntergewirtschaftet. Es ist fast, als hätte er das Lebenswerk seines Vaters auslöschen wollen. Und das hat er ja auch getan, sich selbst am Ende eingeschlossen. Die Wut und den Hass des Vaters hat er nach innen gerichtet. Gibt es so etwas: Scheitern als Rache und Wiedergutmachung?

Ich weiß, es ist heikel, so zu spekulieren. Es ist jetzt schon Wochen her, seit ich an dem Grab meines Vetters gestanden habe, der nur zwei Jahre älter war als ich. Aber wenn ich heute über Stalingrad lese und den Untergang und die Kapitulation der Sechsten Armee – 3300 Kilometer von dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin – , dann ist mir, als sei das meine Geschichte.

Kategorien: Russland, Wer sind wir?

Eldar Farbers “Deutsche Landschaften”

Von 28. September 2011 um 13:29 Uhr


Morgen erscheint in der ZEIT ein Dossier mit dem Titel “Das gelobte Land”, in dem ich zusammen mit drei Kollegen der Frage nachgehe, wie Deutschland, unbemerkt von den Deutschen, zu einem Sehnsuchtsort für Menschen aus aller Welt werden konnte. Ich habe in diesem Zusammenhang den israelischen Maler Eldar Farber getroffen. Hier mein Part vorab:

Vor fünf Jahren stand der israelische Maler Eldar Farber auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück vor einem mächtigen Baum, als ihm eine merkwürdige Frage durch den Kopf ging: „Kennt dieser Baum meinen Vater?“
Farber beschloss, den Baum zu malen. Bäume sind seine Spezialität. In Israel war Farber schon ein gefeierter Landschaftsmaler, als er sich 2005 entschloss, nach Deutschland zu reisen. Er war 35, und es war sein erster, lange heraus geschobener Besuch in Deutschland. Seine Eltern hatten beide als Kinder den Holocaust überlebt, der Vater war in Ravensbrück Häftling gewesen, bevor ihn die Sowjetarmee später im Lager Sachsenhausen befreite.
60 Jahre danach fand sich Eldar Farber auf dem KZ-Gelände hinter Leinwand und Staffelei. Wie malt man einen solchen Ort, dem der Vater nur mit Glück entkommen ist und von dem man abends am Kinderbett, wenn die Eltern vom Krieg erzählten, schreckliche Dinge hörte? Über den weiten uckermärkischen Himmel schoben Schulen von Kumuluswolken dahin.
Eldar Farber ging mit Ravensbrück um, als wäre es ein Ort wie jeder andere. Es gibt kein Zeichen des vergangenen Schreckens auf dem Bild, überhaupt kein Drama, außer dem der Wolken, die hell leuchtend über der öden Hoffläche zwischen den Baracken dahinschieben. Ein schöner, stiller, herrlicher Sommertag in Deutschland: Eldar Farbers Bild ist das Dokument einer bestandenen Mutprobe. Er war da gewqesen, an jenem Ort, und er hatte sich nicht überwältigen lassen. Der Ort hatte keine Macht über ihn. Und damit konnte er anfangen, Deutschland zu mögen.

Viele tausende, vorwiegend junge Israelis haben sich dauerhaft in Deutschland, vor allem in Berlin niedergelassen. Man schätzt sie auf mindestens 3.000. Geringe Lebenshaltungskosten und eine coole Kunst- und Musikszene spielen natürlich eine Rolle, wie für Tausende anderer junger Leute aus aller Welt. Viele israelische Linke kommen auch, weil sie das politische Klima daheim zunehmend unerträglich finden. Aber etwas Besonderes tritt hinzu, und Eldar Farbers Ravensbrück-Bild zeugt davon: In Deutschland – und hier vor allem in Berlin – lässt sich für Israelis erleben, dass die Vergangenheit, die nicht vergehen will, eben doch keine Macht mehr über einen hat. Das ist eine euphorisierende und befreiende Erfahrung, von der Farber in seinem Atelier an der Stargarder Straße im Prenzlauer Berg kaum aufhören kann zu erzählen.

„Wenn ich meine Leinwand vor mir habe, kann mir nichts passieren. Sie ist mein Schild,“ sagt Farber. Er war eigentlich nicht nach Deutschland gekommen, um Orte des Schreckens zu malen. Im Gegenteil. Seit seinen Kindertagen in Tel Aviv hatte er eine Sehnsucht nach dem deutschen Wald. Als Junge hatte er sich ausgemalt, unter Bäumen zu leben: Sich eine Hütte bauen, Beeren pflücken, jagen. In Israel gibt es keine Wälder, in denen man sich verlieren kann. Der deutsche Wald aber kann auch sehr unheimlich sein.

Bei seinem ersten Besuch brauchte Farber die Leinwand fast ein bisschen mehr als Schutzschild denn als Arbeitsmittel. Er kam jedoch in den folgenden Jahren immer wieder. Heute teilt er sein Leben zwischen Tel Aviv, Jerusalem und Berlin auf. Er verbringt die warmen Monate hier und arbeitet weiter an seinem großen Projekt der „Deutschen Landschaften“.

Wenn man seine israelischen Bilder anschaut, ist man verblüfft, wie mitteleuropäisch die Natur bei ihm aussieht. „Deine Bilder sehen überhaupt nicht israelisch aus“, hat man ihm damals vorgehalten. Er glaubt fest daran, dass ihm das Bildgedächtnis seiner Eltern, die in Polen aufwuchsen, vererbt worden sei: „Der Wald ist in meinen Genen.“

In seinem Berliner Atelier an der Stargarder Strasse im Prenzlauer Berg steht ein neues Bild, das er soeben angefangen hat, eine smaragd- bis olivfarben schillernde Waldszene aus dem Tiergarten. Ein Sehnsuchtsort, an dem man sich auch verlaufen könnte. Man würde sich nicht wundern, ein Hexenhaus im Hintergrund zu sehen.

Aber da ist kein Haus. Eldar Farber findet den Urwald oder die Savanne mitten in der Hauptstadt. Nur sehr selten malt er Objekte oder Strukturen, die an den Menschen erinnern. Er hatte eine schwer fassbare Angst vor Deutschland, als er zum ersten Mal herkam. Mit jedem Bild, das er malte, nahm sie ab. Seine Eltern waren, anders als viele Überlebende, sehr offen mit ihren Erlebnisse umgegangen. Es gab keine Geheimnisse.

Erst als er in Berlin ankam, stellte er fest, dass diese Stadt in seiner Vorstellung bis dahin schwarzweiß gewesen war, wie in alten Wochenschau-Aufnahmen.
Als er vom Flughafen Tegel aus mit dem Taxi nach Mitte fuhr, erwischte er sich bei dem Gedanken, dass das Licht an einem langen Berliner Sommerabend wunderschön ist: „In Israel gibt es dieses weiche Licht nicht. Die Kontraste sind bei uns viel härter. Aber hier in Deutschland waren sogar in den dunklen Tönen lauter Nuancen zu erkennen.“

Er begann seine Sommer im „sanften Berliner Licht“ zu verbringen, wenn die gnadenlose Sonne in Tel Aviv das Arbeiten unmöglich machte: „In Israel herrscht dann die brutale Alternative gleißenden Lichts und schwärzesten Schattens.“ Er lässt immer ein deutsche Bild unvollendet, bevor er im Herbst zurückgeht. Das Bild wartet dann den Winter über auf ihn, und so kommt er immer wieder zurück. Er will kein Deutscher werden. Berlin zieht ihn an, weil er hier ohne Angst anders sein kann.
„Zu meinem eigenen Erstaunen“, sagt Eldar Farber, fühle er sich „bei den Deutschen auf eine verrückte und zugleich natürliche Art wohl“: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage. Aber ich liebe die Ordnung hier, dass sich die Leute an Regeln halten.“

Zugleich ist es gerade das Undeutliche und Unfertige an den heutigen Deutschen, das ihn anzieht. Farber verfolgt die Debatten mit Interesse: Deutschland ist immer noch verstört von seiner Vergangenheit. Nun muss es in eine neue Rolle hineinwachsen. Es muß Kriege führen, den Euro retten, soll die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Das Land ist verwirrt, weil die Lektion der Geschichte, das „Nie wieder“, keine Antwort auf die neuen Herausforderungen ist.

Eldar Farber gefällt es, in einem Land mit unsicherer Identität zu leben. Israel ist viel zu belagert, um sich so viel Unbestimmtheit leisten zu können wie Deutschland heute. Israel muss sich stets behaupten. Viele Feinde zu haben, ist Teil seiner Identität. Deutschland ist ironischer Weise vom Feind der Menschheit zu einem Land ohne Feinde geworden, das nur noch von Freunden umgeben ist.
Es passiert ihm immer noch, dass neue Bekannte merkwürdig beklommen werden, wenn sie feststellen, dass er Jude und Kind von Überlebenden ist. Er macht sich nicht lustig über die beflissene und gewissenhafte Art, mit der die Deutschen auch in der dritten Generation der Normalisierung widerstehen. „Ich bewundere das. Man kehrt da nicht unter den Teppich, sondern setzt sich wirklich auseinander mit der Vergangenheit. Und zwar, weil man es selber braucht, nicht um meinetwillen.“

Seine deutsche Freundin, mit der er Englisch spricht, hat sich einmal fürchterlich geschämt, als sie ein unpassendes Wort für die Kollaboration der Europäer bei der Judenvernichtung gebraucht hatte: „Sie hatte gesagt, die Deutschen hätten damals viel ‘outsourcing“ betrieben. Sie meinte die vielen Lager in ganz Europa. Ich musste über das Wort sehr lachen, aber sie hat fürchterlich geweint. Das war für mich ein befreiender Moment.“

Farbers „Deutsche Landschaften“ wurden letztes Jahr in Tel Aviv gezeigt. Viele alte „Jeckes“ – Israelis deutschen Ursprungs – kamen zur Vernissage. Alle Bilder wurden verkauft, bis auf das Bild aus dem Lager Ravensbrück.

Eldar Farber hat es seinem Vater geschenkt. Nun hängt es zuhause in Tel Aviv. Sein Vater liebt das Bild. Ein großer alter Baum steht im Zentrum, und der Himmel über Ravensbrück ist blau.

Kategorien: Israel, Wer sind wir?

Die englischen Krawalle als Nachtseite des Liberalismus

Von 17. August 2011 um 14:38 Uhr

Ein außergwöhnlich scharfsinniger Artikel von David Goodhart, dem ehemaligen Herausgeber des linksliberalen “Prospect Magazine” (bitte ganz lesen):

“These riots happened for one overwhelming reason. The police lost control of the streets on Sunday and suddenly lots of bored kids saw an opportunity to create mayhem with a very low likelihood of being caught.

Law and order, like paper money, is a sort of confidence trick. For a short period its mask (or helmet?) slipped and all those inclined to resent authority, who feel the official world is against them in some way and enjoy the thrill of small scale violence, saw their chance.

(…)

British politics has been dominated in recent years by a combination of economic and social/cultural liberalism. The teeny-bopper looter represents the dark side of that liberalism—the damaged off-spring of a decent and tolerant but also fluid and unstructured society.

This is not to say that “society is to blame” in any silly, leftist way. We may be economically liberal but that has not prevented billions of pounds being spent in recent years on improving schools and infrastructure in the inner city, and billions more on benefits for those unable or unwilling to find decent employment. The recession and spending cuts will not yet have undone all of that.

And the social and cultural liberalism has also brought huge improvements to the inner city over recent decades. The minority communities, which often dominate numerically in the inner city, face far less overt racism, policing has improved and much money and public policy effort goes into trying to increase the upward mobility of the inner city child.

And yet many of the inner city kids have barricaded themselves into an un-political counter-culture of contempt for the mainstream world.  Liberal Britain has had no response.

(…)

The shooting of a young black man, Mark Duggan, in Tottenham gives the original rioting a link to the race politics disturbances of the 80s, and there clearly is still a problem between young blacks and the police with stop-and-search laws.

But by all accounts, relations between the black community and police have vastly improved.  Operation Trident, the police operation to combat the hugely disproportionate gun crime in the black community, was requested by the black community itself.  It is generally regarded as a success.

The London rioters I saw and heard interviewed did complain about the killing of Mark Duggan but their real complaint seemed to be the police’s power to stop them from committing crime! It’s as if they think it’s unfair that they are not as powerful as the police.

(…) It may also signify a garbled account of modern multiculturalism in which all are meant to be have equal power and any departure from that, or indeed any personal setback, is racialized.

People on the left will say that the culture of disaffection is also fanned by the surrounding consumer culture and the “get rich quick” casino economy. Perhaps they have half a point. But a rapper called JaJa, who said if he was younger he would have been out with the kids, felt closer to the truth when he pronounced that most of them were doing it for fun and to feel powerful – “for fifteen minutes of fame.”

We should neither stigmatize nor sentimentalize black inner city communities We should instead ask clear questions about what can be done about family breakdown and the crisis of authority both in those communities where the problems are particularly acute and in the rest of Britain.

Many black leaders of both left and right have been uncompromising in their denunciation of the rioters. They have not reached for excuses.

David Lammy, the Labour MP for Tottenham, pointed to the fact that more than half of the children in his area are being raised by one parent – but as a part explanation, not as a justification.

Shaun Bailey, the black Tory, says that too many black kids have been raised hearing a lot about their rights but not much about duties and responsibilities. Bailey says it is down to “the community” to sort itself out.  He is probably right, but it will need the intelligent help of the local and national state and the surrounding society.

(…)

Public policy cannot stop young girls getting pregnant or young men joining gangs. But politics can help to change and challenge attitudes. And it can challenge the culture of disaffection by providing more structure to people’s often chaotic lives.

Liberalism works well for people with the cultural resources and family support to enjoy freedom. But freedom in the inner city can mean purposelessness and unpunished transgression.

So what would more structure mean? Economics still does matter. In retrospect, opening the door to nearly 1 million east Europeans before we had sorted out the training and employment of the inner city hardcore kids was a mistake.

(…)

In the 1980s there were genuine grievances to riot about.  Today there is just a sullen disaffection. These were truly post-political riots, style riots, boredom riots, feel-good riots, look-at-me riots, riots at the end of history.”

Kategorien: Debatte, Wer sind wir?

Die Psychologie der britischen Plünderer

Von 10. August 2011 um 13:05 Uhr

Ein interessanter Artikel von Zoe Williams im Guardian versucht den jungen Leuten auf die Spur zu kommen, die während der Krawalle Sportschuhe und Flachbildschirme klauen:

The first day after London started burning, I spoke to Claire Fox, radical leftwinger and resident of Wood Green. On Sunday morning, apparently, people had been not just looting H&M, but trying things on first. By Monday night, Debenhams in Clapham Junction was empty, and in a cheeky touch, the streets were thronging with people carrying Debenhams bags. Four hours before, I had still thought this was just a north London thing. Fox said the riots seemed nihilistic, they didn’t seem to be politically motivated, nor did they have any sense of community or social solidarity. This was inarguable. As one brave woman in Hackney put it: “We’re not all gathering together for a cause, we’re running down Foot Locker.”

I think it’s just about possible that you could see your actions refashioned into a noble cause if you were stealing the staples: bread, milk. But it can’t be done while you’re nicking trainers, let alone laptops. In Clapham Junction, the only shop left untouched was Waterstone’s, and the looters of Boots had, unaccountably, stolen a load of Imodium. So this kept Twitter alive all night with tweets about how uneducated these people must be and the condition of their digestive systems. While that palled after a bit, it remains the case that these are shopping riots, characterised by their consumer choices: that’s the bit we’ve never seen before. A violent act by the authorities, triggering a howl of protest – that bit is as old as time. But crowds moving from shopping centre to shopping centre? Actively trying to avoid a confrontation with police, trying to get in and out of JD Sports before the “feds” arrive? That bit is new.

By 5pm on Monday, as I was listening to the brave manager of the Lewisham McDonald’s describing, incredulously, how he had just seen the windows stoved in, and he didn’t think they’d be able to open the next day, I wasn’t convinced by nihilism as a reading: how can you cease to believe in law and order, a moral universe, co-operation, the purpose of existence, and yet still believe in sportswear? How can you despise culture but still want the flatscreen TV from the bookies? Alex Hiller, a marketing and consumer expert at Nottingham Business School, points out that there is no conflict between anomie and consumption: “If you look at Baudrillard and other people writing in sociology about consumption, it’s a falsification of social life. Adverts promote a fantasy land. Consumerism relies upon people feeling disconnected from the world.”

The type of goods being looted seems peculiarly relevant: if they were going for bare necessities, I think one might incline towards sympathy. I could be wrong, but I don’t get the impression that we’re looking at people who are hungry. If they were going for more outlandish luxury, hitting Tiffany’s and Gucci, they might seem more political, and thereby more respectable. Their achilles heel was in going for things they demonstrably want.

Kategorien: Debatte, Wer sind wir?

Wer an den britischen Riots schuld ist

Von 9. August 2011 um 19:00 Uhr

Katharine Birbalsingh sagt in ihrem Blog alles Nötige über die Riots und die Verantwortung der Täter (und ihrer Eltern):

Many of these mindless thugs involved in the riots don’t think more than 10 minutes into the future. They think that stealing trainers is ‘fun’, not even considering that it might be wrong. Many of them are, quite literally, unable to read and write: 17 percent of 15-year-olds are functionally illiterate. If you de-educate an entire generation, if you constantly make excuses for their behaviour, if you never teach them the difference between right and wrong, then chaos is what you reap. These young people are just implementing what they’ve learnt at school!

Teachers can only keep the peace in the classroom because they have established authority. Where there is order in classrooms, children show respect because they have been taught to respect teachers. ONE teacher can therefore command the respect of hundreds of children. It is the same with the police and order in society. The police cannot hope to outnumber the rioters. As a civilised society, we rely on a sense of morality in our people to keep the order. How did the Japanese survive their recent nuclear disaster? They queued quietly for food and help, and waited. They didn’t say ‘ME ME ME’! Do young people wear hoodies in Japan? Do Japanese children question their teacher’s authority? Do Japanese adults defend the appalling behaviour of their youth? NO.

We are an international disgrace. What would happen if the teacher left her classroom and said that she was ‘keeping a close eye on things from her holiday home’? Theresa May, Home Secretary, was the only one of our leaders, whether Conservative or Labour, who returned from holiday immediately when Tottenham exploded. Where were all of our leaders? If even our politicians refuse to take responsibility for their ‘classrooms’, then how can we expect the children to remain in their chairs?

Ken Livingstone blames everything from Thatcher to the Conservatives to lack of youth clubs. Darcus Howe is comparing our riots to Syria’s! I look on in horror at our BBC reporters, as well as ordinary people being interviewed on TV, as they all chant the usual mantra without even thinking: cuts, cuts, cuts. A man whose shop had been looted met Nick Clegg on the street, clearly distressed, and rather than blame the looters, he attacked the Deputy Prime Minister over the cuts. What is wrong with everyone? Have we been brainwashed by aliens?

Even the sensible people (and there have been a few) refuse to denounce ALL of the violence. Brixton, Croydon, Birmingham are bad, but Tottenham somehow was ‘understandable’. Come again? You mean sometimes looting and violence are acceptable? Apparently, the Tottenham riots are understandable because the police shot Mark Duggan (father of four, according to the Guardian). Do we really think that the police went out and killed a random innocent man? Or rather, as the local residents say, was he not a ‘major player’ in the Tottenham criminal underworld? They say he ‘lived by the gun’, and caused ‘grief’ to local people. Some say he was a crack cocaine dealer. His fiancée says he was determined not to go back to jail (so he has been in jail) and he has a child with her and another woman. She also has another 2 children from another man. Yet what do Mark Duggan’s parents say? That he was a good father and a respected member of the local community. How can someone with that reputation be considered a respected member of the local community?

Was Mark Duggan a good father? Who knows! Certainly, Jens Breivik, father of the Norway bomber, was absent during his son’s childhood. He refused to see his 16-year-old son because he ‘wasn’t ready’ (whatever that means). Jens Breivik, rather than feeling remorse for having failed as a father, was only interested in his own reputation when the appalling Norway killings took place. But when I criticised him, I was shot down by ordinary readers of this blog. How dare I criticise parents when I am not a parent myself! White readers say that they are unable to speak about black absent fathers because they’re white. Fine. But is Jens Breivik black? Yet no one was willing to be critical of his questionable parenting. Parents teach their children the difference between right and wrong. If they are absent, then the child grows up without a moral compass.

These criminals are responsible for their behaviour but so are their parents who sit at home, knowing their children are out there, looking forward to the goodies their children will bring home. I am so angry, so ashamed, so utterly dismayed. The vast majority of these criminals are black. No one will say it. I hang my head in shame, both as a black person and as a teacher. I naively thought if I could tell people what was happening in our schools that we would change things. I wrote a book, thinking that this would stop the liberals from the excuse-making. But instead, I was told I had made it all up. Our great capital city is on fire and even this isn’t enough to convince people that the excuse-making must stop!

What does the Socialist Workers Party say? “These riots are a bitter reaction to racist policing and a Tory Government destroying people’s lives.” It beggars belief. Our reaction to these riots is the greatest worry. What will defeat us is not the rioters. Scary as they are, they are a minority of yobs. What will defeat us is the power of bad ideas. Given our refusal to change, the worst is yet to come.

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Die britischen Krawalle müssen gestoppt werden

Von um 17:38 Uhr

Juan Cole schreibt zu den unfaßlichen Attacken des Mobs in London (und mittlerweile auch in anderen britischen Städten);

The unfortunate riots in Tottenham in London tell us a great deal about the problems of immigrant communities, and what they say to us most eloquently is that people want to be treated with justice. They want to be treated in accordance with a rule of law, and not singled out for extra policing on the basis of racial profiling. The demonstrations were set off by the police shooting of an African-Carribean man, and came in part in protest against the constant pat-downs to which African-Caribbeans are subjected by police.

Aha, es ist also eine Art progressive Gewalt am Werk? Die Leute, die plündernd und brandschatzend durch die Viertel ziehen, wollen einfach nur “gerecht behandelt werden”? Eine gerechte Behandlung für dieses Mobverhalten wäre meines Erachtens eine saftige Gefängnisstrafe. Aber die Polizei mußte teilweise die Viertel aufgeben, weil sie in viel zu geringer Zahl aufgestellt war. Schon diese Tatsache spricht der Cole’schen Deutung Hohn.

Cole demonstriert hier auf deprimierende Weise den Bankrott linken Denkens über öffentliche Sicherheit. Die Sicherheit des öffentlichen Raums sollte eigentlich eine Priorität gerade linker Politik sein, denn die ärmsten Bürger sind auf diesen öffentlichen Raum angewiesen, weil sie sich nicht in “gated communities” zurückziehen können. Es ist bizarr, die Krawalle auf die Ungleichbehandlung schwarzer Jugendlicher zurückzuführen. Selbst der linke Guardian schreibt heute in seinem Leitartikel, dass die Polizei in den letzten Jahrzehnten ihren Auftritt in den Problemvierteln verändert hat:

“that there have been major changes, almost all of them for the better, in the policing of London and of black communities, in the years since Scarman. Police training, behaviour, leadership, methods and accountability have all been qualitatively improved. Tottenham is also an improved place in countless ways.”

Es sind vor allem die Bewohner der ärmeren Viertel, die zu den Geschädigten gehören, die kleinen Geschäftsleute, die sich dort ein Leben aufgebaut haben mit ihrer eigenen Hände Arbeit. Genau wie bei den Berliner Mai-Krawallen ist es die Lust an der Gewalt, die sich notdürftig politisch kostümiert. Nützliche Idioten wie Juan Cole leisten dieser Barbarei Vorschub, wenn sie sie als Aufstand gegen Ungerechtigkeit adeln. Ist die Gewalt des Mobs besser als der Terror rechter Kameradschaften, die durch Einwandererviertel marschieren? Nein, es ist nur eine andere Form von “outburst of resentment”, wie der Guardian trefflich formuliert. Eine zivilisierte Gesellschaft – und gerade eine auf Diversität bauende wie in unseren westlichen Einwanderungsländern – muß dem Mob in jeder Ausprägung mit Härte und Entschlossenheit entgegentreten.

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Haben Juden in Europa eine Zukunft?

Von 20. Januar 2011 um 15:51 Uhr

Ich war in den letzten zwei Wochen in Malmö, Amsterdam, Budapest und wieder in Amsterdam, um mir ein Bild von den Schwierigkeiten der jüdischen Gemeinden mit einem neuen (?) Antisemitismus zu machen. Ich habe mit Rabbinern, Gemeindevorständen, gewöhnlichen Juden (fromm, säkular, orthodox, liberal) und auch mit aktiven Gemeindemitgliedern gesprochen.

Und das vorläufige Ergebnis ist: nicht gut. Der Sohn des bekanntesten Amsterdamer Rabbiners sagt mir, dass er in einem Jahr emigriert, wenn sein Studium fertig ist. In Budapest traf ich zwei betont weltgewandte, moderne ungarische Juden, die sich erst gegen den Holocaust- und Opferdiskurs der etablierten Gemeinde verwahren. Und dann, nach ihrer Zukunft befragt, sagen sie: Wahrscheinlich nicht in Budapest, obwohl sie diese Stadt “wie verrückt lieben”. Sie müssen sich permanent für ihr Judentum rechtfertigen, und für Israel. Der Sohn des Rabbiners sagt, er selber komme schon damit klar, man trägt halt Baseballkappe statt Kippa in bestimmten Vierteln. Aber seinen Kindern will er das nicht zumuten.

In Malmö ist die Lage so, dass vor allem junge Paare mit Kindern wegziehen. Erkennbare Juden werden beschimpft und bespuckt. Der sozialdemokratische Bürgermeister hat der Gemeinde zynischer Weise geraten, sie solle sich vom Gaza-Krieg Isarels distanzieren, dann werde die Lage schon besser werden. Schwedische Juden werden also als Agenten und Repräsentanten einer fremden Regierung behandelt – von einem schwedischen Bürgermeister (eine Art geistige Ausbürgerung).

Ein Großteil des neuen Antisemitismus kommt von muslimisch geprägten Einwanderern und ihren Kindern. In Amsterdam sind es vor allem marokkanischstämmige Jungs, in Malmö Somalier. Aber das ist nur eine Facette. Die islamisch/islamistische Judenfeindschaft tritt neben den linken Antiisraeldiskurs (mit dem sie sich teils vermischt). In Ungarn hingegen lebt der “klassische” faschistische Antisemitismus wieder auf. Dort sind Rechtsradikale die Hauptquelle, wie auch im deutschen Osten.

Die Regierungen tun nichts oder zu wenig. Gestern war ich in Amsterdam bei Frits Bolkestein, dem ehemaligen EU-Komissar und zuvor Vorsitzenden der liberalen VVD. Er hat mit seiner Äußerung, Juden hätten in den Niederlanden keine Zukunft, wenn sie als solche erkennbar leben wollten, die jüngste Debatte ausgelöst. Bolkestein ist hoch beunruhigt und beschämt über diese Entwicklung in seinem Land. Er hat den Krieg in Amsterdam erlebt und weist daraufhin, dass die Holländer schon unter den Nazis gut im “wegkijken” (wegschauen) waren. Er sieht heute (ohne die Situation gleichsetzen zu wollen) eine ähnliche Haltung am Werk, wenn im Stadion gegen die Spieler von Ajax Amsterdam gilt als “jüdischer” Verein) gehetzt wird mit Sprüchen wie “Hamas, Hamas, die Juden ins Gas”.

Die Frage ist, ob sich nicht gerade ganz Europa im “wegkijken” übt. Über die möglichen Folgen davon schreibe ich für die nächste Nummer einen ausführlichen Bericht.

In eigener Sache

Von 11. Januar 2011 um 17:18 Uhr

Ich bin derzeit viel unterwegs, um über den Antisemitismus zu recherchieren, der jüdischen Gemeinden überall in Europa – zum Beispiel in Malmö, Amsterdam und Budapest zu schaffen macht. Zum Bloggen komme ich da kaum. Demnächst mehr von den interessanten, teils auch ziemlich erschütternden Begegnungen auf diesen Reisen.

In der Zwischenzeit sei auf zwei englischsprachige Veröffentlichungen meiner Sachen verwiesen, die recht frisch sind. Reset (das italienische Magazin) hat meinen Kommentar zu dem Massaker an Kopten gebracht. Und die englischsprachige Version der “Internationalen Politik” hat einen Blogbeitrag (extended und remixed) für druckwürdig befunden (hier online).

Was kommt nach dem Pumpkapitalismus?

Von 29. April 2009 um 16:02 Uhr

Ein großartiger Essay von Ralf Dahrendorf im Merkur über die Welt nach der Krise. Auszüge:

Die hier verfochtene These ist, dass wir einen tiefgehenden Mentalitätswandel erlebt haben und dass jetzt, in Reaktion auf die Krise, wohl ein neuerlicher Wandel bevorsteht. Man kann dem hinter uns liegenden Wandel einen simplen Namen geben: Es war ein Weg vom Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus. (Ich habe diesen Weg vor einem Vierteljahrhundert beschrieben.(1)) Es geht also um vorherrschende Einstellungen zu Wirtschaft und Gesellschaft. Das sind nicht etwa nur Einstellungen der Unternehmer und Manager aller Art, sondern auch der Verbraucher, also der meisten Bürger. Das ist wichtig, auch wenn viele es nicht gerne hören, weil sie lieber ein paar Schuldige an den Pranger stellen wollen, als Selbstkritik zu üben.

Die Mentalitäten, von denen hier die Rede ist, haben etwas zu tun mit Max Webers Analyse Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Die brillante Schrift hat ihre Schwächen, Richard Henry Tawney hat schon früh gezeigt, dass es auch in katholisch geprägten Gegenden Kapitalismus gab.(2) Plausibel bleibt jedoch Webers These, dass der Anfang des kapitalistischen Wirtschaftens eine verbreitete Bereitschaft verlangt, unmittelbare Befriedigung aufzuschieben. Die kapitalistische Wirtschaft kommt nur in Gang, wenn Menschen zunächst nicht erwarten, die Früchte ihres Tuns genießen zu können. In jüngerer Zeit ist diese Wirkung häufig eher durch staatlichen Zwang erzielt worden. Russland, auch China haben diesen »sowjetischen« Weg genommen. Es lässt sich aber argumentieren, dass es in Teilen Europas eine Zeit gab, in der religiöser Glaube Menschen zum Verzicht und zum Sparen trotz harter Arbeit anhielt. Im calvinistischen Protestantis mus zumal galt das Jenseits als der Ort der Belohnung für den Schweiß der Arbeit im Diesseits.

Max Weber hatte England und Amerika im Sinn, als er derlei schrieb, wobei er für die luthersche Variante Raum fand. Auch gibt es in Europa noch sehr alte Leute, die sich an eine Zeit erinnern können, als Arbeit und Sparen die prägenden Lebensmaximen waren. (In den Vereinigten Staaten haben Veränderungen schon früher, gleich nach dem Ersten Weltkrieg, begonnen.) Seitdem aber hat überall ein Mentalitätswandel stattgefunden, den Daniel Bell in seinem Buch Cultural Contradictions of Capitalism in mehreren Aufsätzen beschrieben hat. Sein Thema dort ist »die Entwicklung neuer Kaufgewohnheiten in einer stark auf Konsum angelegten Gesellschaft und die daraus resultierende Erosion der protestantischen Ethik und der puritanischen Haltung«.

Das Buch erschien 1976. Schon damals sah Bell ein explosives Paradox im Kapitalismus. Auf der Seite der Produktion werden weiter die alten Werte von Fleiß und Ordnung verlangt; aber der Antrieb der Produktion ist in zunehmendem Maße »materialistischer Hedonismus und psychologischer Eudaimonismus«. Mit anderen Worten, der entwickelte Kapitalismus verlangt von den Menschen Elemente der protestantischen Ethik am Arbeitsplatz, aber das genaue Gegenteil jenseits der Arbeit, in der Welt des Konsums. Das Wirtschaftssystem zerstört gleichsam seine eigenen Mentalitätsvoraussetzungen.

Als Bell das schrieb, war der nächste Schritt der Wirtschaftsmentalität noch nicht getan, nämlich der vom Konsumwahn zum fröhlichen Schuldenmachen. Wann begann dieser Weg? In den achtziger Jahren gab es jedenfalls schon Menschen, die für ein paar hundert Mark auf eine sechswöchige Weltreise gingen und deren tatsächliche Kosten noch abzahlten, als schon niemand von ihren Freunden und Bekannten die Dias mehr sehen wollte, die sie in Bangkok und Rio gemacht hatten. Daniel Bell spricht zu Recht vom Ratenzahlen als dem Sündenfall. Nun begann der Kapitalismus, der schon vom Sparkapitalismus zum Konsumkapitalismus mutiert hatte, den fatalen Schritt zum Pumpkapitalismus.

Ein Zurück zur protestantischen Ethik wird es also nicht geben. Wohl aber ist eine Wiederbelebung alter Tugenden möglich und wünschenswert. Ganz wird man Daniel Bells Paradox des Kapitalismus nicht auflösen: Der Antrieb des modernen Kapitalismus liegt in Präferenzen, die die Methode des modernen Kapitalismus nicht gerade stärken. Weniger abstrakt formuliert: Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht bleiben Erfordernisse der Voraussetzungen des Wohlstandes; der Wohlstand selbst aber bedeutet Genuss, Vergnügen, Lust und Entspannung. Menschen arbeiten hart, um im strengen Sinn überflüssige Dinge zu schaffen. Da tut es gut, an Ludwig Erhards ständige Mahnungen zum Maßhalten zu erinnern. Es ist auch wichtig, dass Menschen den Bezug zu unentbehrlichen Elementen des Lebensstandards – in diesem Sinne zu Realitäten – nicht verlieren.

Hat die Welt nach der Krise einen Namen? Das Fragezeichen, mit dem diese Anmerkungen begonnen haben, bleibt bestehen. Allzu viele Ungewissheiten verbieten die entschiedene Stellungnahme für den einen oder anderen Begriff. Zum Sparkapitalismus werden wir nicht zurückkehren, wohl aber zu einer Ordnung, in der die Befriedigung von Bedürfnissen durch die nötige Wertschöpfung gedeckt ist. Der »rheinische Kapitalismus«, also die Konsenswirtschaft der Großorganisationen, hat wahrscheinlich ausgedient. Sogar die Frage muss erlaubt sein, ob das System der Mitbestimmung irgend hilfreich war und ist bei der Bewältigung der Krise. Wenn die Frage nicht eindeutig bejaht werden kann, ist neues Nachdenken über die Formen der Berücksichtigung der »stakeholder« nötig. Der Pumpkapitalismus muss jedenfalls auf ein allenfalls erträgliches Maß zurückgeführt werden. Nötig ist so etwas wie ein »verantwortlicher Kapitalismus«, wobei in dem Begriff der Verantwortung vor allem die Perspektive der mittleren Fristen, der neuen Zeit, steckt.

 

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