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Das Statistikgate der AfD

 

Der Streit um das griechische Defizit ist entschieden.  Eurostat hat die Defizitdaten veröffentlicht, die Kommission hat bestätigt, dass Griechenland im Jahr 2013 einen Primärüberschuss ausgewiesen hat – nach der in dieser Frage relevanten im Programm festgelegten Definition also ohne Sonderausgaben oder Sondereinnahmen.

Selbst die FAZ ist inzwischen offensichtlich zufrieden, und das ist schon was.

Der Skandal, den Lucke zu erkennen glaubt, ist aber keiner. Den Rest der Differenz machen Einmaleffekte aus, die alle auf das internationale Hilfsprogramm und seine Auflagen zurückgehen, vor allem die Bankenrekapitalisierung. Luckes impliziter Vorwurf, die Troika habe erst jüngst ihre Definition angepasst, ist daher schlicht falsch. Diese ist schon zum Start des Programms so festgelegt worden.

Luckes Brief – hier als PDF – ist inzwischen von Finanzsstaatssekretär Steffen Kampeter beantwortet worden, und in diesem Fall gewinnt der Diplomvolkswirt Kampeter gegen den Volkswirtschaftsprofessor Lucke. Die wichtigsten Passagen:

Bildschirmfoto 2014-04-23 um 23.05.39

Und weiter:

Bildschirmfoto 2014-04-23 um 23.08.32

Am Ende wirft Kampeter Lucke dann noch vor, durch „unsachliche Unterstellungen“ wolle dieser „Ressentiments“ schüren und in diesem Fall liegt er damit nicht ganz falsch. Lucke hat inzwischen offenbar schon wieder einen Brief geschrieben und macht darin ein neues Fass auf, was wie ein klares Rückzugsgefecht aussieht. Er sollte diesen alten Spruch beherzigen: When in a hole, stop digging.

Was nicht vergessen werden sollte: Es geht in dieser Debatte nicht darum, ob Griechenland nun gerettet ist oder nicht. Darüber kann man lange streiten und wenn Lucke einfach nur argumentiert hätte, er zweifle am Erfolg der griechischen Anpassung, dann wäre dagegen nichts einzuwenden gewesen.

Er hat aber unter Aufbietung aller rhetorischen Kniffe versucht, den Eindruck zu erwecken, hier werde geschummelt. Das ist eines Wissenschaftlers nicht würdig. Wer halbwegs Ahnung von dem Thema hat findet nach fünf Minuten Internetrecherche heraus, was es mit den griechischen Defizitzahlen auf sich hat. Man kann von einem Professor erwarten, dass er sich diese Mühe macht, bevor er mit der Bitte um „umgehende“ Aufklärung an den Bundesfinanzminister schreibt.

69 Kommentare

  1.   HKaspar

    @ Tischer

    Ist dies auch wieder „billigste Polemik, wenn nicht gar diffamierend“?

    Oder gibt es an Ihrer urspruenglichen Einschaetzung vielleicht etwas zu korrigieren?

    Besten Gruss,
    HK


  2. Wenn Sie, Herr Schieritz, und Ihre Journalistenkollegen Ihrer Informationspflicht nachgekommen wären und die Öffentlichkeit über die Natur dieses monatelang als grandioser Erfolg an die große Glocke gehängten „Primärüberschusses“ aufgeklärt hätten, wäre es nicht nötig gewesen, diese Informationen auf diese Weise an die selbige Öffentlichkeit zu tragen. Wenn etwas unwürdig ist, dann ist es die Art und Weise, wie Sie dieses journalistische Versagen jetzt versuchen, unter den Teppich zu kehren. Herrn Lucke und einer Handvoll Blogger ist es zu verdanken, dass von dieser regierungs- und leitmedienseitigen Volksverdummung überhaupt eine breitere Öffentlichkeit erfährt.

    Aber was will man auch von einem Journalisten erwarten, der sich wider zweifellos besseren Wissens, welches Elend in Griechenland und in anderen Krisenstaaten angerichtet wurde, bei Angela Merkel für seine frühere „Fehleinschätzung“ der Sparpolitik entschuldigt hat.

  3.   veblen

    Leider ändert sich deswegen nichts an der Tatsache, dass die Lage in Griechenland katastrophal ist – trotz oder wegen der „Rettung“. Die Griechen tun mir echt leid. Es ist zum heulen.

  4.   Dietmar Tischer

    @ H. Kaspar

    Was M. Schieritz hier schreibt, ist nicht „billigste Polemik oder gar diffamierend“. Hier ist er weit davon entfernt.

    Das ändert aber nichts an dem, was er vorher geschrieben hat und somit von meiner Seite aus zu kritisieren war.

    Ich habe nichts dagegen, dass bei einem Ökonomie-Professor, der ökonomische Themen in der Öffentlichkeit kommuniziert, andere Maßstäbe als bei Normalsterblichen angelegt werden.

    Wenn man Maßstäbe wie bei Lucke anlegt, muss dies auf sachlicher Basis geschehen. Eine getürkte Überschrift ist nicht sachlich.

    Wenn man Lucke mit Rattenfänger charakterisiert, weil er diesen Maßstäben nicht gerecht wird, dann impliziert dies, dass Lucke nicht nur Ökonom, sondern auch Politiker ist. Ökonomen sind schließlich keine Rattenfänger.

    Das heißt zwar nicht, dass man die Meinung teilen und entsprechend nur zu erwägen habe, dass Lucke lediglich eine Debatte anstoßen wollte mit beabsichtigtem Gewinn für seine politischen Ziele. Es sollte aber anerkannt werden, dass dies legitim für einen Politiker ist (solange er nicht rundweg lügt). Was mit Blick darauf eines Wissenschaftlers würdig oder unwürdig ist und welche Mühe er sich zu machen habe, um irgendetwas herauszufinden, kann jedenfalls als unerheblich angesehen werden. Der Briefbogen weist übrigens aus, dass Lucke als Politiker an den Minister geschrieben hat.

    Insofern wird die 5-Minuten-Terrine mit der Recherche im Internet durch Wiederholung auch nicht tragfähiger als Argument gegen Lucke.

    Lucke hat Staub aufgewirbelt, GANZ SICHER mit gespieltem Unwissen (z. B. mit „Erstaunlicherweise“ anfangs des 3. Absatzes). Man kann daher schon sagen, dass dies unter seinem Niveau war. Gerade im Fall Griechenland könnte einer wie er ganz anders gegen die Rettungspolitik argumentieren. Wenn M. Schieritz den Lucke-Brief unter „rhetorische Kniffe“ einordnet, habe ich nichts dagegen.

    Der Staatsekretär hat sachlich geantwortet, die Presse (WELT und FAZ) nehmen das auf, z. T. mit negativem Urteil über Lucke.

    Wo ist das Problem?

    Wenn es eines gibt, dann weniger bei und durch Lucke, eher schon bei der EU-Kommission, wenn stimmt, was nach Zitat der S.Z. deren Sprecher gesagt haben soll:

    „Die griechischen Schulden sind tragfähig“.

  5.   DR

    In jedem Fall belegt der vorliegende vollständige Brief in aller Deutlichkeit, dass Lucke Unklarheiten bzgl. des Sachverhaltes suggeriert hat. Und sofern wir ihm keine Inkompetenz unterstellen wollen, tat er dies wider besseren Wissens.

  6.   Henry Kaspar

    @ Tischer

    Meine Ansicht dazu kennen Sie: Schieritz Ueberschrift war allenfalls zu harmlos, weil Lucke nicht „schoenrechnet“, sondern vorsaetzlich vorsaetzlich einen falschen Eindruck zu erwecken sucht. Sprich: er betruegt.

    Zumindest indirekt (in meiner Lesart ziemlich direkt) bezichtigt Lucke Griechen wie Troika dabei der „Schoenrechnerei“, und Schieritz hat das eben umgedreht. In der Formulierung vielleicht etwas unscharf, aber in der Sache voellig gerechtfertigt – denn derjenige, der den Sachverhalt zu verfaelschen sucht, ist Lucke.

    Schieritz dafuer eine „getuerkte Ueberschrift “ vorzuhalten ist schon sehr ungnaedig, und „billigste Polemik oder gar diffamierend“ geht zu weit.

    Gruss,
    HK

  7.   Henry Kaspar

    Man koennte bei der Entgegnung Kampeters versucht sein zu glauben, er (oder sein Autor) habe hier im Blog mitgelesen.

  8.   MdEw

    @4 Tischer
    „Lucke hat Staub aufgewirbelt, GANZ SICHER mit gespieltem Unwissen (z. B. mit „Erstaunlicherweise“ anfangs des 3. Absatzes). Man kann daher schon sagen, dass dies unter seinem Niveau war.“

    Sie beziehen sich auf

    „Erstaunlicherweise scheinen diese Angaben der griechischen Regierung bz
    w. der Troika nicht im mindesten in Übereinstimmung zu stehen mit den
    offiziellen Daten, die von Eurostat veröffentlicht werden.“

    Lucke hat nicht behauptet, dass er die Def. nicht kennt. Er hat nur behauptet, dass der Unterschied erstaunlich ist. Ich finde das ehrlich gesagt auch nachwievor erklärungsbedürftig. Es ist doch sehr erstaunlich, dass sooo unterschiedliche Definitionen für ein und die selbe Kennzahl verwendet werden. Finden Sie nicht?

    Die Motive sind doch offensichtlich: Eurostats Def. hilft Luckes Wahlprogramm und Troikas Def. hilft Merkels Wahlprogramm. Somit wissen wir, wer was warum in der Presse sehen will.

    Die Frage ist doch nur, wer trifft eher die Realität: Eurostat oder Troika?

    @Herr Schieritz, dessen sollte sich die Presse widmen, was sie kaum tut, auch Herr Schieritz schon wieder nicht. Auch Herr Kampeter ist dieser direkten Frage mal wieder ausgewichen, was ja zu erwarten war. Da sollten SIE nachhaken!!! Wenn nicht Sie, wer dann?

    Schreiben Sie doch mal darüber, welche Kennzahldefinition der Sache näher kommt (Eurostat vs. Troika), das würde alle Leser (beide Seiten) interessieren.

  9.   Dietmar Tischer

    @ Henry Kaspar

    Ich kenne Ihre Ansicht zu Schieritz ersten Einlassungen wie Sie meine kennen.

    Ich erkenne darüber hinaus, dass Sie sich aus dem seine Professionalität unterschlagenden Auftritt eines Ökonomen zu schließen berechtigt fühlen, Lucke als Rattenfänger zu bezeichnen.

    Ich nehme darüber hinaus zur Kenntnis, dass Lucke Ihrer Meinung nach betrügt.

    Juristisch ist das sowieso neben der Sache und im Wissenschaftsbetrieb etwas, das im Kontext der Thematik – zumindest, wenn man sie AUCH als eine politische versteht – an den Haaren herbeigezogen ist. Lucke ist kein Datenfälscher.

    Zu Kampeters Brief:

    Ist als Erwiderung auf Lucke vollkommen in Ordnung.

    Wenn man ihn allerdings unbeleckt liest, dann erweckt er einen FALSCHEN Eindruck, nämlich:

    Lucke, randalieren Sie hier nicht rum, der Patient braucht Ruhe auf dem Weg der Genesung.

    Dabei ist klar, dass der Patient nur noch atmet, weil keiner den Stecker gezogen hat.

    Das ist keine Kritik an Kampeter.

    Ich sage damit nur, dass zuerst der Text gelesen werden muss und dann AUCH der Kontext „interessengeleitete Kommunikation in der Öffentlichkeit“ in die Bewertung mit eingehen sollte.

    Es ist ja durchaus sinnvoll durch Herausrechnung von Einmal-Faktoren zu MESSEN, wie sie der Staatshaushalt entwickelt hat. Die Troika und damit auch die Bundesregierung sollten sich aber auch einmal fragen lassen, ob es sinnvoll ist, eine ohnehin erdrückende Schuldenlast mit „Marktfähigkeit“ mehr als notwendig zu ERHÖHEN.

    Das hilft jedenfalls nicht, sondern schadet den Griechen bei ihrem Bemühen, irgendwann einmal auf eigenen Füßen zu stehen.

  10.   Bhab

    Es ist Volksverdummung, wenn man den PROGRAMM-Primärüberschuss Griechenlands als Primärüberschuss verkauft, wie er normalerweise verstanden wird.

    Offenbar will kaum ein deutsches Medium dieses Minimum an journalistischer Sorgfaltspflicht aufbringen.

    Man spürt die Absicht und man ist verstimmt.

 

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