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Deutsche Konjunktur immer noch gut dabei

 

Erwerbstätge und Arbeitslose - März 2008

Auch nach den neuesten Zahlen gibt es immer noch keine Indizien, dass die deutsche Konjunktur zu lahmen beginnt. Gerade ist durchgesickert, dass der Internationale Währungsfonds, der Mitte des Monats seinen neuen World Economic Outlook veröffentlicht, die diesjährige Wachstumsrate für unser Land von bisher 1,5 Prozent auf 1,2 Prozent zurücknehmen wird. Das passt weder zu den Auftragseingängen in der Industrie (real zuletzt 9,6 Prozent gg Vj) oder in der Bauwirtschaft (10,1 Prozent), noch zur Industrieproduktion (7,5 Prozent), vor allem aber nicht zu den Arbeitsmarktdaten vom Dienstag.

Im März ist die Arbeitslosigkeit noch einmal saisonbereinigt kräftig zurückgegangen, auf 7,8 Prozent nach 8,0 Prozent im Februar, und nach rund 12 Prozent vor drei Jahren. Auch die Beschäftigung boomt. Wenn Minister Glos recht hat, hat er recht: Wenn es so weitergeht, haben wir in Kürze Vollbeschäftigung. Ich weiß, extrapolieren ist das Gegenteil von denken, trotzdem kann ich es nicht lassen, es mal zu machen. Zur Zeit vermindert sich die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr um rund 600.000. Da wir gerade bei 3,285 Millionen angelangt sind, wären wir, wenn es so weiterginge, in drei Jahren bei 1,5 Millionen oder einer Quote von 3,3 Prozent. Na ja.

Wir haben es mit einem Beschäftigungswunder zu tun, nicht mehr und nicht weniger. Es ist schon fast ein bisschen unheimlich und passt nicht zu recht zu unserem Grundgefühl, dass niemand außer ein paar Privilegierten Geld hat. Die Renten sollen im Sommer um sagenhafte 1,1 Prozent steigen, und wenn ich mir im Monatsbericht der Bundesbank die gesamtwirtschaftlichen Tariflöhne ansehe (1,4 Prozent gg Vj im Januar, Seite 67*), kommen mir die Tränen. Kein Wunder, dass die Einzelhandelsumsätze im Februar erneut eingebrochen sind – real um 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert und um 1,6 Prozent gegenüber Januar. Andreas Rees von UniCredit nennt das bereits eine Verbraucherrezession. Wir erleben seit einiger Zeit einen sogenannten Terms-of-Trade-Schock, also einen gewaltigen Verlust an Kaufkraft durch den steilen Anstieg der Einfuhrpreise bei moderater Zunahme der Exportpreise. So geht das in einer Ölkrise. Sollten nicht die steigenden Ausgaben der Haushalte der Konjunkturmotor des Jahres sein?

Vielleicht bessert sich die finanzielle Lage der Verbraucher durch die etwas höheren neuen Lohnabschlüsse nun doch etwas. Im öffentlichen Dienst komme ich nach meiner Rechnung auf einen Anstieg der Monatseinkommen per letzten Januar um etwa 5 Prozent. Das ist nach vielen Jahren fallender Realeinkommen endlich mal wieder etwas „to write home about“, wie die Engländer sagen. So furchtbar viel ist es aber auch nicht, wenn man bedenkt, dass die Inflation über drei Prozentpunkte davon auffrisst.

Wir haben es mit einem Beschäftigungswunder zu tun, aber bisher noch nicht mit einem Einkommenswunder. Es fällt immer leichter, einen Job zu finden, aber immer noch nicht leicht, dabei anständiges Geld zu verdienen.

Dabei wird es von Seiten der EZB bis auf Weiteres keine Schützenhilfe geben. Am Montag meldete Eurostat, dass die Inflation im Euroraum im März 3,5 Prozent (gg Vj) erreicht hat – „knapp unter 2 Prozent“ ist immer noch das Ziel. Hinzu kommen die immer noch ganz guten Nachrichten aus der Realwirtschaft. Die Zentralbank wird daher einen Teufel tun und die Zinsen senken, auch wenn die Marktteilnehmer ganz fest damit rechnen. Der starke Euro hat bisher kaum Bremsspuren hinterlassen. Das ist eigentlich ein weiteres Wunder. Soll der Euro noch auf zwei Dollar steigen? Immerhin würde das amerikanische Leistungsbilanzdefizit dadurch schneller verschwinden, als wir uns das heute vorstellen könnten. Der Preis wäre allerdings dann doch die Rezession, um die wir bisher herumzukommen scheinen.

Eine letzte Anmerkung: Das DIW hat Mitte März geschätzt, dass das reale BIP im ersten Quartal um 0,5 Prozent über dem Wert des vierten liegen würde. Nach den heutigen Arbeitsmarktzahlen wird bei der nächsten Schätzung vermutlich 0,6 Prozent herauskommen. Unterstellt, es gäbe in den folgenden drei Quartalen jeweils Zuwachsraten von 0,3 Prozent, ergäbe sich für 2008 insgesamt eine Zuwachsrate von 1,6 Prozent – nicht 1,2 Prozent. Wie ich letztes mal schon gefragt hatte – wo bleibt eigentlich die Finanzkrise?

59 Kommentare

  1.   EuroOptimist

    Kein Wunder, dass der DAX auch nicht weiß, wo er hin soll. Einen Tag legt er 2.8% zu, am nächsten gibt er sie wieder ab. Wenn der IWF jetzt noch nur 1.2% Wachstum für das Jahr 2008 voraussagt, muss er eigentlich eine gewaltige Keule sicher im Visier haben, die sehr bald auf die Wirtschaft niedergeht. Spielt hier wirklich noch fröhliche Musik oder sitzen wir auf der Titanic? Spannende Zeiten.

  2.   goodnight

    Sehr geehrter Herr Wermuth,

    heute ist der 1. April! Na? …nee? …also die 1,2% für BRD BIP, das war der Aprilscherz von IWF! Ich lag heute vormittag vor Lachen auf dem Boden. Oder etwa nicht? Egal, die Prognosen des IWF waren schon immer eher ein Scherz… da machte sich der Fachkräftemangel schon früher bemerkbar;-)

    Apropo „Beschäftigungswunder“… naja, damals an der UNI da habe ich Studien gelesen, da sprach man vom Fachkräftemangel in der BRD ab 2005… und meine UNI-Zeit begann vor dem Millennium;-) Zudem existiert in Unternehmen auch sowas wie herdentrieb, d.h. die Kostensparwelle 2001 bis 2005, da haben die Controller etwas übertrieben…und wir Berater gut davon gelebt;-) Und soweit ich informiert bin ist der Trend zum „perfekt-fitting“-Mitarbeiter bei den Personalern noch immer en vogue, d.h. die weigern sich noch immer „jeden Hanswurst von der Straße“ einzustellen..die haben vor nix mehr Angst, als dass der Aufschwung weiter geht;-)
    Ergo: Schon Miegel schrieb 2002, dass die Fachkräftedecke knapper ist als man denkt… nur wer liest heute noch Bücher…oder Studien…oder überhaupt…

    Das Einkommenswunder muss daher noch warten… die Zeitarbeitsfirmen wollen doch auch leben. Aber spätestens 2012 bzw. 2015 ist dann Vollbeschäftigung, weil der demografische Faktor durchschlägt. Stand wenigstens so in dieser Studie…damals im Studium. Deshalb sage ich mal: Zeitarbeit ist kein Zukunftsmarkt, sorry, Clement und SPD uns so.

    Wo bleibt die Finanzkrise? Haben Sie Reitzles famous words vergessen? „Decoupling“ and „swimming in cash“?

    „The only thing new about this world is the history we don’t know. “
    Kevin (city hall)


  3. […] Hedentrieb, Zeit.de, Deutsche Konjunktur immer noch gut dabei […]

  4.   Thorqemada

    Wobei von Januar, bis jetzt im März, die Zahl der Menschen in irgendwelchen Maßnahmen, die also nicht als Arbeitslos gelten, um 230.000 zugenommen hat.

    Die Zahl aller Leistungsempfänger, ohne Hilfebedürftige (die auch leicht gestiegen ist, um wenige 10tsd), hat ihren Vorsprung zum Vorjahr leicht abgebaut.
    Im Janur hatten wir noch ~500tsd weniger, im März nur noch ~450tsd weniger von staatlichen Hilfen Abhängige.
    Die relative Bilanz der Leistungsempfänger ist also um 50.000 schlechter geworden, von Januar auf März 2008.

    Alles in Allem bekommen im März 8.058.000 Menschen Hilfen im Vergleich zu 8.027.000 im Januar.
    Plus 31.000 Menschen also, die trotz Beschäftigungs-Boom in die Bedürftigkeit gefallen sind.

    Wie das alles zusammen geht, das muß man wohl Statistiker sein…

    Und als Krönung warnt die CDU davor, das die Mittel für das ganze ALG2-Paket schon wieder zu knapp kalkuliert sind und es wohl 2Mrd. mehr kosten wird, also soviel, wie schon im letzten Jahr 2007, oder sogar mehr, wo man auch schon ein paar Mrd. nachschiessen mußte.

  5.   Thorqemada

    Hier mal ein interessanter 3-Jahres-Vergleich der Leistungsempfänger und Hilfebedürftigen:

    egon-w-kreutzer.de/Arbeitsmarktberichte/Maerz08.html

    2005 gab es weniger Leistugnsempfänger als heute!

  6.   Harry Haller

    @Thorqemada
    Bei ALG II gibt es nicht wenige die Vollzeit arbeiten, aber trotzdem staatliche Leistungen zu Erlangung des Existenzminimums brauchen. Ältere Zahlen gehen von 1/5 Aufstockern aus, wovon viele sogar Vollzeitbeschäftigte sind.
    Man könnte deine Zahlen so interpretieren, dass entweder mehr Menschen ihre Ansprüche auf ALGII-Leistungen (zum Aufstocken) geltend machen, dass Beschäftigte Gehaltskürzungen hinnehmen, die sie zu ALGII-Aufstockern machen, und/oder dass erkannt wurde, dass ALGII ein verkappter Kombilohn ist und dies jetzt ausgenutzt wird, oder oder…

    Gruß
    HH

  7.   bromfiets

    Die „doofen Sozialversicherten“, die für horrende Beiträge miserable Leistungen erhalten, könnten auf einen Schlag sehr viel mehr Netto haben, auch ganz ohne Lohnerhöhungen: Unser Staat müsste nur sämtliche Arbeitnehmerbeiträge von der Steuerschuld abziehbar machen (also nicht bloß als Werbungskosten). Geringverdiener könnten dann davon profitieren, wenn unser Staat sich endlich zu einer negativen Einkommensteuer entschließen könnte.

    Im Gegenzug müsste dann die Steuerbemessungsgrundlage für unsere Leistungsträger endlich verbreitert werden und erwirtschaftete Gewinne, sowie Vermögen angemessen besteuert werden. Man muss nur wollen…

  8.   Michael

    Da oben schon mal die enttarnten Arbeitslosenzahlen gezeigt wurden, hier noch ein Häppchen zur BIP-Berechnung…..

    Die gesamteuropäische Statistikordnung (europäisches System volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen – ESVG 1995) schreibt verbindlich vor, dass die Mehrwertsteuer als Teil der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft zu betrachten ist.

    ..Bruttowertschöpfung
    + Mehrwertsteuer (und andere ..Gütersteuern)
    = Bruttoinlandsprodukt

    Wächst also das Mehrwertsteueraufkommen,
    wächst automatisch auch das BIP.

    Die drei Prozentpunkte der Mehrwertsteuererhöhung bringen aufs Jahr gesehen, nach den Annahmen der Steuerschätzung vom Mai 2006 28,5 Milliarden ein. Alleine davon steigt das BIP von 2.302 Mrd. Euro in 2006 auf 2.330 Mrd. in 2007

    – ein Wachstum von 1,2 % –

    durch nichts anderes als eine einfache, großkoalitionäre Mehrwertsteuer-Erhöhung.
    Quelle: E.W.Kreutzer, März 2007

    Das war der „AUFSCHWUNG“. Und mit reichlich Inflation steigt auch das Steueraufkommen. Da Klappt es auch mit dem BIP-Wachstum.
    Also vertrauen wir mal unseren Volksverblödern ruhig weiter, man muß nur wissen, was hinter einer Zahl steht. Man braucht die ja nicht wählen.

  9.   Hermann Keske

    Beschäftigungswunder? Ich kann mir nicht helfen und bin auch vom Glauben abgefallen – dafür denke ich jetzt eher an ein Statistikmirakel. Mir kommt es eher so vor. als seien viele ehemalige Arbeitslose einfach nur hinwegdefiniert worden.

    Wie oft wurde in dem Zeitraum, den die Kurve oben beschreibt, die Zählmethode geändert?

  10.   Uwe Richter

    @ Michael

    Das ist ja eine erstaunliche Erkenntnis, die Sie uns da vortragen. Wenn Sie mir jetzt auch noch ausrechnen um wie viel Prozent dadurch das reale BIP gestiegen ist, dann wäre ich Ihnen wirklich dankbar, denn wenn von (Wirtschafts-)Wachstum die Rede ist, ist gemein hin das reale BIP gemeint nicht das nominale. Wie schreiben Sie doch gleich, „man muss nur wissen, was hinter einer Zahl steht“.

 

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