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Die Deutschen und der Export

 

Der Herbst wird heiß. Die USA kritisieren den deutschen Exportüberschuss, hier mein Artikel, warum auch aus Brüssel Probleme drohen. Stichwort: Macroeconomic Imbalances Procedure. Und nein: Die Kommission hat den Bericht nicht dementiert, die Aussage, zum jetzigen Zeitpunkt mache es sich keinen Sinn, über die nächsten Schritte zu sprechen, ist kein Dementi. Wie ich höre, hätten die deutschen Behörden mit einer vertieften Analyse auch kein Problem. Sie wissen, dass die Glaubwürdigkeit der Kommission auf dem Spiel steht – mit der die Kanzlerin noch einiges vor hat.

Es bleibt spannend.

65 Kommentare


  1. Ich hab schon vor längerer Zeit in einer Reportage über Andre Gorz und dessen Hypothese gelesen, dass “ … im »halbtoten Kapitalismus« werde der Staat die überflüssigen Arbeitslosen fürs Konsumieren bezahlen müssen, um die Kontrolle über sie zu behalten.“ (nachzulesen unter zeit.de/2005/20/Utopien/seite-3). Ich habe das für totalen Blödsinn gehalten.

    Jetzt habe ich das Gefühl, der Mann könnte Recht haben: Was die Deutschen (nach den Kommentaren im verlinkten Artikel) wirklich wollen ist ein Arbeitsplatz und keine Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Tuns. Deshalb produzieren und exportieren wir und schicken das Geld, das wir nicht ausgeben wollen oder können ins Ausland, damit sich das Ausland unsere Waren leisten kann. Es ist wie Gorz sagt, wir bezahlen das Ausland fürs Konsumieren.

    Es ist die doppelte Negation von „You can’t have the cake and eat it“: Die Deutschen wollen keinen Kuchen, sie wollen in backen. Und ihn aber auf gar keinen Fall selber essen.

  2.   alterego

    @1
    „Es ist wie Gorz sagt, wir bezahlen das Ausland fürs Konsumieren.“
    Nein, fürs Konsumieren bezahlen wir es nicht.

    Wie jeder Export jeder Volkswirtschaft, führt auch der Verkauf deutscher Güter ins Ausland transaktionsbedingt zu einem Kapitalexport. Das heißt zunächst, dass das Ausland, sofern es uns keine Sachwerte übereignet, von irgendwoher Euros braucht, um unsere Güter bezahlen zu können. Die Euros kommen, auf welchen Wegen auch immer, letztlich von unserer ZB. Dazu muss sich das Ausland allerdings bei uns verschulden. Was wiederum heißt, dass wir im Gegenzug zu der Herausgabe unserer Euros Forderungen gegenüber dem Ausland bzw. Sachwerte im Ausland erwerben.

    Fazit: Wir geben dem Ausland zwar Euro, damit es unsere Güter kaufen kann. Dessen Gegenleistung ist aber die Übertragung von Vermögenswerten an uns und eben nicht der Kauf unserer Güter. Oder m.a.W., es erwirbt unsere Güter gegen Hergabe von Vermögenswerten.


  3. @2
    Ich weiß, daß wir in dieser Frage unterschiedlicher Meinung sind. Aus meiner Sicht hängt es von der Werthaltigkeit der im Ausland erworbenen Vermögenswerte in Zukunft ab, ob Sie oder ich Recht haben oder behalten.

    Und auf die Zukunft müssen wir noch ein wenig warten.

  4.   Dietmar Tischer

    Es wird immer doller – jetzt werden in Brüssel also schon unsere Lohnkosten untersucht …

    Ich frage mich, wo wir sind und ob der ökonomische Sachverstand schon vollständig über Bord gegangen ist.

    Dabei ist die relevante Frage aufgerufen worden:

    >Im Kern geht es um die Frage, wo eigentlich die Ursachen der Krise liegen.>

    >Aus deutscher Sicht steckt Europa in Schwierigkeiten, weil sich die Staaten der Währungsunion nicht an die Regeln gehalten und vor allem zu hohe Schulden gemacht haben.>

    Das soll die Antwort sein?

    Das ist sie nicht, jedenfalls nicht aus OFFIZIELLER deutscher Sicht.

    Diese Sicht ist so:

    Europa steckt in Schwierigkeiten, weil a) die Regeln, die für eine Währungsunion bindend sein müssen, nicht eingehalten wurden und b) nicht alle Staaten der Währungsunion wettbewerbsfähig sind.

    Wären sie dies, dann gäbe es nicht derartige Verwerfungen – Leistungsbilanzüberschüsse vs. Leistungsbilanzdefizite – innerhalb der Währungsunion.

    Selbstverständlich sind auch zu hohe Schulden gemacht worden.

    Dies geschah im Wesentlichen auf Basis fehlender Wettbewerbsfähigkeit bzw. um fehlende Wettbewerbsfähigkeit zu kompensieren.

    Es muss Wettbewerbsfähigkeit in den Ländern hergestellt werden, in denen sie fehlt.

    Sie kann nicht dadurch hergestellt werden, dass wir Wettbewerbsfähigkeit verlieren und dadurch weniger exportieren, um Leistungsbilanzungleichgewichte auszugleichen und andere wettbewerbsfähiger erscheinen zu lassen

    Und sie kann auch nicht dadurch hergestellt werden, dass wir uns vorschreiben oder vorschreiben lassen, von wem wir mehr importieren müssen, um …

    Man kann ja alles wollen und in Brüssel richten lassen, aber nur das ist die ökonomisch vernünftige Sicht der Dinge.

  5.   Thorsten Haupts

    Ich werde selten „Nationalist“ genannt, aber jetzt könnte es passieren:

    Woher stammt eigentlich die mehr als seltsame Neigung, sich selbst für die Probleme von anderen verantwortlich zu machen? In einer Marktwirtschaft gewinnt der, der die besseren Produkte z einem konkurrenzfähigen Preis anbieten kann. Offenbar ist das seit einigen Jahren Deutschland.

    Und anstatt die Frage zu stellen, warum andere das nicht können oder wollen, haben deutsche Journalisten die seltsame Neigung, Deutsche zu ermahnen, doch bitte nicht so erfolgreich zu sein.

    Auch wenn der Zusammenhang weit hergeholt zu sein scheint – ist das die erste Auswirkung der sich epidemieartig ausbreitenden Schulneigung, jeden zum Gewimmer zu erklären, selbst wenn er nur als 10. durchs Ziel ging? Es ist nicht mein Problem, kann nicht mein Problem sein und draf nicht mein Problem sein, wenn andere nicht genauso hart und kreativ wie die Deutschen arbeiten will.

    Den Kuchen essen, ohne ihn zu verzehren geht nicht. Aber genau darauf läuft die Forderung des Auslandes hinaus, seine Lebensart behalten zu können (übersetze: weniger hart und/oder kreativ zu arbeiten), aber Deutschland dafür direkt oder indirekt zahlen zu lassen.

    Warum wird das nicht einmal zum Thema gemacht? Haben wir so viel Angst, historisch und damit vorübergehende Gewinner zu benennen, die ihren Gewinn nicht geschenkt bekommen, sondern ihn sich hart erarbeitet haben?

    In jeder Marktwirtschaft gibt es Gewinner und Verlierer, wie bei jedem anderen Wettbewerb. Wer das nicht will, dem bleibt nur eine Alternative – die staatlich gelenkte Planwirtschaft des ehemaligen Ostblocks. Ich fand dessen Ergebnisse ja eher schockierend, aber wenn jemand meint, wir müssten uns das nochmal antun …

    Was ich auf keinen Fall will – Verantwortung für das Versagen von anderen zugewiesen zu bekommen. Alles hat einen Preis, savoir vivre dann eben den geringeren ökonomischen Erfolges. Dei Deutschen zahlen ihren Preis im Verzicht darauf.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  6.   Marlene

    Die Kaufkraft der Renten ist in den letzten 12 Jahren um 20% gesunken.

    Dies lag nicht an einer zu hohen Inflationsrate.

    Um das demografische Problem anzugehen schlage ich vor die Kaufkraft der Renten in den nächsten 4 Jahren um 20% zu erhöhen.

    Dann haben die Rentner das Geld um den Ausbau einer altersgerechte Infrastruktur unter Marktbedingungen zu finanzieren.

  7.   Bernd Klehn

    Spät aber richtig kam die Erkenntnis, dass eine Währungsunion bei starken dauerhaften Leistungsbilanzunterschieden nicht stabil sein kann.

    Was fehlt ist die Erkenntnis, dass Volkswirtschaften, auch innerhalb einer Währungsunion, bei 100% Nettoauslandsschulden und Leistungsbilanzdefiziten nicht solvent bleiben können.

    Im Gegenzug werden die Nettoauslandsgläubiger ihren Überschuss nicht werthaltig in einen Konsum verwandeln können.

  8.   Eric B.

    Schön wär’s. Diese Kommission wird kein EU-Verfahren gegen Deutschland wagen. Und mit dieser Kommission hat Berlin auch nichts mehr vor. Sie ist schon jetzt eine lame duck, spätestens im April, einen Monat vor der Europawahl, kannst Du sie in die Tonne klopfen. Das Hauptproblem liegt woanders: die so genannte „Economic governance“ in der Eurozone funktioniert hinten und vorne nicht“ lostineu.eu/sie-nennen-es-governance/

  9.   Dietmar Tischer

    @ Eric B.

    >Das Hauptproblem liegt woanders: die so genannte “Economic governance” in der Eurozone funktioniert hinten und vorne nicht>

    Richtig, das ist das Hauptproblem (unabhängig davon, wie da tatsächlich regiert würde).

    Es ist ein Problem, das nach Lage der Dinge nicht gelöst werden kann.

    Es war ein Fehler die Währungsunion einzuführen vor allem deshalb, weil sie als Surrogat supranationaler europäischer Vereinigung (was mit wahrhaftiger Aufgabe von Souveränitätsrechten verbunden gewesen wäre) konsequenterweise auf NATIONALER Entscheidungsbasis, geleitet nach nationalen Interessen, betrieben wird.

    Was vor Schaffung der Währungsunion nicht möglich war, ist jetzt – unter erschwerten Bedingungen – erst recht nicht möglich. Bei spürbarer Verschlechterung der Lage nehmen nationalistisch orientierten Kräfte erheblich zu, übrigens VOLLKOMMEN zu Recht und in einem wohlverstandenem Sinne „populistisch“, weil die „Economic governance“ als Hickhack der Interessen eben auch nationalistisch betrieben wird.

    Insofern ist das eine möglicherweise verhängnisvolle, aber durchaus folgerichtige Entwicklung.


  10. „Das Hauptproblem liegt woanders: die so genannte “Economic governance” in der Eurozone funktioniert hinten und vorne nicht“

    Oh, die economic governance funktioniert genau so wie Frau Merkel und das Deutsche Volk es mehrheitlich will, zumindest am aktuellen Zwischenergebnis gemessen. Nur ist diese Politik an nationalen Interessen ausgerichtet, deshalb funktioniert sie ganz gut für Deutschland, aber nicht für Gesamt-Europa.

 

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