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Mal die Kirche im Dorf lassen

 

Das Parlament in Zypern hat also den Deal abgelehnt, den die eigene Regierung ausverhandelt hat. Was jetzt passiert, weiß ich auch nicht. Mein Tipp wäre, dass man sich am Ende doch noch irgendwie einigt. Aber vielleicht wird die Euro-Zone schon bald ihr erstes Mitglied verlieren.

Ich habe die Rettungspolitik der Regierung oft kritisiert und halte die Sparauflagen für ökonomisch falsch und moralisch fragwürdig. Aber mein Mitleid mit Zypern, einem der reichsten Länder der Währungsunion, einem Land, das mit Oligarchengeldern einen überdimensionierten Bankensektor ernährt, hält sich in Grenzen. Die Abgabe wurde nun progressiver gestaffelt, und auf Einlagen bei den Banken gibt es wie man hört Zinsen in Höhe von vier bis sechs Prozent, so dass sich die Nettobelastung in Grenzen hält – einmal abgesehen davon, dass sich die Einlagen ziemlich in Luft auflösen würden, wenn die Banken – wie es einige fordern – restrukturiert würden, weil bei anderen Geldgebern nicht viel zu holen ist. Im Fall eines Bankrotts wäre das natürlich auch der Fall.

Das ist kein schlechter Deal – und wer ihn als Diktat empfindet, der muss sich wirklich fragen, ob er in der richtigen Währungsunion ist.

33 Kommentare

  1.   alterego

    Vielleicht haben die Zyprer ja am Ende recht. Aber anders als ihnen derzeit bewusst zu sein scheint. Bisher meinen sie ja noch, die Eurogruppe erpressen, die Hilfszahlungen abschöpfen und die Auflagen zurückweisen zu können. Hoffentlich irren sie darin, bleiben stur, entlassen ihren Staat in die Insolvenz und fliegen aus der Eurozone. Gut möglich jedoch, dass es ihnen am Ende genau deshalb besser gehen wird als wenn ihre fadenscheinige Spekulation aufginge. Einfach, weil sie mit einer eigenen Währung und ohne Auflagen mehr Luft zum atmen haben und die notwendigen Anpassungen sozialverträglicher hin bekommen werden.

    Für die Eurozone wäre es ein gewaltiger Fortschritt, wenn das unsinnige Tabu, dass kein Land, und sei es noch so kaputt und seine Aufnahme in die Eurozone noch so falsch gewesen, diese jemals wieder verlassen darf. Das ist wider jegliche ökonomische und politische Vernunft. Und außerdem ohnehin nicht durchzuhalten. Ganz abgesehen von der völlig irrealen Vorstellung, jedes der derzeit noch 27 Länder der EU könne Mitglied dieser Währungsunion sein, was noch immer als ein verpflichtendes Ziel (mit Ausnahmen) offiziell festgeschrieben ist.

  2.   Thomas Müller

    Die Erzählungen der Krise in Zypern und Deutschland sind grundverschieden.

    Aus zyprischer Sicht:
    Unverschuldet durch die Restrukturierung der griechischen Staatsanleihen in Krise geraten. Und nun ein Programm, dass die Geschäftsgrundlage des größten Wirtschaftszweig (Finanzsektor) kaputt machen wird. Wie als würde Deutschland keine Autos und Maschinen mehr produzieren dürfen.

    Leider auf Englisch, aber dieses Interview des ehemaligen Zentralbankchefs Orphanides spricht Bände
    http://www.businessinsider.com/former-cyprus-central-banker-athanasios-orphanides-says-the-european-project-is-dying-2013-3

    Man vergleiche das mit dem Interview von Schäuble in den Tagesthemen.

  3.   jotun85

    Die Isländer hatten doch im Wesentlichen die gleichen Probleme wie Zypern heute. Und wie sind diese so schnell wieder auf die Beine gekommen? Wenn man die Zustände in Island und Griechenland vergleicht, wäre es kein Wunder, wenn man sich in Zypern überlegt, sich nicht dem Brüsseler Diktat zu beugen und stattdessen lieber mit russischer Hilfe die Währungsunion zu verlassen. Russland könnte für Zypern der weiße Ritter sein, der GB für Island war.

    Also lassen wir die Kirche am besten wirklich im Dorf: Selbst wenn das Aisscheiden Zyperns einen Dominoeffekt auslösen sollte, würde dieser doch primär nur die politische Klasse der EUdSSR treffen. Den normalen Menschen würde es nach wenigen Jahren, wenn die Anpassungsefekte überstanden sind, wie seinerzeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR mit Sicherheit besser gehen. „Scheitert der Euro, scheitert die EU“, das ist im Gegensatz zur Garantie deutscher Spareinlagen tatsächlich mal ein Versprechen, das ich Merkel glaube. Lasst uns also die Daumen drücken, Leute, dass die Zyprioten lieber ihre Bankguthaben komplett abschreiben als ewig für sämtliche Verbindlichkeiten ihres aufgeblähten Bankensektors in Haftung genommen zu werden…

  4.   Marlene

    Schöne Aussage.

    Zypern ist zu klein um das Vertrauen in unsere Währung zu zerstören.

    Na dann.


  5. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen:

    Zypern will sich nicht von seinem parasitären Wirtschaftsmodell verabschieden, aber das wollen andere europäische Finanzzentren auch nicht.

    Europa und D trauen sich nicht den Schritt zu einer Europäisierung der Bankenregulation und Aufsicht zu gehen und wollen ihre vermeintliche nationale Selbständigkeit im Finanzsektor nicht aufgeben.

    Die Finanzakteure die zuviel Risiko eingegangen sind, weigern sich die Folgen zu tragen.

    Und so schlurfen wir dahin und spielen das heisse Kartoffelspiel weiter.

    Das traurige ist, dass es so viele brauchbare Vorbilder gibt (Island, Schweden), wie man maroden Banken umgeht (OK, das Euro-Korsett macht es schwerer).

    Mir kommt das alles vor wie ein französischer Film, bei dem sich die weitverstreute Familie zu einer Familienfeier trifft und Schritt für Schritt alle verdrängte Probleme und Lebenslügen ans Licht kommen.

    Es liegt an uns ob der Film und unsere Geschichte friedlich endet oder als Splatter-Movie.

  6.   hkeske

    Wir sollten Zypern einfach insgesamt kaufen. Es lohnt sich doch – allein das große Gasfeld im Süden soll ungefähr 200 Milliarden Kubikmeter enthalten, das rechnet sich doch.

    Wenn Zypern jetzt insgesamt in den Konkurs getrieben wird, dann könnte man doch den einen oder anderen befreundeten Investor (vielleicht die Deutsche Bank?) zum Einstieg veranlassen und sich ein bißchen erkenntlich zeigen, den Märkten gegenüber, wie wir das immer nennen. Manus manum lavat.

    Und bedenken wir zusätzlich: Die Schweiz kommt uns gerade als gewerbsmäßiger Steuerhehler abhanden (und Panama ist einfach ein bißchen weit weg), da könnte man eventuell auch das zyprische Knowhow gewinnbringend erhalten und nutzen.

    Einfach ein bißchen ökonomisch denken – Gewinnmaximierung sollte nicht übermäßig behindert werden.

  7.   alterego

    @7
    Ja, die Bundesrepublik Deutschland könnte versuchen, Zypern, z.B. über die KfW, die Rechte an dem Gasfeld abzukaufen und dann die Förderlizenzen versteigern oder verleasen. Ich würde ohnehin keine Hilfen oder Garantien ohne Sicherheiten oder sonstige reale Gegenleistungen leisten, auch in anderen Fällen nicht. Aber glauben Sie etwa, dass ein solcher Deal künftig zu keinem politischen Stress mit Zypern führte, selbst wenn dessen Regierung dem heute zustimmte.

  8.   Dietmar Tischer

    @ M. Schieritz

    „Kein schlechter Deal“ – als „Euro-Retter“ kann man das so sagen, wenn man den Vertrauensverlust als Kollateralschaden unterschlägt.

    Schlechter Deal – sagen die zu rettenden Zyprer, wobei sie ihr Geschäftsmodell meinen, nicht die Abgabe in Höhe zweimaliger jährlicher Zinseinnahmen.

    Eine solche Konstellation ergibt sich geradezu zwangsläufig, wenn man – WIE SIE – die Währungsunion auf der Basis von MORAL („moralisch fragwürdig“) und KASSENLAGE („eines der reichsten Länder der Währungsunion“) schaffen will.

    Ob diese Währungsunion ein Off Shore-Steuerparadies braucht oder am Ende eines hat, ist dabei nachrangig.

    Weiter so, das wird was!

  9.   alterego

    @2
    Sollen sie sich doch bei Griechenland beschweren, das seine öffentlichen Haushalte gründlich an die Wand gefahren und damit auch zyprische Forderungen vernichtet hat. Niemand sonst als der griechische Staat ist für dessen Insolvenz verantwortlich.

 

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