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„Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht“

Um dem Massaker von Srebrenica zu entkommen, floh der damals 18-jährige Emin ins Gebirge. Auch 22 Jahre später kann er die Angst, die Schreie, die Toten nicht vergessen.

Srebrenica: "Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht" | Freitext
Freiwillige tragen im Juli 2015 Särge mit identifizierten Opfern des zwanzig Jahre zurückliegenden Massakers von Srebrenica © Matej Divizna/Getty Images

Der Irrweg Emins begann am frühen Morgen des 12. Juli 1995. Tags zuvor war Srebrenica von der bosnisch-serbischen Armee eingenommen worden. Ihr Befehlshaber Ratko Mladić hatte am Stadtrand auf den Stufen eines Cafés angekündigt, als Revanche für 500 Jahre osmanische Besatzung die Enklave zu erobern, durchzumarschieren bis Bratunac. Weiter„„Der Krieg hat einen Sklaven aus mir gemacht““

 

Wir brauchen Kunst als Störenfried

Political Correctness schadet der Kunst, denn die ist niemals eine Meinungsäußerung. Bleiben wir fähig, Vielfalt und Widersprüchliches in unser Denken zu integrieren!

Political Correctness - Wir brauchen Kunst als Störenfried
Joe Klamar/Getty Images

Unbehagen ist ein eigenartiges Gefühl: Selbst sehr deutlich, gelegentlich sogar körperlich spürbar erwächst es aus etwas, das zunächst undeutlich, ungreifbar ist. Nicht von ungefähr sagt man, es beschleicht einen. Anders als das freudsche Unbehagen in der Kultur, das entsteht, weil kulturelle Anstrengungen dem Sexual- und Destruktionstrieb, der zur menschlichen Natur gehört, hemmend und transformatorisch entgegenwirken, ist mein Unbehagen politisch verortet. Weiter„Wir brauchen Kunst als Störenfried“

 

Der Hut macht den Mann

Die Werkstatt von Shmuel Shapira ist 160 Jahre alt. Kunden aus aller Welt kommen zu dem Wiener Hutmachermeister. Es geht nicht um Konsum, sondern um Lebensphilosophie.

Der Wiener Hutmachermeister Shmuel Shapira © Marko Lipuš für ZEIT ONLINE

Über den Musiker und Schauspieler John Lurie schrieb Tad Friend einst im New Yorker: „He wore a Borsalino Fedora and old suits. Between Fourteenth Street and Canal—the known universe, basically—he was the man.” Es waren die Achtzigerjahre, in denen sich John Lurie bewegte, aber die Zeiten, in denen sich ein Mann über seinen Hut definierte, waren eigentlich längst vorbei. Gemeinhin wird der Beginn der Sechszigerjahre als jene Zeit angesehen, in welcher der Hut weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwand – John F. Kennedy war 1961 der erste US-Präsident, der sich ohne angeloben ließ. Weiter„Der Hut macht den Mann“

 

Über den Abgrund hinaus

Ach, lieber FC Kaiserslautern, wie warst du einst glorreich. Aber ich bleibe dir treu und reise mit dir selbst ins letzte Kaff. Eine Liebeserklärung zum Abstieg

1. FC Kaiserslautern: Über den Abgrund hinaus
© Andreas Schlichter/Bongarts/Getty Images)

Madame de Staël sagte, dass Reisen von allen Vergnügen das traurigste sei. Auswärtsfahrende Tifosi des 1. FC Kaiserslautern wissen ganz genau, was sie meinte. Nehmen wir mal das Spiel in Darmstadt: Dort waren wir in dieser Saison zwei Mal, allerdings nicht, weil es so schön war, sondern da das erste Spiel abgebrochen wurde, nachdem Jeff Strasser, unser damaliger Trainer, in der Halbzeitpause kollabiert war – Verdacht auf Herzinfarkt, das ganze Stadion verabschiedete den Krankenwagen mit You’ll Never Walk Alone. Weiter„Über den Abgrund hinaus“

 

Sagt den Kindern nicht, dass sie falsch sind

Als ich ankam, sprach ich kein Wort Deutsch. Aber in der Schule gehörte ich dazu. Werteunterricht für Flüchtlingskinder, wie die Union vorschlägt, würde das verhindern.

© Andreas Rentz / Getty Images

Die Farbe, die ich mir gemerkt habe, war bunt. Alles schien bunt, die Schulranzen glänzten, die T-Shirts der anderen Kinder, die Brotdosen, die sie – wir sprechen hier von Schwaben – Vesperdosen nannten, die Fahrradhelme – wir sprechen hier vom Anfang der Neunzigerjahre – in zwei Farben: Neonpink. Und Neongrün. Weiter„Sagt den Kindern nicht, dass sie falsch sind“

 

Wirf es weg!

Es passiert ja nicht oft, aber endlich sind sich mal alle einig: Wegschmeißen ist das neue Shoppen. Hurra.

© Jon Tyson/unsplash

Wirf es weg, sagen die einen. Endlich mal ausmisten, sagen die anderen. Hach, danach fühlt man sich so befreit, sagen alle. Man ist sich einig: Der Krempel ist der Feind. Er steht auf einer Stufe mit zu viel Körperfett und ist somit ein Garant für ein erfolgloses, suboptimales Leben. Wer an dieser Stelle widerspricht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Messie. Auf jeden Fall aber ein Individualist. Wer seinem Kram lieber behält als wegwirft, begibt sich meinungsmäßig in die totale Isolation.

Alle anderen begeben sich auf den direkten Weg ins Glück. Ein Weg, der erst frei ist, wenn nichts mehr herumliegt. Ein Glück, das nicht besonders originell beschrieben wird: Übersicht, Ordnung, Platz. Okay. Und dann? Weiter„Wirf es weg!“

 

Sind Künstler die besseren Menschen?

Als Kind schlich ich mich heimlich in die Kulisse der Bukarester Oper. Hier lernte ich, wie Kunst uns zu empathischen Wesen macht. Gilt das umso mehr für die Künstler?

© Peter Lewicki/Unsplash

Ich öffnete die Tür und wusste gleich, dass ich nicht hineindurfte, aber ich trat dennoch ein, schritt durch dieses Dunkel, worin ich erst nach und nach die Dinge wahrnehmen konnte, den Tisch da, die Stühle dahinter, die Kleiderständer. Ich vernahm die Atemzüge der Künstler, die zum Licht eilten, zur Bühne. Weiter„Sind Künstler die besseren Menschen?“

 

Die Nähe von Müll und Moral

Aus dem Abfall einer Zivilisation lassen sich deren Lebensumstände herauslesen. Was verrät der Müll auf unseren Straßen über den Zustand unserer heutigen Gesellschaft?

26.06.2016, Fontanestrasse © Michael Disqué und Unbekannt

Im vergangenen Jahr lebte ich, probeweise sozusagen, in einer der saubersten und ordentlichsten Städte, die ich in meinem Leben je betreten habe. Die Ordnung und Sauberkeit in dieser Stadt waren so umfassend, dass sie mir immer wieder neu auffielen. Sie wurden nie zu etwas Selbstverständlichem für mich, das durch seine Selbstverständlichkeit aus der alltäglichen Wahrnehmung verschwunden wäre. Weiter„Die Nähe von Müll und Moral“

 

„Was gibt’s Neues an der Front?“

Unsere Autorin ist Schriftstellerin und nebenher Fußpflegerin in Marzahn. Dass hier nur alte DDR-Bonzen leben, ist ein Klischee. Aber manchmal trifft sie doch einen.

© Sean Gallup/Getty Images

Dieser Text ist Teil unserer Miniserie „Fußpflege in Marzahn“. Alle Folgen finden Sie hier.

Noch immer geistert ein uraltes Vorurteil durch die Köpfe: In der Ostberliner Plattenbausiedlung Marzahn, heißt es, tummeln sich lauter ehemalige DDR-Bonzen und SED-Funktionäre. Das trifft nicht zu, wofür ich, allerspätestens seit ich als Fußpflegerin in Marzahn arbeite, meine Hand ins Feuer lege. Ich betreue die Füße von Maurern, Fleischern, Chemiefacharbeitern, Schneiderinnen, Verkäuferinnen, Krankenschwestern. Eine Elektronikfacharbeiterin ist dabei, eine Rinderzüchterin, eine Tankwartin. Fast alle meine Kunden sind Rentner, manche erst seit Kurzem, manche schon seit langer Zeit. Weiter„„Was gibt’s Neues an der Front?““

 

Erinnerungen, die. Zuhause, das.

Als meine Familie nach Deutschland auswanderte, ließen wir alles zurück. Auch die Sprache. Lange blieb die Angst: Dass man mir ansieht, anhört, anriecht, dass ich anders bin.

Migration und Sprache - Erinnerungen, die. Zuhause, das.
© Reinhard Krull/EyeEm / Getty Images

Zug, der: Schlafwaggons, die Liegen blau. Blaues Plastik, aus dem durch Risse und Löcher der Schaumstoff drängt. Ich habe noch nicht gelernt, mich zu ekeln, und später werde ich es auf eine pubertäre Weise tun: rebellisch und drastisch. Bei der Sauberkeit von Hotelbetten bin ich pingeliger als jeder, mit dem ich jemals verreiste. Weiter„Erinnerungen, die. Zuhause, das.“