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Zu Unrecht vergessen: Wolfgang Stützel und seine Saldenmechanik

 

Die Ökonomenwelt entdeckt die alten Meister neu: So meint etwa der Berkley-Professor und Blogger Brad DeLong, dass nur Ökonomen in der Tradition von Hyman Minsky oder Charles Kindleberger wirklich Interessantes zur Analyse der Finanzkrise beizutragen hätten. Auf diese illustre Liste gehört aber noch ein anderer Ökonom, der in den USA gar nicht und in Deutschland kaum noch bekannt ist: der deutsche Ökonomen Wolfgang Stützel, der im Saarland Professor war und im Jahr 1958 sein großes Buch „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ veröffentlichte.

Während Stützel in den 60er und 70er Jahren weit über die Ökonomenzunft hinaus bekannt war, ist er heute fast vergessen, einige Keynesianer berufen sich noch hie und da auf ihn, gelesen hat die Saldenmechanik kaum jemand. Dabei steckt so viel in ihr. Denn das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrates zeigte, dass man keine abstrakten Modelle und Fantasie-Annahmen über das Verhalten des Menschen braucht – wie etwa den stets rationalen Homo Oeconomicus -, um rigorose und logisch notwendige Schlussfolgerungen über die real existierende Wirtschaft zu ziehen. Eigentlich braucht es nur ein ordentliches Verständnis von so etwas Trivialem wie der Buchhaltung.

So schreibt Stützel im Vorwort seiner Saldenmechanik: [Es gibt] neben Zusammenhängen, die vom menschlichen Verhalten abhängen, […] viele Größenbeziehungen in der Wirtschaft […], über die sich streng Allgemeingültiges aussagen läßt, Zusammenhänge, die nicht vom menschlichen Verhalten abhängen, sondern auch dann unverändert bestehen bleiben würden, wenn die Menschen sich noch so ungewöhnlich verhielten.

Was Stützel „Größenbeziehungen“ nennt, sind ganz triviale Dinge, wie, dass die Käufe des einen die Verkäufe des anderen sind, weil eben niemand etwas verkaufen kann, ohne dass jemand anderes etwas kauft; oder dass die Schulden des einen die Guthaben des anderen sind, weil ja niemand ein Schuldner sein kann, ohne dass es einen Gläubiger gibt. Man müsste eigentlich davon ausgehen, dass Ökonomen diese „trivial-arithmetischen Zusammenhänge“ und ihre Implikationen kennen. Das ist aber meistens nicht so. Stützel hat immer mit großem Genuss gezeigt, wie sich seine Kollegen in Aussagen verrennen, zu denen man nie gelangen würde, beherrschte man nur das Einmaleins der Saldenmechanik.

Ein paar Beispiele gefällig? Der triviale und immer richtige Satz, dass das Guthaben des einen die Schulden des anderen sind, wird oft von Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern ignoriert, wenn sie behaupten, die Staatsschulden von heute würden die gesamte zukünftige Generation belasten. Das ist, als würde man annehmen, dass es zwar in der Zukunft Schulden, aber keine Guthaben mehr gibt, die den Schulden gegenüberstehen – eine logische Unmöglichkeit. Denn wenn es in der Zukunft noch ausstehende Staatsschulden gibt und darauf Zinsen zu zahlen sind, dann wird irgendjemand in der zukünftigen Generation diese Schulden als Guthaben halten und die Zinsen kassieren. Es werden eben nicht nur die Schulden, sondern auch die entsprechenden Guthaben vererbt.

Oder ein anderes Beispiel: Wer Geld spart, bildet Guthaben. Damit wird er zum Gläubiger; es kann also niemand Guthaben bilden, ohne dass sich jemand anderes in gleicher Höhe verschuldet. Wenn sich aber vor lauter Schuldenangst niemand verschulden will, kann auch niemand Guthaben bilden. Was so einfach „arithmetisch-trivial“ daherkommt, wird politisch brisant, wenn man es auf die Privatisierung der Rente anwendet. Wer dafür ist, dass die Menschen mehr privat vorsorgen, muss logisch notwendig auch für höhere Schulden sein, die den höheren Guthaben entsprechen. Aber wer will die höheren Schulden aufnehmen? Die deutschen Unternehmen verschulden sich im Saldo in den letzten Jahren gar nicht mehr, sondern finanzieren ihre Investitionen vor allem aus ihren laufenden Einnahmen; der Staat soll bloß keine neuen Schulden mehr machen, weil er per Verfassung die Schuldenbremse einhalten muss. Dann bleibt nur noch das Ausland. Achso, das hat gerade eine Schuldenkrise, oder? Aber wenn niemand sich mehr verschulden will oder kann, dann kann man auch nicht mehr sparen – und man kann auch von den Menschen nicht verlangen, dass sie privat mehr sparen. (Johannes Schmidt von der Hochschule Karlsruhe hat Stützels Positionen dazu erst kürzlich zusammengefasst.)

Auch die Schuldenkrise – ob in Europa oder den USA – lässt sich gut mit diesen trivial-arithmetischen Beziehungen fassen: Wenn man in der Schuldenkrise steckt und seine Schulden gefälligst zurückzahlen soll, dann fordern Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank, Europäische Kommission und ganz laut die deutsche Regierung, dass die Krisenländer ihre Gürtel enger schnallen und ihre Ausgaben kürzen sollen. Nur kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind, die Importe der Krisenländer also die Exporte etwa Deutschlands. Wenn die Krisenländer aber ihre Ausgaben, vor allem ihre Importe, senken müssen, um nicht mehr neue Schulden aufzunehmen, fallen in Deutschland die Exporte und damit die Einnahmen deutscher Unternehmen. Das deutsche Spardiktat wird zum Eigentor.

Das klingt alles sehr nach bösem Keynesianismus, aber es sind eben nur die Konsequenzen reiner Buchhaltung: Wenn verlangt wird, alle sollen ihre Ausgaben senken, dann kann man nicht erwarten, dass die Einnahmen trotzdem steigen; wenn alle privat Guthaben bilden sollen, kann man nicht verlangen, dass niemand Schulden aufnimmt. Es kommt niemand an der simplen Tatsache vorbei, dass in dieser Welt 2 + 2 = 4 ist und ergo die Einnahme des einen die Ausgaben des anderen sind.

Nun war Stützel selbst kein linker Keynesianer, zumindest wenn man darunter Ökonomen versteht, die stets für höhere Schulden und niedrigere Zinsen sind. So schrieb er etwa in der Einleitung zu den Werken Wilhelm Lautenbachs, seinem akademischen Lehrer: „Die Behauptung, daß mit der Druckknopftherapie des deficit spending, der staatlichen Geldschöpfung durch Verschuldung, alle wirtschaftlichen Nöte gelindert werden könnten, stammt nicht von ernsthaften Beschäftigungstheoretikern. Sie ist eine Erfindung von Demagogen, die sich aus den modernen Kredittheorien das Geldschöpfen und aus dem Keynesianismus das Schuldenmachen geholt haben, um damit breiten Massen Illusionen vorzugaukeln und die Atmosphäre für nüchterne Überlegungen zu vergiften. Vielleicht ist es auch ein Popanz, den sich manche Gegner der Beschäftigungstheorie zusammengezimmert haben, damit sie in ihrer Argumentation gegen die Beschäftigungstheorie nicht so viel zu denken gezwungen sind.

Stützel sah zwar, dass es manchmal ganz schön schiefgehen kann, wenn man sich zu sehr auf den Markt verlässt. Aber dennoch war er überzeugter Marktwirtschaftler, aktives Mitglied der FDP und des liberalen Kronberger Kreises, eine Art frühe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Stützel war schon seit Anfang der 70er Jahre gegen die Finanzierung des Sozialstaats aus Lohnnebenkosten und erklärte die damals wachsense Arbeitslosigkeit nicht mit einem Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, sondern mit zu hohen Lohnkosten; außerdem war er in einer Zeit von Kapitalkontrollen für den freien Fluss des Kapitals zwischen den Ländern, weil er den Händlern eher traute als den Bürokraten.

Auf der anderen Seite plädierte er in seiner Streitschrift „Marktpreis und Menschenwürde“ für eine Lohnuntergrenze (am besten durch eine alle Arbeitnehmer umfassende Gewerkschaft), damit es nicht zu einem „Konkurrenzparadoxon“ kommt, in dem jeder einzelne, um seinen Job zu sichern, auf Lohn verzichtet und seine Arbeitszeit verlängert, damit aber für alle Niedriglöhner nur Lohnsenkung bei gleicher Beschäftigung herauskommt – ein Gedanke, den er von Marx aufnahm. Bei seiner Ablehnung zu hoher Lohnnebenkosten ging es ihm nicht darum, den Sozialstaat zu begrenzen, sondern ihn über Steuern zu finanzieren und damit nicht in die Preisbildung am Arbeitsmarkt einzugreifen.

Stützel war ein Wirtschaftsliberaler, in vielem auch das, was man heute neoliberal nennen würde. Aber er wusste genau, wo der Markt auf seine Grenzen trifft und wann das Streben jedes einzelnen nach Verbesserung seiner individuellen Lage kollektiv nicht aufgehen kann. Kurz: Er war ein ausgezeichneter Ökonom. Von denen bräuchten wir gerade in der Krise mehr.

261 Kommentare


  1. @238 alterego

    Ihr Vorschlag setzt mehr auf der institutionellen Ebene an und ist sicherlich eine mögliche Lösung. Für mich hat Geld aber neben seinem institutionellen Charakter vor allem auch eine soziale Dimension (sollte aus meinen letzten Beiträgen deutlich geworden sein). Und dieser Aspekt scheint mir bei einer „Bürgerfinanzierung“ anstelle von Staatsfinanzierung viele positive Wirkungen zu haben (ein Investmentbanker würde eunuchenhaft von einer „sexy Story“ fabulieren).

    Und ja, ich bin dafür, dass JEDER Bürger (auch Kinder) des Eurosystems den GLEICHEN Betrag X auf sein Girokonto gebucht bekommt („One man one vote“ oder aber als revolutionärer Schlachtruf „liberté, égalité, fraternité“). Auch die Ackermänner der Eurozone bekommen ihre Peanuts. Keiner wird ausgeschlossen, keiner wird bevorzugt (wir sind nicht so, wie ihr wart/seid). Die Konsum- und Investitionsverweigerer mögen ruhig weiter verweigern (vielleicht werden sie aber auch zu Goldtrotteln), aber die Niedriglöhner, die Hauptverlierer der Globalisierung sowie die abgerutschte Mittelschicht wird sehr wohl die fehlende Nachfrage im System kompensieren und somit zur Gesamtstabilisierung beitragen. Wir sind das Volk und wir steuern über die Nachfrage das Angebot, solange, bis die Ungleichwichte wieder beseitigt sind. Die Schweiz hat hierzu (soziale Ungleichgewichte) wohl ihre eigenen Vorstellungen. Im März soll es eine Volksabstimmung zur Lohnspreizung geben http://www.swissinfo.ch/ger/politik_schweiz/Urnengang_in_der_Schweiz.html?cid=34694324 .

    Ich gebe zu, dass damit nicht alle Probleme beseitigt werden können (wer so etwas behauptet wäre ein Schwätzer). Vor allem die fehlende Wettbewerbsfähigkeit wird hierdurch nicht beseitigt und bereitet auch mir die größten Sorgen. Selbst eine vollständige Entschuldung Griechenlands würde hier nicht helfen. Aber durch die Bürgerfinanzierung gäbe es im Zeitablauf erhebliche Lohnsenkungspotentiale und würde diesem schmerzhaften Prozess etwas die revolutionäre Brisanz nehmen.

    Das ist aus meiner Sicht aktive Geldpolitik im Interesse der Gemeinschaft der Bürger Europas und nicht im Interesse einer kleinen Goldman-Elite (Der Beitrag von Erwin Pelzig stellt das Beziehungs- und Interessengeflecht wunderbar dar. Suchworte „Angela Merkel und Goldman Sachs“).


  2. @240 alterego

    Die Betonung liegt auf einer WACHSENDEN Wirtschaft. Meine Meinung hierzu hatte ich bereits unter #146 dargelegt. Bei den „Smarties“ bin ich wieder ganz bei Ihnen. Davon sind in der Tat zu viele im System aber leider zirkulieren die nur im Asset-Universum und zu wenig in der Realwirtschaft. Wie könnte es auch anders sein, wenn einer zu viele Smarties in sich hineinstopft und der ganze Keller überquillt.

    Da Menschen aber grundsätzlich unter Verlustängsten leiden (die reflexhaften Reaktion nicht nur adipöser prominenter Bürger auf Steuererhöhungen in Frankreich sprechen Bände spiegel.de/wirtschaft/lvmh-milliardaer-bernard-arnault-schafft-sein-vermoegen-nach-belgien-a-879432.html ), ziehe ich eine weitere Zuführung von Smarties für alle vor; gemäß dem Motto „Geben ist seliger denn Nehmen“. Oder um eine weitere alte Weisheit zu zitieren: Gib, so wird dir gegeben.

  3.   Barthel Berand

    @ 239 – Michael Stöcker

    „Ich bin kein Anhänger einer Golddeckung. Das ist mit Verlaub (ohne hier jemandem im Forum zu nahe treten zu wollen) etwas für geldpolitische Anfänger.“

    Dann werden wir wohl nicht zueinander finden. Schauen sie sich nicht um in der Welt und realisieren Sie nicht, was unsere Geldzauberer a la Greenspan, Bernanke, Trichet und Draghi da angerichtet haben? Ich wünschte, es wären geldpolitische Anfänger. Dann würden Sie vielleicht noch etwas von der Materie verstehen.

    Ich meine, hier einen Widerspruch bei Ihnen zu erkennen:

    „Wir müssen also nicht in der Vergangenheit ansetzen, sondern bei unserem heutigen Geldsystem. Und das ist ein Schuldgeld- oder eben auch Kreditgeldsystem Und damit hängt alles an der Kreditsicherheit!“

    und

    „Bitte nicht Realwirtschaft (als gedachte Tauschwirtschaft) und Geldwirtschaft verwechseln. Sie sprechen von vermehrbaren Gütern, ich von vermehrbarem Geld. Aber Geld erzeugt kein Geld.“

    Wo sehen Sie die Kreditsicherheiten denn beheimatet: in der Realwirtschaft oder in der Geldwirtschaft?

    Ich gehe von ersterem aus. Wenn Sie mir in dem Punkt zustimmen, sagen Sie selbst, dass eine Geldwirtschaft ohne realwirtschaftliche Deckung unmöglich funktionieren kann. Und das ist auch so. Und da die Größe der Geldmenge unbeachtlich ist, weil sie halt umläuft, kann man auch direkt bei der Goldbindung bleiben. Das ist ja gerade der Vorteil einer gedeckten Währung: ihre disziplinierende Wirkung. Schauen Sie sich die Zahlen an. Die Geldmengen sind erst explodiert, NACHDEM Nixon 1971 die Goldbindung aufgehoben hat. Eine Großenteignung. Die Chinesen schlucken heute noch. Und diese Goldbindung war nur recht schwach ausgeprägt, weil nur noch Zentralbanken ihre Devisen in Gold umtauschen durften (wir hatten ja seit Roosevelt in den USA ein Verbot von privatem Goldbesitz 1933 – 1975). Aber selbst das hat funktioniert. Erst seitdem die Deckung weggefallen ist, gibt es ja diese ganzen Boni-Orgien, die Sie zu recht beklagen. Man sollte nur die Ursachen erkennen.

    „Geld als Kreditgeld initiiert eine Reihe von realwirtschaftlichen Transaktionen, die wieder glatt gestellt werden müssen.“

    … was nur funktionieren kann, wenn dieses Kreditgeld INVESTIV verwendet wird UND diese Investition erfolgreich ist. Andernfalls muss es zu Lasten des Konsums und/oder der Ersparnisbildung gehen, soll der Kredit zurückgezahlt werden. Und da stehen wir heute.

    Aber diese unterschwellige Botschaft Ihres obigen Satzes ist für MICH die eigentliche Trottelnummer: Kreditgeld sei die wichtigste Nahrung einer Wirtschaft (= initiiert eine Reihe von realwirtschaftlichen Transaktionen).

    NEIN, GÜTER sind diese Nahrung. Kredit wird besichert ausgereicht (unter Freunden mag ein Ehrenwort genügen). Die jetzige Krise ist gerade dadurch entstanden, weil diese Erkenntnis missachtet wurde.
    Wer SICHERHEITEN anbieten kann UND gute Geschäftsaussichten hat, die den „Cash Flow“ für Zins und Tilgung GARANTIEREN, hat KEIN Kreditproblem. ER BRAUCHT AUCH KEINE BANK – siehe Quickborn, das sich Geld bei seinen Bürgern geliehen hat. Die Kredit“klemme“ ist darauf zurückzuführen, dass die Sicherheiten nicht sicher genug und die Geschäftsaussichten kaum prognostizierbar sind. Die Banken dafür zu tadeln, dass sie ENDLICH auf Sicherheiten bestehen, wäre unehrlich. Und DA DIE SICHERHEITEN FEHLEN, lässt sich die Kreditklemme auch NICHT lösen. Stattdessen werden Eigenkapitalhilfen diskutiert, d.h. ZUERST will man die Unternehmen mit (geschenktem? wer’s glaubt wird selig …) Eigenkapital stärken, um dieses dann wieder beleihen zu können. Welch ein Blödsinn!!! Das ist Münchhausen literarisch mit dem eigenen Schopf gelungen. Wer das aber im Ernst versucht, hat nachher die Haare in der Hand …

    Aus Ihrer @ 195
    „Es handelt sich um einen der größten Raubzüge in der menschlichen Geschichte,…“

    Da bin ich bei Ihnen. Und ich ergänze: ´der nur möglich wurde, weil das Geld deckungslos und daher beliebig vermehrbar ist.´

    Ich zitiere abschließend einmal Dieter Schnaas – „Chefreporter“ der Wirtschaftswoche. Er schreibt in seinem lesenswerten und sprachlich herausragenden Buch „Kleine Kulturgeschichte des Geldes“:
    „Die volkswirtschaftlichen Kosten der organisierten Verantwortungslosigkeit sind beinahe unermesslich – und doch fallen sie gering aus im Vergleich zu dem Schaden, den unser Geld-Welt-Verständnis nimmt. Weil die Billionen, mit denen die Staaten ihren Banken und sich selbst zu Hilfe eilen, keine Zukunft mehr bewirtschaften, sondern Vergangenheit, hat das moderne Kreditgeld nicht nur seine Funktion, sondern auch seine Legitimation eingebüßt. Jeder weiß, dass frisch geschöpftes Geld heute nicht mehr produktiv und fruchtbar ist, weil sich an seinen Einsatz die Erwartung seiner Vermehrung knüpfen würde, sondern dass dieses Kreditgeld ans Gestern verschwendet, unproduktiv und zeugungsunfähig ist. Die Schulden, die wir heute machen, zaubern kein Stück Zukunft mehr ins Heute, sondern tischen uns die verpassten Chancen der Vergangenheit auf. Das Geld „arbeitet“ nicht mehr mit Blick auf sein Mehr; es stottert eine Gegenwart ab, die ihre künftigen Potentiale schon verbraucht hat. Jeder neue Kredit schöpft kein Geld mehr, mit dem wir Schulen bauen könnten, sondern klärt uns darüber auf, dass wir in einer bereits hinter uns liegenden Gegenwart die Zukunft aufs Spiel gesetzt – und verloren haben. […] Wir leben in einer Übergangszeit, an der Schwelle zu einer neuen Epoche des Kapitalismus, in dem wir es (wieder) mit profanem Geld zu tun haben werden, mit Geld, das nicht kultisch beschworen, sondern verantwortlich bearbeitet wird. Die Bewirtschaftung seiner selbst hat das Geld in seine dynamische Selbsterschöpfung getrieben; nun ist es an uns, ihm einerseits seine Grenzen aufzuzeigen – und ihm andererseits jenseits des bankrotten Finanzmarktkapitalismus neue Zugriffsmöglichkeiten zu eröffnen. Es geht jetzt darum, dass wir mit dem Geld nicht mehr unsere Zukunft verwetten, sondern dass wir mit ihm unsere Zukunftsfähigkeit zurückgewinnen. […] Wir haben diese Zukunft als Möglichkeitsraum verloren, weil uns das Geld für sie fehlt, weil wir das Geld heute ‘arbeiten’ lassen, um die Vergangenheit abzubezahlen – und weil eine Zukunft, die keine Spielräume kennt, keine Zukunft ist.“

    Ich habe dem nichts hinzuzufügen, außer vielleicht, dass, wenn wir uns diese Spielräume wieder erarbeiten wollen, HEUTE bereits Verzicht üben müssen. Das wird sehr schmerzhaft.

  4.   Manuel

    Wäre das „Vollgeld“ die Lösung?

  5.   Rebel

    @ 244

    Nehmen Sie doch Holz oder Wasser als Realdeckung für Kredite 😉

  6.   Rebel

    @ 244

    Selbsterhaltung und Nachhaltigkeit sowie natürliche Nutzbarkeiten machen wirtschaftlichen Sinn für eine Holz- und Wasserdeckung !

  7.   Rebel

    @ 244

    Beginnen Sie zu verstehen, dass es auf das Vertrauen der Einhaltung der Versprechen ankommt …Erst diese Trennung, Abkoppelung von einem Medium lässt die Funktionen und Wirkungen der Geld-/Kreditwirtschaft entstehen. Das versuchen enigma und michaelstoecker zur erläutern.
    Funktioniert die Bonität nicht, muß wertberichtigt und abgeschrieben werden oder angeschrieben, wenn langfristig noch Vertrauen besteht !

  8.   Rebel

    @ 244

    Bei der Bildung können Sie auch Zertifikate mit den gesammelten Ausbildungskosten dem Absolventen in die Hand geben, die sein Arbeitgeber als Vertrauen in die Fähigkeiten/Leistungen abschreiben bzw. auszahlen darf …
    Ist das zu kompliziert für Ihre monokausale Erklärungstheorie?


  9. @239 Bartel Berand

    Ich verstehe sehr gut die Verständnisprobleme, die Sie mit dem heutigen Kreditgeld haben. Ich habe auch sehr lange gebraucht, es zu verstehen (hoffentlich habe ich es verstanden). Daher hier nochmals der Link zu der Person, die meines Erachtens hier im Forum am meisten vom Geld versteht: soffisticated.wordpress.com/category/geldtheorie/ Die Dollarproblematik ist ein ganz anderes Thema. Vielleicht hierzu mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

    Viel Freude und wenig Verzweiflung bei der Suche nach neuen Erkenntnissen wünscht Ihnen

    Michael Stöcker

  10.   alterego

    @241
    Ach wie romantisch.

 

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