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Wer hat Angst vorm Kündigungsschutz?

 

Erwerbstätige und Arbeitslose - März 2007

Diese Zahlen dürfte es eigentlich gar nicht geben: Die Zahlen, die die Bundesagentur für Arbeit seit Januar 2006 verkündet. Denn die allgemeine Weisheit in diesem Land lautet: „Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist reguliert, verkrustet, starr.“ Und ohne eine Lockerung des Kündigungsschutzes werden die Unternehmen „auch in guten Zeiten bei Neueinstellungen zurückhaltend sein.“ So ist es zum Beispiel in einem Beitrag vom August 2005 auf der Website der IHK Hannover zu lesen. Im fünfzehnten Monat in Folge ist die Zahl der Arbeitslosen nun saisonbereinigt gegenüber dem Vorjahresmonat gefallen und die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen. Nach einer zwischenzeitlichen Änderung des Kündigungsschutzes sucht man allerdings vergeblich.

Wie die Bundesagentur für Arbeit am heutigen Donnerstag meldet, ist die Zahl der Arbeitslosen im März saisonbereinigt um 65 Tausend auf nun mehr 3,832 Mill. gefallen. Das ist der niedrigste Wert seit Juni 2001. Im Jahresvergleich gibt es nun 873 Tausend Arbeitslose weniger. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 9,2 Prozent, das sind 2,9 Prozentpunkte wenig als im März 2005, als die saisonbereinigte Zahl der registrierten Arbeitlosen im Gefolge des Hartz-IV-Gesetzes auf fünf Millionen gestiegen war.

Die Beschäftigung ist im Februar saisonbereinigt im 30 Tausend Erwerbstätige gestiegen. Für den März liegen noch keine Zahlen vor. Erfreulich ist auch die Entwicklung bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Ihr Zahl stieg nach Schätzungen der BA im Januar um 624 Tausend gegenüber dem Vorjahresmonat, davon entfielen deutlich mehr als die Hälfte auf Vollzeitstellen. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten nahm dagegen ab.

Der Hemmschuh des Kündigungsschutzes scheint doch nur ein angeblicher zu sein. Die Konjunktur für diese Argumentationslinie der Arbeitgeberlobby trübt sich seit einiger Zeit ein. Die Unternehmen haben keine Scheu, Arbeitnehmer an sich zu binden. Zwar ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland immer noch sehr hoch, aber der Wettbewerb um den Faktor Arbeit steigt.

97 Kommentare


  1. Den Feststellungen ist beizupflichten. Die Bemühungen, den Kündigungsschutz auszuhebeln, stehen im Kontext zu der Interessenlage, den Sozialstaat insgesamt als etwas Menschenfeindliches zu diffamieren. Wobei man alles, was nicht der Gewinnmaximierung dient, als grundsätzlich menschenfeindlich gesehen wird. Der „Leistungsgedanke“ in unserer Gesellschaft wird halt nur noch in dieser Kategorie definiert. Kündigungsschutz war einmal begründet mit sozialer Verantwortung der Gesamtgesellschaft, also auch der Wirtschaft. Der jetzt festzustellende Konjunkturzyklus macht wieder deutlich, dass man in Zeiten des Abschwungs nicht ganz so schnell einmal gefundene Grundwerte über Bord werfen sollte. Manche haben uns schon glauben machen wollen, dass ohne den Fall des Kündigungsschutzes es nur noch bergab gehen könne. Sie sind widerlegt!

  2.   Maksym

    Wie war das gleich nochmal. Bei den Diskussionen um Hartz IV sagte einer von den Arbeitgeberlobbyisten:

    „Wenn denn dann, wenn nicht jetzt?“

  3.   eric

    und in bayern ist die arbeitslosigkeit landesweit bei 6,2% – bei hohen einkommen. und das trotz der deutschlandweit meisten gesetzlichen feiertage. wenn das umfeld stimmt und forschung da ist und nicht zuletzt der optimismus (wie im selbstsicheren bayern) dann läuft es eben rund. das hat auch nix mit romantik zu tun, jeder trifft kauf oder investitionsentscheidungen zu einem großteil aus dem bauch heraus. da ist optimismus ein entscheidener aber eben nur kaum meßbarer faktor. und was man nicht messen kann existiert nicht für viele.

  4.   Pythius

    „Die Konjunktur für diese Argumentationslinie der Arbeitgeberlobby trübt sich seit einiger Zeit ein.“ Weit gefehlt. Für Experten wie den Professor aus München zum Beispiel ist das überhaupt kein Problem. Die haben nämlich, wie immer, ein unwiderlegbares Argument: Wenn die stereotyp angemahnte Flexiblisierung des Arbeitsmarktes schon vor Jahren eingetreten wäre und den freien Fall der Löhne begünstigt hätte – dann gäbe es gar keine Massenarbeitslosigkeit. Da sehen Sie, Herr Richter, mit Ihrer Empierie ganz schön alt aus.

  5.   Martin Schreiber

    Na sowas. Unternehmen stellen Menschen ein wenn sich ihre Produkte verkaufen und sie entlassen Leute wenn sich ihre Produkte nicht verkaufen. Was einen 5-jährigen noch logisch erscheint ist es in der Welt der Erwachsenen nicht mehr.

  6.   Saubermann

    Wie unwissenschaftlich! Da müssten sich jedem der ein wenig logisch denken kann die Haare sträuben…

  7.   Yves Winkler

    Der Kündigungsschutz kein Hemmschuh? Herr Richter, die Entwicklung am Arbeitsmarkt in allen Ehren. Aber es wäre schon nicht schlecht, wenn Sie mal erklären würden, wie Sie diese These aus dem Umstand ableiten können, dass es trotz guter Konjunktur immer noch 3,8 Mio. Arbeitslose gibt. Eine Zahl, die Sie selber anführen.

    Gerade sehe ich übrigens in den Nachrichten, dass sich die Situation der Langzeitarbeitslosen eher „zäh“ entwickelt. Mich würde daher schon brennend die Grundlage interessieren, auf die Sie Ihre Einlassung stellen. Die „nur“ noch 3,8 Mio. Arbeitslosen können es ja wohl kaum sein, oder?


  8. […] Zu den Beschäftigungszahlen und dem Konjunkturaufschwung meldet sich mit gewohnten “Herdentrieb-Optimismus” auch Uwe Richter (ein neuer Autor bei Herdentrieb?) und adressiert dazu das Kündigungsschutzgesetz: War hat Angst vorm Kündigungsschutz? […]

  9.   Andreas Keller

    Offensichtlich werden bei guter konjunktureller Lage neue Arbeitsplätze geschaffen und neue Mitarbeiter eingestellt.

    Dies beweist jedoch nicht, dass der Kündigungsschutz keinen generell negativen Einfluss auf die Schaffung von Arbeitsplätzen hat.

    Es könnte nämlich durchaus sein, dass ohne Kündigungsschutz viel mehr oder viel früher neue Arbeitsplätze entstanden wären.

    Ob man nun Befürworter des Kündigungsschutzes ist oder nicht, diese Logik erscheint mir hinreichend einfach nachvollziehbar.

    Noch einmal zusammengefasst: Eine positive Veränderung der Beschäftigungsverhältnisse eignet sich nicht um einen negativen Einfluss eines Kündigungsschutzes zu widerlegen – oder zu beweisen.

 

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