Musik zwischen Disko und Diskurs

Autoren Archiv von Frank Sawatzki

Dieses seltsam zarte Jaulen

Von 6. Januar 2012 um 09:14 Uhr

Aus dem Land der Hinterwäldler auf die flackernden iPods: Die amerikanische Folk-Frau Laura Gibson sucht die Zukunft in den Bildern der Vergangenheit.

© City Slang

Barfuß steht das Mädchen am Lagerfeuer, hat sich eine Decke um den Leib gezogen, ihr Blick ist geradeaus auf den Betrachter gerichtet. Und weil das Foto lange belichtet worden ist [weiter...]

Kategorien: Folk, Pop

Urmutter der Elektronik

Von 19. Dezember 2011 um 12:10 Uhr

Wer war Ursula Bogner? In der Geschichte der ersten deutschen Frau am Synthesizer verschwimmen Echtheit und Täuschung zu einer höheren Form des Künstlerischen.

© Faitiche

Ursula Bogner kann jetzt auch singen. Dieses Glück mag schon anderen Künstlerinnen beschieden gewesen sein, die mit instrumentalen oder kompositorischen Fertigkeiten auf sich aufmerksam machten. Ursula Bogner aber ist seit 17 Jahren tot. [weiter...]

Kategorien: Elektronika

Traute Zweisamkeit mit der Sängerin

Von 29. August 2011 um 11:50 Uhr

Als Dear Reader säuselt die Songwriterin Cherilyn MacNeil so wunderbar von den Abgründen des Lebens, dass man ihr gern folgt. “Idealistic Animals” heißt ihr einsames Album.

© Marcus Maschwitz

Im Indie-Pop ist eine gute Geschichte eine zerrissene Geschichte. Knapp links und rechts vom Hauptstrom werden selbstzweifelnde Ich-AGs gegründet, die Leiden des geschundenen Subjekts in musikalische Metaphern gegossen, manchmal trieft Melancholie wie dicker Sirup aus den Rillen. [weiter...]

Kategorien: Pop

Folklore-Echos aus der Tierklinik

Von 6. Juli 2011 um 11:54 Uhr

Das zweite Album des Szene-Messias aus Wisconsin: Der Songwriter Justin Vernon sucht sich auf “Bon Iver” selbst und begibt sich dabei an schwer erklärbare Orte.

© 4AD/Beggars

Wer Alben von Phil Collins besitzt, verrät die Idee des Pop und so manche Beziehung. Das ist einer der Leitgedanken in Nick Hornbys Roman High Fidelity. Eine noch schlimmere Rolle kommt Phil Collins in Bret Easton Ellis’ literarischem Albtraum American Psycho zu [weiter...]

Kategorien: Folk, Pop

Isländische Kita unterwegs nach Afrika

Von 8. Juni 2011 um 10:03 Uhr

Reisen mit Latin, Jazz, Metal und Afrofolk: Die Teenager-Band Retro Stefson bricht von Reykjavík auf in ein Phantasialand der Stile.

© Universal Music

Wenn es das Regelwerk der Coolness gestatten würde, müsste eine Reihe aktueller Bands sich bei Elton John bedanken. Der zum Boulevard-Papa mutierte britische Sänger und Liedautor hat in den Songs zum Musical-Blockbuster Der König der Löwen reichlich Vorarbeit geleistet für das Comeback afrikanischer Klänge in der angloamerikanischen U-Musik. [weiter...]

Kategorien: Pop

David Lynch, übernehmen Sie!

Von 6. April 2011 um 10:47 Uhr

Zerfressener Rockabilly trifft auf Sehnsuchtsmelodien und die Möglichkeiten der Generation Facebook: “Badlands” von Dirty Beaches löst ein schaurig-schönes Kribbeln aus.

Wenn die Lichter ausgehen im großen amerikanischen Kino, dann hört sich die Musik nach schwerem Getöse an. [weiter...]

Kategorien: Pop, Rock'n'Roll

Raus aus der Hütte

Von 27. November 2009 um 10:29 Uhr

Vor einem Jahr wurde der Waldschrat Justin Vernon als Bon Iver bejubelt. Nun begibt sich der Liedermacher mit dem Volcano Choir unter Menschen. [weiter...]

Kategorien: Folk

Herr Lehmann spielt mit

Von 18. September 2009 um 17:50 Uhr

Der Musiker und Buchautor Sven Regener braucht nicht mehr als vier Songs, um eine akustische Milieustudie zu zeichnen. Mit seiner Band Element Of Crime hat er nun ein neues Album veröffentlicht. [weiter...]

Kategorien: Folk, Rock

Deine Rede sei Ja, Ja

Von 16. März 2009 um 09:55 Uhr

Die Pet Shop Boys erzählen auf ihrem neuen Album “Yes” von der Kunst des Überlebens mittelalter Herren im Pop
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Kategorien: Pop

Mein Leben als Musical

Von 16. Mai 2007 um 00:14 Uhr
Patrick Wolf ist der neue Prinz Pop. In seinen Stücken türmen sich Ukulele, Vibrafon und Atari-Computer übereinander. Obendrauf schlägt bisweilen der Disko-Hammer

Patrick Wolf The Magic Position


Es ist eine Eigenart der Briten, dass sie sich aufrichtig über good looks and style freuen können, gleich, welcher Herkunft diese sind. In roten Caprihosen hat sich Patrick Wolf für das Cover seines neuen Albums The Magic Position fotografieren lassen, herrlich auf ein Karussell-Bambi drapiert, um den Hals trägt er eine Art Lametta, die Haare leuchten orangerot, seine Füße sind in spitze, goldene Schuhe gekleidet. Der Junge könnte aus einem bunten Disney-Traum auf die Erde gepurzelt sein, das Cover aber sollte man als Pop-Art-Installation verstehen, in der die Bilder einer heilen Kinderwelt spielerisch ins Androgyne überführt werden.

Patrick Wolf unterscheidet sich nicht nur äußerlich von der gerade aktuellen Klasse der Londoner Gitarrenjugend, distinktionssicher nimmt der 23-Jährige seine Popstarwerdung unter Aufbietung privater Mythen und Erzählungen seit seiner ersten Veröffentlichung Lycanthropy (2003) in Angriff. Es ist die Geschichte vom ehrgeizigen Knaben aus kulturell engagiertem Elternhaus, der das Violinenspiel aufgab, weil er es nur zur zweiten Geige brachte. Der zur Harfe griff, statt sich den Jungsbünden mit den Gitarren anzuschließen. Der geschlagen, gemobbt und verlacht wurde an der Schule, weil er Kleider trug, die die meisten ihren Mädchen nicht anziehen würden. Seine ersten Lieder nahm Patrick Wolf mit Kassettenrekordern und Synthesizern auf, einige davon schickte er seinem Idol Björk, ohne jemals Antwort zu erhalten. Mit 16 vagabundierte er durch London.

Die Inszenierung gilt bei Wolf immer dem eigenen Körper: Auf Lycanthropy war er noch der Lumpenbube, der in seinen verfremdeten Folksongs von Vergewaltigung und Verletzung berichtete, beglaubigt mit Field Recordings vom Trafalgar Square und schlimmen Atari-Geräuschen. Diese Musik, die direkt aus dem Leben um die Ecke zu biegen schien, diente vorbildlich der Illustration eines durchlittenen Martyriums. “It’s wonderful what a smile can hide / if the teeth shine right”, jubiliert Patrick Wolf jetzt zum Auftakt der CD The Magic Position – eine verlängerte Gedenkminute für den Schuljungen und die Last, die dieser so lange auf dem Herzen trug. Die 13 Lieder der neuen Produktion dürfen in prächtigen Streicher- und Posaunen-Arrangements erstrahlen, Wolfs Stimme thront auf wilden Soundgebirgen, deren Innenleben von umhergeisternden Ukulelen, von Vibrafon, Klarinette und Glockenspiel bestimmt wird, und irgendwo im Stollen schlägt auch jemand den Disko-Hammer.

The Magic Position bedient sich durchaus der Hurra-Ästhetik der frühen achtziger Jahre, als Pop für eine kurze Zeit Avantgarde sein konnte, bevor George Michael und Wham! zum Ernst des Lebens übergingen. Es würde niemanden wundern, wenn Patrick Wolf Songs mit Marc Almond (Soft Cell) oder Kevin Rowland (Dexys Midnight Runners) aufgenommen hätte, beim Vertreiben der alten Dämonen aber kam ihm Pop-Ikone Marianne Faithfull zu Hilfe, mit verlebter Stimme. Was ja auch wieder passt, der Entertainer Wolf führt längst sein Leben als Musical auf. Im Video zu The Magic Position hat man ihm bunte Kulissen besorgt und viel Volk, das tanzt. Schaut her, das ist der neue Prinz Pop, bisexuell, mit breiter Brust und immer noch in kurzen Hosen: “You put me in the magic position / to live to learn to love / in the major key.”

„The Magic Position“ von Patrick Wolf ist erschienen bei Loog/Polydor

Dieser Text ist entnommen aus DIE ZEIT Nr. 21/2007

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Kategorien: Pop