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Zu Unrecht vergessen: Wolfgang Stützel und seine Saldenmechanik

 

Die Ökonomenwelt entdeckt die alten Meister neu: So meint etwa der Berkley-Professor und Blogger Brad DeLong, dass nur Ökonomen in der Tradition von Hyman Minsky oder Charles Kindleberger wirklich Interessantes zur Analyse der Finanzkrise beizutragen hätten. Auf diese illustre Liste gehört aber noch ein anderer Ökonom, der in den USA gar nicht und in Deutschland kaum noch bekannt ist: der deutsche Ökonomen Wolfgang Stützel, der im Saarland Professor war und im Jahr 1958 sein großes Buch „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ veröffentlichte.

Während Stützel in den 60er und 70er Jahren weit über die Ökonomenzunft hinaus bekannt war, ist er heute fast vergessen, einige Keynesianer berufen sich noch hie und da auf ihn, gelesen hat die Saldenmechanik kaum jemand. Dabei steckt so viel in ihr. Denn das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrates zeigte, dass man keine abstrakten Modelle und Fantasie-Annahmen über das Verhalten des Menschen braucht – wie etwa den stets rationalen Homo Oeconomicus -, um rigorose und logisch notwendige Schlussfolgerungen über die real existierende Wirtschaft zu ziehen. Eigentlich braucht es nur ein ordentliches Verständnis von so etwas Trivialem wie der Buchhaltung.

So schreibt Stützel im Vorwort seiner Saldenmechanik: [Es gibt] neben Zusammenhängen, die vom menschlichen Verhalten abhängen, […] viele Größenbeziehungen in der Wirtschaft […], über die sich streng Allgemeingültiges aussagen läßt, Zusammenhänge, die nicht vom menschlichen Verhalten abhängen, sondern auch dann unverändert bestehen bleiben würden, wenn die Menschen sich noch so ungewöhnlich verhielten.

Was Stützel „Größenbeziehungen“ nennt, sind ganz triviale Dinge, wie, dass die Käufe des einen die Verkäufe des anderen sind, weil eben niemand etwas verkaufen kann, ohne dass jemand anderes etwas kauft; oder dass die Schulden des einen die Guthaben des anderen sind, weil ja niemand ein Schuldner sein kann, ohne dass es einen Gläubiger gibt. Man müsste eigentlich davon ausgehen, dass Ökonomen diese „trivial-arithmetischen Zusammenhänge“ und ihre Implikationen kennen. Das ist aber meistens nicht so. Stützel hat immer mit großem Genuss gezeigt, wie sich seine Kollegen in Aussagen verrennen, zu denen man nie gelangen würde, beherrschte man nur das Einmaleins der Saldenmechanik.

Ein paar Beispiele gefällig? Der triviale und immer richtige Satz, dass das Guthaben des einen die Schulden des anderen sind, wird oft von Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern ignoriert, wenn sie behaupten, die Staatsschulden von heute würden die gesamte zukünftige Generation belasten. Das ist, als würde man annehmen, dass es zwar in der Zukunft Schulden, aber keine Guthaben mehr gibt, die den Schulden gegenüberstehen – eine logische Unmöglichkeit. Denn wenn es in der Zukunft noch ausstehende Staatsschulden gibt und darauf Zinsen zu zahlen sind, dann wird irgendjemand in der zukünftigen Generation diese Schulden als Guthaben halten und die Zinsen kassieren. Es werden eben nicht nur die Schulden, sondern auch die entsprechenden Guthaben vererbt.

Oder ein anderes Beispiel: Wer Geld spart, bildet Guthaben. Damit wird er zum Gläubiger; es kann also niemand Guthaben bilden, ohne dass sich jemand anderes in gleicher Höhe verschuldet. Wenn sich aber vor lauter Schuldenangst niemand verschulden will, kann auch niemand Guthaben bilden. Was so einfach „arithmetisch-trivial“ daherkommt, wird politisch brisant, wenn man es auf die Privatisierung der Rente anwendet. Wer dafür ist, dass die Menschen mehr privat vorsorgen, muss logisch notwendig auch für höhere Schulden sein, die den höheren Guthaben entsprechen. Aber wer will die höheren Schulden aufnehmen? Die deutschen Unternehmen verschulden sich im Saldo in den letzten Jahren gar nicht mehr, sondern finanzieren ihre Investitionen vor allem aus ihren laufenden Einnahmen; der Staat soll bloß keine neuen Schulden mehr machen, weil er per Verfassung die Schuldenbremse einhalten muss. Dann bleibt nur noch das Ausland. Achso, das hat gerade eine Schuldenkrise, oder? Aber wenn niemand sich mehr verschulden will oder kann, dann kann man auch nicht mehr sparen – und man kann auch von den Menschen nicht verlangen, dass sie privat mehr sparen. (Johannes Schmidt von der Hochschule Karlsruhe hat Stützels Positionen dazu erst kürzlich zusammengefasst.)

Auch die Schuldenkrise – ob in Europa oder den USA – lässt sich gut mit diesen trivial-arithmetischen Beziehungen fassen: Wenn man in der Schuldenkrise steckt und seine Schulden gefälligst zurückzahlen soll, dann fordern Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank, Europäische Kommission und ganz laut die deutsche Regierung, dass die Krisenländer ihre Gürtel enger schnallen und ihre Ausgaben kürzen sollen. Nur kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind, die Importe der Krisenländer also die Exporte etwa Deutschlands. Wenn die Krisenländer aber ihre Ausgaben, vor allem ihre Importe, senken müssen, um nicht mehr neue Schulden aufzunehmen, fallen in Deutschland die Exporte und damit die Einnahmen deutscher Unternehmen. Das deutsche Spardiktat wird zum Eigentor.

Das klingt alles sehr nach bösem Keynesianismus, aber es sind eben nur die Konsequenzen reiner Buchhaltung: Wenn verlangt wird, alle sollen ihre Ausgaben senken, dann kann man nicht erwarten, dass die Einnahmen trotzdem steigen; wenn alle privat Guthaben bilden sollen, kann man nicht verlangen, dass niemand Schulden aufnimmt. Es kommt niemand an der simplen Tatsache vorbei, dass in dieser Welt 2 + 2 = 4 ist und ergo die Einnahme des einen die Ausgaben des anderen sind.

Nun war Stützel selbst kein linker Keynesianer, zumindest wenn man darunter Ökonomen versteht, die stets für höhere Schulden und niedrigere Zinsen sind. So schrieb er etwa in der Einleitung zu den Werken Wilhelm Lautenbachs, seinem akademischen Lehrer: „Die Behauptung, daß mit der Druckknopftherapie des deficit spending, der staatlichen Geldschöpfung durch Verschuldung, alle wirtschaftlichen Nöte gelindert werden könnten, stammt nicht von ernsthaften Beschäftigungstheoretikern. Sie ist eine Erfindung von Demagogen, die sich aus den modernen Kredittheorien das Geldschöpfen und aus dem Keynesianismus das Schuldenmachen geholt haben, um damit breiten Massen Illusionen vorzugaukeln und die Atmosphäre für nüchterne Überlegungen zu vergiften. Vielleicht ist es auch ein Popanz, den sich manche Gegner der Beschäftigungstheorie zusammengezimmert haben, damit sie in ihrer Argumentation gegen die Beschäftigungstheorie nicht so viel zu denken gezwungen sind.

Stützel sah zwar, dass es manchmal ganz schön schiefgehen kann, wenn man sich zu sehr auf den Markt verlässt. Aber dennoch war er überzeugter Marktwirtschaftler, aktives Mitglied der FDP und des liberalen Kronberger Kreises, eine Art frühe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Stützel war schon seit Anfang der 70er Jahre gegen die Finanzierung des Sozialstaats aus Lohnnebenkosten und erklärte die damals wachsense Arbeitslosigkeit nicht mit einem Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, sondern mit zu hohen Lohnkosten; außerdem war er in einer Zeit von Kapitalkontrollen für den freien Fluss des Kapitals zwischen den Ländern, weil er den Händlern eher traute als den Bürokraten.

Auf der anderen Seite plädierte er in seiner Streitschrift „Marktpreis und Menschenwürde“ für eine Lohnuntergrenze (am besten durch eine alle Arbeitnehmer umfassende Gewerkschaft), damit es nicht zu einem „Konkurrenzparadoxon“ kommt, in dem jeder einzelne, um seinen Job zu sichern, auf Lohn verzichtet und seine Arbeitszeit verlängert, damit aber für alle Niedriglöhner nur Lohnsenkung bei gleicher Beschäftigung herauskommt – ein Gedanke, den er von Marx aufnahm. Bei seiner Ablehnung zu hoher Lohnnebenkosten ging es ihm nicht darum, den Sozialstaat zu begrenzen, sondern ihn über Steuern zu finanzieren und damit nicht in die Preisbildung am Arbeitsmarkt einzugreifen.

Stützel war ein Wirtschaftsliberaler, in vielem auch das, was man heute neoliberal nennen würde. Aber er wusste genau, wo der Markt auf seine Grenzen trifft und wann das Streben jedes einzelnen nach Verbesserung seiner individuellen Lage kollektiv nicht aufgehen kann. Kurz: Er war ein ausgezeichneter Ökonom. Von denen bräuchten wir gerade in der Krise mehr.

261 Kommentare

  1.   alterego

    Alles was recht ist, die sachliche Argumentation in #159 ist klar und präzise und adressiert die gehörigen unverständigen Missverständnisse in den Kommentaren, auf die sie sich bezieht.

  2.   Barthel Berand

    @ 181 – alterego

    Kann es sein, dass Sie @ 159 mit @ 152 verwechselt haben? Falls ja, stimme ich Ihnen zu und würde mir zusätzlich wünschen, dass Sie mir @ 159 erklären. Falls nein, erklären Sie mir – und Frankie – bitte die Sinngebung von @ 159.


  3. @ 180 Barthel Berand

    Ich war auf Ihre Sicht der Dinge schon sehr gespannt. Grundsätzlich teile ich die Interpretation von Geld durch enigma, aber beim Wert bin ich doch eher bei Ihnen.

    Da mir keiner meine ursprüngliche Frage beantworten kann oder will (wo die Zinsen aus der Kreditgeldschöpfung herkommen) versuche ich es nun mal selber mit der folgenden Analyse:

    Aus der Diskussion sollte deutlich geworden sein, dass wir zwei Arten von Geld unterscheiden müssen. 1.“ echtes“ Geld, das nur durch die Zentralbanken geschaffen werden kann (egal ob durch Bargeld oder durch Ausleihung über die Geschäftsbanken) und 2. Kreditgeld, das durch die Geschäftsbanken im Wege der Kreditvergabe entsteht und durch Kreditrückzahlung wieder vernichtet wird. Bei konstanter Geldmenge M0 können die Zinsen nur durch weitere (zusätzliche) Kreditvergabe bedient werden oder aber aus den bestehenden Beständen an M0. Als Folge kommt es auf lange Sicht zu einer zunehmenden Konzentration von M0 auf wenige Akteure. Irgendwann stockt die Kreditvergabe (Bilanzrezession) und das echte Geld fehlt plötzlich im System. Folge: M0 muss wachsen. Und genau das hat Gerald Braunberger hier schön beschrieben: faz-community.faz.net/blogs/fazit/archive/2012/02/10/immer-aerger-mit-der-geldmenge.aspx

    Wir sprechen bei Zinsen zwar von den Kosten der Geldverleihung; aber wie setzen sich diese Kosten zusammen? Wir haben zuerst die klassische Sichtweise, dass der Zins eine Entschädigung für den Konsumverzicht anderer ist. Dies mag bei Robinson und Freitag noch logisch sein, aber auf was bitte schön verzichtet Herr Ackermann, wenn er 100.000 EUR auf seinem Tagesgeldkonto liegen hat? Er hat es schlichtweg übrig und für die Kreditvergabe wird es in einem Kreditgeldsystem nicht benötigt. Es ist somit ausgefallene Nachfrage bzw. nicht getätigte Realinvestition. Die Ackermänner dieser Welt können froh und dankbar sein, wenn überhaupt jemand ihr Geld verwahrt. Und dafür muss man normalerweise bezahlen (wie der Bauer für die Lagerung des Korns) und bekommt nichts dafür(Stichwort Anlagenotstand)! Aus meiner Sicht muss der Realzins auf Bargeldhaltung in einer reifen Volkswirtschaft sogar zwingend negativ sein (Erdbeeren, die nicht nachgefragt wurden haben ein individuelle Inflationsrate von unendlich, aber auch Investitionen müssen wieder abgeschrieben werden). Daher ist ein Inflationsziel (egal ob nun 2, 3 oder 5 %) gesamtwirtschaftlich sinnvoll. Es sollte allerdings nicht zu hoch sein, da sonst das Ansparen auf eine Anschaffung (Küche, Auto, u. ä.) für den Normalbürger erschwert wird. Die Inflationsphobie der Deutschen ist wohl historisch begründet und medial, aber Z. T. auch interessengeleitet geschürt (Unwissenheit über kausale Zusammenhänge kommen hinzu), erschwert bzw. verhindert aber eine sachliche Diskussion.

    Die erste Zinskomponente ist also schon mal Null. Nun zur zweiten Komponente, den Bearbeitungs- und Risikokosten. Darunter fallen alle Aufwendungen, die im Zusammenhang mit der Kreditvergabe anfallen sowie ein Zuschlag für das Ausfallrisiko. Sofern diese Kosten „richtig“ berechnet werden, bleibt aber letztlich nichts mehr übrig, um irgendwelche Zinsen an Geldparker zu zahlen. Und genau diese Entwicklung spiegelt sich im Realzinsniveau derzeit wieder und alle Finanzkapitalisten beklagen sich.

    Der Zinssatz ist heute also eigentlich kein Zinssatz mehr im klassischen Sinne, sondern ein Kostenprozentsatz für Bearbeitung und Ausfallrisiko. Damit liegt eine reale Dienstleistung seitens der Bank vor, die über die Löhne der Mitarbeiter der Bank aber auch wieder zu Nachfrage nach anderen Gütern führt.

    Aus meiner Sicht ist es daher nur der darüber hinaus gehende Renditeanspruchsaufschlag (Stichwort Mister 25 %), der unser System an den Rand des Kollaps geführt hat. Da es in der Vergangenheit positive Renditen für Geldparker gab, ist es zudem zu einer starken Konzentration von Vermögen auf einige wenige gekommen. Sie konnten dies aber nur durch reale Umverteilung erreichen. Siehe hierzu auch der schon mal an anderer Stelle hier im Blog aufgeführte Link: stateofworkingamerica.org/who-gains/#/?start=1979&end=2008

    Kurz gefasst: Die Zinsen fehlen im System nur dann, wenn es keine weiteren Umverteilungsmöglichkeiten durch unser Geldsystem von unten nach oben mehr gibt. So etwas nannte man früher „revolutionäre Situation“. Die EZB tut zurzeit alles, um das System nicht implodieren zu lassen. Aber die aktuelle Ruhe ist trügerisch.

    Eine aus meiner Sicht sinnvolle Lösung möchte ich an dieser Stelle aus Zeitgründen nur kurz andeuten: Temporäre Änderung der Gesetze, die eine direkte Staatsfinanzierung (ohne den Umweg über die Geschäftsbanken) erlauben. Wenn nicht möglich, dann prüfen, ob eine indirekte Buchung von der EZB über die Geschäftsbanken auf die Konten der Bürger juristisch möglich ist. Das wäre dann keine direkte Staatsfinanzierung sondern direkte Bürgerfinanzierung. JEDER Bürger des Eurosystems erhält monatlich eine gleich hohe Summe X als Steuergutschrift auf sein Girokonto gebucht. Die Gegenbuchung bei der Bank ist als Zentralbankgeld zu buchen (ohne Rückzahlungsverpflichtung der Bank, die es bei Tendergeschäften gibt). Die Umsetzung erfolgt in Zusammenarbeit mit den Finanzämtern (bei Griechenland sicherlich schwierig). Steuerschulden und rückständige Kredite werden direkt verrechnet. Vorteile des ganzen: 1. Kreditrückzahlungen werden erleichtert (stabilisiert die Banken). 2. fehlende Nachfrage aufgrund des Niedriglohnsektors wird kompensiert. 3. der Staat gibt das Geld nicht für irgendetwas aus, sondern die Bürger entscheiden individuell. 4. Es kommt nicht zu einer steigenden Staatsverschuldung und damit nicht zu einem Anstieg des Zinsniveaus. 5. Ich höre schon den Inflationsaufschrei; aber die leichte Inflation ist ja gerade gewollt! Oder wollen wir für die kommenden Jahre japanische Verhältnisse?

  4.   alterego

    @182
    Macht keinen Sinn, wenn Sie die Aussage (die sich auf #153 und die vorausgehende fehlgeleitete Argumentation des selben Kommentators bezieht) nicht verstehen. Ich könnte nur paraphrasieren.

  5.   Dietmar Tischer

    Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster, vielleicht kann ich ja helfen.

    Obwohl ich weit davon entfernt bin, irgendetwas wirklich Belastbares vom Kreditwesen zu verstehen, meine ich, die Behauptung von @ 159 richtig interpretieren zu können.

    Falls die folgenden Ausführungen falsch oder neben dem Punkt sein sollten, dann bitte ich um Aufklärung.

    Die strittige Behauptung ist:

    >Der Punkt im Kreditgeldsystem ist der: Zentralbankgeld ist im Rahmen der Kreditvergabe der Zentralbank an eine Geschäftsbank das GESCHULDETE (oder das GEFORDERTE), d.h. das Objekt des Kreditvertrages. Als Objekt eines Kreditvertrages kann es nicht gleichzeitig ein Element des Kreditvertrages d.h. selbst kein Kredit sein, da es sich sonst selbst “enthalten” würde.>

    Die Zentralbank schließt einen Vertrag („Kreditvertrag“) mit einer Geschäftsbank. Der Vertrag hat einen Vertragsgegenstand, der aus zwei Leistungsversprechen besteht: Zurverfügungstellung von Zentralbankgeld (Leistungsversprechen der Zentralbank) und Hinterlegung einer Sicherheit (Leistungsversprechen der Geschäftsbank). Jeder der beiden Partner schuldet die Realisierung seines Leistungsversprechens und kann die des anderen einfordern aufgrund der Realisierung seines eigenen Leistungsversprechens. Die Geschäftsbank erhält so oder kann so die Verfügung über Zentralbankgeld durchsetzen.

    Sie VERFÜGT damit über Zentralbankgeld (aufgrund eines Kreditvertrages, den sie hat).

    Der Kreditvertrag kann alles Mögliche regeln, z. B. wann Zentralbankgeld in der zur Verfügung gestellten Höhe zurückzugeben ist. Die Zentralbank kann entsprechend solcher Vertragsinhalten die Rückgabe von Zentralbankgeld einfordern und ebenso kann die Geschäftsbank im Gegenzug die Herausgabe bzw. Lastfreistellung der hinterlegten Sicherheit fordern, wenn sie das Zentralbankgeld zurückgegeben hat.

    Was immer zwischen Zurverfügungstellung und Rückgabe von Zentralbankgeld mit dem Zentralbankgeld geschieht – es ist „NUR“ Zentralbankgeld, das die Geschäftsbank und ihre Kunden in der Realwirtschaft verwenden können, wie sie wollen.

    Da Zentralbankgeld nur Geld, aber kein Kredit ist, schließt die Verwendung nicht notwendigerweise ein Kreditgeschäft oder die Übernahme eines Kreditgeschäfts ein. Wenn z. B. die betreffende Geschäftsbank das Zentralbankgeld für eigene Zwecke verwendet, z. B. ein neues Bankgebäude baut, schließt sie keinen Kreditvertrag mit sich ab und muss auch keinen abschließen, weil es Zentralbankgeld ist, mit dem sie den Bau finanziert.

    Wenn das richtig ist, was heißt dann “I promise to pay the bearer on demand the amount of …” ?

    Ich glaube, es heißt:

    Ich, die BoE, dokumentiere hiermit, dass dieses Stück Papier, auf dem das Versprechen steht, Zentralbankgeld in der nominalen Höhe von x Engl. Pfund IST, das ich aufgrund von Kreditverträgen dem Bankensystem zur Verfügung stelle (oder sonst wie ausreiche). Wenn berechtigte Forderungen aus einem Kreditvertrag gegen mich, die BoE erhoben werden, dann lassen sich diese Forderungen anhand dieser Dokumentation bemessen. Mit einer bestimmten Anzahl von derartigen Dokumenten realisiere ich mein Leistungsversprechen aus Kreditverträgen.

    Was kann sonst der Sinn des Aufdrucks sein?

    Wenn jemand einen solches Dokument der Zentralbank in der Hand hat, also rechtmäßig darüber verfügt, dann braucht er kein Zahlungsversprechen – oder soll der Sinn sein, dass man das eine Dokument gegen ein anderes oder gegen mehrere mit in der Summe gleichen Nominalwert tauschen kann? Na gut, wenn das Dokument abgegriffen ist und aus dem Verkehr gezogen werden muss, dann schon.

    Auch dann ist es nur ein Tausch Dokument gegen Dokument(e) bzw. Zentralbankgeld gegen Zentralbankgeld. Eine Forderung aufgrund eines Kreditvertrags existiert dabei nicht. Die Bank verspricht lediglich zu tauschen, wenn der Inhaber des Dokuments einen Tausch vollziehen will („on demand“).

  6.   Dietmar Tischer

    „Mit einer bestimmten Anzahl von derartigen Dokumenten realisiere ich mein Leistungsversprechen aus Kreditverträgen.“

    Sorry, das stimmt natürlich nicht.

    Die Verfügung über Zentralbankgeld ist nicht gleichbedeutend mit der Verfügung über Geldscheine. Es wird elektronisch gutgeschrieben oder belastet.

  7.   alterego

    @185
    Korrekt.
    Den Aufdruck erkläre ich mir als Überbleibsel aus einer Zeit, in der Papiergeld noch unüblich war und das Bargeld in erster Linie aus edelmetallhaltigen Münzen bestand.

  8.   alterego

    @186
    In der Regel schon. ZB-Geld ist in erster Linie das Bargeld. Und darüber hinaus das unbare Guthaben auf den ZB-Konten der Geschäfstbanken, das aber letztlich nur dazu dient, in Bargeld umgetauscht werden zu können. (Natürlich läuft heute auch der Interbankenzahlungsverkehr via Target2 durch ein Hin- und Herübertragen von unbarem ZB-Geld zwischen den ZB-Konten der Geschäftsbanken.)

  9.   Barthel Berand

    @ 185 – Dietmar Tischer

    Ich würde Ihre Ausführungen als gültigen Interpretationsversuch bezeichnen. Ich gehe dennoch nicht in Gänze mit, und zwar hier:

    „Da Zentralbankgeld nur Geld, aber kein Kredit ist,…“

    Zentralbankgeld ist das Bargeld (Banknotenumlauf) UND die Sichteinlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank. Sichteinlagen sind Forderungen auf Bargeld und damit auf der Gegenseite eine Verbindlichkeit bzw. ein Kredit.

    Zentralbankgeld ENTSTEHT immer nur durch Bilanzverlängerung (Aktiv-Passiv-Mehrung). Entweder die Zentralbank kauft Gold, Devisen oder Sonderziehungsrechte und schafft dadurch neues Zentralbankgeld, welches nicht auf einem Kreditgeschäft mit der Geschäftsbank basiert, oder sie vergibt Kredite an Geschäftsbanken und schafft so neues Zentralbankgeld. Da dabei das Eigenkapital der Zentralbank nicht erhöht wird, kann es nur als Verbindlichkeit das Licht der Welt erblicken. Es findet sich auf der Passivseite der Zentralbankbilanz wieder. Deshalb nennen wir unser Geldsystem ja auch Schuldgeldsystem. Und deshalb habe ich @ 159 auch nicht verstanden.

    @ enigma schreibt ja selbst in @ 152: „denn alles Zentralbankgeld was “eingelegt” werden kann ist erst mal durch eine zahlungswirksame Operation der Zentralbank entstanden. Und das sind zu 99% Schuldverhältnisse.“

    Ein Blick in die Bundesbankbilanz – Passivseite – hilft hier weiter. Da kommen unter dem Banknotenumlauf (Bargeld = gesetzliches Zahlungsmittel) nur noch Verbindlichkeiten, bis es mit den Rückstellungen und EK-Positionen losgeht.

    Und wenn wir uns vor Augen halten, dass sich die Zentralbankbilanzsummen in den letzten Jahren gut verdreifacht haben, sehen wir hier eine Menge heiße Luft.

    @ 184 – alterego

    „Macht keinen Sinn, wenn Sie die Aussage (die sich auf #153 und die vorausgehende fehlgeleitete Argumentation des selben Kommentators bezieht) nicht verstehen.“

    Ich habe das schon alles verstanden. Ich habe nur @ 159 nicht verstanden (s.o.). Und wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Und das idealerweise bei Leuten, die mehr davon verstehen, als ich. Und für so jemanden halte ich @ enigma.

  10.   alterego

    @188
    Sie vergrößern die Verwirrung: „Da dabei das Eigenkapital der Zentralbank nicht erhöht wird, kann es [das Zentralbankgeld] nur als Verbindlichkeit das Licht der Welt erblicken. Es findet sich auf der Passivseite der Zentralbankbilanz wieder.“

    Das ist falsch. Auf der Passivseite befindet sich nur ein Teil des Bargeldes, nämlich das Papiergeld. Das Münzgeld befindet sich auf der Aktivseite. Das hat historische Gründe, weil Bargeld früher grundsätzlich Münzgeld war und über lange Zeit tatsächlich auch aus massivem Gold oder Silber bestand und daher wertmäßig durch seinen materiellen Wert gedeckt war. Papiergeld kam erst später hinzu und ist seitdem formal eine Verbindlichkeit der Zentralbank auf Auszahlung von Münzgeld.

    Faktisch ist also ein Teil der Bargeldes eine Verbindlichkeit auf Auszahlung eines anderen Bargelds. Aufgrund dieser Selbstbezüglichkeit des Bargeldes und in Anbetracht der verloren gegangenen materiellen Werthaltigkeit des Münzgeldes ist es meines Erachtens durchaus zulässig, Bargeld insgesamt grundsätzlich weder als Forderung noch als Verbindlichkeit zu sehen.

    Dass Geld grundsätzlich nur als Kredit (oder durch Hergabe von z.B. Gold oder Wertpapieren) in die Welt kommt, hat damit nicht das Geringste zu tun.

 

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