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An unsere Jungs in Seoul: Keine Angst vor Tim Geithner

 

Wie man hört gestalten sich die Verhandlungen in Seoul schwierig. Vielleicht erreicht  die deutschen Unterhändler um Kanzlerberater Jens Weidmann, die jetzt wahrscheinlich in einem koreanischen Hinterzimmer mit ihren Kollegen aus den anderen G20-Staaten beisammen sitzen und über dem Text für die Abschlusserklärung brüten, ja folgende Grafik.  Sie zeigt – Quelle Bundesbank, die Werte für 2010 und 2011 sind eine Schätzung von Goldman Sachs – den deutschen Leistungsbilanzsaldo seit 1950 und die Grenzwerte von vier Prozent der Wirtschaftsleistung, die die Amerikaner vorgeschlagen haben.

Deutschland hätte Geithners Zielwert zumeist locker eingehalten. Es ist ein Mythos, dass die Deutschen strukturell konsumfaul und exportfixiert sind. Sie verhalten sich genau so wie andere Wirtschaftssubjekte –  gebt ihnen Geld und sie geben es aus. Die amerikanischen Pläne sind aus vielerlei Gründen sinnvoll –  und sie schaden Deutschland nicht einmal. Kein Grund also, sich zu verkämpfen, liebe deutsche Delegation. Stimmt zu und dann ab in die Bar auf ein Glas Sake. Macht doch auch mehr Spaß.

37 Kommentare


  1. Sie haben’s erfasst, lieber Herr Schieritz. Es geht gar nicht so sehr um Fakten — die könnte man ja telefonisch erledigen — als vielmehr darum, in den heimischen Gefilden Punkte zu gewinnen. Daher die trutzig-kämpferische Rede der Kanzlerin schon vor jeder G20-Konferenz: „Ich werde mich grundsätzlich ALLEM widersetzen.“

  2.   egghat

    Hat Geithner denn die Leistungsbilanz und nicht doch die Handelsbilanz gemeint?

    Wenn die Chinesen übrigens aufgepasst haben, bringen die die Zahlen von HSBCTrinkaus, dass der Yuan fair bewertet ist:

    diewunderbareweltderwirtschaft.de/2010/11/zahl-des-tages-021110-40.html

  3.   zensamui

    die koennen sich den mund in korea fusslig reden. Das grundproblem ist das system an sich. Es ist kaputt und kann nicht repariert werden. Die behauptung hier, der innerdeutsche konsum wird die deutsche wirtschaft am wachsen halten ist ja wohl ein schlechter witz. Ca. 30 % der deutschen einkommen reichen nur noch zum maessigen leben. 20% sind al, aufstocker , le
    iharbeiter und aehniches. Ist hier auch schon BILD jubelniveau?
    Ohne rieseninflation lassen sich die monetaeren probleme nicht mehr loesen. Stellt euch drauf ein. Tunfischdosen, gold,silber
    gruss aus thailand, wo man momentan einen 31 inch flachbildfernseher fuer ca. 200 euro nachgeworfen kriegt. Deflation!
    dschungelmann

  4.   Thomas Müller

    Die Argumentation der Bundesregierung ist ohnehin unsinnig: Einerseits wirft man den Amis ihr Defizit vor, Maßnahmen dagegen werden – vorsichtig ausgedrückt – jedoch auch nicht begrüßt.

    Sicher geht es stark darum, hierzulande Stimmung zu machen, ich habe jedoch auch den Eindruck, die Bundesregierung hat wirklich nicht verstanden, dass Lohnsenkungen und Abwertung den gleichen Effekt haben. Ok, von Lohnsenkungen hat Angie nicht wirklich gesprochen, die Aussage ist aber immer, dass die Amis zu viel konsumieren und nicht wettbewerbsfähig sind und wenn Abwertungen pfui sind, sind wohl eindeutig Lohnsenkungen gemeint.


  5. Lieber Herr Schieritz,
    danke für die Statistik. Es ist richtig und wichtig, dass die Leistungsbilanz wieder in den Mittelpunkt rückt. Insofern ist die Diskussion, die seit ca. 1Jahr öffentlich läuft sehr hilfreich. International aber noch wichtiger, innerhalb des Euroraums, muss eine Leistungsbilanzzielgröße auf den Tisch. Für den Euroraum sollte eine Zielgröße von +-2% betragen. Fernerhin eine Obergrenze für die kumulierten Leistungsbilanzdefizite. Sonst ist der Währungsraum ohne Transferunion nicht zu halten. Die Statistik straft allerdings alle Lügen, die die Probleme auf den Euro zurückführen und die Wirkungsweise von flexiblen Wechselkursen in den Himmel jubeln. Man achte auf die Zahlen vor der Wiedervereinigung.

  6.   Thomas Pittner

    @ Bernd Klehn
    „Die Statistik straft allerdings alle Lügen, die die Probleme auf den Euro zurückführen und die Wirkungsweise von flexiblen Wechselkursen in den Himmel jubeln. Man achte auf die Zahlen vor der Wiedervereinigung.“

    Dass die DM oft zu niedrig bewertet war, dürfte Konsens sein?
    Und dass das durchaus auch gewünscht war.

  7.   Thomas Müller

    @Bernd Klehn
    schön dass Sie sich der Forderung nach LB-Zielgrößen anschließen.

    Was jedoch die Behauptung angeht, Wechselkurse seien irrelvant: Zwischen 1989 und 1991/92 wertete die DM um über ein Viertel auf, der LB-Überschuß sank deutlich.

    @Schieritz und Klehn:
    also in den Zahlen des IWF lag der LB-Überschuß 1989 bei 4,56% und nicht bei 9%. Nach den Zahlen lag der LB-Überschuss von 1980 bis Euroeinführung bei 0,6% p.a., seitdem bei 4% p.a.

    Nun halte ich flexible Wechselkurse nicht für eine Optimallösung, doch wie kann ernsthaft behauptet werden, der Wechselkurs und damit der Preis, den Ausländer bezahlen müssen, sei für den Außenhandel irrelevant? Je höher der Preis, desto geringer die Nachfrage und umgekehrt, dran kann es doch keine Zweifel geben.


  8. @ Thomas Müller

    Sie haben recht, es waren wahrscheinlich ehr 5% in 1989. Die relevanten Statistiken, die ich gefunden habe sind:

    Leistungsbilanz

    http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=&func=row&tr=EU4710

    Bruttoinlandsprodukt

    http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=&func=row&tr=JBA000

    Für 1989 wird in etwa gelten: Leistungsbilanzüberschuss ca.60Mrd. Euro Bruttoinlandsprodukt 1200Mrd. Euro

    Dieses relativiert natürlich meine Aussage. Wahrscheinlich sind DM und Euro durcheinander geschmissen worden.

    Allerdings erinnere ich die Situation in 1990 etwas anders als Sie. Nach der Wiedervereinigung kippte die Leistungsbilanz sofort. Fernerhin lief die Konjunktur in Westdeutschland auf Hochtouren. Die Aufwertung war keine Folge der Leistungsbilanzüberschüsse sondern der Bundesbankaktion die Zinsen drastisch zu erhöhen um die Binnennachfrage abzukühlen. Trotzdem haben wir 10 Jahre gebraucht um wieder ins Plus zu kommen. Die Aufwertung hat nicht das Leistungsbilanzdefizit herbeigeführt, sondern die Wiedervereinigung. Das Leistungsbilanzdefizit ist über die Realzinssätze, die zur Aufwertung führten, abgebremst worden. Auch innerhalb eines Währungsraumes kann durch Zinssätze der Kapitalfluss optimal geregelt werden. Nur der Finanzmarkt funktioniert nicht mehr, sondern ist zum Finanzkasino verkommen. Da kommen Sie auch mit freien Wechselkursen nicht gegen an.

  9.   Mark Schieritz

    @ Alle

    Korrekt, Fehler bei der Umrechnung. Die Grafik ist korrigiert.

  10.   Thomas Müller

    „Die Aufwertung war keine Folge der Leistungsbilanzüberschüsse sondern der Bundesbankaktion die Zinsen drastisch zu erhöhen um die Binnennachfrage abzukühlen.“

    Ist teilweise richtig bezüglich der kurzfristigen Zinsen. Doch auch diese stiegen schon vor den Leitzinserhöhungen deutich an, ebenso die langfristigen Zinsen.

    „Die Aufwertung hat nicht das Leistungsbilanzdefizit herbeigeführt, sondern die Wiedervereinigung.“

    Fakt ist aber, dass es beseitigt wurde. Und Fakt ist ebenso, dass es eine Aufwertung gab. Nun war die Aufwertung vielleicht nicht oder nicht komplett dem vorherigen Überschuss geschuldet, es war aber sicherlich auch die Aufwertung, die zum Abbau beigetragen hat. Ein Viertel höhere Kosten können nicht irrelevant sein – ich kann mich an das Gezeter der deutschen Wirtschaft noch einnern.

    „Trotzdem haben wir 10 Jahre gebraucht um wieder ins Plus zu kommen.“

    Nun lassen wir die Kirche doch mal im Dorf: Das Defizit lag bei gerade mal 1% des BIP und das nicht etwa weil die westdeutsche Industrie – trotz Aufwertung! – nicht wettbewerbsfähig gewesen wäre, sondern weil der Osten de-industrialisiert wurde.

    „Auch innerhalb eines Währungsraumes kann durch Zinssätze der Kapitalfluss optimal geregelt werden.“

    Ja, das ist ein Aspekt und ich habe dazu auch bereits hier dazu einen Vorschlag unterbreitet. Aber wie können Sie den Zinsen alle Relevanz einräumen und dem Wechselkurs als maßgeblicher Kostendeterminante im Außenhandel Null Relevanz?

    „Da kommen Sie auch mit freien Wechselkursen nicht gegen an.“

    Das ist tatsächlich ein Problem. Zu den Zinsen habe ich einen Vorschlag gemacht, bei den Wechselkursen habe ich noch keine Idee für eine ALternative zu völlig frei.

 

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