Die Helfer

Der NSU-Prozess ist auch der Versuch, Licht in ein verschwiegenes Netz aus mutmaßlichen Unterstützern zu bringen. Die mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, verließen sich vor, bei und nach ihrer Flucht 1998 auf Helfer. Das Leben, das sie bis zur Aufdeckung 2011 im Untergrund führten, wäre ohne hilfsbereite Kameraden nicht denkbar gewesen.

Manche bereuten später ihren Beistand – die meisten jedoch schweigen oder berufen sich auf Erinnerungslücken. Für einige von ihnen könnten ihre Handlungen juristische Folgen haben: Der Generalbundesanwalt prüft in mehreren Fällen eine Anklage. Eine Übersicht der wichtigsten Zeugen:

 

Zeugen, gegen die ermittelt wird

 

Matthias D.
Der Fernfahrer aus Zwickau soll mehrmals Wohnungen unter seinem Namen für den NSU gemietet haben – darunter auch die letzte Bleibe in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau. Im Erzgebirge, seiner Heimat, war er Anführer einer Organisation von Rechtsradikalen. Im Juli 2014 verweigerte er vor Gericht die Aussage.

Max-Florian B.
„Max“ – unter diesem Tarnnamen lebte Uwe Mundlos bis zuletzt im Untergrund. Bei der Identität handelte es sich um den Namen von Max-Florian B., dessen Geburtsurkunde im niedergebrannten Haus in der Frühlingsstraße gefunden wurde, ebenso wie ein Reisepass auf seinen Namen. Zudem soll B. das Trio nach dessen Untertauchen 1998 in seiner Chemnitzer Wohnung schlafen lassen haben. Gegen ihn wird ermittelt, er verweigerte im April 2014 die Aussage.

Mandy S.
Die Friseurin aus dem Erzgebirge soll das NSU-Trio Anfang 1998 in der Wohnung ihres damaligen Lebensgefährten Max-Florian B. einquartiert haben. Auch soll sie Beate Zschäpe einmal ihre Krankenkassenkarte geliehen haben. Beate Zschäpe bediente sich bis zuletzt der Identität von S. Gegen die Zeugin läuft ein Ermittlungsverfahren, dennoch äußerte sie sich als einzige Beschuldigte im Februar 2014 vor Gericht.

Susann E.
Die Frau des Angeklagten André E. soll das NSU-Trio gemeinsam mit ihrem Mann wöchentlich in Zwickau besucht haben, mit Beate Zschäpe wollte sie ein Konzert der Komikerin Cindy aus Marzahn besuchen. Die Freundin nutzte immer wieder E.s Identität inklusive Personalausweis, auch besaß sie eine Bahncard auf E.s Namen. Der Generalbundesanwalt nahm Ermittlungen gegen E. auf, im Zeugenstand verweigerte sie die Aussage.

Jan W.
In rechtextremen Kreisen machte sich W. als Anführer der sächsischen Division von Blood & Honour einen Namen, einer militanten Neonazi-Organisation. Er soll gebeten worden sein, auf Kosten des Netzwerks Waffen für das Trio zu beschaffen – ob das geschah und ob sie zum Einsatz kamen, soll ein Ermittlungsverfahren klären, das gegen W. läuft. Im Oktober 2014 machte er als Zeuge von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch.

Thomas S.
Der vorbestrafte Thomas S. aus Dresden soll dem Trio 1996 oder 1997 ein bis zwei Kilo TNT-Sprengstoff übergeben haben, aus dem die drei unter anderem Rohrbomben bastelten. Nach der Flucht der drei half er ihnen mehrmals bei der Suche nach Unterkünften. Zeitweise soll er eine Romanze mit Beate Zschäpe gepflegt haben. Gegen ihn wird ermittelt – deshalb nutzte er sein Recht, vor Gericht die Aussage zu verweigern.

Pierre J.
J. betrieb zwei Computerläden in Zwickau und Chemnitz. Er soll dem NSU 2002 und 2003 mehrere Waffen beschafft haben, darunter eine Pumpgun. In Vernehmungen bei der Polizei stritt er den Vorwurf ab, ein Verfahren gegen ihn ist noch anhängig. Als Zeuge ist er bislang nicht nach München geladen.

Hermann S.
S. leitete im Jahr 2002 die Zwickauer Computerladen-Filiale, die Pierre J. gehörte. Als solcher könnte er Uwe Mundlos eine Waffe übergeben haben, sie sollen sich gut gekannt haben. Telefonnummern von S. stellten Ermittler im Brandschutt der Frühlingsstraße sicher. S. bestritt den Verdacht. Die Bundesanwaltschaft leitete daraufhin ein Verfahren gegen S. ein. Als Zeuge musste er bislang nicht aussagen.

 

Zeugen, gegen die derzeit nicht ermittelt wird

Tino Brandt
Brandt war eine der schillerndsten Figuren in der rechten Szene Thüringens – wodurch der Verfassungsschutz auf ihn aufmerksam wurde: Von 1994 bis zu seiner Enttarnung 2001 lieferte er als V-Mann Informationen. In der von ihm gegründeten Organisation Thüringer Heimatschutz sammelten sich Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesland – das spätere NSU-Trio eingeschlossen. Nach deren Flucht sammelte Brandt Spenden, einmal leitete er sogar eine Zahlung des Geheimdienstes an sie weiter. Bei einer seiner Vernehmungen im Sommer nannte er Beate Zschäpe „keine dumme Hausfrau“ – wirkliche Erkenntnisse lieferte er jedoch nicht. Derzeit sitzt Brandt wegen Kindesmissbrauchs in Haft.

André K.
Ohne K. lief wenig in der rechtsextremen Szene von Jena: Der bekennende Rechte gehörte damals zu den Anführern der radikalen Gruppe Nationaler Widerstand Jena, in der sich auch das NSU-Trio sowie der Mitangeklagte Ralf Wohlleben bewegten. Nach dem Untertauchen 1998 soll er Kontakt zu den dreien gehalten und Pläne für eine Flucht nach Südafrika geschmiedet haben. Zudem soll er versucht haben, im Auftrag von Tino Brandt gefälschte Pässe für sie zu besorgen. Im Prozess berief er sich immer wieder auf Erinnerungslücken. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde mittlerweile eingestellt.

Enrico T.
T. soll am Schmuggel der NSU-Mordpistole Ceska 83 beteiligt gewesen sein: Laut Bundesanwaltschaft vermittelte er den Kontakt zwischen einem Schweizer und einem Mann aus Jena – so kam die Waffe über die Grenze. T. gilt als Waffennarr. Für ihn spitzte sich die Lage zu, als er sich in einem Verhör in Widersprüche verstrickte. Gegen ihn wird derzeit nicht ermittelt. Vor Gericht machte er zum Ärger der Prozessbeteiligten immer wieder Gedächtnislücken geltend.

Thomas R.
Der Zeuge fiel im Prozess durch sein vierschrötiges Aussehen auf – und durch seine angeblichen Erinnerungslücken. So konnte er sich nicht erinnern, das NSU-Trio 1998 kurzzeitig in seiner Wohnung aufgenommen zu haben – was nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft der Fall war. R. bewegte sich zudem in der Organisation Blood & Honour und soll eine Zeitschrift herausgegeben haben, für die Uwe Mundlos Beiträge schrieb.

Jürgen H.
Zeuge H. soll 1998 und 1999 den Kontakt zum geflüchteten Trio gehalten haben, indem er Anrufe über Telefonzellen führte. Er fungierte als Bote zwischen den dreien und Ralf Wohlleben. In dessen Auftrag soll er auch Geld an die Untergetauchten weitergegeben haben sowie ein Paket, in dem sich möglicherweise eine Waffe befand. Zudem half er beim Verkauf mehrerer Exemplare des rassistischen Pogromly-Spiels, mit dessen Herstellung Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt Geld verdienten. Im Mai 2014 antwortete er vor Gericht betont einsilbig.