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Scharfer Gegenwind – Inflation bald aber kein Thema mehr

 

Wie schnell es gehen kann: Im ersten Vierteljahr hatte das reale Sozialprodukt noch mit einer Verlaufsrate von 6,3 Prozent zugenommen, inzwischen wäre ich aber nicht mehr überrascht, wenn es im zweiten zu einem Rückgang gekommen wäre. Alles deutet darauf hin. Nicht nur das, es sieht auch nicht danach aus, dass es schon bald wieder aufwärts gehen könnte.

Das ist nicht gut für den Arbeitsmarkt und die Staatsfinanzen. Bei den Inflationsraten wird es dagegen schon bald wieder bessere Nachrichten geben, trotz des starken Drucks in der Pipeline. Die Erzeugerpreise für Juni, die heute morgen veröffentlicht wurden, sind ein Beispiel für diesen Druck. Sie lagen um 6,7 Prozent über ihrem Vorjahresstand – einen solch starken Anstieg hatte es zuletzt vor einem Vierteljahrhundert gegeben. Die Käufer der Industrieprodukte werden versuchen, diese Kosten zu überwälzen. Es wird ihnen aber nicht so richtig gelingen, da die schwache Endnachfrage das kaum zulässt. Sie werden ihrerseits außerdem weniger kaufen und auf höhere Rabatte drängen. Mit anderen Worten, ähnlich wie in vergleichbaren Situationen in der Vergangenheit werden die Gewinnmargen der Unternehmen unter Druck geraten. Da sie bis vor kurzem noch auf Rekordniveau waren, muss das keine Katastrophe sein. Der Aktienmarkt nimmt eine langsamere Zunahme der Gewinne übrigens schon vorweg.

Ein paar Zahlen zum Stand der Konjunktur. Ist es wirklich so schlecht um sie bestellt?

– Die realen Auftragseingänge an die Industrie sind von November bis Mai mit einer Verlaufsrate von 10,7 Prozent gesunken und lagen nur noch um 0,2 Prozent über ihrem Vorjahresstand; im November hatte der Abstand zum November 2006 noch +13,1 Prozent betragen.

– Normalerweise kommt uns das Ausland zu Hilfe, wenn es im Inland mal nicht so gut läuft. Daraus wird diesmal nichts. Ebenso wie die Inlandsaufträge sind die Aufträge von jenseits der Grenzen stark rückläufig (im Verlauf -13,3 Prozent real seit November).

Auftragseingang aus dem In- und Ausland - 0805

– Das zeigt sich bereits bei den Exporten, die im Mai real nur um 1,7 Prozent über ihrem Vorjahreswert lagen; in den kommenden Monaten wird es hier Minuszeichen geben.

Deutsche Exporte, real - 0805

– Die Weltkonjunktur verliert nämlich zusehends an Schwung, vor allem wegen der starken Kaufkraftverluste in den Rohstoff importierenden Ländern und der geplatzten Immobilienblasen in den USA, Spanien und Großbritannien. Die Ökonomen von JPMorgan schätzen, dass das globale Wachstum im zweiten Quartal nur 1,5 Prozent betrug (Verlaufsrate oder saar = seasonally adjusted annualized rate ) – das Trendwachstum liegt bei 3,5 Prozent (mit aktuellen Wechselkursen gerechnet).

– Zudem beginnt die Euroaufwertung allmählich wehzutun; angesichts des Überangebots an Dollars ist hier auf absehbare Zeit keine Wende zu erwarten. Die Wettbewerbsfähigkeit hat von den Preisen her stark gelitten.

Realer effektiver Wechselkurs des Euro - 0806

– Wie sehr die Konjunktur schwächelt, zeigt sich auch bei den Wareneinfuhren; real sind sie zwischen Januar und Mai mit einer Verlaufsrate von 15,1 Prozent gefallen; das ist umso erstaunlicher, als der Euro in dieser Zeit weiter aufgewertet hatte, was die Einfuhren für sich genommen eigentlich hätte stimulieren sollen.

Deutsche Importe, real - 0805

– Am Bau geht es nach einer kurzen Blüte schon wieder abwärts – vor allem im Wohnungsbau sieht es sehr schlecht aus (reale Auftragseingänge ggVj im März und April minus 10,3 Prozent); wer kann sich bei diesen Benzinpreisen noch ein Häuschen im Grünen leisten? Nur die Unternehmen schränken ihre Bauprojekte bisher nicht ein.

– Die Industrieproduktion in den beiden ersten Monaten des abgelaufenen Quartals war gegenüber dem Durchschnitt des ersten Quartals saisonbereinigt um 1,9 Prozent zurückgegangen – selbst wenn der Juniwert sehr stark war, konnte dieser Rückstand nicht aufgeholt werden.

– Last but not least der Einzelhandel; real sind die Umsätze (einschließlich Autos) von Januar/Februar auf April/Mai mit einer Verlaufsrate von 10,5 Prozent zurückgegangen – die Haushalte streiken.

– Dafür ist natürlich verantwortlich, dass die Reallöhne nach wie vor rückläufig sind (im April –0,7 Prozent ggVj auf Monatsbasis); in Deutschland zumindest ist von einer Preis-Lohnspirale weit und breit nichts zu sehen. Anders ausgedrückt, die Arbeitnehmer sind in einer schlechten Verhandlungsposition und können sich gegen die importierte Inflation nicht wehren (die Unternehmen allerdings zunehmend auch nicht).

Im Euroland sieht es nicht viel anders aus. Weil wir keinen Immobilienschock zu verkraften hatten und weil die Exportindustrie zumindest bis vor kurzem sehr innovativ und dynamisch war, steht Deutschland sogar etwas besser da als die anderen, oder besser: stand. Wenn es bei uns zu einem Rückgang des Sozialprodukts gekommen ist, spricht alles dafür, dass das auch in der Währungsunion insgesamt der Fall war. Um wieder JPMorgan zu zitieren: die Bank rechnet für den Euroraum in Q2 mit -0,8 Prozent (reales BIP, saar), für Deutschland sogar mit -3,0 Prozent.

Am Donnerstag gab es die neue Wirtschaftsprognose des IWF. Wie jedermann erwartet auch der Fonds für dieses Jahr einen Rückgang der Wachstumsrate um etwa einen Prozentpunkt und ein noch etwas schwächeres Wachstum im Jahr 2009. Dazu passt, dass die Ölpreise nach dem für dieses Jahr geschätzten Anstieg um 63,8 Prozent auf durchschnittlich 116,50 Dollar pro Fass im Jahr 2009 nur noch um 7,3 Prozent steigen werden, auf dann 125 Dollar. Was heißt das für den Verlauf? Zunächst müssten die Ölpreise (WTI) noch etwas fallen, und zwar auf 125 Dollar im Durchschnitt der zweiten Hälfte dieses Jahres, ehe sie dann später wieder leicht ansteigen. Wenn der IWF recht hat (was allerdings eigentlich nie der Fall ist), haben wir es bis auf weiteres mit sinkenden Ölpreisen zu tun.

Die Preise der anderen Rohstoffe, der non-fuel commodities, werden im Jahr 2009 sogar um 5,2 Prozent niedriger sein und damit von nun an fallen müssen. Das Ganze ist übrigens in Dollar gerechnet. Ich erwarte, wie vielleicht bekannt, eine weiteren Aufwertung des Euro, so dass die Rohstoffpreise in unserer Währung gerechnet noch stärker zurückgehen dürften.

Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, die Verschiebung der relativen Preise zu unseren Lasten, wird mindestens teilweise rückgängig gemacht. Deswegen denke ich, dass wir schon bald wieder sinkende Inflationsraten sehen werden. Schwache Konjunktur, also eine schlechte Auslastung der Kapazitäten, sehr moderate Lohnsteigerungen und sinkende Rohstoffpreise lassen gar nichts anderes erwarten. Es kann etwas länger dauern, als wir es uns wünschen würden, weil es auf wichtigen Marktsegmenten nicht genügend Wettbewerb gibt, aber am Ende werden sich die Marktkräfte durchsetzen.

Bei der EZB darf man sich daher entspannen. Herr Trichet, dem das schlechte Gewissen bei der jüngsten Zinserhöhung deutlich anzusehen war, wird die Zinsen nicht noch einmal erhöhen müssen. I knock on wood.

72 Kommentare

  1.   EuroOptimist

    „Bei der EZB darf man sich daher entspannen. Herr Trichet, dem das schlechte Gewissen bei der jüngsten Zinserhöhung deutlich anzusehen war, wird die Zinsen nicht noch einmal erhöhen müssen. I knock on wood.“
    Guter Kommentar. Ich hoffe, dass Sie nicht auf dem Holzweg sind, für Trichet, für die EZB und für Euroland.

  2.   Heinrich Kaspar

    Mein Verdacht ist dass die bSP-Berechner im statistischen Bundesamt da schlicht was falsch bekommen haben und ein Teil des Q2-Wachstums in Q1 hineingezogen haben.

    Zur Inflation bin ich weniger optimistisch. Die Eurozonen-Inflationserwartungen sind in den vergangenen 4 Monaten um rund 50 bps gestiegen — weil den Leuten offenbar klar wird, dass die Rohstoffteuerung permanenten Charakter hat, solange die Welt an der Kapazitaetsgrenze herumkrebst. Wenn Rohstoffinflation aber erst in die Erwartungen eingeht ist der entscheidende Kampf schon verloren. Die EZB hatte voellig recht, da gegenzusteuern.

  3.   Dietmar Tischer

    @ D. Wermuth

    Es kann gut sein, dass die Inflation bald kein Thema oder wenigstens kein so beachtenswertes Thema mehr sein wird. Die Begründungen, die Sie anführen, sprechen dafür.

    Insofern könnte die EZB der Entwicklung durchaus entspannt zuschauen.

    Ich frage mich aber, ob diese Sichtweise, so angemessen sie mit Blick auf kurzfristige, weltwirtschaftlich weitgehend synchron verlaufende Marktmechanismen ist, nicht ein an-deres Problem der EZB verdeckt.

    Ich denke dabei an folgendes Szenario:

    Die Schwellenländer, allen voran China, werden aus den Nachteilen einer übergroßen Exportabhängigkeit lernen und ihr (für sie) unverzichtbar hohes Wachstum verstärkt durch Inlandsnachfrage aufrecht erhalten. Die kritische Masse an relativem Wohlstand dürfte dafür in vielen dieser Länder vorhanden sein. Das heißt in der Konsequenz: Die Rohstoffe praktisch aller Rohstoffklassen dürften auf absehbare Zeit tendenziell teuerer werden, wenn es nicht zu einer erheblichen Steigerung des Angebots kommt bzw. das steigende Angebot nicht mit gleich bleibenden oder sinkenden Preisen verbunden ist. Dass es dazu kommt, darf bezweifelt werden (u. a. politische Hindernisse, schon heute, z. B. zwischen China und Australien, lange Vorlaufzeiten für die Erschließung von Minen, höhere Erschließungs- und Transportkosten, weitgehend fehlende Skaleneffekte, etc.). Kurzum: Aufgrund der tendenziell hohen Wachstumsraten großer Volkswirtschaften rechne ich mit einem dauerhaften Anstieg der Rohstoffpreise, unabhängig davon, dass es ihn überlagernde Inflationszyklen gibt.

    Da höhere Preise für alle Rohstoffklassen nicht nur sektoral zu Kostenerhöhung führen, bedeutet das für uns bzw. die EU, dass mit tendenziell höheren Inflationsraten zu rechnen ist. Das ist jedenfalls dann der Fall, wenn es nicht rechtzeitig oder hinreichend gelingt, die Volkswirtschaften bei Angebot und Nachfrage auf andere, weniger Rohstoffe absorbierende Produkte und Dienstleistungen umzustellen. Wir sind ja in den letzten Jahren ganz gut vorangekommen, wie man aber an der Inflationsrate sieht, offensichtlich nicht in genügendem Maße.

    Wenn das so bleibt – was dann, EZB?

    Soll sie, unabhängig davon, dass sie die Ursachen nicht bekämpfen oder ändern kann, an dem einmal festgelegten Inflationsziel festhalten und den steigenden Inflationsraten durch Zinsanhebungen entgegenwirken? Wenn sie das tut, wird der Kostendruck dort Wirkung zeigen, wo er schnell wirken kann: bei den Arbeitskosten, durch Entlassungen. Es würde also die „Falschen“ treffen.

    Oder soll sie ihr Inflationsziel anheben, also mehr Inflation dulden, um die Konsequenzen vermehrter Arbeitslosigkeit nicht in Kauf nehmen zu müssen?

    Bei der Beantwortung dieser Fragen kann sich die EZB nicht mehr entspannt zurücklehnen.

    Ich bin mir im Klaren, dass ich hier mit Annahmen argumentiere, halte diese und die sich daran anschließenden Überlegungen dennoch nicht für hypothetisch oder gar abwegig.

  4.   Karl Schmidt

    Herr Dieter Wermuth hat hier einen sehr schönen und meiner Meinung nach einen sehr blauäugigen Artikel veröffentlicht.

    Viele Experten gehen langfristig von einem Ölpreis von 200 $ pro Barrel und mehr aus, aber Herr Wermuth (dessen fachliche Kompetenz ich nicht einschätzen kann) möchte diese Experten als Lügner strafen. Nun die Zukunft wird es zeigen, wer Recht hat.

    Ob andere Rohstoffe auch wirklich sinken, kann bei dem aktuellen Finanzproblem auch eher als Kritisch angesehen werden. Zur Klarstellung, hier spielt nicht die Bankenkrise die große Rolle (zumindest nicht Primär) sondern die Interventionen der FED sowie die generelle expansive Geldpolitik der EZB + FED.

    Wussten Sie, dass seit bestehen der EZB die Geldmenge unabhängig von der Konjunkturentwicklung Woche für Woche über die Offenmarktgeschäfte immer zugenommen haben? Nach ökonomischem Sachverstand führt dies bei schwachen oder sogar sinkenden Wirtschaftswachstum automatisch zu Inflation. Und wolla, genau mit diesem Problem ist heute die Wirtschaft und Gesellschaft bestraft!

    Ich gehe daher von längerfristig steigenden Preisen und damit auch von weiter steigenden Rohstoffpreisen aus. (Aber dies ist wie bei dem Artikel von Herrn Wermuth meine subjektive Einschätzung)

    (Wer aber an Anregungen und Meinungen zu diesem Thema interessiert ist findet diese auf hgcn.de, silberado.de oder bayerngold.com)

  5.   chefboss_der_grosse

    Die Banken hängen global zusammen; Deutsche Bank steht derzeit sogar auf der „besonders gefährdet- Liste“ und wurde vorübergehend aus dem „naked-selling“- Handel herausgenommen …
    UBS-Schweiz steckt Mitten in der Krise, TalSohle vielleicht noch nicht einmal erreicht
    usw. usf.
    Die paar SchauBildchen oben belegen meiner Ansicht nach nix.

  6.   mylli

    @ Inflationsziele

    Wie ist es eigentlich zu diesem 2% Inflationsziel der EZB gekommen? Warum und von wem wurde das festgelegt?

    Meine ersten richtigen Erinnerungen an so was wie Zinsen stammen wohl ungefähr aus dem Ende der 80iger. Da war ich schockiert darüber, dass man für eine Million Schulden 80.000 oder 100.000 Schilling allein dafür zahlen muss, dass die Schulden nicht mehr werden. Später sind mir fallende Inflationsraten dann wie ein Naturgesetz vorgekommen, aber jetzt erleben wir, dass dem nicht ist. Aber anscheinend ist die Welt lange Zeit auch mit höheren Inflationsraten ganz gut ausgekommen, warum sollte das nicht wieder funktionieren?

    Hat es in den 70er und 80ern auch schon das Wettwahlkämpfen für die Entlastung des kleinen Mannes und gegen die apokalyptische Inflation gegeben?

  7.   Robert von Heusinger

    @mylli

    Gute Frage: Wie ist die EZB auf dieses Inflationsziel gekommen? Wir schreiben das Jahr 1998, im Mai geht die EZB aus der Vorläuferorganisation EWI hervor und die ersten acht Direktoren sind bestimmt. Duisenberg Präsident, Issing Chefvolkswirt. Die Inflationsrate liegt in Euroland so niedrig wie noch nie, zumindest so niedrig wie seit mindestens 40 Jahren nicht, und zwar um die ein Prozent. Warum? Der Ölpreis kollabierte und rutschte bis auf zehn Dollar ab. Und da die EZB damals wie heute auf die Headline schaut, für die sie ja nicht allzu viel kann, grübelten die Herren und eine Dame lange, welche Inflationsrate sie als zu erreichen der Öffentlichkeit präsentieren sollten.

    Ich habe in seinen letzten Tagen im Amt mit Issing darüber versucht zu philosophieren. Aus tiefster Überzeugung würde Issing immer „null Prozent Inflation ist die beste Inflationsrate“ sagen. Einfach, weil Inflation ein Übel ist. Aber klar: So einfach ist die Welt nicht. Aber den Menschen in Euroland erklären, dass die EZB eine höhere Rate akzeptiert, als die, die gerade erreicht ist? Für Issing ein Ding der Unmöglichkeit. Anstatt damals schon offen und fair zu debattieren und den Unterschied zwischen Kern- und Headline-Rate zu erklären, wurde wie so gerne bei Issing und der EZB auf opak gemacht.

    Der Kompropmis war dann „unter zwei Prozent“. Damit war man nach Issings Meinung super mutig, denn wie gesagt: Am aktuellen Rand lag die Infaltion knapp über eins.

    Erst bei der Revision im Zuge der Deflationssorgen von 2003 wurde dann aus den „unter zwei“ das berühmte „nahe, aber unter zwei“, was mit 1,9 als Ziel interpretiert wird.

    Warum durften sich die Notenbanker denn selber die Rate, die sie anstreben sollen, selber setzen? Das war ein grober politsicher Fehler. Ich hätte ein paar Top-Wissenschaftler ein Gutachten erstellen lassen und die Euroland-Minister, die Euro-GRuppe entscheiden lassen, welche Inflation anzustreben sei.

    Nun haben wir den Salat.

    Grüße
    Ihr Robert Heusinger

  8.   I.I.Oblomow

    @ mylli

    Der Witz an dem 2% Inflationsziel der EZB liegt ja darin, daß die EZB praktisch keinerlei Einfluß auf die Inflationsrate hat. Wenn z. B. Kollektivlöhne, staatliche Abgaben, Warenpreise usw. um 10% erhöht werden, kann die EZB bestenfalls den Zeigefinger heben und ihre Empörung ins Protokoll eintragen lassen – und das war’s dann auch schon. Ob sie die 10% jetzt akzeptiert oder nicht, ändert an der Inflationsrate letztlich so viel wie der berühmte umgefallene Sack Reis in China.

    In den 70er und 80er Jahren ist es in den Wettwahlkämpfen vielleicht eher darum gegangen, einen entsprechenden Inflationsausgleich für den Lohn des kleinen Mannes zu propagieren. Damals waren m. E. solche Inflationsspiralen aufgrund anderer Markt- und Machtverhältnisse leichter umzusetzen. Heute ist das insofern schwieriger, weil die internationale Verflechtung bzw. Konkurrenzsituation solche Manöver eher zu einem Schuß ins eigene Knie macht.

    Natürlich kann man auch mit höheren Inflationsraten ganz gut leben. Ein kleiner Nachteil dabei könnte vielleicht sein, daß z. B. die Preise öfters angepaßt werden müssen, also zusätzliche Kosten für häufigere Preisauszeichnungen (neue Kataloge, neue Preisschilder usw.). Viel bedeutender hingegen ist die Änderungsgeschwindigkeit der Inflationsrate. Plötzliche heftige Inflationssprünge führen zu Vermögensumverteilungen (man denke z. B. an Kredite mit Fixzinsen, Lieferverträge usw.) und entsprechender Unsicherheit, d. h. höherem Risiko, d. h. letztlich höheren Finanzierungs- bzw. Absicherungskosten.

  9.   I.I.Oblomow

    P.S.: Im übrigen stimme ich der ausgezeichneten Analyse Dieter Wermuths zu, daß die Inflation aufgrund der zu erwartenden (gedämpften) Marktentwicklung (darunter auch sinkende Ölpreise) eher wieder zurückgehen wird. Hinsichtlich der weiteren Aufwertung des Euro bzw. Schwächung des Dollars bin ich aus fundamentalen Gründen anderer Meinung, aber es ist durchaus möglich, daß eine gewisse Marktübertreibung den Euro noch höher hebt. Wo die Spitze ist, weiß man immer erst hinterher.

  10.   sbo78

    Zuerst zur Inflationshöhe: Diese ist an sich nicht wirklich problematisch, so sah ich vor etwa zwei Jahren (leider entfiel mir, wo) eine Statistik, die Raten zwischen 2 und 10 Prozent in den am schnellsten gewachsenen Volkswirtschaften ausmachte und daraus schloss, dass dieser Rahmen der gesündeste sei: Die Rate ist hoch genug, um im Niedergang befindlichen Branchen (Strukturwandel) eine Anpassung ohne NOMINELLE Senkung der Löhne zu ermöglichen (was sozial besser verträglich ist und Entlassungen reduziert – die Landung ist weicher). Andererseits ist sie tief genug, um stabile Inflationserwartungen bei relativ geringer mittlerer Standardabweichung zu ermöglichen – womit Planbarkeit geschaffen ist und Wohlfahrtsverluste durch übereilte Geldausgabe (Iinflationsvermeidung durch Sachanlage) vermieden werden.

    Als Extrembeispiel für die Wichtigkeit der Standardabweichung und Planbarkeit ist Chile zu nennen: in fast 100 Jahren lag die Inflation durchschnittlich um die 30% p. a. – bei einem nicht zu schlechten Wirtschaftswachstum. In Phasen, in denen die Inflation aber deutlich abwich (einige Male um die 10%, andere Male über 100%) gab es schwere Krisen, weil die Wirtschaftssubjekte unerwartet getroffen wurden.

    Seitdem ich die Deflationssorgen in Deutschland vor dem letzten Aufschwung kennenlernte, erschien mir das Ziel der EZB zu niedrig, um einem so diversen Raum wie der Eurozone angemessen zu sein. Die Diskussion der chilenischen Wirtschaftsgeschichte bestätigte mich darin, obwohl ich prinzipiell für eine starke Währung in der Tradition der DM bin. Strukturwandel ist dann einfacher politisch durchzusetzen und die Differenzen innerhalb der Währungsunion (Überhitzung in Spanien, fast-Deflation in Deutschland bei gleichem Zinssatz) bleiben eher bei positivem Vorzeichen (Inflation).

    Zur aktuellen Entwicklung:
    Ich befürchte, dass sowohl DW als auch DT Recht behalten könnten. Einerseits ist die Krise, die sich abzeichnet, brutal. Andererseits wird die Umstellung in den Schwellenländern relativ schnell gehen und den Rohstoffverbrauch damit nicht so stark zurückgehen lassen.

    KS erwähnt die steigende Geldmenge, welche derzeit wahrscheinlich noch in überhöhten Assetpreisen „geparkt“ ist. Sollte die Geldmenge tatsächlich seit der Euroeinführung um ca. 50% gestiegen sein, die Geldentwertung aber nur etwa 30% betragen haben – hatten wir in zehn Jahren wirklich ein reales Produktivitätswachstum von im Mittel 1,8% p. a.? Da scheint doch ein wenig Luft drin zu sein – wenn die erstmal rausgelassen wird, dann haben wir Inflation auch im gemessenen Warenkorb.

    Die Möglichkeit, an der Kapazitätsgrenze der Weltwirtschaft angelangt zu sein (was den Faktor Rohstoffe und natürliche Ressourcen [„freie Güter“ wie saubere Luft & Wasser, fruchtbare Erde, Fische etc.] angeht) weist auf ein weiteres Feld hin: Zinsen können nicht mehr länger höher als die Inflation sein, ohne eine fühlbare Umverteilung zu bewirken. Wurde traditionell der Produktivitätszugewinn zwischen Arbeitern (Lohn) und Unternehmern (Zins) je nach Machtverhältnissen verteilt, muss in der neuen Situation die Zinsforderung AUS DEM BESTAND befriedigt werden. Also durch Reallohnverlust der Arbeitenden. Und auch dieses geht nur solange, bis diese an der Subsistenzgrenze angelangt sind (also etwa bei südamerikanischen, indischen, chinesischen, südosteuropäischen Löhnen). Die Geschichte hat gezeigt, dass Gesellschaften immer wieder zu einer Segregation der Schichten neigen – zum Ende einer Epoche tauchen die Superreichen auf und werden Monumente wie die Pyramiden, die Akropolis, das Colloseum, Versailles…

    Noch ein weiterer Effekt wird mittelfristig die Geldentwertung (ob Inflation oder sinkende Geldmenge bei gleichem Nominalwert ist da gleichgültig) beeinflussen: die Einpreisung bisher externalisierter Kosten. Freie Güter werden mehr und mehr einen Preis haben bzw. nicht mehr ohne Kosten nutzbar sein (Emissionsvorschriften, leergefischte Meere, rückgängige Agrarproduktion bei steigendem nicht-ölbasiertem Aufwand…). All dieses wird dazu führen, dass die monetäre Produktivität tendenziell zurückgeht und ggf. nicht durch echte Effizienzsteigerung (also nicht bloße Verlagerung von Arbeitsverbrauch zu Ölverbrauch z. B.) ausgeglichen werden kann.

    Ich bin gespannt, wie es weitergeht und freue mich auf angeregte Diskussionen!

 

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