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Ampeln erst einmal auf Grün

 

Für Anleger sind zwei Trends besonders wichtig: In der Realwirtschaft dominiert weltweit bis auf Weiteres die konjunkturelle Erholung. Sie ist robuster als ich das noch bis vor Kurzem erwartet hatte. Zum anderen wird sich an der rekordniedrigen Kapazitätsauslastung und den steigenden Arbeitslosenzahlen so schnell nichts ändern. Die Inflationsaussichten können vor allem aus diesem Grund besser nicht sein. Es kann sogar immer noch zu einer Deflation kommen. Die Notenbanken haben glaubwürdig versichert, dass sie ihre expansive Politik beibehalten werden – sie machen sich mehr Sorgen um die Stabilität des Bankensystems und das Deflationsrisiko als die Marktteilnehmer.

Die Situation ist daher sowohl für Anleger in Aktien als auch für Bondinvestoren günstig, eine Konstellation, die nur selten vorkommt. Ich zweifle allerdings daran, dass wir schon über den Berg sind. Vor allem die schwache Kreditvergabe, die die Bilanzprobleme der Banken widerspiegelt, macht mir Sorge. Ohne eine kräftige Expansion der Kredite wird es zu keinem kräftigen und dauerhaften Aufschwung kommen – siehe Japan.

Es bietet sich also an, die jetzigen Chancen zu nutzen, also insbesondere bei Aktien long zu gehen, aber misstrauisch zu reagieren, wenn die Märkte zu euphorisch werden. In den Schränken klappern noch eine Menge Skelette.

Ausführliches zur Lage der Weltwirtschaft und den Aussichten für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurse in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – September 2009*) (pdf, 217 KB)

*) Den Investment Outlook von Dieter Wermuth in englischer Sprache gibt es einmal im Monat und er wird zunächst kostenlos auf Herdentrieb zum Herunterladen bereitgestellt. (ur)

19 Kommentare

  1.   Jörg Zehrfeld

    wer im märz nicht den mut hatte eine siemens bei ca 35, eine daimler bei 20 oder eine cobank bei 3 zu kaufen und das jetzt tut, kommt in der zweiten halbzeit aufs spielfeld, wenn nicht sogar im letzten drittel….das sollte man sich jeden morgen beim rasieren erzählen ;=)
    die gewinne können (!) noch prima sein und der kater hinterher fürchterlich. dw vergleicht die augenblickliche situation ja gern mit
    japan in den 90ern. empfehle allzu großen optimisten mal die charts anzuschauen. die (teilweise gelogenen) gewinne der letzten 15 jahre
    werden viele unternehmen (vor allem aber der gesamtmarkt und besonders die finanzindustrie) eh nicht mehr erreichen. spätestens zum jahresende, wenn die letzten pessimisten unter den „profis“ ihre sicherungen aufgeben (müssen) ist der aktienmarkt im großen und ganzen gelaufen, es sei denn die regierungen weltweit drucken noch mehr geld. gruß jörg zehrfeld


  2. Als „echtem“ Kapitalisten sollte Ihnen doch bewusst sein, dass steigende Börsenkurse die simpelste Inflation überhaupt sind.

  3.   undertaker

    Aktien long gehen? Jetzt?? Bei Dax 5800?!!! Wo soll er denn noch hingehen, auf 7000, über 8000 in die Nähe der Allzeithochs? Habe ich was verpasst, boomt die Wirtschaft etwa schon wieder? Selbst wenn man irgendeine komische Inflationsstory hätte, dann gibt es bessere Wege darauf zu zocken als mit Aktien.
    Nein, jetzt noch einsteigen, ist nur was für Hardcorezocker. Vielleicht noch 10-15% kurzfristiges Aufwärtspotential mit viel gutem Willen. Dafür downside risks ohne Ende. Also ich bleibe short und es ist vielleicht an der Zeit für die Bären sich aus der täglichen Hektik des Börsengeschehens zurückzuziehen und in Winterschlaf zu gehen. Weckt mich, wenn’s kracht…

  4.   Dieter Wermuth

    @ undertaker

    Darum heißt es ja auch „erst mal ..“. Die Märkte sind nicht billig, aber wir befinden uns in einer Art Zwischenaufschwung. Da finde ich es gefährlich, short zu gehen.

    Gruß, DW

  5.   Spekulant

    @wermuth

    Ich habe mich auch gewundert über Ihre Aufforderung, bei Aktien jetzt long zu gehen. Meines Erachtens ist die Bärenmarktrally schon ziemlich heiß gelaufen. Vor allem, gibt es doch mittelfristig ein zentrales Argument gegen Aktien: Für die Entwicklung der Wirtschaft ist doch entscheidend, ob Geld klug (also gewinnbringend) investiert wird.

    Aber genau das passiert nicht. Wir sehen seit vielen Jahren gigantische Fehlallokation von Kapital:

    1.) Vor dem Crash hatten wir gigantische Blasen am Aktien- und Immobilienmarkt – Die irrwitzig überhöhten Preise auf diesen Märkten haben dazu geführt, dass viel zu viel Kapital in diese Märkte floß, also fehlinvestiert wurde.

    2.) Während des Crashs haben wir Kapital fehlinvestiert, weil Regierung und Zentralbanken den Banken riesige Summen in den Rachen geworfen haben. Da ging es ja nicht darum, bei welcher Bank die Milliarden am besten investiert sind, sondern im Gegenteil: Wer am schlechtesten gewirtschaftet hatte, bekam am meisten.

    3.) Und jetzt wird noch mehr Kapital fehlinvestiert, weil es den Staaten mit ihren Konjunkturprogrammen nur darum geht, Geld IRGENDWIE auszugeben, statt es klug zu investieren. Der Staat sollte eigentlich durch INVESTITIONEN den Wohlstand (und damit die Gewinne) steigern. Also zum Beispiel, indem er die Entwicklung der alternativen Energien vorantreibt und uns so für die Zukunft eine billige, CO2-freie und unerschöpfliche Energiequelle sichert. Damit würden wir Werte schaffen. Wir machen aber das Gegenteil: Mit der Abwrackprämie wird in die VERNICHTUNG von Werten investiert, statt in die Schaffung von Werten. Perfekter kann man Fehlallokation von Kapital nicht betreiben.

    FAZIT: Wir verschleudern also seit Jahren unser Geld statt es zu investieren. Wie sollen wir da auch nur annähernd die Rekordgewinne wieder erreichen, die uns zu einem Dax von 8.000 geführt haben? Die Kurssteigerungen sind meiner Ansicht nach rein liquiditätsgetrieben. Das Geld, das die Zentralbanken ins System pumpen, sucht nach irgendeiner Anlage.

    Das heißt aber: Wieder schauen die Anleger nicht darauf, ob Aktien eine sinnvolle Investition sind, ob also die Gewinne der Unternehmen mittelfristig die hohen Kurse rechtfertigten. Aktienkäufer fragen sich nur: Gibt es gerade Momentum am Markt. Das ist aber nichts anderes als ein Pyramidenspiel: Ich kaufe eine Aktie nicht, weil sie günstig (und damit eine gute Investition) ist, sondern weil es einen Dummen gibt, der sie mir zu einem noch höheren Kurs bald abkaufen wird. Damit sind wir aber wieder bei Punkt 1.) angelangt: Durch Blasen am Aktienmarkt kommt es zu Kapital-Fehlallokation.

    Mich würde interessieren: Was meinen Sie, wie lange dieses Spiel noch weitergeht? Was ist ihre Wette, um wie viel Prozent treiben die Zocker den DOW noch nach oben? Und wo sehen Sie den fairen Wert des DOW?

    Viele Grüße

    Spekulant

  6.   Dieter Wermuth

    @ Spekulant

    Ich finde natürlich auch, dass die Aktien nicht billig sind. Ich bezweifle, so wie Sie, dass es von nun an mit der Wirtschaft einfach weiter aufwärts gehen wird. Dafür sind die Banken noch nicht gesund genug, und dafür steht die Weltwirtschaft noch auf zu wackligen Beinen, vor allem weil die Verbraucher in den Ländern, in denen es zu großen Vermögensverlusten gekommen ist (US, GB, Sp, Russland, Irland, nach wie vor Japan) erst einmal verstärkt sparen müssen. Ein anderes Problem sind die Unternehmensinvestitionen – warum sollten sie angesichts der weiterhin niedrigen Kapazitätsauslastung anspringen? Zunächst geht es vor allem hierzulande darum, die Gewinne durch eine bessere Nutzung der bestehenden Anlagen zu steigern. Die Ampeln stehen zwar auf Grün, werden aber bald wieder auf Gelb springen.

    Denken Sie auch daran, dass es jetzt erst mal zunehmend gute Gewinnmeldungen geben wird – genauer: Verbesserungen auf einem sehr niedrigen Niveau. Das wird die Märkte noch eine Weile tragen, vermute ich.

    Gruß, DW

  7.   Spekulant

    @Dieter Wermuth,

    danke für die schnelle Antwort!

    Ich kann mir auch vorstellen, dass die Hausse die Hausse noch eine Weile nährt. Aber gesund ist das nicht. Ich frage mich langsam: Taugen Aktienmärkte überhaupt noch als Vehikel zur Kapitalallokation, wenn die meisten Anleger spekulieren statt zu investieren?

    Denn Spekulation liegt meines Erachtens vor: Die Anleger interessieren sich nicht für die langfristigen Perspektiven der Unternehmen, in die sie investieren. Sie interessieren sich stattdessen nur für die Stimmung der anderen Anleger. Genau das machen Anleger nämlich, wenn sie auf Trends, Momentum und Chartanalysenschauen: Dabei geht es letztlich um die Psychologie der anderen Anleger.

    Die Börse braucht dringend Aktionäre, die langfristig investieren. Nur dann fließen die Investitionen dorthin, wo sie den größten Nutzen stiften.

    Ich bin jedenfalls dabei, meinen Aktienanteil drastisch zu reduzieren, da ich glaube, dass es für mich (und die Wirtschaft) langfristig das beste ist. Schon bei Dax 5000 haben wir nach meiner Einschätzung die Zone der Irrationalität und der Kapitalfehlallokation betreten.

    Ich baue mit jedem Zähler, den DAX und DOW voranschreiten, meinen Aktienanteil ab. Zu Jahresanfang hatte ich einen Aktienanteil von 90 Prozent, bei Dax 6500 werde ich ihn auf circa 60 Prozent reduziert haben. Alles, was über 6500 geht, gar in Richtung 8000 ist nach meiner Ansicht die perfekte „irrational exuberance“. Da werde ich den Aktienanteil langsam Richtung 0 Prozent runterfahren.

    Würde mich freuen, wenn Sie eine Schätzung wagen: Wie viel Prozent Kurssteigerung ist noch drin?

    Viele Grüße

    Ihr

    Spekulant

  8.   AM

    Klare Kante: wer am Jahresanfang nicht schon tüchtig gekauft hat, sollte es jetzt auch nicht tun. Es ist zwar eine Binsenweisheit, aber wahr, dass man dem Geld nicht hinterherlaufen, sondern ihm entgegengehen sollte:-)

  9.   WIHE

    An der Bösre wird doch gar kein Geld angelegt,
    wenn jemand (A) eine Aktie zu 100 E kauft, dann hat ein anderer 100 Euro auf dem Konto.

    Wenn A dann für 200 Euro an B verkauft, dann hat A 200 Euro auf dem Konto und B die Aktie.

    Wenn A dann die 200 E in eine Maschine investiert, dann hat Allokation stattgefunden, hoffentlich hat er dann die richtige Maschine gekauft und nicht die falsche.

    Geld wird noch nicht mal an der Börse wirklich angelegt, wenn eine neue AG auf den Markt kommt.
    Das bei der Aktienausgabe eingenommene Geld wird in Ausrüstung investiert oder der Aktienausgeber kauft sich vielleicht ein schickes Haus oder ein dickes Auto oder es landet in der Staatskasse wie damals bei der Telekom.

    Jedenfalls verbleibt kein Geld an der Börse, außer den Gebühren, aus denen die Mitarbeiter der Börse bezahlt werden oder die Aktionärer der Börse ihre Dividende erhalten und dem Staat die Steuern der Börsen AG gezahlt werden.

  10.   Spekulant

    @WIHE

    Naja, das ist etwas spitzfindig, denn Unternehmen gehen ja deshalb an die Börse (oder machen Kapitalerhöhungen), um sich Geld zu beschaffen.

 

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