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To bail out or not to bail out

 

Weissgarnix reitet eine wortgewandte Attacke gegen unsere lieben Finanzmarktakteure, die sich partout nicht an den Kosten einer Krise beteiligen wollen und die Insolvenzpläne der Kanzlerin deshalb kritisieren.

Wenn das Grundprinzip des Kapitalismus – keine Rendite ohne Risiko, jeder haftet für seine Entscheidungen – hier ganz offenbar nicht akzeptiert wird, warum lassen wir es nicht ganz bleiben mit der Marktwirtschaft, fragt er.

I beg to disagree. Die Argumentation erscheint mir in erster Linie moralischer Natur: Eine Norm bezieht seine Geltungskraft aus ihrer universellen Anwendung. Wenn dieses Prinzip nicht durchgehalten werden kann, dann weg mit der Norm. Hier der Kapitalismus.

Doch den zeichnet meines Erachtens nicht seine moralische Überlegenheit aus, sondern seine Fähigkeit, Güter zu produzieren. Und zwar eine ganze Menge und ziemlich effizient. Er muss sich also nicht moralisch legitimieren, sondern technisch.

Jede Argumentation pro Gläubigerbeteiligung (und die Probleme des Timing und der mangelhaften beziehungsweise unnötig harten Ausführung, die ja im Zentrum der Kritik stehen, lasse ich jetzt einmal außen vor) muss also über die Anreize kommen, über Marktdisziplin und so weiter, die Finanzmärkte als fünfte Gewalt, die die staatlichen Exzesse eindämmen. Tietmeyer eben, wie Lübberding gezeigt hat. Man kann das tun, aber dann werden die Dinge schon komplizierter.

Und ins Allgemeine gewendet: Wenn Moraldefizite der Preis sind für Wohlstandsgewinne – so sei es. Lieber too big to fail als arm, lieber der totale bail-out als die Steinzeit. Das jemand den ganzen Kram ordentlich verteilen muss: Sowieso klar.

102 Kommentare


  1. „Er muss sich also nicht moralisch legitimieren, sondern technisch.“

    Völlig richtig. Aber gerade fürs Funktionieren braucht jedes technische System eine Rückkopplung, eine Erfolgsmeldung ob eine bestimmte Entscheidung richtig war oder nicht. Und das ist im Markt u.a. der Gewinn oder Verlust. Ich bin nicht absolut marktgläubig, aber es ist schwachsinnig, dem Markt, der eh schon dauernd über- und unterschießende Reaktionen und diese dazu auch noch verzögert zeigt, eines es wenigen internen Regulationsysteme zunehmen.

    Nota bene, das ist eine technische, keine moralische Argumentation .

  2.   Marco

    „Doch den zeichnet meine Erachtens nicht seine moralische Überlegenheit aus, sondern seine Fähigkeit, Güter zu produzieren. Und zwar eine ganze Menge und ziemlich effizient. Er muss sich also nicht moralisch legitimieren, sondern technisch.“

    Das ist Unfug. Genau zu dem Zweck die kapitalistische Produktionsweise moralisch zu legitimieren *ist* der Liberalismus als Moralphilosophie überhaupt erst entstanden: Das System freiwilliger Interaktion von ungebundenen, vorurteilslosen recthlich gleichgestellten und vernünftigen Individuen gibt für die Gesellschaft genau die Bedingungen vor unter denen der Markt am besten funktioniert. Mit den Moralvorstellungen des Mittelalters kann man eben keinen richtigen Kapitalismus machen.

    Wenn man nun die Verantwortung gewisser Marktteilnehmer für den selbst angerichteten Schaden aus dem Spiel nimmt, dann erodiert gleichzeitig der gesellschaftliche Konsens, die Basis unseres Zusammenlebens. Und dann könne Sie ja mal sehen, wie effizient der „Kapitalismus“ ist, wenn keiner mehr seine Schulden zurückzahlt. Der Kapitalismus kann nur funktionieren solange er moralisch legitimiert ist.

  3.   Max

    Gegen den letzten Absatz möchte ich einwenden:
    Sollte man das nicht eher (aus der Sichtweise jenes Absatzes heraus) als eine Waage sehen: „Mehr Moraldefizite“ auf der einen Seite => „Mehr Wohlstand“ auf der Anderen? Fragt sich dann, wieviel mehr Wohlstand jene Moraldefizite wirklich erzeugen? Und vor allem, welche Externen Effekte sie daneben erzeugen! Ich denke nicht, dass Moraldefizite einer Gesellschaft wie auch einer Wirtschaft gut bekommen.

    Ansonsten ist das, was als Ergebnis rauskommt, doch dasselbe wie bei WGN, auch wenn seines vielleicht etwas wild argumentiert ist.

  4.   WIHE

    Wenn die Geldgeber an den Risiken der Aufnahme von Staatsanleihen beteiligt werden, gehen die Zinskosten für manchen Staat massiv in die Höhe.
    Italien, mit seiner im nächtens Jahr 120 % Staatsverschuldung und rd 1,9 Billionen Euro Schulden könnte unter der dann auftretenden Zinslast zusammen brechen, die Neuverschuldung würde drastisch ansteigen und die relative Verschuldung ebenfalls.

    Also meine Wette, es wird eine Euroanleihe geben. Jeder haftet dann für jeden, besonders die Rrfolgreichen und Fleißigen für die Verschwender und wenig Erfolgreichen.

    Irgendwann werden sich dann einzelne Völker als ausgenutzt betrachten und dann könnte das System wie in Jugoslawien in den neunziger Jahren enden als die Kroaten sich von den Serben ausgenutzt fühlten.


  5. „Irgendwann werden sich dann einzelne Völker als ausgenutzt betrachten und dann könnte das System wie in Jugoslawien in den neunziger Jahren enden als die Kroaten sich von den Serben ausgenutzt fühlten.“

    Genau so ist das.

    Die selbe Frage stellt sich (bzw. wurde gestern von Herrn Henkel im TV gestellt) innerhalb de BRD:

    Wollen sich sich Bayern, BaWü und Heesen weiterhin von den anderen Ländern ausnützen lassen?

    Die selbe Frage stellt ich innerhalb der Bevölkerung:

    Wollen sich die Jungen / Arbeitenden / Alten weiterhin von den Alten / Arbeitslosen / Jungen ausnützen lassen?

    Wollen sich die Schlauen / Fleissigen weiterhin von den Dummen / Faulen ausnützen lassen?

    Wollen sich die Frauen weiterhin von den Männern ausnützen lassen?

    Wollen sich die Deutschen weiterhin von den Ausländern ausnützen lassen?

    Wollen sich die Gesunden weiterhin von den Kranken und Behinderten ausnützen lassen?

    Muslime? Juden?

    Auch weltweit ist das ein Problem:

    Wollen sich die Industrieländer weiterhin von den Entwicklungsländern ausnützen lassen?

    Oder war das anders rum?

    Auch im Universum wird sich die Frage stellen:

    Werden es sich die Marsmenschen weiterhin bieten lassen, dass wir den Weltraum zumüllen?

    Will sich Sonne die weiterhin von unserer Nutzung der Solarenergienutzung ausnützen lassen?

    Am besten wird es sein, wenn jeder nur für sich allein sorgt, ganz allein nur für sich.

    Ich ruf gleich mal meine Frau an und sag Ihr dass ich mich scheiden lasse und dass sie sich um den ganzen Scheiß und die Kinder gefälligst allein kümmern soll … Wo kämen wir denn da hin?

  6.   WIHE

    Re: Hat es den Konflikt in Jugoslawien gegeben oder nicht?
    Antwort. Es hat ihn gegeben, ganz real.

    Ende der siebziger Jahre lebte ich in einem Münstereaner Studentenheim.
    Dort traf ich auf eine junge Kroatin aus Zagreb.
    Oft hörte ich sie auf die Serben schimpfen, sie wanderten nach Kroatien ein, saugten Kroatien wirtschaftlich und finanziell aus.
    Bis dahin hatte ich Jugoslawien für einen stabilen homogenen Staat gehalten, ähnlich wie damals Westdeutschland.
    Als J. dann gut zehn Jahre später zu zerfallen begann, war ich jedenfalls nicht mehr von der Entwicklung überrascht.
    Diese junge Studentin aus Zagreb hatte mich auf die Entwicklung vorbereitet.
    Auch in der EU muss man aufpassen, dass sich Völker nicht ausgenutzt fühlen und nicht ausgenutzt werden.

    Die deutsche Bevölkerung wollte den EURO nicht. Er wurde ihr von den eigenen Politikern aufgezwungen.
    Das heutige Geschehen wurde als Möglichkeit voraus gesagt,
    In einem Leserbrief in der Woche habe ich diskutiert, welche Probleme es geben könnte, wenn wir Deutsche und aqndere irgendwann massiv für schwächere zahlen müssten, der Leserbrief trug den Titel, „Euro, Sprengstoff für Europa“.

    1998 erschien von mir auch in der Welt ein Leserbrief, Titel „Euro-Sprengstoff“, in dem ich mit Blick auf die damalige Asien-Finanzkrise wörtlich schrieb: „Mit Grausen denke ich daran, dass künftig in den Euroländern nicht mehr abgewertet werden kann.“
    Dabei habe ich eine Naturwissenschaft studiert, bin noch nicht mal Volkswirtschaftler.
    So klar lagen die Probleme auf dem Tisch, dass sie für jeden halbwegs intelligenten Menschen einsehbar waren.

    Und meine Wette, die Krise wird auch in Italien ankommen, besonders dann, wenn die Staatsanleihenkäufer am Risiko beteiligt werden.
    Eine Euroanleihe könnte die Krise verzögern helfen, letztlich aber vielleicht eine Situation herbeiführen, wie sie zum Zerfall Jugoslawien führte.

  7.   Henry Kaspar

    Ich habe ja mit weissgarnix durchaus meine Schwierigkeiten, insbesondere mit seiner Verliebtheit in Versionen des Voodonomics (Hs&St). Aber hier bin ich, zumindest im Ergebnis, seiner Ansicht. Nicht aus moralischen sondern aus praktisch-oekonomischen Gruenden.

    Erstens ist einer Situation die unusustainable sehr schwer bis gar nicht beizukommen mit Liquiditaetshilfen und dem Versuch, Sustainability ueber Volkswirtschaften-verkrueppelndes Flow-Adjustment hinzubekommen (sorry fuer das verstuemmelte deutsch). Stock-Adjustment ist noetig, und das ist nichts anderes als Umschuldung.

    Und zweitens provoziert es staendig neue unusustainable Situationen, wenn Investoren fuer falsche Investitionsentschiedungen keine Konsequenzen tragen. Oekonomen nennen dies „Moral Hazard“, aber Moral Hazard ist kein moralisches sondern ein praktisches Problem. Moral Hazard–oder rauch: Spekulieren auf Kosten des Steuerzahlers–ist das Schmieroel schlechthin fuer destabilisierendes Finanzkasino (um Klehns Begriff zu benutzen). Wer das Kasino schliessen oder zumindest die Benutzung etwas teurer machen will, der muss Investoren in Haftung nehmen.

    Die Frage bei „Bail-Ins“ ist freilich immer die des richtigen Zeitpunkts. In guten Zeiten darf man keinen Bail-In Mechanismus einfuehren weil dies ja (angeblich) produktive Kapitalstroeme unterbinden wuerde. Und kin schlechten Zeiten darf man es auch nicht machen, weil das ja–Himmel hilf!–Contagion provozieren koennte.

    Mein Vorschlag:
    a) Rettungschirm noch groesser machen, so dass im Zweifelsfall auch Spanien und Italien noch drunter passen
    b) im Gegenzug 20-30 Prozent Abschlag auf Staatsanleihen, across-the-board, vor jeder Benutzung des Rettungschirms (die gegenwartigen spreads geben das locker her)
    c) gezielt jene Banken rekapitalisieren (d.h. teilverstaatlichen), welche bei einem Hair-Cut in Schwierigkeiten kommen wuerden.

    Und dann hat die Euro-Zone vielleicht eine Chance, wenn aussderm noch EU-weite Mechanismen fuer eine diszipliniertere Fiskalpolitk (als Versicherung gegen unsustainable Public Debt) und fuer adeaute makro-prudentielle Regulierung (als Versicherung gegen unsustainable Pviate Debt, die stets in den Buechern des Souervaens endet) hinzukommen.

  8.   Thomas Pittner

    @ Marc Schieritz

    Wie @Marco richtig herleitet, ihre Argumentation ist Unfug; mit Verlaub natürlich ;–).

    Eine entscheidende Effizienzbedingunglässt sich nicht einfach weglassen, wenn man sich auf Effizienz berufen will.

    „Und ins Allgemeine gewendet: Wenn Moraldefizite der Preis sind für Wohlstandsgewinne – so sei es. Lieber too big to fail als arm, lieber der totale bail-out als die Steinzeit.“

    Joe Sixpack ging es so gut wie 1975; allerdings VOR Ausbruch der Krise.

    Ottonormalverbraucher ist auf dem Niveau von vor zwanzig Jahren, Tendenz fallend; das Fünftel der Niedriglöhner fragen wir aber lieber nicht danach.

    Und so weiter.

    Angesichts dessen ist es schlicht Käse, den Kapitalismus, zumindest seine Finanzwahnsinnige Ausprägung, als Wohlstandsbedingung für alle auszumachen.

    Märkte haben sich als effizient erwiesen, teilweise stimmt dies.

    Die aktuellen Finnazmärkte sind jedoch nur für die Finanzakteure effizient.

    Etliche Märkte streben zur Vermachtung, die Struktur der Finanzmärkte leisten sicher einen Beitrag dazu, notwendige Regulierung ist nicht in Sicht.

    Bezüglich der Internalisierung externer Effekte kann man Marktlösungen nach Coase als flächendeckend gescheitert beschreiben (kleiner Blick in die Ölsandförderung, nix dritte Welt ohne funktionierende Staatlichkeit).
    CO2-Zertifikatehandel, ein Trauerspiel.

    Wir (die Welt) kommen an die Grenzen der Rohstoffkapazität und der Giftbelastungsaufnahmefähigkeit.
    Natürlich KÖNNTE man giftfrei und langlebig und vollständig recyclefähig produzieren; wo liegen jedoch die marktlichen Anreize dafür?

    Nee nee, dieser Kapitalismus ist nicht zukunftsfähig; dass betrifft die Finanzmarktkonstruktion als Voraussetzung für marktliche Effizienz, aber auch die nichtvorhandenen Kräfte zur Mono/Oligopolverhinderung/regulierung sowie mit zunehmender Wichtigkeit die nichtvorhandene Ressourceneffizienz, bzw. Anreize dafür.

    „Steinzeit“

    Mal konkret, Bitte.

    Danke.

  9.   Robert von Heusinger

    @Henry Kaspar

    Das Problem mit Deinem Vorschlag den Euro-Schirm noch größer zu machen, damit auch Spanien und Italien drunter passen, lautet: Wer soll das denn dann garantieren. D und F alleine? Ist das glaubwürdig, oder zeiht es dann alle in den Sumpf? Ich halte den Vorschlag für einen Schildbürgerstreich.

    Grüße,
    Robert

  10.   Henry Kaspar

    @ Robert

    Zugleich wuerde der Schirm ja nur noch fuer 70-80 Prozent der Staatsschulden gelten, und damit fuer eine Niveau das sustainable ist. Was wiederum die Wahrscheinlichkeit der Inanspruchnahme stark reduzieren wuerde.

    Weiss nicht ob das notwendig unfinanzierbar waere.

 

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