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„Dora“

Das Zeise zeigt die wunderbare und verstörende Verfilmung des Theaterstücks „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“.

Dora ist 18 Jahre alt und geistig behindert. Eben erst hat ihre Mutter beschlossen, die Medikamente abzusetzen, die ihre Wahrnehmung stark beeinträchtigen. Womit sie nicht gerechnet hat: Doras Sexualität erwacht explosionsartig. Als die Tochter mit dem zwielichtigen Apotheker Peter ein Verhältnis beginnt und schließlich schwanger wird, sieht sich die Mutter mit eigenen ungelebten Wünschen konfrontiert. Das familiäre Leben gerät aus den Fugen. Der Film Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern, den Stina Werenfels nach dem bekannten Theaterstück von Lukas Bärfuss drehte und der unter anderem im Abaton Kino gezeigt wird, löst von Anfang an ambivalente Gefühle aus. Was ist moralisch richtig, was falsch? Wo beginnt Missbrauch? Wie verhält sich eine gute Mutter? Weder für die Protagonisten noch für die Zuschauer gibt es klare Antworten. Das ist wunderbar und verstörend zugleich.

Text: Katharina Manzke

 

„Mädchen im Eis“

Im Abaton läuft Stefan Krohmers neuer Film über Liebe, spontane Morde und andere Katastrophen am nördlichen Polarkreis an.

Pinguine am Nordpol? Eine gelungene Überraschung bietet am Anfang dieses Mädchen im Eis. Da verbindet ein Schnitt – ebenso tollkühn wie jener in Kubricks 2001, der aus der Vorzeit in die Zukunft führte – scheinbar die entferntesten Sphären. Doch rasch entpuppt sich der Lebensraum der antarktischen Schar als das schnöde Areal eines nördlichen Zoos, in dem der Pinguinwärter Yegor den Besuchern seine Geschichte erzählt.

Sie handelt von unglücklicheren Vertretern der Gattung, die er einem russischen Mogul als Komparsen für einen aufrüttelnden Öko-Clip geliefert hat, der am nördlichen Polarkreis entstehen sollte; von dessen Treffen mit der deutschen Musikerin Winja und einem Mord, den er ihr zuliebe ganz spontan beging; von Winjas Suche nach ihrem russischen Geliebten Andrei sowie von dessen unerwarteter Vaterschaft an der Seite einer Eisschnellläuferin, der er die Windeln zum Training ins nordpolnahe Wintersporthotel hinterhertrug.

Nach dem Babuschka-Prinzip schält sich aus jeder Geschichte die nächste heraus, die sich am Ende zusammen zu einem wunderbaren Ganzen fügen. Zur Hamburg-Premiere kommen Regisseur Stefan Krohmer, Drehbuchautor Daniel Nocke, Produzent Stefan Arndt und Schauspielerin Lucie Heinze ins Abaton.

 

ADC Festival 2015

Hyper, hyper: Der Art Directors Club kapert mit seinem diesjährigen Festival das „kreative Gefahrengebiet“ St. Pauli.

Natürlich wissen Werber, wie man sich in Pose wirft. Ist schließlich ihr Job. Doch belächelt wurde selbst in ihren eigenen Kreisen, wie sehr sich der Kreativenverband ADC mit seinem diesjährigen Festival an die St. Paulianer heranschmeißt. Nicht nur findet das Branchenevent jetzt im Millerntor-Stadion statt, sondern gleichzeitig kapern die Werber auch das Lebensgefühl und den anarchistischen Unterton, der dort herrscht, unverfroren mit.

Denn auch wenn Werber und St. Paulianer eigentlich nur die Gentrifizierung gemeinsam haben, für die die einen sorgen und die anderen bluten, hat der Art Directors Club vom 21. bis 23. Mai das Kreative Gefahrengebiet ausgerufen und darüber hinaus Viral-Videos drehen lassen, in denen der Greenkeeper aus dem St.-Pauli-Stadion über Außenwerbung spricht oder Rotlicht-Legende Kalle Schwensen über Storytelling.

Creating The Digital Hype heißt das diesjährige Motto, eingeladen sind Speaker wie Kevon Allocca von YouTube oder Robert Newlan von Facebook. Zum Auftakt werden am 21. Mai im Operettenhaus die Nägel, wie die ADC-Awards heißen, an die besten Arbeiten des letzten Jahres verliehen und das Ganze dann bei der After-Show-Party gebührend gefeiert.

Text: Sabine Danek

 

„Magical Mystery“

Technojünger wollen auf „Magical Mystery“-Tour gehen: Im Altonaer Theater wird der neuste Roman von Sven Regener inszeniert.

Karl Schmidt, der beste Freund von Frank Lehmann, kehrt aus dem Untergrund Hamburg-Altonas zurück. Die bekannte Figur aus Sven Regeners gleichnamigen Roman ist seit dem Mauerfall in psychischer Behandlung und bricht als Tourbus-Fahrer und Betreuer einer Technogruppe zu einem Roadtrip auf, um seinem Hilfshausmeisterjob zu entkommen. Der Frontmann der Band Element of Crime, der durch sein Romandebüt Herr Lehmann und den gleichnamigen Film bekannt wurde, lieferte die unterhaltsame und melancholische Romanvorlage. Die Bände Neue Vahr Süd und Der kleine Bruder wurden ebenfalls bereits als Film oder Theaterstück verarbeitet. Die Bühnenfassung zu seinem neuesten Roman Magical Mystery entstand in Zusammenarbeit mit Anja Del Caro und Regisseurin Mona Kraushaar, die 2014 den Rolf-Mares-Preis erhielt. Aufgeführt wird das Stück im Altonaer Theater.

Text: Aaltje Anhalt

 

Nadine Shah

Anmutig sind ihre Songs, obwohl sie oft düster daher kommen: Die Sängerin stellt ihr neues Album „Fast Food“ in der Prinzenbar vor.

„Hau doch ab zu deiner Hure“, beschimpft Nadine Shah in Runaway ihren (nun Ex-)Typen. Sie selbst nimmt in dem Song die Rolle einer verlassenen Mutter ein. Die in London lebende Sängerin gibt sich in ihrem neuen Album Fast Food gern mal kaltschnäuzig – und bleibt doch immer sehr bedrückend. Mit dem neuen Werk geht die Tochter einer Norwegerin und eines Pakistaners derzeit auf Tournee und macht an einem Mittwoch in Hamburg Halt in der Prinzenbar. 2013 brachte sie ihr Debüt Love Your Dum and Mad heraus und besang schon damals eher das Scheitern als die heile Welt. Und so nimmt sie diese auch im zweiten Werk schonungslos und fast stoisch auseinander. Ob einem die Lieder live noch mehr unter die Haut gehen?

Text: Andra Wöllert

 

Vierkanttretlager

Bevor die Husumer Band im Molotow spielt, steht sie noch schnell Frage und Antwort zu ihrem neuen Album „Krieg & Krieg“.

Auf dem neuen Album „Krieg & Krieg“ von Vierkanttretlager hört man Texte, die in den Abgrund der Menschheit blicken. Wie die zu lesen sind, erklären Max (Gesang), Christian (Gitarre) und Leif (Schlagzeug) im Interview.

Das übergreifende Thema auf Krieg & Krieg ist die Einsicht, dass der Mensch schlecht ist. Was wollt ihr damit erzeugen?

Christian: Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch wirklich schlecht ist – was viele öfter mal denken –, und das einfach mal zu Ende denkt, unser Album hört, dann steht man vor einem Nichts. Quasi, als hätte man einen Acker umgepflügt, den man dann aber neu bepflanzen kann.
Max: Genau! Wir wollen die Leute dazu bringen, zu sagen: „Das will ich aber nicht! Lass es uns doch anders machen.“

Es gibt aber auch fröhliche Elemente: die bunte Girlande mit dem Schriftzug Krieg & Krieg in der Album-Box oder das skurrile Video zu Kaktusblüte. Wozu diese Brüche?

Leif: Um uns als Künstler nicht ganz so ernst zu nehmen. Max schließt in seinen Texten sich und uns ja oftmals mit ein. Eben um nicht nur zu sagen: „Das und das ist schlecht.“ Sondern: „Wir machen es ja genauso. Wir sind ja auch Menschen.“

Interview: Theresa Huth

 

Rap am Mittwoch

Nicht mehr nur in Berlin oder Köln: Jetzt kommt das legendäre Live-Battle „Rap am Mittwoch“ nach Hamburg – in den Gruenspan.

Eine Berliner Institution als Gastspiel in Hamburg: Schon 1999 veranstaltete Ben Salomo Freestyle-Battles in seiner Reihe Rap am Mittwoch in der Hauptstadt. Er bot dabei so manchen MCs, die heute große Hallen füllen, ihre erste Bühne. Das Ganze wurde aber zu schnell zu groß – eine zehnjährige Pause bis zur Neuauflage im Jahr 2010 folgte. Die Regel, dass jeder mitmachen darf, macht seit jeher den besonderen Charme der Battle-Liga aus und brachte schon gestandene Rapper in arge Bedrängnis vor hungrigen Newcomern. Mal sehen, wer hier im Gruenspan wen ins Aus reimt. Ab in die Cypher!

Text: Benedikt Ernst

 

„T/HE/Y“

Kerle ohne Geschlechtsteil und Testosteron: Was bleibt da noch vom Manne? Ein Gender-Bender-Stück auf Kampnagel stellt diese Frage.

Beeindruckende Kerle auf der Bühne, doch ganz ohne geballtes Testosteron. Denn die drei Darsteller sind nicht an der üblichen, genormten Männlichkeit interessiert. Viel spannender finden sie, was vom Manne übrig bleibt, wenn es weder um die biologische Kategorie noch um eine identitätsstiftende Geschlechtszugehörigkeit geht. Und so nennen sie ihre Show T/HE/Y – da versteckt sich das männliche „He“ mitten im neutralisierten „They“. Um Freiheit geht es, die ein Switchen zwischen Geschlechtern und das Überwinden von gesellschaftlich gesetzten Grenzen erlaubt.

Initiator der Performance ist Josep Caballero García, ein spanischer Tänzer und Choreograf, der schon mit Pina Bausch am tänzerischen Umgang der Genderfrage arbeitete. Ihm zur Seite stehen der Musiker Black Cracker – der mehrfach für seine unkonventionellen Texte ausgezeichnet wurde – und Océan LeRoy, ein Multimedia-Künstler, dessen Karriere als Drag-Queen begann. In T/HE/Y lernen sie voneinander und bereichern so das (fragwürdige) Bild von einem Mann. Am 20. Mai ist Premiere. Aufgeführt wird bis zum 23.Mai.

Text: Dagmar-Ellen Fischer

 

B-Movie

Die Dokumentation mit dem Subtitel „Lust & Sound in West-Berlin“ ist ein surrealer Trip durch eine turbulente Dekade. Premiere mit Gästen im Abaton

Bereits vor dem Mauerfall war Berlin ein Mekka der hemmungslosen Exzesse, der Hausbesetzungen und der Subkultur. Punk, Neue Deutsche Welle oder Techno – scheinbar stündlich gab es neue Musikströmungen. In der Dokumentation B-Movie widmen sich die Filmemacher Klaus Maeck, Jörg A. Hoppe und Heiko Lange dem Westberlin der achtziger Jahre. Den englischen Musiker, Produzenten und Gründer des Berliner Plattenlabels MFS Mark Reeder hat es in den Siebzigern in die deutsche Hauptstadt verschlagen, in der alles möglich war und die Nächte endlos schienen. Davon erzählt er selbst aus dem Off, während der Zuschauer alte Privataufnahmen und Filmausschnitte zu sehen bekommt: die ersten Schaufenster-Performances von Blixa Bargeld, ein Einblick in die Wohnung von Nick Cave, eine zufällige Begegnung in einer Kneipe mit Christiane F. Ein surrealer Trip durch eine turbulente Dekade.

Text: Natalia Sadovnik

 

HörSalon

Zur Gesprächsreihe zum Thema „Ein Jahr danach. Der Fußball-Triumph und seine Folgen“ kommen 
Thomas Hitzlsperger und Ronald Reng
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Bei großen Sportereignissen geht es meistens nur vordergründig um Sport. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, war die Freude nicht nur dem guten Spiel geschuldet, sondern auch dem Imagewandel, den Deutschland scheinbar machte. Die Schlagzeilen überall auf der Welt suggerierten: Deutschland ist ein weltoffenes, modernes Land, das den Titel verdient hat. Ob diese Erwartungen erfüllt wurden und warum Fußball in Deutschland so wichtig ist, ergründet man heute in der neuen Gesprächsreihe HörSalon von NDR Kultur und der ZEIT-Stiftung. Es diskutiert Ronald Reng (Foto) – dessen Bücher über Robert Enke, Lars Leese und den Trainer Heinz Höher auch von Fußball-Skeptikern geschätzt werden – mit Thomas Hitzlsperger, der im letzten Jahr als erster deutscher Fußballer über seine Homosexualität sprach.

Text: Natalia Sadovnik