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Grüne Soße mit Axel Weber

 

Gestern war ein großartiger Abend. Ehrlich. Knapp sechs Stunden haben wir Journalisten des Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten unseren Bundesbankpräsidenten Axel Weber mit listigen Fragen gelöchert, gegrillt und versucht zu verstehen. Wir haben Salat mit frischen Pfifferlingen und hinterher Tafelspitz mit grüner Soße (ein Frankfurter Nationalgericht) serviert bekommen. Das Essen war köstlich, Webers Einsschätzungen leicht schockierend.

Zwar ist Weber seit rund einem Jahr zu einem der Oberfalken im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) mutiert, dennoch ist er klug genug, nicht völlig losgelöst von seinen Kollegen im Rat zu denken und zu reden.

Meine Interpretation des gestrigen Abends: Die EZB erhöht dieses Jahr bis Dezember den Leitzins auf 3,50 Prozent (das hat Dieter Wermuth letzte Woche auch schon aus Trichet herausdestilliert). Aber nächstes Jahr geht es weiter – und zwar bis auf 4 oder sogar 4,25 Prozent. Erst dann hat Webers liebe Seele Ruhe, erst dann ist der Leitzins da, wo er nicht mehr die Wirtschaft stimuliert, sollten Webers Einschätzungen sich bewahrheiten. Im Innersten ist Weber derzeit ein Wachstumsoptimist, nicht nur für Deutschland und Euroland, sonder auch für die Weltwirtschaft.

Aus Sicht des Anleihemarktes sind das grauenvolle Perspektiven. Die Zehnjahresrendite liegt inzwischen wieder unter vier Prozent. Da wird sie bei Webers Szenario unmöglich in sechs Monaten verharren. Deshalb wiederhole ich meine Einschätzung: Es ist noch zu früh für Bonds. Das Geld lieber auf dem Tagesgeldkonto parken, bis die Märkte das Denken des EZB-Raten verinnerlicht haben und die Zehnjahresrendite deutlich über vier Prozent liegt.

Wie denkt Weber? Am interessantesten sind immer die Dinge, die Notenbanker weglassen, oder nicht sagen. So hat Weber gestern kein einziges Mal ein Szenario entworfen, kommentiert oder besprochen, das ein Ende des Zinserhöhungszyklus nahe legen könnte. Amerikas Wirtschaft gleitet nicht in die Rezession, wächst lediglich moderater. Die Mehrwertsteuererhöhung bremst nur ein Quartal lang und ist keine Gefahr für ein Wachstum Eurolands und Deutschlands entlang des Potenzialwachstums. Seine ganze Argumentation war gespickt von „öpside-risks“, wie Herr Trichet sie nennen würde. Kein einziges downside-risk für die Inflation.

Fürs Wachstum gibt es natürlich Abwärtsrisiken, doch das Fatale: die Abwärtsrisiken gehen mit höheren Preisrisiken einher. Zwei Beispiele: Erstens Der Ölpreis. Wenn er stärker steigt als die Terminmärkte und deshalb auch die EZB annehmen, dann hemmt das das Wachstum, befeuert aber gleichzeitig die Inflation. Zweitens die stockende Globalisierung: Wenn es zu Protektionismus kommen sollte, Stichwort Doha-Runde, dann schwächt sich das globale Wachstum ab, gleichzeitig hören die segensreichen disinflationären Effekte Chinas und Indien auf – und die Preise steigen.

Weber betonte, die EZB sei noch längst nicht restriktiv. Auf meine Frage, was er denn als restriktiv bezeichnen würde, kam Weber mit seinem Konzept des natürlichen Zinses (betonend, das das nicht der EZB-Strategie entspreche). Danach sollte der Realzins in etwa dem langfristigen Produktionspotenzial entsprechen. Und das liege in Euroland bei etwas über zwei Prozent. Also: Inflation nächstes Jahr geschätzt 2,4 Prozent zuzüglich 2,1 Prozent Produktionspotenzial macht 4,5 Prozent neutralen Zins!

Auf eine Nachfrage sagte Weber, dass der natürliche Zins in nominalen Größen häufig in der Spanne zwischen drei und fünf Prozent angegeben werde. Das sei für ihn „eher die Untergrenze“.

Und auf die listige Frage meines Kollegen Patrik Welter von der FAZ, ob die EZB sich dieses Jahr mit den Zinserhöhungen beeile, um nächstes Jahr die Füße still halten zu können, sagte Weber: „Wir haben keinen Beschluss, am Jahresende mit dem Zurücknehmen der akkomodierenden Geldpolitik aufzuhören.“

Starker Tobak, was?

PS: Für alle Geldmengenfans und solche die es werden wollen. Zwischen 23 und 24 Uhr hat uns Weber in kleiner Runde noch mal das Forschungsprogramm der Bundesbank nahegebracht. Wir haben über so schöne Dinge wie Bayesian-Schätzungen, bivariate Prognosemodelle, Faktorenmodelle und Prognosekombinationsverfahren
sowie trivariate “Zwei-Säulen“ Phillips-Kurven Prognosemodelle geplaudert. Mindestens zehn Mal erwähnte er das Paper von Boris Hoffmann. Hier der Link

3 Kommentare

  1.   david

    Hallo Herr von Heusinger,
    wo sie doch schon mal dabei sind aus dem Naehkaestchen zu plaudern.
    Wie stehen denn die Jounalistenkollegen zur Geldpolitik der EZB?
    Sind sie eher ihrer Meinung, dass eine expansivere Geldpolitik angebracht waere oder stimmen sie Axel Weber zu?
    Gruss
    david

  2.   Robert von Heusinger

    Salut David,

    den Journalisten gibt es genauso wenig wie den Politiker, oder Geldpolitiker. Die deutschen Bundesbank-Watcher waren traditionell inflationsaengstlicher als selbst die Bundesbank, geldmengenhoeriger etc.pp. In der Eurolanddebatte nimmt der deutsche Einfluss ab, sowohl im EZB-Rat als auch bei den Euroland-Volkswirten und das aendert dann auch ein wenig die Denke der Journalisten. Franzoesische, italienische und amerikanische Kollegen haben sich schon die letzten dreissig Jahre ueber die deutsche Art Geldpolitik zu betreiben und hinter jedem Kieselstein Inflations zu fuerchten, amuesiert.
    Unter den tonangebenden Journalisten in Frankfurt steht es inzwischen fast 50:50 – so viel Anhaenger hatte eine lockere Geldpolitik in Deutschland noch nie!


  3. Hallo Herr Heusinger,
    ihre sehr gute Darstellung ueber die Aeusserungen von Herrn Weber und die damit verbundenen Konsequenzen zeigen m.E. nur eines: bei den Volkswirten bewegt sich gar nichts, sei es der Bundesbankpraesident (er moege es mir verzeihen), seien es die Volkswirte des Sachverstaendigenrates. Es wird einfach nicht akzeptiert, dass eine Inflationsrate von um die 2 % keine gravierende Gefahr darstellt, sondern nur ein Verschmierungsdatum ist. Viel gefaehrlicher ist es, jetzt die Wachstumskraefte mit schockierenden Zinsaussichten zu verunsichern. Als waere es ein Selbstlaeufer, dass wir dieses Jahr ein Wachstum von ueber 2 % hinbekommen.
    Deshalb Herr Heusinger: weiter so mit Ihren kritischen Fragen!!!

 

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