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Lasst die Franzosen in Ruhe

 

Heute hat der neue französische Premier Manuel Valls sein Regierungsprogramm vorgestellt. Und weil Frankreich wahrscheinlich seine Defizitziele reißen wird, werden in Deutschland die üblichen Botschaften unters Volk gebracht. Die Franzosen tun nichts und brauchen endlich jemanden, der ihnen einmal erklärt, wie das mit dem Refomieren so geht.

Ich empfehle allen Frankreichexperten einen Blick auf folgende Tabelle von Barclays Capital.

barclaysfrance

Frankreich hat für die Verhältnisse des Landes eine rasante Konsolidierung hingelegt (ob das sinnvoll ist oder nicht will ich hier gar nicht bewerten).

Despite ongoing efforts to ease the pace of fiscal consolidation, France has embarked on an unprecedented consolidation of its public finances. According to our forecasts, the five-year cumulated structural effort in 2014 will reach 4% and will be maintained over several years, more than double the magnitude of previous episodes of recorded austerity.

Ich will damit nicht sagen, dass in Frankreich alles gut läuft – im Gegenteil. Das Land hat schwerwiegende Probleme, nicht zuletzt weil investive Staatsausgaben gekürzt und konsumptive ausgeweitet wurden. Das Ergebnis kann man in vielen Städten beobachten.

Aber es ist eben nicht so, dass die Franzosen die Hände in den Schoß legen und mit Baguette und Wein in der Hand mal schauen, was die Zukunft so bringt.

58 Kommentare


  1. Ich finde es ja immer hilfreich klarzustellen, wen man denn nun mit Frankreich oder die Franzosen meint. Den Staat, die Bürger, das ganze Land? Bei Mark Schieritz wird das klar, bei der SZ weniger.

    Der Französische Staat hat tatsächlich „für die Verhältnisse des Landes eine rasante Konsolidierung hingelegt“. Und auch an das statement „ob das sinnvoll ist oder nicht will ich hier gar nicht bewerten“ will ich mich hier halten.

    Aber dass der französische Staat konsolidiert ist noch nicht mal die halbe Miete, wir erinnern uns, dass zu den Krisenländern Länder gehören, die vor der Krise Musterknaben in Bezug aus Staatsverschuldung waren (Spanien).

    Frankreich als ganzes hat aber gerade ein ähnliches Problem wie Spanien vor der Krise, eine Leistungsbilanzdefizit. Die letzten Zahlen aus Eurostat waren über 9 Milliarden im Q3 2013, ohne klar fallende Tendenz. Das in einer Zeit in der sich die Eurozone als ganzes von -17 Milliarden Q1 2011 auf +48 Milliarden in Q3 2013 verbessert hat.

    Wobei von diesen +48 Milliarden aber allein schon 44 Milliarden auf ein einziges Land entfielen …

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich Frankreich vom Gesamtüberschuß von +87 Milliarden im Q4 2013 (country breakdown ist noch nicht in der Datenbank) einen größeren Teil erarbeiten konnte.

    Denn wenn Frankreich den Weg Spaniens geht …

  2.   Bernd Klehn

    @bmmayr

    Ihrem Kommentar ist nichts weiter hinzuzufügen. Bezüglich der Nettoauslandsschulden und des Leistungsbilanzdefizits befindet sich Fankreich leider weiter auf dem Abflug nach unten. Es hat noch das Glück des extrem niedrigen Zinsniveaus, aber es macht nichts daraus, damit es nicht langfristig in die Zinsfalle läuft, muss es dringend die Leistungsbilanz unkehren. Sonst wird r Fankreich später von den Zinslasten erwürgt.

  3.   Rolle

    @bmmayr

    Man muss sich aber mal anschauen, dass das Leistungsbilanzdefizit zum größten Teil davon resultiert, dass die Exporte gen Süden durh die Austeritätsprogrammen in Südeuropa rapide eingebrochen sind.
    In Frankreich wurden und werden (wie in D) viele Fehler begangen, jedoch war die Lohnkostenentwicklung (Lohnstückkosten) in den letzten 10 Jahren, im Gegensatz zu D, vorbildlich. Auch die Produktivität entwickelte sich nicht wesentlich schlechter als in D.

    Einfach mal zur Kenntnis nehmen.

  4.   Dietmar Tischer

    >Lasst die Franzosen in Ruhe>

    Prima, dass die Franzosen nicht die Hände in den Schoß legen und den Staatshaushalt konsolidieren.

    Bei soviel Engagement darf man ihnen natürlich nicht sagen, dass die Staatsverschuldung auf 100% der Wirtschaftsleistung zuläuft, der Arbeitsmarkt in einer katastrophalen Verfassung ist und die Abgaben für die Unternehmen zu hoch sind – und auf dieser Basis an eine Reduzierung des Leistungsbilanzdefizits nicht zu denken ist.

    Vor allem darf man sie nicht daran erinnern, dass sie ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen haben.

    Was wir stattdessen tun sollten:

    Beifall klatschen für die Idee von Valls, dass der Euro durch eine expansivere Geldpolitik der EZB abwerten soll.

    Die Franzosen bestimmen selbst über ihr Schicksal – und sollten es jetzt endlich einmal in die Hand nehmen.

    Ich würde gern sehen, wohin die Reise geht:

    Entweder verordnet eine stabile parlamentarische Mehrheit die bittere Medizin und das Volk steht dahinter oder man macht mehr oder weniger so weiter.

    Respekt für und Kooperationsbereitschaft mit den Ländern, die restrukturieren wollen, auch wenn sie dies großer Schwierigkeiten wegen nur mühsam können.

    In Frankreich ist – bisher jedenfalls – kein hinreichendes Wollen zu erkennen und möglicherweise auch keines zu erreichen.

    Ist das der Fall, wäre es angebracht zu überdenken, ob nicht wir besser in Ruhe gelassen werden sollten.

  5.   Bernd Klehn

    @ Dietmar Tischer

    Wir waren und sind uns wahrscheinlich doch einig, dass wir zwar im globalen Wettbewerb nicht für die Nettoauslandsschulden und Leistungsbilanzdefizite der anderen Euroländer verantwortlich sind, aber eine Währungsunion bei dauerhaften starken Leistungsbilanzdifferenzen keinen Bestand haben kann, also können wir uns nicht gegenseitig in Ruhe lassen.

  6.   Bernd Klehn

    @ Rolle

    Dieses flassbecksche Argument zieht im globalen Wettberb nicht, denn es enthebt nicht von der Verantwortung für Nettoauslandsschulden und Leistungsbilanz.

  7.   Rolle

    @Bernd Klehn

    Nur weil ein Argument auch von Flassbeck vertreten wird, ist es nicht falsch.
    Es erklärt selbstverständlich nich die gesamte Problematik des frz.-Leistungsbilanzdefizits, aber zum Teil.

    „Wir waren und sind uns wahrscheinlich doch einig, dass wir zwar im globalen Wettbewerb nicht für die Nettoauslandsschulden und Leistungsbilanzdefizite der anderen Euroländer verantwortlich sind“

    Diese Aussage ist aber so etwas von falsch. Eine Währungsunion ohne Fiskalunion ist schon so etwas von irrsinnig, aber eine Währungsunion, in dem z. B. die größte Volkswirtschaft auf Lohnerhöhungen verzichtet und damit gegen das Inflationsziel verstößt bekommt große Probleme. Wenn D Produkte und Leistungen so „toll“ sind, wieso musste man sich denn auf Lohnkürzungen einlassen, damit sich die Vorleistungen – im Vergleich zur Konkurrenz – verbilligten und die Industrie günstige – im Vergleich zum eigentlichen Wert – anbieten konnte? Wieso sind die Exportüberschüsse (nicht die Export) so exorbitant hoch? Durch zu geringe Investionen und zu geringe Steigerungen bei der Lohnentwicklung!

    Will man jetzt die Aussagen brutal kürzen, freut sich Frau Le Pen sehr.

  8.   Dietmar Tischer

    @ Bernd Klehn # 5

    Eben weil wir uns einig sind:

    Wenn die anderen NICHT wollen, dann hat es keinen Sinn mit denen etwas zu erreichen zu versuchen, was ohne deren Wollen keinen Bestand hat.

    Oder anders ausgedrückt:

    Wenn die anderen nicht ihren Job tun wollen – was zugegebenermaßen im Fall Frankreichs noch nicht endgültig feststeht, aber langsam einmal klar werden muss –, dann lasse ich es bleiben, mit denen irgendetwas gemeinsam erreichen zu wollen.

    Niemand, der rational handelt, geht Verträge mit anderen ein bzw. erfüllt sie weiter, wenn die nicht aus EIGENEM Antrieb das tun, was zur Erfüllung erforderlich ist. Nach dem Debakel mit den Maastricht-Verträgen sollte diese Einsicht etwas mehr in den Vordergrund gerückt sein.

    ODER:

    Man stellt sich auf den Standpunkt, dass die Dinge eh ihren Lauf nehmen, historisch bedingt, der Globalisierung wegen etc., etc.

    Dann braucht man sich auch nicht mehr sonderlich rational zu verhalten, sondern jeder lässt jeden mehr oder weniger in Ruhe, weil ja die Dinge eh ihren Lauf nehmen.

    Ich meine, dass wir uns zumindest einmal über diese Grundalternative klar sein sollten.

    Wie wir uns verhalten, ist dann immer noch eine offene Sache.

  9.   Bernd Klehn

    @ Rolle

    Keiner redet davon, dass Ausgabenkürzungen der einzige Weg zu ausgeglichenen Leistungsbilanzen und Auslandsvermögen sind, sondern der sichere Weg sind Produktivitätssteigerungen bei stabilen Ausgaben und Löhnen. Fernerhin ist unbestritten, dass eine Währungsunion nicht bei langfristigen sehr straken Leistungsbilanzdifferenzen Bestand haben kann, nur die unterstellte Interdependenz der Leistungsbilanzen der Euromitglieder ist nicht gegeben, fällt der Import deutscher Produkte wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit aus, werden sie halt durch chinesische ersetzt. So ist halt der globale Wettbewerb.

  10.   Bernd Klehn

    @ Rolle

    Eine Währungsunion bedingt lange keine Fiskal- und Transferunion, die nur durch ein Rattenrennen um Transferleistungen in eine Abwärtsspirale führen würde, sondern es muss nur die Konsequenz eines Festkurssystems anerkannt werden. Lebt eine Volkswirtschaft bei flexiblen Wechselkursen über die Verhältnisse ruiniert sie die Währung, innerhalb eines Fixkurssystems geht stattdessen halt die Währung aus. Am Ende einer solchen Entwicklung, ganz gleich ob ein flexibles oder ein Festkurssystem vorliegt, kommt es immer zu einer Zahlungsbilanzkrise. Kann auch gar nicht anders sein. Die Ausländer wollen dann dieses über die Verhältnisse leben nicht mehr bezahlen.

 

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