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Herbst der Entscheidungen

 

Es ist die Aufgabe der Presse in einer Demokratie, die Regierung zu überwachen, einzuordnen und zu kritisieren. Woran aber die Qualität politischer Arbeit messen? Wie die Begeisterung über den Herbst der Entscheidungen zeigt, ist ein prozeduraler Ansatz weit verbreitet. Gut ist, wenn viel entschieden, wenn etwas bewegt, wenn also durchregiert wird.

Das Problem dieser Betrachtungsweise ist, dass sie Gefahr läuft das Wesentliche zu vernachlässigen. Veränderung ist ja kein Wert an sich – eine Reform kann die Verhältnisse verbessern, aber auch verschlechtern. Hitler beispielsweise hat ziemlich viel reformiert, und ob der von großen Umwälzungen begleitete Übergang von der Antike zum Mittelalter die Menschheit vorangebracht hat, ist durchaus diskutabel.

Die dem massenmedialen Betrieb innewohnende Tendenz, das Reformieren zum Selbstzweck zu erheben, lenkt vom Wesentlichen ab. Der content zählt, nicht die form. Nichtstun ist besser als das Falsche zu tun. Oder anders gesagt: Die zerstrittene Gurkentruppe des Sommers hat eine bessere Politik gemacht, als die geeinte Mannschaft dieses Herbstes.

Außer natürlich, man ist Pharma- oder Atomunternehmer.

9 Kommentare

  1.   Christian Wagner

    Wir haben nicht nur ein politisches Problem, sondern vielmehr ein intellektuelles, denn:
    „Es ist die Aufgabe der Presse in einer Demokratie, die Regierung zu überwachen, einzuordnen und zu kritisieren.“
    Diese Anforderung gilt zwar noch heute, aber wird heutzutage weniger denn je erfüllt. Als einfachstes Beispiel sei das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ genannt, der sich zu einer Bild-Focus-Journaille für anzugstragende „Leistungsträger“ gewandelt hat. Kritisches Hinterfragen von wirtschaflichen oder gesellschaftlichen Zuständen wird nicht mehr gemacht, das gute halte journalistische Handwerk hat sich in ein Paste-Copy-applemoderne Tätigkeit entwickelt, bei der mehr die Optik als der kritische Inhalt zählt. Eine fundierte Ausbildung zu einem guten Journalisten, bei dem auch die deutsche Sprache neben einem Interesse für investigativen Journalismus zum tragenden Element gehört ist dem modernen plakativen Schreiben von Platitüden gewichen.


  2. Also bitte, das ist ja völlig jenseits der Realität:

    “Es ist die Aufgabe der Presse in einer Demokratie, die Regierung zu überwachen, einzuordnen und zu kritisieren.”

    Die Medien sind im Kapitalismus dazu da, die Interessen des Kapitals zu bejubeln und die Politiker unentwegt anzutreiben, diese Interessen gegen die Bevölkerung durchzusetzen.

    Wagt die Regierung aus Angst vor der Wut der Betroffenen zu wenig „Reformen“, dann müssen die Medien die Politiker anklagen und mehr Mut zu (den vom Kapital gewünschten) Entscheidungen fordern.

    Heute bejubelt die Springerpresse das Klimamerkel:

    welt.de/…/Angela-Merkel-regiert-sich-in-einen-Rausch

    Das ist Journalismus im Kapitalismus, auch wenn es nicht überall gleich so direkt zugeht. Die Regierung wird überwacht, damit sie auch ja die Wünsche des Kapitals befolgt, sie wird bejubelt oder kritisiert, je nachdem, wie gut sie die Interessen des Kapitals bedient.

    Und Demokratie? Unsere Politiker sind vom Volk gewählt und vom Kapital gekauft. Das ist unsere Demokratie.

    Jedenfalls stimme ich zu, dass es heute besser ist, wenn eine Regierung nichts macht unter den derzeitigen Verhältnissen.

  3.   Stefan L. Eichner

    Was will man denn anderes erwarten, wenn Presse und Medien nur noch in den Händen weniger gebündelt ist? Presse- und Medienvielfalt existiert da nur vordergründig. Das ist ja wohl mit ein wesentlicher Grund dafür, dass Blogs so attraktiv geworden sind. Dass viele Online-Versionen von Zeitungen jetzt auch Blogs haben, ist ja vor allem ein Versuch, den Leserschwund aufzuhalten.

  4.   Dietmar Tischer

    @ Mark Schieritz

    >Es ist die Aufgabe der Presse in einer Demokratie, die Regierung zu überwachen, einzuordnen und zu kritisieren.>

    Wie kommen Sie darauf, dass DIES die Aufgabe der Presse ist?

    Wer hat ihr diese AUFGABE übertragen?

    Und warum soll ihr gerade in einer DEMOKRATIE, wo es am einfachsten ist, zu kritisieren und einzuordnen, z. B. die Regierung auf die Oppositionsbänke zu befördern, diese Aufgabe übertragen worden sein?

    Kann schon sein, dass sich ein Teil der Presse diese Aufgabe angemaßt hat und nicht schlecht davon lebt. Ist wünschenswert und hat uns mitunter auch sehr genützt.

    Aber eine quasi staatstragende AUFGABE?

    Das ist Überschätzung und Wichtigtuerei.

    >Der content zählt, nicht die form.>

    content UND form – beides zählt.

    >Nichtstun ist besser als das Falsche zu tun.>

    Nicht in jedem Fall.

    Durch Nichtstun kann man mitunter MEHR Falsches tun als nur Falsches zu tun.

    Zu „Automunternehmer“:

    Wollen Sie wirklich eine umweltfreundliche Energiewirtschaft GEGEN die AKW-Betreiber zustande bringen?

    Wollen Sie einen erheblichen Teil deren produktiven Kapitals entwerten UND GLEICHZEITIG erwarten, dass die mit Planungs- und Genehmigungsvorläufen von 10 bis 15 Jahren für Mrd.-Summen die Hochspannungsleitungen von der Küsten zu den Verbrauchern nach Süddeutschland finanzieren und bauen?

    Wer die berechtigten Interessen der AKW-Betreiber nicht realistisch einschätzt und nicht mit ihnen verhandeln will, der träumt – und erreicht seine Ziele nicht oder nur zu einem erheblich höheren Preis.

  5.   rawe64

    @Mark Schieritz: Nur Meinung+Plattitüden.

  6.   Daniel080778

    Ihr Kommentar zeigt offensichtliche Defizite in Demokratie. Natürlich hat die Presse diese staatstragende Funktion. Woher bekommen Sie denn Ihre Information über nationale und internationale Vorgänge? Einfach mal mit Obama und Netanjahu über den Nahostkonflikt chatten? Nein. Auch Sie geniesen die Vorzüge einer frei publizierenden Presse. Und nicht umsonst steht die Pressefreiheit in unserem Grundgesetz.

    Ihre Anmerkung zu den „Atomunternehmern“ zeigt ebenfalls Ihre beschränkte Sicht auf die Dinge. Die Verkürzung der Laufzeiten der Atomkraftwerke wurde nicht umsonst als „Atomkonsens“ bezeichnet. Die Energiewirtschaft hatte dem, vertraglich fixiert, zugestimmt. Von einem „Gegen die Energiewirtschaft“ kann also keine Rede sein. Wenn die Energieunternehmen damals nicht in der Lage waren die Folgen Ihres Tuns abzuschätzen, werden sie eben untergehen. Nennt man Marktwirtschaft, aber leider werden die Gesetze des Marktes von unserer aktuellen Regierung immer (IMMER UND AUSSCHLIESSLICH) zugunsten von Unternehmen gebogen und geformt. Und ja, genau dann wäre Nichtstun die bessere Variante.

  7.   Daniel080778

    @ Mark Schieritz

    Könnten die Hirten den gesamten Atomstreit vielleicht mal hinsichtlich der Ökonomie abklopfen? Gibt es vielleicht unter den Hirten auch da Differenzen, wie man mit der Atomkraft in Deutschland verfahren soll (Kosten der erneurerbaren Energie für die Volkswirtschaft kontra Jobzuwachs/Innovationsgewinn…Kosten Uranbergbau/Import/Lagerung etc. kontra Nutzen Atomkraft für die Volkswirtschaft? Ein Streitgespräch über die Atomfrage hinsichtlich Ihres Einflusses auf die deutsche Wirtschaft (oder gar europäische) fände ich faszinierend, vor allem da ich hier auf eine neutrale Zahlenpräsentation/-auswertung hoffe.

    Ansonsten noch ein generelles Lob für den Blog.


  8. Hallo Herr Schieritz,

    kann es sein, dass Sie schon länger nicht mehr Zeitung gelesen haben?
    Das Wort „Reform“ ist fast völlig aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden. Selbst Politiker trauen sich nicht mehr, es zu benutzen. Mit Horst Köhler ist der letzte „Reformfreund“ abgetreten.
    Reform meinte ja auch nie ewas anderes, als die Gesellschaft für die neoliberalen Zumutungen zuzurichten.

  9.   HenryKaspar

    OT

    Kommt jemand zur grossen Konferenz dieses Wochenende? Falls ja und be Interesse auf ein Treffen bitte meine email anschreiben. Alternativ weiss auch RvH wo ich zu finden bin.

    Gruss,
    HK

 

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