BenachrichtigungPfeil nach linksPfeil nach rechtsMerklisteAufklappenKommentareAbspielenPauseAbspielenWiederholen
 

„Manger“

Schlingen und schmatzen, krümeln und krümmen: Der französische Choreograf Boris Charmatz inszeniert eine Fressorgie als provokantes Tanzstück auf Kampnagel.

Boris Charmatz ist dafür bekannt, zielstrebig Unbehagen auszulösen. In seinem schonungslos düsteren Stück Enfant stellte er Menschen als leblose Säcke dar, die von Maschinen beherrscht werden. Auf der Ruhrtriennale 2012 sorgte das nicht nur für Bewunderung – nach kurzer Zeit verließen einige Zuschauer schockiert den Saal. Charmatz, der als kompromissloser Vordenker gilt, bricht eben gerne Tabus, während er seine Tänzer zu Höchstleistungen antreibt. Die neueste Arbeit des Franzosen ist wohl ebenfalls kein Augenschmaus. Mit Essen verbinden Tänzer eher strengste Disziplin denn Genuss, außerdem findet Nahrungsaufnahme in der Regel selten auf der Bühne statt. In Manger steht das Schlingen und Schmatzen im Mittelpunkt. Während die Tänzer Esspapier vertilgen, krümmen und winden sich ihre Körper, als hätten sie Magenkrämpfe. Sie zucken und hüpfen, während aus mampfenden Mündern Popsongs und klassische Melodien erklingen – Kultur als Gegenstück zu absoluter Triebhaftigkeit. In der einstündigen Performance spielt der Starchoreograf mit Ekel und Abscheu und lässt kulturhistorische sowie soziale Fragen in der Luft schweben.

Text: Natalia Sadovnik

Boris Charmatz: manger from herbst remixed on Vimeo.

 

Comedy Pokal

17 Shows zum Schlapplachen – die Hauptrunde dieses Hamburger Wettbewerbs bestreiten unter anderem Robert Alan und Archie Clapp im Goldbekhaus.

Wer mit einer Prise Humor in das neue Jahr starten möchte, ist bei dem 13. Hamburg Comedy Pokal genau richtig. Aus dem gesamten Bundesgebiet reisen 20 Komiker und Kabarettisten an, um vier Tage lang um den skurrilen Frottee-Pokal zu streiten. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht – Hauptsache, das Publikum lacht sich schlapp. Vier Auswahlrunden entscheiden über Sieg oder Niederlage der Künstler und wer letztendlich die begehrte Trophäe in den Händen halten darf. Für die Zuschauer bedeutet das: 17 lustige Shows mit Unterhaltungskünstlern wie Frank Fischer, Costa Meronianakis, Ususmango und Archie Clapp. Hauptrunde (30.1.) und Halbfinale (31.1.) finden in Kulturzentren wie Brakula, dem Haus Drei und der Zinnschmelze statt; zur zweiten Chance (1.2.) lädt das Schmidt Theater; das Finale (2.2.) fechten die sieben Finalisten im Schmidts Tivoli aus. Im Goldbekhaus stehen am 30. Januar Robert Alan und Archie Clapp (Foto) auf der Bühne. Die Moderation übernimmt mit Herrn Momsen der Gewinner des 2. Platzes beim Comedy Pokal 2010 und mittlerweile eine kleine Berühmtheit im Norden.

 

„Stimme X“

Benjamin van Bebbers und Leo Hofmanns experimentelle Musiktheater-Reihe erforscht die menschliche Stimme in all ihren Facetten.

Durch unzählige Castingshows erfuhr die menschliche Stimme im letzten Jahrzehnt neue Aufmerksamkeit. In erster Linie stehen bei den TV-Wettbewerben jedoch Sänger im Rampenlicht, die entweder eine ausgearbeitete „perfekte“ Stimme haben oder jene, die prominenten Vorbildern nacheifern oder diese gar imitieren. Die Macher der experimentellen Musiktheater-Reihe Stimme X haben es sich hingegen zur Aufgabe gemacht, das Unfertige und Unperfekte zu präsentieren. Benjamin van Bebber und Leo Hofmann zeigen ihren Entwurf wir/wir/wir, der Stimme und Klang in allen ihren Facetten erforscht. Nach dem Stimme-X-Debüt Mitte November im Lichthof Theater laden die Macher jetzt zum Nachfolge-Event in die Ateliergemeinschaft S21 nach Rothenburgsort. Am Freitag, den 30., beginnt die Veranstaltung um 19 Uhr. Am Tag darauf geht es um 20 Uhr los.

Text: Natalia Sadovnik

 

Dakini9 im Golem

In der Krypta legt Lola Rephann gruftigen Elektro auf. In der Bar gibt’s Afrobeats von Martin Moritz und Till von Dahlen. Irre Mischung!

Daumen hoch für das Golem und seine experimentellen Veranstaltungen für kosmopolitisches Amüsement. (Wobei im Club wohl lieber ein dezent-anerkennendes Kopfnicken gewünscht wäre.) Auch am 30. Januar beweist der Laden wieder Stil und lädt zum „gruftigen“ Elektroevent. Präsentiert von der Partyreihen DEAR und Woodwork gestaltet Vinyl-DJane Dakini9 alias Lola Rephann den Abend. Die umtriebige Künstlerin aus New Jersey ist neben ihrer Profession am Mischpult übrigens auch Yoga-Lehrerin und Co-Chefin der Labels Plan B und Sound Warrior Recordings – so steht es zumindest in ihrem Profil bei Soundcloud. Zu gruftigen Elektro-Klängen tanzt man in dieser Nacht in der Krypta. Nicht euer Ding? Na dann ist es ja gut, dass Martin Moritz und Till von Dahlen in der Bar eine ziemlich konträre Schiene fahren und hier Afrobeat, Soukous, Chakacha und Benga auflegen. Oder man tauscht alle zwei Stücke die Tanzfläche. Irrer Plan.

 

„Birdman“

Die erste Komödie von Alejandro González Inárritu („Babel“) ist überragend inszeniertes, doppelbödiges Darstellerkino. In den Hauptrollen: Michael Keaton und Edward Norton.

Riggan Thompson (Ex-Batman Michael Keaton) wurde als Comic-Superheld zum Filmstar, doch hat man ihn längst vergessen. Mit einer Broadway-Inszenierung möchte er ein Comeback in die Liga der ganz Großen schaffen. Als Hauptdarsteller engagiert Riggan den exzentrischen Mark Shiner (Edward Norton), der sich als unberechenbarer Heißsporn erweist. Die Premiere naht und Thompson wird von den zahlreichen Frauen seines Lebens und bedrohlichen Stimmen in seinem Kopf geplagt. In seiner ersten Komödie nimmt Alejandro González Inárritu (Babel) die wahnwitzige Unterhaltungsindustrie und das Trachten nach medialer Aufmerksamkeit gnadenlos auf die Schippe. Birdman ist zugleich Satire und Künstlerdrama, bei dem sich Edward Norton sowie der von ihm gespielte Mark Shiner im Sinne des Method Acting vollkommen in ihrem Charakter auflösen und schauspielerisch aufs Ganze gehen. Überragend inszeniertes, doppelbödiges Darstellerkino.

Text: Natalia Sadovnik

 

„Warum Menschen töten“

Polizeipsychologin Claudia Brockmann liest im Polizeimuseum aus ihrem Buch. Darin geht es u.a. um „Kaufhauserpresser Dagobert“ und das in den 1990ern verschwundene Mädchen Hilal.

Seit 27 Jahren ist Claudia Brockmann (LKA Hamburg) brutalen Mördern auf der Spur. Ihre Erfahrungen fasste die Polizeipsychologin im Buch Warum Menschen töten zusammen und liefert damit interessante Einblicke in menschliche Abgründe. Am 29. Januar liest sie im Polizeimuseum Hamburg. Im historischen Wirtschaftsgebäude auf dem Gelände der Polizeiakademie sind viele Beweisstücke von Verbrechen ausgestellt, an deren Aufklärung Claudia Brockmann beteiligt war und auf die sie sich in der Lektüre bezieht. Beispielsweise den Fall um „Kaufhauserpresser Dagobert“, der jahrelang Bomben in deutschen Einkaufstempeln detonieren ließ und eine Million Mark forderte.

Revierwache
Wache der 1960er Jahre: Die Zellentür ist ein Originalstück des Polizeireviers Budapester Straße (Foto: Polizei Hamburg)

Brockmann wird zudem über ihre Erfahrungen mit der Operativen Fallanalyse berichten – einer speziellen Ermittlungsmethode, bei der ein Team aus Kriminalisten, Psychologen und Gerichtsmedizinern mit Biologen, Chemikern, und Ballistikern zusammenarbeitet. Im Eintrittspreis von 10 Euro ist der Besuch der Ausstellung vor der Lesung ab 17.30 Uhr inbegriffen.

Text: Lena Frommeyer

 

„Dort liegt der Hund begraben“

Design-Studierende der HAW stellen ihre Zeichnungen, Animationen und Collagen im Projektor aus. Dazu wird der Film „Der Lauf der Dinge“ gezeigt.

Mit Redewendungen ist das so eine Sache. Sie werden manchmal falsch angewendet. Nehmen wir den Ausspruch „Dort liegt der Hund begraben“. Manch einer benutzt diese Phrase, um zu betonen, dass ein Ort sterbenslangweilig sei. In Wirklichkeit markiert dieser Satz jedoch den Ursprung eines Übels oder einer Schwierigkeit. Sinngemäß: „Da ist der Haken!“

Welche Bedeutung auch immer die Design-Studierenden der HAW meinen, der Titel ihrer Ausstellung Dort liegt der Hund begraben macht neugierig. In Kooperation mit dem mobilen Kino Flexibles Flimmern zeigen sie freie Arbeiten aus den Bereichen Installation, Objekt, Zeichnung, Animation und Collage. Zusammen mit Filmvorführungen, Lesungen und Livemusik bildet der Event ein siebentägiges „Microfestival“. Nach der Eröffnung am 28. Januar, wird am 29. Januar um 20 Uhr der Film Der Lauf der Dinge gezeigt, eine Arbeit des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss, der eine halbstündige Kettenreaktion dokumentiert. Vor der Vorführung serviert das Team Speisen aus der Schweiz. Ticket-Reservierungen sind per E-Mail möglich.

Am Samstag stehen die Musiker Mint Mind (Garage-Fuzz-Rock) und Mawinski (Theremin) auf der Bühne. Am Mittwoch liest Mascha Mandel Zwei halbe Hunde – Geschichten zwischen Mümmelmannsberg und St. Pauli.

Text: Lena Frommeyer

 

Laing

Mit kruder Mischung zum Erfolg: Das Berliner Quartett um Songschreiberin und Produzentin Nicola Rost präsentiert sein neues Album live im Gruenspan.

Mit dem Song Morgens immer müde wurden Laing über Nacht berühmt: einer Elektropopnummer, die den alten Trude-Herr-Schlager gewissermaßen als Chicks-On-Speed-Stück neu dachte. Das Trio klingt auf Platte eher minimalistisch, live überrascht das Ganze als durchdachtes Girlgroup-Konzept: mit Choreographie, Bühnenoutfit und sehr spezieller Lightshow – die Retro-Schreibtischlampen am Mikrofon sind zum Markenzeichen der Band geworden. Dieses Jahr erschien das zweite Album Wechselt die Beleuchtung, mit erfreulich deutlichen Texten („Ich weiß, wie du beim Ficken klingst“), die im Gemütsblabla deutschsprachiger Popmusik ein, nun ja, Lichtblick sind. Nicola Rost, Leadsängerin, Songschreiberin und Produzentin in Personalunion, hat ihren Laden im Griff: ein bisschen NDW, ein bisschen Kraftwerk, ein bisschen Ronettes. Krude Mischung, und darum so zukunftsfähig.

Text: Michael Weiland

 

Gazelle Twin

Elizabeth Bernholz geht dorthin, wo es weh tut. Mit ihrer Musik und Performance rüttelt sie Ängste wach, um sie darauf wieder zu zerschmettern.

Angst kann ein sehr unkonkretes Gefühl sein. Manchmal sehen wir ein Bild, eine Bewegung oder einen Umriss und können uns nicht gegen die Gänsehaut wehren, die es auslöst, ohne sagen zu können, was für Befürchtungen dahinter stecken. Die Britin Elizabeth Bernholz alias Gazelle Twin spielt mit diesen Auswirkungen, verhüllt sich mit einer großen Kapuze, lässt das Licht flackern und Töne flirren und flüstern. Ihre Musik ist eine Reise in unwohlige Traumlandschaften, die den Alltag infrage stellen und sich einem großen übermächtigen Gefühl entgegenstellen. Das Studium der zeitgenössischen Klassik im Hintergrund, nutzt sie ihr Talent, um mit Schreien, Synthies und Rumoren Kompositionen zu erschaffen, die sich Normen widersetzen und eigene Ängste überwinden. Performative Beengung und Befreiung, zur gleichen Zeit!

 

Lasse Matthiessen

Der junge Däne ballt ganze Emotionsstrudel in seinen Songs zusammen und entknotet sie wieder leichtfüßig spielend mit seiner Akustikgitarre.

Man sollte sich nicht täuschen lassen, von diesem jungen Dänen und neuerdings Wahlberliner, dessen Songs oft so leise und vorsichtig anfangen. Denn so manches Mal folgt auf den eben noch so lieblich gezupften Akustikgitarrenmoment just im Anschluss der Ausbruch. Und zwar ein solcher Ausbruch, bei dem einem schon mal ein Schauer den Rücken runterkriechen kann. Lasse Matthiessen steckt schlichtweg jeden Funken Emotion in seine Lieder. Man könnte mutmaßen, dass er nach einem Konzertabend völlig leergespielt von der Bühne kommt, vielleicht ist sein Vorrat aber auch schier unerschöpflich. Sein letztes Album finanzierte er mit Rückendeckung von TV Noir per Crowdfunding. Ein Plan, der nur funktionieren kann, gibt es doch wenig bessere Geldanlagen als einem Musiker wie ihm zu einer neuen Platte zu verhelfen. Ein Konzertbesuch in der Prinzenbar schließt sich da nur logisch an.