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Die BIZ ist auf einem Auge blind

 

Es ist schon viel geschrieben worden über die Ungereimtheiten im neuesten Jahresbericht der BIZ (etwa hier, hier und hier). Nur ein Gedanke von mir dazu:

What central bank accommodation has done during the recovery is to borrow  time – time for balance sheet repair, time for fiscal consolidation, and time for reforms to restore productivity growth. But the time has not been well used, as continued low interest rates and unconventional policies have made it easy for the private sector to postpone deleveraging, easy for the government to finance deficits, and easy for the authorities to delay needed reforms in the real economy and in the financial system. After all, cheap money makes it easier to borrow than to save, easier to spend than to tax, easier to remain the same than to change.

Ich habe diese Metapher des Zeitkaufens nie richtig verstanden. Sie impliziert, das Zentralbankpolitik sozusagen irgendwie keine realen Folgen hat. Natürlich kann die Notenbank keine Arbeitsmärkte deregulieren – aber wenn sie die Zinsen niedrig hält und dadurch Investitionen anschiebt, dann ändert sich natürlich das wirtschaftliche Umfeld. Es wird also nicht nur Zeit gekauft. Das trifft auch dann zu, wenn man davon ausgeht, dass die Probleme struktureller Natur sind, wenn also zum Beispiel wegen einer Blase im Immobiliensektor Arbeitskräfte in anderen Sektoren unterkommen müssen (was zumindest nicht ausschließlich der Fall ist). Denn irgendwo müssen ja die Arbeitsplätze für diese Leute herkommen und sie entstehen wenn ein neuer Kapitalstock gebildet wird – und ob das gelingt hängt natürlich mit der Finanzierungsseite zusammen, die die Zentralbank beeinflussen kann.

118 Kommentare


  1. Vor allem ist die BIZ blind für die Widersprüche in der eigenen Argumentation (krugman.blogs.nytimes.com/2013/06/24/dead-enders-in-dark-suits/)

    Aber ganz unrecht hat sie auch wieder nicht: Man kann ja trefflich streiten, was staatlicherseits in den letzten Jahren hätte gemacht und unterlassen werden sollen, aber man ist sich relativ einig, dass insgesamt von Seiten der Staaten nicht viel passiert ist. Und so die Zentralbanken unterm Strich mit geholfen haben das Problem zu prolongieren.

    Allerdings kann man finde ich den Zentralbanken keinen allzu großen Vorwurf machen, dass die Staaten die Gelegenheiten nicht genutzt haben. Hätten sie den Laden gleich kollabieren lassen sollen?

    Das Ganze ist leider etwas paradox, wenn’s die Zentralbanken leichter machen aufzuräumen, dann ist der Druck offensichtlich nicht hoch genug, wenn die Zentralbanken keinen Flankenschutz geben ist alles viel gefährlicher und z.T. fast selbstmörderisch.

    Was soll man da als Zentralbank tun? Zentralbanken sollten ja schließlich auch nicht den Staaten ihre Vorstellung von richtiger Politik aufnötigen, dazu haben die Zentralbanken schlicht kein Mandat.

    Vermutlich werden die Zentralbanken irgendwann das Gefühl haben, dass sie nun lange genug guten Willen gezeigt haben und dann den Stecker ziehen.

    Dann sollen die Politiker ausbaden, was sie angerichtet haben. Mir wäre es ja immer anders lieber gewesen, dass Mutti und ihre europäischen Freunde endlich zu Besinnung kommen. Aber langsam denk ich mir, unsere Politiker haben es so gewollt und die Mehrheit in D steht dahinter. Jetzt sollten sie das Poker Spiel auch selbst zu Ende spielen bis die Realität die Karten sehen will.

    Rot-Rot-Grün kann dann 2017 immer noch aufräumen.

    PS: die ‚hier hier hier‘ links gehen nicht

  2.   Dietmar Tischer

    >Ich habe diese Metapher des Zeitkaufens nie richtig verstanden. Sie impliziert, das Zentralbankpolitik sozusagen irgendwie keine realen Folgen hat. Natürlich kann die Notenbank keine Arbeitsmärkte deregulieren – aber wenn sie die Zinsen niedrig hält und dadurch Investitionen anschiebt, dann ändert sich natürlich das wirtschaftliche Umfeld.>

    Sie unterliegen einem Missverständnis:

    Das wirtschaftliche UMFELD ändert sich nicht notwendigerweise oder nicht notwendigerweise hinreichend, wenn die EZB die Zinsen niedrig hält.

    Es kann sich ändern und ändert sich auch, wenn sich z. B. der Staat günstiger verschulden kann und aufgrund dessen mehr Nachfrage generiert.

    Was sich ändert, wenn die EZB die Zinsen niedrig hält, sind die FINANZIERUNGSBEDINGUNGEN der Wirtschaft oder, in Ihren Worten, des wirtschaftlichen Umfelds.

    Wenn dieses Umfeld jedoch nicht in der Lage ist, überhaupt irgendetwas zu finanzieren, dann nützen auch die günstigsten Zinsen nichts.

    Das ist jetzt analytisch gedacht und natürlich sieht die Wirklichkeit nie so aus.

    Aber in der Peripherie geht es schon in diese Richtung.

    Deshalb wird eine erneute Senkung des Leitzinses auch nicht viel mehr als weitere Zeit kaufen können.

  3.   alterego

    Dem BIZ-Zitat ist voll zuzustimmen. Auch Schieritz Feststellung, dass es nicht die ganze Wahrheit beschreibt, weil natürlich mehr passiert ist, als dass Zeit gekauft und verschwendet wurde. Es wurde v.a. eine Menge Geld verbrannt.

    Der Aufbau eines neuen produktiven Kapitalstocks hängt allerdings weniger bis gar nicht davon ab, wie billig Kapital ist. Sondern davon, ob es länderspezifische, wettbewerbsfähige und nachhaltige Geschäftsmodelle gibt, die unter den gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen des jeweiligen Landes auch tatsächlich ans Laufen gebracht werden können.

    Die eigentliche existenzielle Frage der Krisenstaaten lautet, ob sie überhaupt noch eine Chance zur Reindustrialisierung besitzen. Meiner Ansicht nach eher nicht. Ich halte den Zug für abgefahren. Und Länder wie Italien (den Norden ausgenommen) und Franreich müssen (eigentlich) kräftig strampeln, damit er auch für sie nicht endgültig abfährt.

  4.   Hermann Keske

    @ alterego # 3

    „Die eigentliche existenzielle Frage der Krisenstaaten lautet, ob sie überhaupt noch eine Chance zur Reindustrialisierung besitzen. Meiner Ansicht nach eher nicht. Ich halte den Zug für abgefahren. Und Länder wie Italien (den Norden ausgenommen) und Franreich müssen (eigentlich) kräftig strampeln, damit er auch für sie nicht endgültig abfährt.“

    Und wie hat man sich unter diesen Annahmen ein künftiges Europa ungefähr vorzustellen? Was geschieht denn mit den Ländern und ihrer Bevölkerung, für die der Wettbewerbszug endgültig abgefahren ist?

    Deutschland, erweitert um einige wenige wettbewerbsfähige Regionen, als „Wohlstands“insel umgeben von Ländern mit grassierender Armut und schwindender Regierbarkeit – was für eine berauschende Idee zu Beginn dieses Jahrtausends. Wir werden um die Wohlstandsinsel starke Mauern bauen müssen oder, noch besser, in den unnützen Staaten und Gesellschaften starke Polizei- oder Armeeeinheiten unterhalten müssen, um unseren Wohlstand ausreichend zu schützen.

    Ist die Alternative vielleicht in bißchen Umerziehung? Fehlt es den unnützen Staaten und Gesellschaften womöglich nur ein wenig an Zucht und Ordnung, an Fleiß und Sparsamkeit? Vielleicht können sie mit einigen Generationen Gewöhnung an Entbehrungen nachhaltig diszipliniert werden?

    Vielleicht allerdings stellt sich im Zuge der weiteren Entwicklung auch verbreitet die Erkenntnis ein, daß diese Art von Wirtschaft und Umgang mit anderen Menschen alles andere als dafür geeignet ist, eine lebenswerte Welt zu schaffen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  5.   Dietmar Tischer

    @ alterego # 3

    Stimme zu, vor allem, was die „Geschäftsmodelle“ betrifft.

    Was die anlangt, kann von Reindustrialisierung und einem Wohlstandsniveau wie wir es haben nicht die Rede sein.

    Wenn was geändert werden kann, dann sind es – weitgehend unabhängig vom jeweiligen Geschäftsmodell – die GEGEBENEN strukturellen Rahmenbedingungen.

    Ein neuer produktiver Kapitalstock welcher Art auch immer wird NUR dann aufgebaut, wenn er sich rechnet.

    Billiges Kapital hilft, ist aber letztendendes NICHT entscheidend.

    Es sind die Qualifikation der Arbeitskräfte, die Arbeitskosten, die Steuern, das Rechtswesen, die Infrastruktur etc.

    Daran hapert es in der Peripherie, wo – ähnlich wie bei uns, aber mit viel geringeren Spielräumen – die „alte Bevölkerung“ Besitzstände wahrt und so den Jungen Chancen raubt.

    Kurzum:

    Es ist die Struktur der Bevölkerung, mit Vermögen und Einkommen institutionell gesichert, die verhindert, dass sich die strukturellen Rahmenbedingungen ändern.

    DAGEGEN helfen niedrige Zinsen nicht.

  6.   keiner

    Wenn ich keine Zukunft erkennen kann, in der ich mehr Waren absetzen kann, warum sollte ich mit Verschuldung Produktionskapazitäten erweitern? Was ist daran so schwer zu verstehen?

    Da muss man schon sehr wenig Ahnung von der Praxis haben, um das nicht zu verstehen.

    Deutschland zehrt in der Breite seinen Wohlstand auf, um bei den Unternehmen und den oberen 5% zu akkumulieren. Im europäischen Vergleich sind deutsche Arbeitnehmer arm, vor allem die JÜNGEREN. Das ist der Generationenaspekt bei der Geschichte. Vielleicht mal den Kopf wieder aus dem Treibhaus der Redaktion in das echte Leben hinaustragen und überrascht sein, wie wenig gut es läuft. Das die Trottel dann weiter Merkel wählen erklärt sich nur schlüssig aus der „tollen“ Alternative(n). Deutschland hat fertig, es hat ihnen nur noch keiner gesagt.

    Hütt will ja dafür Deutschland wieder besetzen lassen, damit die hier aufwachen…

  7.   Hermann Keske

    Hilfloses Herumstümpern an Symptomen, so würde ich die Klimmzüge in der Geldwirtschaft nennen, deren Probleme uns nun schon so lange beschäftigen. Für meine Begriffe hat es sich als fundamentaler Fehler erwiesen, die Geldmengenbestimmung ziemlich weitgehend den Geschäftsbanken zu überlassen, die sich doch längst nur noch der eigenen Gewinnerzielung widmen und jede darüber hinausgehende Verantwortung für etwas so wichtiges wie eine stabile Geldversorgung der Realwirtschaft aus den Augen verloren haben.

    Aber es scheint noch schlimmer zu sein: Da stürzen etliche Banken mit abenteuerlichen „Finanzprodukten“, von denen mindestens ein Teil schon kriminelle Züge hat, die ganze Welt in eine Krise, und nichts geschieht. Die gewählten Regierungen sind nicht willens oder nicht in der Lage, wirksame Änderungen herbeizuführen. Wie zum Hohn wählen die Täter eine der übelsten Figuren zum „Banker des Jahres“, und der darf dann auch noch seinen Geburtstag auf Staatskosten im Kanzleramt (!!) feiern. Das spottet nun wirklich jeder Beschreibung.

    Änderung ist nicht in Sicht, die Machtverhältnisse scheinen ziemlich eindeutig zu sein. Da können wir hier über Targetsalden und Leistungsbilanzdefizite und deren Behandlung tage- und wochenlang diskutieren, ohne uns auch nur andeutungsweise einer praktischen Lösung anzunähern. Akademische Begleitkakophonie – mehr ist das hier nicht mehr.

  8.   alterego

    @4
    Also zunächst einmal ist jedes Land selbst dafür verantwortich, welche Entwicklung es genommen hat und nehmen wird. Die Situation wie sie ist, ist so, weil so entschieden und gehandelt wurde, wie eben entschieden und gehandelt wurde. Wenn man jetzt etwas anderes will, muss man auf jeden Fall einiges anders machen. Neben der Beseitigung der zahlreichen strukturellen Defizite und Hemmnisse, bedarf es einer Unernehmerschaft, die bereit und in der Lage ist, Chancen für die Entwicklung von nachhaltigen Geschäften zu suchen, zu erkennen und zu nutzen. Dabei ist es ratsam, sich auf die ggf. vorhandenen spezifischen Stärken des Landes zu konzentrieren. Es handelt sich in jedem Fall um eine Herkulesaufgabe, die schätzungsweise die Arbeit einer Generation benötigt, um erfolgreich sein zu können. Das setzt voraus, dass sie als solche überhaupt erkannt wird. Davon sind die betroffenen Länder nach meiner Einschätzung noch weit entfernt. Die Erfahrung lehrt zudem, dass es für eine Region oder ein Land, das seine industrielle Basis verloren oder mutwilig zerstört hat, nahezu unmöglich ist, eine solche neu wieder aufzubauen. Es gibt einfach zu wenige zwingende Gründe, um dort wieder industriell zu investieren. Das ist nur eine nüchterne Feststellung und nichts , das ich mir so wünschte. Und, wenn diese Länder – mit viel Geld – im Euro gehalten werden, werden sie nicht einmal mehr in den Branchen wettbewerbsfähig werden, in denen sie es noch könnten, weil die dazu erforderliche interne Abwertung deren Gesellschaften überfordern würde und deswegen schlicht nicht erfolgen wird. Stattdessen lässt man sich lieber weiter vom Ausland aushalten.

  9.   Jens

    Seit Jahren eine „zu lose Geldpolitik“-und keine Inflation.
    Wer da irgendwelche supply side issues in der Realwirtschaft sieht, hat Tomaten auf den Augen.
    Gruß, Jens

 

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