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Zu Unrecht vergessen: Wolfgang Stützel und seine Saldenmechanik

 

Die Ökonomenwelt entdeckt die alten Meister neu: So meint etwa der Berkley-Professor und Blogger Brad DeLong, dass nur Ökonomen in der Tradition von Hyman Minsky oder Charles Kindleberger wirklich Interessantes zur Analyse der Finanzkrise beizutragen hätten. Auf diese illustre Liste gehört aber noch ein anderer Ökonom, der in den USA gar nicht und in Deutschland kaum noch bekannt ist: der deutsche Ökonomen Wolfgang Stützel, der im Saarland Professor war und im Jahr 1958 sein großes Buch „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ veröffentlichte.

Während Stützel in den 60er und 70er Jahren weit über die Ökonomenzunft hinaus bekannt war, ist er heute fast vergessen, einige Keynesianer berufen sich noch hie und da auf ihn, gelesen hat die Saldenmechanik kaum jemand. Dabei steckt so viel in ihr. Denn das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrates zeigte, dass man keine abstrakten Modelle und Fantasie-Annahmen über das Verhalten des Menschen braucht – wie etwa den stets rationalen Homo Oeconomicus -, um rigorose und logisch notwendige Schlussfolgerungen über die real existierende Wirtschaft zu ziehen. Eigentlich braucht es nur ein ordentliches Verständnis von so etwas Trivialem wie der Buchhaltung.

So schreibt Stützel im Vorwort seiner Saldenmechanik: [Es gibt] neben Zusammenhängen, die vom menschlichen Verhalten abhängen, […] viele Größenbeziehungen in der Wirtschaft […], über die sich streng Allgemeingültiges aussagen läßt, Zusammenhänge, die nicht vom menschlichen Verhalten abhängen, sondern auch dann unverändert bestehen bleiben würden, wenn die Menschen sich noch so ungewöhnlich verhielten.

Was Stützel „Größenbeziehungen“ nennt, sind ganz triviale Dinge, wie, dass die Käufe des einen die Verkäufe des anderen sind, weil eben niemand etwas verkaufen kann, ohne dass jemand anderes etwas kauft; oder dass die Schulden des einen die Guthaben des anderen sind, weil ja niemand ein Schuldner sein kann, ohne dass es einen Gläubiger gibt. Man müsste eigentlich davon ausgehen, dass Ökonomen diese „trivial-arithmetischen Zusammenhänge“ und ihre Implikationen kennen. Das ist aber meistens nicht so. Stützel hat immer mit großem Genuss gezeigt, wie sich seine Kollegen in Aussagen verrennen, zu denen man nie gelangen würde, beherrschte man nur das Einmaleins der Saldenmechanik.

Ein paar Beispiele gefällig? Der triviale und immer richtige Satz, dass das Guthaben des einen die Schulden des anderen sind, wird oft von Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern ignoriert, wenn sie behaupten, die Staatsschulden von heute würden die gesamte zukünftige Generation belasten. Das ist, als würde man annehmen, dass es zwar in der Zukunft Schulden, aber keine Guthaben mehr gibt, die den Schulden gegenüberstehen – eine logische Unmöglichkeit. Denn wenn es in der Zukunft noch ausstehende Staatsschulden gibt und darauf Zinsen zu zahlen sind, dann wird irgendjemand in der zukünftigen Generation diese Schulden als Guthaben halten und die Zinsen kassieren. Es werden eben nicht nur die Schulden, sondern auch die entsprechenden Guthaben vererbt.

Oder ein anderes Beispiel: Wer Geld spart, bildet Guthaben. Damit wird er zum Gläubiger; es kann also niemand Guthaben bilden, ohne dass sich jemand anderes in gleicher Höhe verschuldet. Wenn sich aber vor lauter Schuldenangst niemand verschulden will, kann auch niemand Guthaben bilden. Was so einfach „arithmetisch-trivial“ daherkommt, wird politisch brisant, wenn man es auf die Privatisierung der Rente anwendet. Wer dafür ist, dass die Menschen mehr privat vorsorgen, muss logisch notwendig auch für höhere Schulden sein, die den höheren Guthaben entsprechen. Aber wer will die höheren Schulden aufnehmen? Die deutschen Unternehmen verschulden sich im Saldo in den letzten Jahren gar nicht mehr, sondern finanzieren ihre Investitionen vor allem aus ihren laufenden Einnahmen; der Staat soll bloß keine neuen Schulden mehr machen, weil er per Verfassung die Schuldenbremse einhalten muss. Dann bleibt nur noch das Ausland. Achso, das hat gerade eine Schuldenkrise, oder? Aber wenn niemand sich mehr verschulden will oder kann, dann kann man auch nicht mehr sparen – und man kann auch von den Menschen nicht verlangen, dass sie privat mehr sparen. (Johannes Schmidt von der Hochschule Karlsruhe hat Stützels Positionen dazu erst kürzlich zusammengefasst.)

Auch die Schuldenkrise – ob in Europa oder den USA – lässt sich gut mit diesen trivial-arithmetischen Beziehungen fassen: Wenn man in der Schuldenkrise steckt und seine Schulden gefälligst zurückzahlen soll, dann fordern Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank, Europäische Kommission und ganz laut die deutsche Regierung, dass die Krisenländer ihre Gürtel enger schnallen und ihre Ausgaben kürzen sollen. Nur kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind, die Importe der Krisenländer also die Exporte etwa Deutschlands. Wenn die Krisenländer aber ihre Ausgaben, vor allem ihre Importe, senken müssen, um nicht mehr neue Schulden aufzunehmen, fallen in Deutschland die Exporte und damit die Einnahmen deutscher Unternehmen. Das deutsche Spardiktat wird zum Eigentor.

Das klingt alles sehr nach bösem Keynesianismus, aber es sind eben nur die Konsequenzen reiner Buchhaltung: Wenn verlangt wird, alle sollen ihre Ausgaben senken, dann kann man nicht erwarten, dass die Einnahmen trotzdem steigen; wenn alle privat Guthaben bilden sollen, kann man nicht verlangen, dass niemand Schulden aufnimmt. Es kommt niemand an der simplen Tatsache vorbei, dass in dieser Welt 2 + 2 = 4 ist und ergo die Einnahme des einen die Ausgaben des anderen sind.

Nun war Stützel selbst kein linker Keynesianer, zumindest wenn man darunter Ökonomen versteht, die stets für höhere Schulden und niedrigere Zinsen sind. So schrieb er etwa in der Einleitung zu den Werken Wilhelm Lautenbachs, seinem akademischen Lehrer: „Die Behauptung, daß mit der Druckknopftherapie des deficit spending, der staatlichen Geldschöpfung durch Verschuldung, alle wirtschaftlichen Nöte gelindert werden könnten, stammt nicht von ernsthaften Beschäftigungstheoretikern. Sie ist eine Erfindung von Demagogen, die sich aus den modernen Kredittheorien das Geldschöpfen und aus dem Keynesianismus das Schuldenmachen geholt haben, um damit breiten Massen Illusionen vorzugaukeln und die Atmosphäre für nüchterne Überlegungen zu vergiften. Vielleicht ist es auch ein Popanz, den sich manche Gegner der Beschäftigungstheorie zusammengezimmert haben, damit sie in ihrer Argumentation gegen die Beschäftigungstheorie nicht so viel zu denken gezwungen sind.

Stützel sah zwar, dass es manchmal ganz schön schiefgehen kann, wenn man sich zu sehr auf den Markt verlässt. Aber dennoch war er überzeugter Marktwirtschaftler, aktives Mitglied der FDP und des liberalen Kronberger Kreises, eine Art frühe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Stützel war schon seit Anfang der 70er Jahre gegen die Finanzierung des Sozialstaats aus Lohnnebenkosten und erklärte die damals wachsense Arbeitslosigkeit nicht mit einem Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, sondern mit zu hohen Lohnkosten; außerdem war er in einer Zeit von Kapitalkontrollen für den freien Fluss des Kapitals zwischen den Ländern, weil er den Händlern eher traute als den Bürokraten.

Auf der anderen Seite plädierte er in seiner Streitschrift „Marktpreis und Menschenwürde“ für eine Lohnuntergrenze (am besten durch eine alle Arbeitnehmer umfassende Gewerkschaft), damit es nicht zu einem „Konkurrenzparadoxon“ kommt, in dem jeder einzelne, um seinen Job zu sichern, auf Lohn verzichtet und seine Arbeitszeit verlängert, damit aber für alle Niedriglöhner nur Lohnsenkung bei gleicher Beschäftigung herauskommt – ein Gedanke, den er von Marx aufnahm. Bei seiner Ablehnung zu hoher Lohnnebenkosten ging es ihm nicht darum, den Sozialstaat zu begrenzen, sondern ihn über Steuern zu finanzieren und damit nicht in die Preisbildung am Arbeitsmarkt einzugreifen.

Stützel war ein Wirtschaftsliberaler, in vielem auch das, was man heute neoliberal nennen würde. Aber er wusste genau, wo der Markt auf seine Grenzen trifft und wann das Streben jedes einzelnen nach Verbesserung seiner individuellen Lage kollektiv nicht aufgehen kann. Kurz: Er war ein ausgezeichneter Ökonom. Von denen bräuchten wir gerade in der Krise mehr.

261 Kommentare


  1. @ 152 enigma

    Ich glaube, wir verstehen unter Geld das gleiche, nur aus einem anderen Blickwinkel. Während Sie die rechtliche Dimension von Geld (Geld als Kreditgeld) in den Vordergrund rücken und die dadurch initiierte Kette von Verträgen, schaue ich mehr auf die ökonomische Dimension von Geld. Denn dann passt es auch, wenn man Geld als Tauschmittel betrachtet. Ich habe es als einen UNSPEZIFISCHEN Anspruch auf Güter und Dienstleistungen bezeichnet, wobei Anspruch eben im ökonomischen Sinn zu sehen ist und nicht im juristischen Sinn.

    Geld als Tauschmittel wäre also die ökonomische Funktion von Geld, während Geld als Zahlungsmittel (Ihre Klassifizierung als Schuldentilgungsmittel finde ich zutreffender) die rechtliche Funktion des Geldes beschreibt, nämlich die der Schuldentilgung. Bei einer Barzahlung scheinen mir hingegen beide Begriffe gleich gut geeignet zu sein, da nur auf Euro lautende Banknoten alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel sind und ich gewöhnlich nur dann zahle, wenn ein Schuldverhältnis besteht (und wenn es moralischer Natur sei).

    Die Tauschmittelfunktion des Geldes ist aus meiner Sicht so wichtig, weil sie nicht nur die ökonomische Dimension von Geld ausdrückt, sondern zugleich ihre soziale Funktion als Allmende in der Zeit (und nicht als conditio sine qua non für irgendwelche klassischen oder neoklassischen Modellspielereien). Nur eine dauerhaft stabile Währung schafft Planungssicherheit und ist damit Voraussetzung für strategische Investitionsentscheidungen, die sowohl individuellen aber vor allem auch kollektiven Nutzen stiften.

  2.   Alex

    #228

    Noch einmal
    voxeu.org/article/other-deleveraging-what-economists-need-know-about-modern-money-creation-process

    „This is the part that may strike non-specialists as novel; collateral that backs one loan can in turn be used as collateral against further loans, so *the same underlying asset* ends up as *securing loans worth multiples of its value*. Of course the re-pledging cannot go on forever as haircuts progressively reduce the credit-raising potential of the underlying asset, but ultimately, *several lenders* are *counting* on the underlying assets as backup in case things go wrong.“

    Und:
    „Plainly this re-use of pledged collateral creates credit in a way that is analogous to the traditional money-creation process, i.e. the lending-deposit-relending process based on central bank reserves. Specifically in this analogy, the Indonesian bonds are like high-powered money, the haircut is like the reserve ratio, and *the number of re-pledgings* (the ‘length’ of the collateral chain) is like the *money multiplier*.“

    Also ich lese das so:
    *Ein Pfand* besichert *mehrere Kredite* („loan*s*“), die als Höhe in der Summe ein *Vielfaches* des Werts des ursprünglichen Pfandes haben.

    Lesen Sie das anders?

    Alex


  3. @ alterego 228 und 230

    Vielen Dank für Ihre detaillierte Darstellung zu den einzelnen Buchungsvorgängen. So sollte klar geworden sein, dass es sich bei der Refinanzierung zum Zwecke der Fristentransformation eben nicht um ein sich multiplizierendes globales Systemrisiko handelt; wohl aber um ein sich potentiell „konzentrierendes“ Systemrisiko. Warum?

    Ich sehe das Problem beim ursprünglichen Kreditgeber. Und nur der kann wirklich „einschätzen“, wie hoch das Ausfallrisiko (Zinshöhe als Zitterprämie) des Schuldners ist. Welche Probleme sich bei der Weitergabe von Sicherheiten ergeben können, haben wir doch bei den Subprimes gesehen (Stichwort CDOs). Es wird so lange gepackt (konzentriert), umgepackt und umstrukturiert, bis das Risiko so stark verschleiert wurde, dass es für „normal“ denkende Menschen nicht mehr erkennbar ist.

    Wir haben in Deutschland ein relativ strenges Waffengesetz, und dies scheint im Rahmen der Möglichkeiten ganz gut zu funktionieren. Zugleich gibt es einen berechtigten Anspruch auf ein staatliches Monopol für Massenvernichtungswaffen, dass wohl von kaum jemanden in Frage gestellt wird.

    Zugleich lassen wir es aber zu, dass aus ursprünglich kleinen Risiken (Ausfall eines individuellen Kredits) durch Investmentbanken konzentrierte Risikobomben gebastelt werden können (strukturierte FinanzPRODUKTE), die so lange WEITERVERSCHOBEN werden können, bis sie letztlich beim schwächsten Glied in der Kette („If you can’t sell it, sell it to the Landesbank“ und „dusseldorfer“ als Running Gag für IKB-Deppen) landen und dort ihre nukleare Sprengkraft entfalten. Vor allem eine große deutsche Bank war hier wohl als Waffenschieber tätig: spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/schrottpapiere-skandal-bei-goldman-schaut-auf-die-deutsche-bank-a-690324.html (Marktfetischisten sollen mir bitte nicht mit dem Argument kommen, dass so die letztlich notwendige Marktbereinigung für das fehlende Geschäftsmodell der Landesbanken stattfand; das hätte man auch preiswerter haben können).

    Um so etwas zu verhindern, war es früher üblich, das neben dem Hauptschuldner (wechselrechtlich der Bezogene) auch der Wertpapieraussteller sowie alle Indossanten im Rahmen des Wechselregresses für die ursprüngliche Verbindlichkeit einstehen mussten. Da konnten nur solche Kredite vergeben werden, die im Zweifel auf den ursprünglichen Kreditgeber (wechselrechtlich der Aussteller) wieder zurück fielen. Wer einen Kredit vergibt, musste im Fall der Fälle auch die Schuld VERGEBEN. Das ist das Problem, das ich sehe. Das ist der Systemfehler!

    Und damit sind wir wieder bei der sozialen Komponente von Geld und Kredit. Wer einen Kredit (lat. credere = glauben, vertrauen) vergibt, glaubt und vertraut seinem Kunden. Das setzt eine „persönliche Beziehung“ voraus, die über die Zeit gewachsen ist. Diese persönliche Beziehung tritt aber durch solche Strukturierungsmöglichkeiten in den Hintergrund und lädt zu einem Moral Hazard schon bei der Kreditvergabe ein. Nicht die Weitergabe von Sicherheiten ist das Problem, sondern die damit konstruierte Haftungsfreistellung! Daher: entweder Wiedereinführung der wechselrechtlichen Haftung oder Verbot des „Handels“ mit solchen FinanzPRODUKTEN.

    Mit zunehmendem Alter ist es für mich erstaunlich, wie klug viele alte gesellschaftliche Regeln und Normen waren/sind. Sie sind wohl nur in Vergessenheit geraten und müssen wieder reaktiviert werden. Hierzu zählt übrigens auch das Zinsverbot der Religionen (bevor es hier zu finanzkapitalistischen Aufschreien kommt, bitte erst noch mal #183 lesen).

  4.   alterego

    @232
    Man kann es evtl. so lesen, muss es aber nicht. Zumal das Kontenbeispiel gerade nicht auf eine gleichzeitige (sondern nur eine sukzessive) Mehrfachnutzung hinweist und auch nicht darauf, dass die Kredite ein Mehrfaches des Wertes der Pfänder ausmachen.

    Aber, wie auch bereits geschrieben, wenn das die Alternative zu der bisherigen Garnichtbesicherung wäre (und das scheint so zu sein), dann ist ist diese Praxis im Sinne einer second or third best-Lösung auf jeden Fall ein Fortschritt – wenn auch in meinen Augen kein hinreichender.


  5. Noch als Ergänzung zu #233.

    Ein ähnliches Problem haben wir im Rahmen des Eurosystems. Hier werden nämlich seit einiger Zeit die Risiken der Kreditgeldschöpfung nationaler Geschäftsbanken durch die ungebremste Schöpfung von Zentralbankgeld durch die nationalen Notenbanken der Südperipherie kompensiert (LTRO aber insbesondere ELA lassen grüßen) und auf die nationalen Notenbanken des Nordens verteilt (Target 2 Salden der Bundesbank).

    Die Targetsalden sind Ausdruck der kumulierten kreditfinanzierten Leistungsbilanzüberschüsse (bei China sind es die $-Reserven) der Vergangenheit die nun nicht mehr bereitwillig durch die MFIs finanziert werden. Die sind nun aber nicht bei der IKB oder HRE gelandet, sondern konzentriert bei der Bundesbank.

    Hinzu kommen die Fluchtgelder, die zu einer systemischen Kettenreaktion führen und daher die haftungsrelevante Höhe der Targetsalden vermutlich etwas niedriger ist. Und nur für solche herdentriebhaften Panikreaktionen sind ELAs gedacht, aber nicht als Dauerfinanzierungsinstrument zu Lasten Dritter; und hier vor allem zu Lasten der Deutschen Bundesbank und somit im Falle der Fälle, des deutschen Steuerzahlers. Der muss zwar nicht direkt bluten, aber er muss auf sehr sehr lange Sicht auf Gewinnausschüttungen der Bundesbank verzichten. Wir haben es also auch hier mit einem Missbrauch eines Gemeinschaftsgutes zu tun.

    Entweder ändern wir diesen Konstruktionsfehler (einmaliger Schuldenschnitt bei gleichzeitiger Einführung eines 3-stufigen Bankensystems soffisticated.wordpress.com/123-stufige-geldsysteme/ oder alternativ Ausgleich der Targetsalden nach amerikanischem Muster mit Realien) oder Deutschland sucht sich Verbündete, die sich an die Regeln halten und gemeinsam aus dem Gesamteuroprojekt austreten und zeitgleich (juristische Sekunde) eine neue gemeinsame Währung einführen. Ich bevorzuge die 1. Variante und würde die 2. nur als ultima ratio empfehlen, nämlich bei persistenter Weigerung der Anerkennung UND Umsetzung von Spielregeln.

    Ich hoffe nicht, dass es dazu kommt und habe daher diesen unkonventionellen Ansatz (am Ende von #183) in die Diskussion gebracht, den aber entweder alle aktiven Herdentriebler für irre halten oder aber noch durchdenken. Denn Schweigen kann ich ja wohl nicht als Zustimmung interpretieren.

  6.   Barthel Berand

    @ 183 – Michael Stöcker

    Diesen Beitrag hatte ich bislang gar nicht bemerkt, was daran liegen wird, dass bei Link-Angaben in einem Beitrag die Veröffentlichung schon einmal dauern kann – oder auch ganz unterbleibt. Deshalb jetzt etwas verspätet:

    „Da mir keiner meine ursprüngliche Frage beantworten kann oder will (wo die Zinsen aus der Kreditgeldschöpfung herkommen)…“

    Ich versuche einmal eine Stellungnahme. Dabei ist meine Sichtweise der Dinge bekanntermaßen eher altertümlich. Aber Sie schreiben ja selber, dass sich die alten Regeln langsam wieder Bahn brechen. Zu Recht.

    „Aus der Diskussion sollte deutlich geworden sein, dass wir zwei Arten von Geld unterscheiden müssen. 1.“ echtes“ Geld, das nur durch die Zentralbanken geschaffen werden kann (egal ob durch Bargeld oder durch Ausleihung über die Geschäftsbanken) und 2. Kreditgeld, das durch die Geschäftsbanken im Wege der Kreditvergabe entsteht und durch Kreditrückzahlung wieder vernichtet wird. Bei konstanter Geldmenge M0 können die Zinsen nur durch weitere (zusätzliche) Kreditvergabe bedient werden oder aber aus den bestehenden Beständen an M0.“

    Da regen sich bei mir gleich zwei Widersprüche:

    1. Sie setzen „echtes“ Geld ja selbst schon in Anführungszeichen. Richtig ist, dass „Geld“ heute durch Zentralbanken geschaffen wird. In historischen Dimensionen betrachtet gibt es Zentralbanken aber noch nicht allzu lange. Deshalb ist die naheliegende Frage, was denn echtes Geld zu den Zeiten war, als noch keine Zentralbanken existierten. Hier müssen wir ansetzen, da sich alles weitere daraus entwickelt hat. Von daher ist Ihr Ansatz m.E. bereits falsch gewählt, wenn Sie auf dem heutigen Geldbegriff aufsetzen. Mit diesem kann man die ökonomischen Realitäten in der Tat nicht mehr begreifen.

    2. Ihren letzten Satz in obigem Zitat halte ich für falsch. Benötigt man wirklich eine steigende Geldmenge, nur weil man Zinsen zahlen muss? Ich denke, Nein. Wie nun das? Da verleiht einer 100 Münzen und will nach zwei Jahren 110 wieder zurück haben. In unserer alten Volkswirtschaft mit gedecktem Geld waren aber bis zur Minenschließung (sprich: konstante Geldmenge) nur, sagen wir, zehntausend in Umlauf gebracht worden. Woher kommen nun die zehn Münzen? Wer macht Verlust, wenn nicht, wie hier einige vertreten, der gnädige Vater Staat sie ihm nachschösse?
    NIEMAND! Und das geht so:
    A geht zur Bank und leiht ihr auf zwei Jahre 100 Münzen und will nach zwei Jahren 105 zurückhaben. Die Bank leiht an B 100 Münzen aus und will nach zwei Jahren 110 zurückhaben.
    In der Zeit hat B z.B. mehr Brote verkauft, als er für den Eigenbedarf braucht, also Überschüsse erwirtschaftet. Diese wurden ihm auch mit Goldmünzen bezahlt. Als er noch direkt getauscht hat (Weizen gegen Brot, Brot gegen Geschmeide), hat das ja auch funktioniert, d.h. es wurden Überschüsse erwirtschaftet. Aber halt mal – das waren ja auch vermehrbare Güter, usw.
    Ja, richtig, aber weil sie vermehrbar waren, und weil sie permanent gegen das nunmehr umlaufende Geld hin- und hergetauscht wurden, sind diese Überschüsse ja nicht verschwunden. Wenn eine Putzfrau beim Metzger putzt und sich anschließend eine Wurst für ihren Lohn bei ihm kauft – und das Tag für Tag – dann können die beiden im Extremfall immer DIESELBE Münze für die Bezahlung des jeweils anderen benutzen. Die Leistungen – Wurst und geputzte Metzgerei – sind Tag für Tag real.

    Was kann A denn mit dem Geld, den 105 statt 100 Münzen nach zwei Jahren machen?
    Er kann NUR drei Dinge tun:
    a) er kann sie erneut ausgeben für Bedarfsgegenstände oder Produktionsmittel – und schon sind 105 Münzen wieder im Geldkreislauf.
    b) Er kann sie erneut gegen Zinsen verleihen – und schon sind sie erneut im Geldkreislauf.
    c) ODER er kann sie horten, ohne Zinsen zu verlangen (Sparstrumpf), DANN sind sie für diese Zeit dem Geldkreislauf entzogen, und DANN muss der reale Wert des verbliebenen Geldes naturgesetzlich STEIGEN (echte Deflation). Was passiert normalerweise, wenn der Preis einer Ware steigt? Es werden ab einem bestimmten Punkt deren Eigner „schwach“ und verkaufen, um den Gewinn mitzunehmen – also wird A ziemlich bald des gestiegenen Wertes seines Sparstrumpfes gewahr und gibt sie wieder aus, und schon sind sie erneut im Geldkreislauf, zumal ihm dafür ja Zinsen winken.

    Nun werden Sie einwenden, dass Sie von einer reinen Kreditgeldwirtschaft reden. OK. WOHER kommt das Geld denn in nicht-[z.B. Gold]-gedeckten Systemen (heutiger Fall: Kreditgeldsystem)? Sitzt da ein mit dem zweiten Gesicht begabter Mensch (die Qualität ökonomischer Prognosen kennen wir ja alle) und „druckt“ genau soviel Geld nach, wie an zusätzlichen Zinsen benötigt werden? UND WENN das so wäre: der Zinsempfänger/Gläubiger – würde der das neue, zusätzlich ohne Deckung geschaffene Geld denn gerne als Zinsen wollen?
    Die GeldMENGE ist für die Wirtschaft neutral, sie LÄUFT UM. Wer Zinsen erhebt oder zahlt, entnimmt sie dem umlaufenden Geld und gibt sie auch sofort wieder zurück.
    Entnimmt er sie (legt sie also -zwangsläufig zinslos- weg, obiges Sparstrumpf-Beispiel) so schädigt er nur sich selbst, da er nun weder was dafür kauft noch Zinsen erhält. Die Geldmenge schrumpft dann vorübergehend um den weggelegten Betrag, und das Geld wertet auf (was ihn vermutlich neben den entgangenen Zinsen zusätzlich motiviert, es dem Geldkreislauf wieder zuzuführen).
    „No man is an island“ – Die ÜBERSCHÜSSE werden in einer Geldwirtschaft nicht anders angelegt als in der urspr. Tauschwirtschaft: irgendwann werden damit, wenn die unmittelbaren Subsistenzbedürfnisse gestillt sind, dauerhaftere Güter angeschafft. DIESE bleiben, das Geld kommt wieder in Umlauf.

    Soweit zu den basics. Da Ihre weiteren Ausführungen auf m.E. falschen Annahmen beruhen, belasse ich es zunächst hierbei.

    @ 233 ist auf den Punkt.

  7.   alterego

    @233 und 235
    Danke für diesen ausführlichen und klaren Kommentar. Ich stimme Ihnen im Kern zu. Allerdings sehe ich das entscheidende Risiko für das Finanzsystem nach wie vor in der von Ihnen beschriebenen Zusammenballung und vor allem Umstrukturierung unzähliger Einzelrisiken (allgemein: Die strukturierten Finanzprodukte). Das scheint hier aber glücklicherweise nicht der Fall zu sein. Wobei die der US Subprime Mortgage Crisis zugrunde liegende Umstrukturierung der Risiken aus der Kreditfinanzierung der Subprime Borrowers meines Erachtens durchaus nicht intransparent war. Dass die Dussel der Landesbanken und anderer Institutionen das Produkt nicht verstanden haben oder verstehen wollten, wundert mich bis heute. Und was die notwendige Marktbereinigung (nicht nur bei den Landesbanken) angeht: Ja, theoretisch hätte man sie billiger haben können. Theoretisch wäre sie gar nicht notwendig gewesen… Praktisch sieht die Sache leider ein wenig anders aus.

    Von Ihren Varianten in #235 wäre mir die zweite lieber. Unsere Regierung hätte eine gute Chance, die dazu notwendigen Verbündeten im Norden der EU, in den Niederlanden, in Großbritannien, Österreich und bei den skandinavischen EU-Partnern, ggf. auch im Osten, zu finden. Und so zumindest mal Druck in Richtung einer Annäherung auf Ihre Variante 1 zu machen. Mir ist unbegreiflich, weshalb sie das nicht tut.
    Der Zwang zur Einführung des Euro muss auf jeden Fall weg!

  8.   alterego

    @183
    Ihr Vorschlag „Bürgerfinanzierung“. Könnte dem grundsätzlich zustimmen. Sehe aber nicht, wie das Verteilungsproblem (welche Gutschrift für welchen Bürger) gelöst werden sollte. Außer, wenn alle das gleiche bekommen. Aber wäre das die Lösung für das Problem, das Sie eigentlich adressieren wollen?

    Ich selbst hatte bereits vor mehr als einem Jahr vorgeschlagen, dass die EZB einmalig (von mir aus nicht rückzahlbare) Kredite (unterschiedlich konditionalisiert) an alle(!) Euromitgliedsstaaten vergeben solle mit der Auflage, diese vollumfänglich zur sofortigen Tilgung ihrer Schulden bei ihren (ausschließlich) euroländischen Kapitalgebern zu verwenden.

    Die Staatsschulden veränderten sich dadurch zwar nicht, aber das euroländische Bankensystem könnte so (ohne zusätzliche Belastung der Bürger) stabilisiert werden. Vor allem aber müssten die Kredite so bemessen sein, dass ihre Anteile an dem von der EZB ausgereichten Gesamtvolumen den Anteilen der Mitgliedsländer am Kapital der EZB entsprechen, so dass diese Aktion zu keiner Umverteilung der Risiken zwischen den Ländern führt.

    D.h., diese Kredite ständen in einem fixen Volumenverhältnis zueinander, wobei sich das Gesamtvolumen danach bemessen würde, wieviel vorgezogene Tilgung zur einmaligen Stabilisierung des Bankensystems gerade notwenig ist. Deren Konditionalisierung müsste für diejenigen Länder, die derzeit unter dem Rettungsschirm sind, deren derzeit mit den Hilfszahlungen verbundenen Auflagen entsprechen. Die Rettungsschirme hätten meines Erachtens bei einer derartigen Regelung entfallen können.

    Damit unterstelle ich zugleich, dass das Problem der Banken in erster Linie ein Liquiditäts- und Risikoproblem (Rückzahlungsrisiko bei pleitegefährdeten Staaten) ist. Und dass die Krisenstaaten ihre Situation in den Griff bekommen, wenn durch dien vorgeschlagene Aktion sowohl deren Zinslast sinkt als auch deren negativer Primärsaldo durch angemessene Auflagen abgebaut und in einen deutlich Positiven verwandelt wird.

    Es ist mir im Laufe der letzten anderthalb Jahre allerdings zunehmend bewusst geworden, dass eine Sanierung der Staatshaushalte das Problem der Krisenstaaten nicht lösen wird. Dazu müssen deren Volkswirtschaften deutlich wettbewerbsfähiger werde. Das aber wird ihnen meines Erachtens unter dem Euro nicht gelingen können.


  9. @ Barthel Berand 236

    Vielen Dank, für Ihre Sicht der Dinge. Ich bin mir nicht so sicher, was Sie mit Ihrer 1. Anmerkung meinen. Echtes Geld ist für mich alles Zentralbankgeld, egal ob die Lieferung schon stattgefunden hat (Bargeld) oder ob es als Forderung auf Auslieferung von Bargeld verbucht wird. Ich bin kein Anhänger einer Golddeckung. Das ist mit Verlaub (ohne hier jemandem im Forum zu nahe treten zu wollen) etwas für geldpolitische Anfänger. Früher habe ich auch noch an solche simplifizierenden Erklärungs- und Deutungsmuster geglaubt. Hier vertrete ich ganz die Sicht der Trottelnummer von enigma, die er in seinen Vollgeldspielereien so schön beschreibt soffisticated.wordpress.com/2012/10/31/vollgeldspielereien/ (ich hoffe, ich habe Sie, hier richtig verstanden)

    Wir müssen also nicht in der Vergangenheit ansetzen, sondern bei unserem heutigen Geldsystem. Und das ist ein Schuldgeld- oder eben auch Kreditgeldsystem (siehe auch meine Anmerkungen in #138, #149, #156, #231). Und damit hängt alles an der Kreditsicherheit! Gold mag psychologisch noch ganz nett sein, weil die Mehrheit sich vom Glanze blenden lässt (Psychologie ist nicht zu unterschätzen, daher sind ein paar Goldreserven der Bundesbank auch ganz nützlich). Aber für eine stabile Währung ist es vollkommen überflüssig, ja ich behaupte sogar gesamtwirtschaftlich schädlich, da Gold (außer als Geschmeide am Hals einer schönen Frau sowie als Rohstoff für die produzierende Industrie) keinen zusätzlichen Nutzen schafft. Ganz im Gegenteil, es erzeugt überwiegend Kosten.

    Zum bessere Verständnis sollten wir uns daher die Vorgänge nochmals genau vor Augen führen: Unter erbärmlichsten Arbeitsbedingungen graben Menschen tiefe Löcher in die Erde, auf der Suche nach Goldklumpen. Diese werden anschießend unter weiterem Aufwand von Energie und Arbeitskraft in handliche Barren gegossen, sodann in die Schweiz (als pars pro toto) ausgeflogen um sie alsdann in zuvor mit viel Aufwand in die Erde gebuddelte Hochsicherheitslöcher (vulgo Bunker) wieder verschwinden zu lassen. Exterritoriale Beobachter würden dieses Verhalten wohl als ein merkwürdiges Gesellschaftsspiel interpretieren, dessen Sinn sich genauso wenig erschießen lässt, wie der rheinische Karneval einem Hamburger. Allein die Aufbewahrung des „deutschen Goldes“ in London kostet den Steuerzahler ca. 500.000 EUR jährlich.

    Zu Ihrem 2. Punkt: Bitte nicht Realwirtschaft (als gedachte Tauschwirtschaft) und Geldwirtschaft verwechseln. Sie sprechen von vermehrbaren Gütern, ich von vermehrbarem Geld. Aber Geld erzeugt kein Geld. Geld als Kreditgeld initiiert eine Reihe von realwirtschaftlichen Transaktionen, die wieder glatt gestellt werden müssen. Wenn dann aber im Kreditgeldsystemen Zinsen, Boni u. ä. ausgeschüttet werden (Flows), die nicht zur Nachfrage nach auf Kreditprozessen hergestellten Gütern führen (Stocks), kann der Kreditnehmer seine Kredite nicht mehr bedienen (Lagerbestände gegen Kreditverbindlichkeiten). Oder anders ausgedrückt: Würde Herr Ackermann seine Ersparnisse (Konsumverweigerung bei fehlender Investitionsalternative = Liquiditätsfalle) in Konsum oder Investition umwandeln, gäbe es dieses Problem nicht. Macht er aber nicht (siehe hierzu auch meine Anmerkungen unter #155, #195). Und private Ersparnisse sind in einem Kreditgeldsystem eigentlich überflüssig.

    Vielleicht bin ich aber auch nicht in der Lage, die Problematik adäquat in der Kürze zu beschreiben. Daher habe ich einen Link auf einen Vortrag von Herrn Binswanger gesetzt, der die Problematik von Zinsen, Wachstum und Zeit aus meiner Sicht sehr anschaulich beschreibt: postwachstumsoekonomie.de/Binswanger-Vortrag-OL.pdf

  10.   alterego

    In einer wachsenden Wirtschaft, insbesondere wenn sie global vernetzt ist und auch die Weltwirtschaft wächst, kommt immer genug Geld (Smarties) in Umlauf, um die zeitgleich fälligen Zinsforderungen bedienen zu können. Wir haben seit geraumer Zeit eher das Problem, dass zu viele Smarties auf die Welt kommen und durch diese zirkulieren als zu wenige. Notfalls könnte man Güter (auch Zinsforderungen) auch mit irgendwelchen (sonstigen) Schuldscheinen bedienen, statt mit Smarties. Alles kein Problem.

 

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