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Ölpreisexplosion macht globale Rezession wahrscheinlicher

 

Die Angst vor steigender Inflation hat bei den Zentralbanken die Sorge abgelöst, dass es nach dem Platzen diverser Blasen zu einer Deflation kommen könnte. Überall geht es nur noch darum, ob die Zinsen unverändert gelassen oder erhöht werden sollen. Dabei ist das Risiko einer globalen Rezession durch die Explosion der Ölpreise und den Entzug an Kaufkraft stark gestiegen. Die USA laborieren zudem noch an den Folgen der fallenden Immobilienkrise. Das alles sind schlechte Nachrichten für die Aktienmärkte. Weltweit dürften die Gewinne der Unternehmen fallen, außer in den ölexportierenden Ländern, die bislang die Gewinner in dieser Krise sind. Die Rentenmärkte leiden unter der nach wie vor steigenden Inflation und den steigenden Notenbankzinsen. Eine echte Inflationsmentalität hat sich bislang noch nicht entwickelt, und wird es auch nicht. Die Bondrenditen nähern sich attraktiven Niveaus.

Aus ökonomischen Gründen dürften die Ölpreise demnächst kräftig fallen – allein eine politische Krise, ausgelöst etwa durch einen Angriff Israels auf den Iran, kann das noch verhindern.

Ausführliches zum Ölpreis und den Aussichten für Aktien, Bonds und Wechselkurse in den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – June 2008*) (pdf, 235 KB)

*) Den Investment Outlook von Dieter Wermuth in englischer Sprache gibt es einmal im Monat und er wird zunächst kostenlos auf Herdentrieb zum Herunterladen bereitgestellt. (ur)

21 Kommentare


  1. Ich weiss nicht, ob ich aus dem „Output Gap“ auf dieselbe „ideal world“ schliessen würde, wie Wermuth im verlinkten pdf.

    Lassen wir dabei mal völlig außen vor, dass das Konzept überhaupt eher shaky ist und sich die FED selber frägt, ob damit in Zeiten des weltweiten Outsourcings noch große Erkenntnisse zu erlangen sind. Sondern stellen wir uns einfach mal die Frage, wie denn diese ganzen Preiserhöhungen bei Öl, Energie, Stahl und den ganzen anderen Rohstoffen auf den Trend des Potenzialwachstums wirken müßten? Man würde meinen, er müßte niedriger verlaufen, oder?

    Wenn dem aber so ist, dann ist es fraglich, ob es tatsächlich zu einer Erweiterung positiver Outputgaps (verstanden als Potenzial minus Ist) kommt, und nicht stattdessen zu einer Verringerung. Bzw dort, wo ein negatives Gap anliegt, selbiges nicht sogar noch vergrößert wird. Negative Wachstumsraten beim BIP hat ja immerhin noch keines der Industrieländer gemeldet. Ich habe zwar jetzt keine aktuellen Zahlen, weil ich wie gesagt das Konzept für eher esoterisch halte und die entsprechenden Statistiken nicht verfolge, aber rein perspektivisch müßte dass doch hinkommen, oder?

    In meiner „idealen Welt“ erhöhen daher sowohl die FED als auch die EZB die Zinsen, und zwar pronto, weil aktuelle Geldpolitik viel zu expansiv.

    Zu den meisten anderen Punkten Zustimmung. Der Ölpreis und alle anderen Rohstoffe müßten eigentlich korrigieren, spätestens dann – soferne tatsächlich von Spekulation getrieben – diese Spekulation an sich selbst erstickt, weil nicht mehr ausreichend Preissteigerungen erzielbar. Außer natürlich Guillermo Calvo hat recht, und große Finanzinvestoren wie auch SWFs fangen jetzt erst an, Portfolios in Richtung Commodities umzuschlichten.

    Den Aktienmarkt halte ich hingegen sehr wohl für deutlich überbewertet, angesichts dessen, dass wir wohl vor einem deutlichen Einbruch der Gewinne stehen. Auch und vor allem die Finanzwerte sind noch immer deutlich zu teuer, wenn man mal bedenkt, dass es für die in den nächsten Jahren kaum was zu gewinnen gibt, bei gleichzeitig dramatischer Verwässerung der Aktionäre aufgrund der ganzen zwischenzeitlichen (und wohl noch bevorstehenden) Kapitalrunden.

    Der einzige Sektor, der für mich gut aussieht, sind Kapitalgüterhersteller im Energiesektor, nur notieren die zwischenzeitlich auch bei P/Es von 17-20. Also auch nicht gerade billig.

    Ich denke mal, Cash ist noch immer „King“ und Gold sieht zunehmend interessanter aus. Und ein schmuckes Wochenendhäuschen in Florida oder Georgia könnte ab Mitte/Ende nächsten Jahres auch ne ganz nette Idee sein.

  2.   himbim

    „It would be very unusual if supply did not react in the normal way – which means expand faster than in the past.“

    Damit kommt eine geballte Ladung Unkenntnis über die Möglichkeiten der Ölförderung zum Ausdruck. Sie hängt vor allem von der Geologie und weniger vom Preis ab. Ich denke nicht dass sie sich noch überhaupt noch nennenswert steigern lässt, vermutlich geht es eher runter. Sie sollten sich mal ansehen wie groß die Ölfelder sind, die durch die gestiegenen Preise nun rentabel werden, und dies mit den „alten“ Ölfeldern vergleichen.

  3.   Michael

    @himbim,
    richtig. Es wurden ein paar große Funde gemeldet (China, Brasilien) und andere prognostiziert (Indonesien), aber nicht erbohrt. Das Problem wurde vernachlässigt, die Bohrkapazitäten liegen bei 50 % im Vergleich zur letzten Ölkrise. Hysterie und Panik waren in wirtschaftlichen Fragen noch nie gute Berater. Besagt, daß es eher ein Finanzmarktproblem als ein Angebot-/Nachfrageproblem sein könnte. Insbesondere in der Ferienzeit und zu Feiertagen oh Wunder. Die hohen Preise werden eher früher als später den Verbrauch drosseln. Die Auslastung der Raffinerien liegt bei 84 %, wohl nicht, weil es kein Öl gibt, sondern, weil die Nachfrage bei diesen Preisen zu wünschen übrig läßt. Es wird interessant, wenn die Investmentgesellschaften ihre Tanks füllen müssen, oder zu fallenden Preisen eindecken. Ich freu mich drauf. 🙂

  4.   Coki

    Ich finde sowieso die Argumentation albern, das bei einem Preis von XXX „neue“ Felder rentabel werden.
    Das bedeutet in meinen Augen nur, das sich der Preis mind. auf dieser Ebene stabilisieren wird. Bei einem weiteren Abschwung der billigeren Ölfelder, die zuerst ausgebeutet werden und somit nachweislich in den letzten Jahren immer weniger Output haben, steigt zwangsläufig der Gesamtpreis.

    Insofern ist unabhängig vom Dollarkurs und wirtschaftliche Situation in den kommenden Jahren von einen erheblich steigenden Ölpreis auszugehen. Ändern wird sich nur etwas, sofern technische Errungenschaften strukturell neue Rahmenbedingungen schaffen, die ich aber im Moment nicht sehe.

    Gruss,

    Coki

  5.   rikku

    @himbim:

    Uh, das ist aber doch ein Gedanke der basiert auf Wissen über die wirkliche, quasi materiell vorhandene Welt. Und diese zu ignorieren haben unsere Wirtschaftswissenschaftler doch so viele Jahre eifrigen Studierens mit zugebracht …

  6.   taurus

    Danke, weissgarnix, für den Link zu dem Guillermo Calvo Artikel. Sehr interessante Lektüre.

    Beim Lesen des Investment Outlooks hatte ich den Eindruck, dass Dieter Wermuth nun recht stark die Mainstream-Meinung übernommen hat, wonach die Rohstoff-Hausse primär durch die steigende Nachfrage der Emerging Markets zu erklären ist. Das hat mich gewundert, ich empfinde das, mit Verlaub, als Einknicken ob des Eindrucks, dass das bisher vertretene Deflationsszenario für den Moment plötzlich verschwunden zu sein scheint.

    Aber mit der steigenden Nachfrage der Emerging Markets kann weder der enorm steile Anstieg der Rohstoffpreise voll erklärt werden, noch dessen zeitliche Koinzidenz mit der Subprime-Krise. Die Wahrheit muss tiefer liegen, der Artikel von Guillermo Calvo liefert hier eine sehr plausible Erklärung.

  7.   inti

    slower growth would suggest stimulative monetary policies while headline inflation rates well beyond comfort zones would call for a tightening of the reins.

    ^^
    aber nur wenn die zentralbank nen wachstumsziel hat, sonst ist niedrigeres wachstum doch kein grund für zinssekungen, der fehler geistert immer wieder durch die presse, selbst hier

    und zu den amis:
    da die amis kein sozialsystem haben, darf die FED nur eine geringe arbeitslosigkeit zulassen … die amis finanzieren ihr „sozialsystem“ durch inflation … ist auch ne möglichkeit und vielleicht sogar relativ fair, da die reichen ja viel geld haben 😉

  8.   Dieter Wermuth

    @ inti

    Es ist eine Illusion zu glauben, dass die EZB kein Wachstums- oder Beschäftigungsziel hätte. Zwar nicht nach den Buchstaben ihres Mandats, aber de facto bewegt sie sich in einem politischen Raum, der sie zwingt, nach links und rechts zu gucken und zu testen, was machbar ist. Im Augenblick läuft beispielsweise eine Diskussion darüber, ob die drastische Veränderung der relativen Preise nicht einfach hingenommen werden soll, also der Verteuerung der Energie zulasten der inländischen Löhne und Gewinne. Da die Inflation komplett aus ausländischen Quellen stammt, lässt sich die Inflation nur um den Preis einer tiefen Rezession auf unter 2% bringen. Wenn die EZB überzieht, ist ruckzuck ihre Unabhängigkeit wieder ein Thema.

    Bitte auch daran denken, dass das alleroberste Ziel der EZB, wie jeder anderen Zentralbank auch, das Funktionieren des Geldwesens ist, also die Vermeidung von Krisen, die das ganze System gefährden könnten. Wenn eine echte Finanzkrise droht, wird auch die EZB die Zinsen senken, egal wie hoch die Inflation ist.

    Gruß, DW

  9.   Dieter Wermuth

    @ taurus

    Vermutlich haben wir es, wie früher zur Zeit der japanischen Krise, mit einer regionalen Deflation zu tun, also einer Deflation in den USA und vielleicht demnächst auch in Großbritannien. In beiden Ländern sinken sowohl die Immobilienpreise als auch die Aktienkurse, und die Banken sind in größter Not. Aber sonst? Wenn die globale Inflation so stark steigt wie sie steigt, kann man doch nicht mehr die These aufrechterhalten, dass Deflation das Hauptrisiko sei, jedenfalls noch nicht jetzt. Ich würde allerdings argumentieren, dass die Rohstoffhausse (im Augenblick die wichtigste Blase) den Keim eines Crashs in sich trägt, selbst in den Emerging Markets, dass jetzt eine Menge Ausgaben getätigt und Kredite aufgenommen werden, die sich bald nicht mehr rechnen, mit der Folge, dass wieder eine ganze Menge Bilanzen repariert werden müssen, also Ausgaben zurückgefahren werden, mit tendenziell deflatorischen Effekten. Das Hauptbild außerhalb der angelsächsischen Länder ist aber zunächst einmal das einer sich beschleunigenden Inflation.

    Gruß, DW

  10.   Heinrich Kaspar

    Es spielt sich genau das gleiche ab wie in der ersten Oelkrise: hoehere Rohstoffpreise verteilen Einkommen um von Rohstoffproduzenten zu -konsumenten und erhoehen die Produktionskosten der Konsumenten. Aber die Zentralbanken — allen voran die Fed — behandeln diesen angebotsseitigen Schock als sei es ein nachfrageseitiger, d.h. mit stimulierender Geldpolitik. Bei der Fed kommt noch hinzu, dass sie sich gezwungen sieht den Schuldenueberhang wegzuinflationeren, deren Aufbau sie zuvor per 10 Jahre populistischer Niedrigizinspolitk provoziert hat.

    Das Endresultat ist allgemeine Inflation, so sicher wie das Amen in der Kirche. Und im Gegensatz zum geschaetzten Herrn Wermuth scheint es mir nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch in den Inflationserwartungen und Kerninflation widerspiegeln wird. OHNE natuerlich dass die Wachstumseinbussen der Rohstoffimporteure dadurch in irgendeiner Weise vermieden werden koennten. Das einzige Ergebnis ist dass ein relativer Preisschock in einen allgemeinen Preisschock umgewandelt wird.

    Unter den gegenwaertigen Umstaenden bilden die Engpaesse in der Rohstoffproduktion schlicht die globale Kapazitaetsgrenze. Die Tatsache dass die Rohstoffpreise durch die Decke gehen ist voellig unzweideutig ein Anzeichen weltweiter Ueberschussnachfrage, ausgeloest z.T. durch rapide expandierende Schwellenlaender, die zum erheblichen Teil den laxen Geldpolitk-Stance der Fed auch noch importieren.

    Die einzige sinnvolle und problemadequate Reaktion der Politik ist eine restriktivere Makropolitik.

    Gruss,
    HK

 

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