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Fight fire with fire

 

Über Paul Krugman der Link zu diesem Paper:

Finally, we turn to the role of monetary and fiscal policy, where we find, as already indicated, that more debt can be the solution to a debt-induced slump

Schau an – Schulden mit Schulden bekämpfen, das kann also funktionieren. Und dann wird das auch noch im Quarterly Journal of Economics publiziert.

Und warum?

precisely because some agents are debt-constrained, Ricardian equivalence breaks down, and old-fashioned Keynesian-type multipliers in which current consumption depends on current income reemerge.

Aber hat Angela Merkel nicht gesagt…

63 Kommentare

  1.   Henry Kaspar

    Das Eggertsson/Krugman-Paper ist meiner Ansicht nach eines der wichtigsten Makro-Papers der letzten Jahre. Die Autoren arbeiten mit zwei Agenten – einer mit hoeherer, einer mit niedriger Zeitpraeferenzrate (=Konsumneigung), und quasi-automatisch produziert ein standard stochastisches Optimierungs- und Gleichgewichtsmodell mit sticky wages Kredit-Bubbles, Schuldenueberhaenge und schuldenueberhang-induzierte Rezessionen („balance sheet recessions“).

    Also ziemlich genau das was wir in den vergangenen 10 Jahren erlebt haben.

    Dies bestaetigt eine Vermutung, die ich schon lange gehegt habe: die wirkliche restriktive standard Makro-Annahme ist nicht Nutzenmaximierung, nicht rationale Erwartung, nicht vollkommene Information, auch nicht Gleichgewicht – sondern der repraesentative Agent. Sobald der verschwindet, laesst sich die Welt ungleich realistischer und interessanter abbilden.

  2.   Henry Kaspar

    Uebrigens: hier ein funktionierender Link

    princeton.edu/~pkrugman/debt_deleveraging_ge_pk.pdf

  3.   Dietmar Tischer

    Wenn mehr Schulden die LÖSUNG sein sollen, dann müssen doch noch MEHR Wirtschaftssubjekte „debt-constraint“ werden – auch der Staat, wenn er sich einer solchen Lösung kontinuierlich bedient.

    Es ist mir nicht erklärlich, wie er dann in unbegrenztem Ausmaß die Keynesschen Multiplikatoren in Gang setzen kann.

    Entweder funktionieren diese, d. h. sie setzen ein sich selbst beschleunigendes Wachstum in Gang BEVOR ein solcher Staat wegen debt-constraint damit aussetzen muss

    oder

    das Spiel wird ohne Rücksicht auf staatliches debt-constraint so lange betrieben, bis die Geldbesitzer ihr Vertrauen in die Währung verlieren und dann vermutlich Inflation in Gang kommt.

    Nach meinem Verständnis ergibt alles andere keinen Sinn.

    Aber gut, Krugman ist schließlich Nobelpreisträger, nicht ich.

  4.   Henry Kaspar

    @ Tischer

    Von „unbegrenzt“ spricht ja auch niemand. Der Staat kann solange eine stabiliserende Rolle spielen wie er natuerlich selbst nicht uebeschuldet ist.

    Fuer die USA trifft das (in etwa) so auch zu – zumindest kann sich der US Staat fast umsonst verschulden, unabhaengig davon welchen Unfug seine Repraesentanten anrichten.

    In den Krisenlaendern Europas trifft es nicht zu, weswegen das mit der Uebertragung US-amerikanischer Makro-Rezepte auf Europa oft nicht so recht klappt.

  5.   Thorsten Haupts

    @3 DT:

    Ich bin noch weiter weg vom Nobelpreisträger, aber das konstante Versagen der Ökonomen hat mir den Respekt auch vor Nobelpreisträgern ausgetrieben.

    Und ohne das Papier schon gelesen zu haben, vermute ich, dass Finanzmarktrestriktionen (Zinsen, Vertrauen in Staatsschulden bzw. deren Bedienung), Bevölkerungspsychologie (Angstsparen aus Vertrauensverlust in die Schuldenpolitik) und andere real wesentliche Einflussfaktoren modelltheoretisch selbstverständlich nicht abgebildet wurden.

    Von der bei erhöhter Schuldenquote weiter erhöhten Abhängigkeit von der tagesaktuellen Laune von Investoren mal ganz zu schweigen.

    Sieht für mich aus, wie der Versuch des letzten Verschuldungsstars, seine in der Praxis gescheiterten Theorien zu retten. In der Realität würde ich einen Helfer, der einem schwer Verschuldeten zu weiterer Verschuldung rät, für einen schlechten Berater halten. Aber dieser Blog sagt, dass Kapitalismus anders funktioniert.

    Das letzte Mal, als eine Theorie gegen den normalen Menschenverstand lief (Wert von Unternehmen und Unanwendbarkeit alter Börsenregeln dazu damals), war in der dotcom-Blase. Bevor diese platzte, natürlich.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  6.   Dietmar Tischer

    @ Henry Kaspar

    >Der Staat kann solange eine stabiliserende Rolle spielen wie er natuerlich selbst nicht uebeschuldet ist.>

    Soweit sehe ich auch keine Probleme.

    Aber was ist, wenn die Multiplikatoren nicht greifen in dieser Phase staatlicher Verschuldung, d. h. das deleverage der anderen Wirtschaftssubjekte bis zu einer möglichen Überschuldung des Staates, bei der er aufhören müsste sich weiter zu verschulden, nicht hinreichend erfolgt ist, um einen selbsttragenden Wirtschaftsaufschwung in Gang zu setzen?

    Das, meine ich, müsste in dem paper modellartig ausgeschlossen sein, wenn man für eine letztendlich tragfähige Verschuldungspolitik argumentieren will.

    Ist es das?

  7.   Dietmar Tischer

    @ Henry Kaspar

    Die von mir aufgeworfene Frage scheint auch ein zentraler Punkt der Anhörung von Yellen vor dem Kongress zu sein.

    Einerseits antwortet sie auf die Frage „Are we in QE-infinity?”:

    “No, it cannot continue forever. There are risks to financial stability and we are watching them and taking them seriously“ .

    Dann sagt sie aber auch:

    „What the committee is looking for is signs that we will have growth that is strong enough to promote CONTINUED progress,“ (so dass QE zurückgefahren und schließlich ausgesetzt werden kann).

    Watching for risks and looking for signs … und what, if risks appear before the signs?

    Mich würde die Antwort interessieren, die sie darauf geben könnte (auch wenn bei der augenblicklichen Lage keine Antwort erforderlich ist)

  8.   Christian

    Der monetär souveräne Staat kann sich in seiner eigenen Währung natürlich weiter verschulden, schließlich ist er auch der Herausgeber seiner eigenen Währung, siehe Japan, USA, etc. Eurozonenländer gehören nicht dazu.

    Im Prinzip müsste er sich auch nicht weiter verschulden, sondern das Geld einfach nur ausgeben. Solange das nicht im Übermaß passiert, sprich die Realwirtschaft weiterhin der Nachfrage nachkommen kann, gibt es auch keine Inflationsprobleme.


  9. Korrigiert mich Bitte, wenn ich Unsinn schreibe:

    Ich denke der Punkt ist nicht *primär*, dass Schuldenmachen aus sich selbst heraus hilft.

    Der Punkt ist, dass in Situationen in denen große Teile der Ökonomie (Privathaushalte, Firmen) debt-constrained sind und ihre Ausgaben runter fahren, es hilft, wenn jemand der (noch) nicht debt- oder liquidity constrained ist mehr Geld ausgibt, um den Geld- und damit Waren- und Wirtschaftskreislauf vor einer Abwärtsspirale zu bewahren.

    Es ist aber ein Kennzeichen solcher Situationen, dass die Teile der Ökonomie, die positive Vermögen haben, meist (aus ihrer individuellen Sicht sinnvollerweise) versuchen ihr Geld zusammenzuhalten und es nicht ausgeben und nicht investieren. Deshalb richtet sich der Blick dann immer auf den Staat als den noch verblieben großen Akteur. Da Staaten in aller Regel nicht auf frei verfügbaren cash Beständen sitzen, müssten Sie zu diesem Zweck weitere Schulden machen, um mehr Geld ausgeben zu können.

    Diese paper sagt: „Ja das hilft!“, aber eben nicht weil das Schuldenmachen hilft, sondern weil das Geld ausgeben hilft, auch um den Preis des Schuldenmachens. Die Kernargumentation scheint mir zu sein, weil somit Liquidität von Agenten mit niederer zu Agenten höherer Konsumneigung umverteilt wird und dadurch das Geld das vorher „idle“ war wieder ausgegeben wird und zirkuliert.

    Die Frage, die ich mir stelle ist, ob der gleiche Effekt erreicht werden könnte, wenn man Liquidität aufkommensneutral umleiten würde, d.h. die Staaten sich nicht weiter verschulden müssten, z.B. durch aufkommensneutrale Änderungen der Steuer und Fiskalpolitik. Anders gesagt, der Staat sammelt an einer Stelle Geld bei denen ein die viel idle cash haben und gibt dieses Geld (nicht mehr und nicht weniger) über Steuersenkungen oder direkte Staatsausgaben in die Hände derer die debt- oder liquidity constrained sind.

    Wenn das auch funktionieren würde, könnte das eine Lösung auch für die Staaten sein, die sich wirklich nicht noch mehr verschulden können oder sollten.


  10. @5
    „Sieht für mich aus, wie der Versuch des letzten Verschuldungsstars, seine in der Praxis gescheiterten Theorien zu retten.“

    Na ja, zumindest in dieser Krise sind die Theorien ja gar nicht ausprobiert worden, würde Krugman dazu sagen.

    Was aber wirklich (meist) gescheitert ist, ist die zweite Konsequenz aus diesen Theorien zu ziehen, nämlich in guten Zeiten Schulden abzubauen. Und das ist für die Praxis, finde ich, tatsächlich ein Riesenproblem.
    Man kann nicht guten Gewissens eine theoretisch wirksame Therapie empfehlen, wenn man davon ausgehen muß, dass sie in der Praxis pervertiert wird.

 

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