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Investment Outlook: drei Risiken für Anleger

 

Im Augenblick bereiten vor allem drei Risiken den Anlegern schlaflose Nächte: dass sich aus den Bürgerkriegen im Nahen Osten ein Flächenbrand entwickelt, der zu einer neuen Ölkrise und einer weltweiten Rezession führt, dass die langen Zinsen weiter steigen, nachdem die Fed angekündigt hat, dass sie die Käufe von US-Anleihen zurückfahren wird, und dass die Aktien und Wechselkurse wichtiger Schwellenländer weiter unter Druck bleiben und Staaten insolvent werden.

Wenn die Ölpreise auf 200 Dollar steigen sollten, lässt sich wirtschaftspolitisch nur wenig machen. Nach einem kurzfristigen Anstieg der Inflationsraten kommt es durch den Rückgang der allgemeinen Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in den erdölimportierenden Ländern dann aber eher zu deflationären Effekten. Dazu gehören insbesondere die vier Schwergewichte der Weltwirtschaft: die USA, Euroland, China und Japan. Die Finanzpolitik müsste voll auf Expansion umschalten, während ein frühzeitiges Ende der Nullzinspolitik noch unwahrscheinlicher ist als jetzt. Wie es letztlich laufen wird, entscheiden nicht die Ökonomen und Unternehmer, sondern die Politiker.

Der Anstieg der langen Zinsen kann sich noch eine Weile fortsetzen. Die Fed hat ihre Drohung, demnächst netto immer weniger amerikanische Staatsanleihen zu kaufen, noch nicht wahrgemacht. Andererseits werden die langen Zinsen durch die niedrigen Refinanzierungskosten in Schach gehalten. Eine dauerhafte Schwäche der Rentenmärkte erfordert zudem ein Anziehen der Inflationserwartungen. Das ist noch nicht zu erkennen. Ich gehe auch davon aus, dass es demnächst zu einer Rotation aus Aktien in Renten kommen wird, und zwar weil die Anleger Gewinne mitnehmen möchten und weil die Schwäche der Rentenmärkte günstige Einstiegsmöglichkeiten bietet.

Die Eurokrise ist noch nicht überstanden, aber ich habe den Eindruck, dass sie kontrolliert werden kann. Wer an den Euro glaubt, sollte im 10-Jahresbereich vielleicht keine griechischen Anleihen kaufen, obwohl die Zinsen bei knapp über 10 Prozent liegen, aber die weniger riskanten italienischen und spanischen Alternativen; ihre Renditen betragen etwas weniger als 4,5 Prozent.

In Ländern wie Brasilien, Argentinien, Süd-Afrika, Türkei, Indien oder Indonesien ist es zu einem Einbruch der Devisenkurse und zu Verlusten an den Aktienmärkten gekommen. Die Kombination von großen Leistungsbilanzdefiziten, hohen Auslandsschulden in fremder Währung, beträchtlichen staatlichen Haushaltsdefiziten und dem Ende der Carry Trades – Verschuldung in Dollar, Anlage in Schwellenländern – könnte einige Länder an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringen. Ich denke aber, dass die Probleme erkannt sind, es nicht an Interventionsmasse fehlt und dass die Marktkräfte die Probleme im Wesentlichen lösen können, wenn die Kurse der Devisen und Aktien genug gefallen sind.

Eine ausführliche Diskussion der drei Risiken finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – September 2013*) (pdf, 434 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

15 Kommentare

  1.   Alex

    Ich bliebe pessimistisch. DIe Bilanzen der europäischen Banken stecken immer noch voll fauler Kredite. Die Euro-Kirse kann jederzeit zurückkehren, wenn die Spanier und Griechen einen Kursschwenk von Deutschland fordern. Die Situation in Japan ist extrem schwierig und kann die Weltwirtschaft und damit auch die Euro-Zone herunterziehen. Die wahre Situation Chinas ist ungewiss.

    Bleibt die USA.

    Alex

  2.   alterego

    Wenn die Anleger wegen der Aussicht, dass die „langen Zinsen weiter steigen“, schlaflose Nächte bekommen, dann wohl eher aus Freude.

    Warum müsste die Fianzpolitik „voll auf Expansion umschalten“, wenn die Ölpreise krisenbedingt ansteigen? Konjunkturelle Einbrüche durch erhöhte Staatsausgaben mildern zu wollen, macht aus meiner Sicht wenig Sinn. Die Politik sollte vielmehr darauf achten, dass sie selbst die Konjunktur nicht abwürgt, z.B. durch Führen eines Angriffskriegs oder durch notorisches Schuldenmachen, das irgendwann zur Austerität zwingt, oder durch bürokratische Behinderung des Wirtschaftens oder durch Hochtreiben der Energiepreise oder durch Steuerehöhungen etc..

    Warum „erforderte eine dauerhafte Schwäche der Rentenmärkte ein Anziehen der Inflationserwartungen“? Meines Erachtens gibt es nichts, das eine Erwartung erforderte. Aber natürliche vieles, was Erwartungen begünstigt oder begründet. Ich würde eine dauerhafte Nullinflation sehr begrüßen. Ein Inflationsziel von größer Null würde ich eher als eine Interventionsmarke interpretieren, also ein Wert, ab dem zwingend eingeschritten werden muss, um die Inflation zu drücken. Aber nicht als ein Inflationssoll. Ich wüsste aber auch nicht, weshalb ein Anstieg der Inflation zu erwarten wäre, wenn die Rentenmärkte dauerhaft schwächeln. Doch höchstens, weil die EZB dann weiter massenhaft billiges Geld in den Bankensektor pumpte. Aber warum sollte sie das tun?

    Zu den genannten Punkten kann ich die Argumentation leider nicht nachvollziehen.

  3.   michaelstoecker

    @ alterego # 2

    „Ich würde eine dauerhafte Nullinflation sehr begrüßen.“

    Ich stimme mit vielen Ihrer Ansichten hier im Blog überein. Aber beim Thema Inflationsziel bin ich dezidiert anderer Auffassung. Warum?

    Geld ist letztlich nichts anderes als ein unspezifischer Anspruch auf Güter und Dienstleistungen. Es hat jedoch keinen Wert in sich. Und gerade deshalb muss die Kaufkraft des Geldes inflationär entwertet werden. Warum? Weil Bargeldhortung im Kreditgeldkapitalismus nichts anderes als fehlende Nachfrage ist. Und alle Dinge auf dieser Welt unterliegen einem Verfallsprozess, der zwischen wenigen Stunden (Fisch…), mehreren Tagen (viele Lebensmittel…), mehreren Jahren (Autos…), vielen Jahren (solide Immobilien…) oder eben Jahrmillionen (Gold…) liegt. Wer hierbei an Silvio Gesell denkt, liegt richtig, denn inflationäres Geld ist Schwundgeld, nur eben etwas anders.

    Da wir für unser tägliches Leben vor allem die ersten 4 Kategorien benötigen, ist mir unerklärlich, weshalb ein unspezifischer Anspruch auf solche Güter nicht der Entwertung unterliegen sollte. Nicht umsonst gibt es seitens der EZB das von der Bundesbank übernommene Inflationsziel von unter, aber nahe 2 Prozent (auch Immobilien werden mit 2 Prozent abgeschrieben). Maßvolle Inflation ist also kein Systembug, für den der Sparer eine Zinsentschädigung zu erhalten hätte, sondern das notwendige Feature in einem modernen Kreditgeldstandard (zinsfehler.wordpress.com/).

  4.   Dieter Wermuth

    @ Alex (#1)

    Meistens gibt es viele unabschätzbare Risiken, die aber fast immer gemeistert werden. In einer echten Krise werden die Entscheidungen getroffen, die nötig sind und die bis dahin nicht für möglich gehalten wurden. Das gilt vor allem für den Euro. Ich glaube zum Beispiel, dass wir sehr rasch eine Resolutionsagentur für Banken sowie eine gemeinschaftliche Emission von Eurobonds bekommen werden, wenn Frankreich eines Tages anfängt zu taumeln. DW

  5.   Dieter Wermuth

    @ alterego (#2)

    Sie haben natürlich Recht: Aus Sicht der Sparer ist es schön, wenn sie höhere Zinsen bekommen. Auch den meisten Schuldnern tut es nicht weh, wenn sie 2,5 statt nur 1,5 Prozent Zinsen zu bezahlen haben. Wenn die sogenannte finanzielle Repression jetzt frühzeitig beendet wird, nimmt aber das Risiko zu, dass die Sanierung einiger Banken nicht gelingen wird und dass weniger Schulden aufgenommen werden – das dämpft die Konjunktur.

    Null-Inflation ist natürlich die eigentliche Definition von Preisstabilität. Das Problem ist, wie Sie wissen, dass es dann nicht möglich, die Wirtschaft durch negative Realzinsen zu stimulieren – aus diesem taktischen Grund streben die Zentralbanken mittelfristig eine Inflationsrate von 2 Prozent an. Das kann man so sehen, muss es aber nicht. Die Erfahrungen im 19. Jahrhundert und – bis zuletzt – in Japan zeigen, dass Wachstum auch bei Deflation möglich ist. Die Produktivitätsgewinne kämen zu einem größeren Teil den Sparern zugute als im heute gängigen Paradigma. Es müssten aber viele Volkswirte – und VWL-Professoren – noch mal neu nachdenken. Es gäbe dann die Aufgabe für die Politik, statt gegen die Geldentwertung gegen einen Rückgang des allgemeinen Preisniveaus zu kämpfen.

    DW

  6.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth

    Ich verweise mit Bezug zur Fed auf ein Risiko, auf das Sie nicht eingehen:

    Perspektivische Rückführung des QE ist mit Blick auf die sich unübersehbar positiv, wenn auch zäh entwickelnde US-Wirtschaft angebracht.

    Es ist auch klar, dass damit die Zinsen am langen Ende steigen.

    Wenn sie aber so sehr steigen, dass die damit verbundenen Re-Finanzierungskosten für den/die amerikanischen Staatshaushalte deutlich höher sind als die mit dem Wirtschaftswachstum erzielbaren Steuermehreinnahmen, dann gibt es Probleme, weil diese Haushalte bereits an ihren Verschuldungsgrenzen operieren.

    Es gibt m. A. n. KEINE Steuerungsmechanismen, die diesbezüglich einen begehbaren Pfad vorzeichnen.

    Wie auch immer, wenn die Haushalte der größten Volkswirtschaft ins Schlingern geraten sollten, dann hat die Weltwirtschaft ein gewaltiges Problem.

    .

  7.   alterego

    @3
    Ja, ich stimme Ihnen zu, dass aus gesamtwirtschaftlicher Sicht die Bargeldhortung so gering wie möglich sein sollte und dass Inflation zum Geldausgeben für den Konsum und den Erwerb von Sach- und Geldanlagen motiviert.

    Andererseits benötigen die Wirtschaftssubjekte einen Bargeldvorrat bzw., noch mehr, ein Giroguthaben zur Sicherung ihrer jederzeitigen Zahlungsfähigkeit. Und Letzteres wird in der Regel nicht verzinst.

    Null-Inflation im Sinne einer Inflationsrate von exakt Null verstehe ich als Spezialfall. Praktisch verstehe ich darunter ein Schwanken um die ein bis unter zwei Prozent. Die Menschen würden es mit mir mehrheitlich sicher sehr begüßen, wenn sich die Inflationsrate dauerhaft in diesem Bereich bewegte.

    Die Impulse für das Geldausgeben statt das Horten müssen meines Erachtens von einer anderen Seite kommen – was sie auch tun, nur nicht immer in dem gesamtwirtschaftlich wünschenswerten Maß. Meistens, weil die politischen und/oder wirtschaftlichen Verhältnisse als instabil gelten, die Güter nicht attraktiv genug oder die Habenzinsen und Renditen zu niedrig sind. Dort liegen meines Erachtens die primären Ansatzpunkte.

  8.   alterego

    @5
    Die Bankensanierung setzt v.a. Eigenkapitalwachstum voraus, und zwar eines das deutlich größer ausfällt als das Wachstum der übernommenen Risiken. Dazu gibt es mehrere Ansatzpunkte, sowohl auf der Ertrags- wie auf der Risikoseite und natürlich auch regulierungsseitig.

    Ertragsseitig geht es primär um die Zinsmarge (Relation Haben- zu Sollzins) und meines Erachtens weniger um das Zinsniveau, obwohl es zwischen Beidem auch einen Zusammenhang geben mag(?).

    Randbemerkung: Eine Finanztransaktionssteuer wäre, sofern sie die Banken belastet, ein Beispiel für eine kontraproduktive Rahmenbedingung. Man könnte sie allerdings zur Rekapitalisierung maroder Banken einsetzen. Das wäre dann sozusagen im Sinne der Sanierung produktiv.

  9.   Alex

    #4 D. Wermuth

    „Ich glaube zum Beispiel, dass wir sehr rasch eine Resolutionsagentur für Banken sowie eine gemeinschaftliche Emission von Eurobonds bekommen werden, wenn Frankreich eines Tages anfängt zu taumeln.“

    Das glaube ich auch. Allerdings glaube ich, dass die Auswirkungen dessen sehr negativ sein werden (zumindest sein könnten). Es gibt keine Bereitschaft der Deutschen in einem spürbaren Umfang für andere Europäer zu zahlen. Und ich sehe in der Entwicklung, die wir beide prognostizieren, erhebliches Potenzial für die Delegitimation der gesamten politischen Klasse Deutschlands.

    Wenn die Euro-Rettung wirklich sehr teuer wird und die Bürger stark belastet werden, dann werden CDU und SPD pasokifiziert. Man führe sich die Wahlergebnisse der PASOK vor Augen. Und mit den Parteien droht auch ein Legitimationsverlust von tagesschau, spiegel, auch zeit.

    Kurz gesagt: aus meiner Sicht droht die Totalblamage. Man solte den Gedanken nicht leicht verwerfen, weil es bisher immer gut gegangen ist. Man denke nur an die USA „Hauspreise steigen immer weiter, die sind noch nie eingebrochen“. So eine Art von Extrapolation/Fortschreibung ist gefährlich, weil zu einfach. Man muss sich fragen, warum es bisher immer gut gegangen ist (weil wir zB viel Kreditspielraum hatten?). Ursache und Wirkung. Blinde statistische Betrachtungen reichen aus meiner Sicht nicht aus.

    Alex

  10.   Dieter Wermuth

    @ michaelstoecker (#3)

    Klar, es hilft der Konjunktur, wenn die Realverzinsung des Bargelds negativ ist, vor allem wenn erwartet wird, dass sich die Inflation beschleunigt. Umgekehrt wird weniger Geld ausgegeben, wenn erwartet wird, dass das Preisniveau (beschleunigt) sinkt. DW

 

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