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Bundesbank und EZB überschätzen Inflation

 

Die Bundesbank hat ihre halbjährliche Prognose vorgelegt. Danach wird sich der Anstieg der Verbraucherpreise, „gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) von 1,1% in diesem Jahr auf 1,5% im kommenden Jahr und dann weiter auf 1,9% im Jahr 2016 verstärken“, ohne die Preise für Energie bis 2016 sogar auf mehr als 2 Prozent. Warum steigt die Inflationsrate aus Sicht der Bundesbank? Es wird nur ein einziger Kostenfaktor genannt: höhere Lohnsteigerungen wegen Verknappungen am Arbeitsmarkt. Der feste Euro, die Deflationstendenzen in den peripheren Ländern des Euroraums oder unterausgelastete Kapazitäten werden nicht für erwähnenswert gehalten. Das hätte vermutlich nicht ins Bild steigender Inflationsraten gepasst.

Im Übrigen müssen sich die „Preiserhöher“ ganz schön anstrengen, damit sie für 2014 die vorhergesagten 1,1 Prozent hinkriegen. Im Mai lag die Inflationsrate in Deutschland bei 0,6 Prozent, und im Durchschnitt der ersten fünf Monate bei 0,96 Prozent. Auf den sogenannten vorgelagerten Stufen herrscht nämlich Deflation, im Großhandel (-1,3 Prozent ggVj), in der Industrie (-0,9 Prozent), bei den Ausfuhren (-0,8 Prozent) und den Einfuhren (-2,4 Prozent). Was die höheren Lohnsteigerungen angeht, auf die sich die Bundesbank beruft, übertrafen die Lohnstückkosten, also die um Produktivitätseffekte bereinigten Löhne, ihren Vorjahresstand im ersten Quartal gerade mal um 0,5 Prozent: Wenn die Wirtschaft im Aufschwung in freie Kapazitäten hineinwächst, nimmt die Produktivität der Arbeit oft rascher zu als die Löhne. Es ist durchaus normal, dass dann die Lohnstückkosten sogar sinken können – auch wenn die Stundenlöhne stärker steigen als zuvor. Der Faktor Arbeit dämpft in der konjunkturellen Frühphase meist den Preisauftrieb. In Deutschland liegt die Inflationsrate also heute und morgen trotz der robusten Konjunktur weit unterhalb dessen, was seit der Einführung des Euro als Preisstabilität gilt.

Für den Euroraum insgesamt hat die EZB vor wenigen Tagen die folgenden Inflationsprognosen vorgelegt: 0,7 Prozent für 2014, dann 1,1 Prozent und 1,4 Prozent im nächsten und übernächsten Jahre. Das bedeutet, dass die Geldpolitik aus heutiger Sicht extrem expansiv bleiben wird. In der Prognose vom März wurde für 2014 noch eine Inflationsrate von 1,0 Prozent für 2014 erwartet. Ebenso wie die Bundesbank überschätzt die EZB aus nachvollziehbaren Gründen gerne die künftige Inflation – sie möchte nicht von der Öffentlichkeit zu einer expansiveren Politik gezwungen werden als sie es für richtig hält.

Grafik: Eurosystem staff projections

Die Inflationsrate Eurolands betrug im Durchschnitt der ersten fünf Monate des Jahres gerade einmal 0,64 Prozent. Um auf die für das Gesamtjahr vorhergesagten 0,7 Prozent zu kommen, müsste der Durchschnitt von nun an bei etwa 0,8 Prozent liegen. Wie soll das gehen angesichts einer Mai-Inflationsrate von 0,5 Prozent? Bis Dezember müsste sie auf etwa 1,1 Prozent steigen. Selbst auf die kurze Sicht scheut sich die EZB meiner Ansicht nach nicht, die Inflationsraten zu überschätzen. Sie macht das vermutlich, um Zeit zu gewinnen – sie will sehen, was das Maßnahmenpaket vom 5. Juni bewirkt. Vermutlich wird aber auf Monate hinaus fast gar nichts in Richtung Inflationsbeschleunigung zu sehen sein. Eigentlich hätte sich der Stab der EZB die Fehlprognose auch sparen können. Ist Glaubwürdigkeit nicht auch ein Ziel seriöser Geldpolitik?

Wie steht es um die Inflationserwartungen, auf die die Notenbanker so viel Wert legen? Würden sie zurückgehen, stiegen die Realzinsen am langen Ende der Renditekurve, was einem unwillkommenen restriktiven Effekt gleichkommt. Bisher sind sie nur leicht gesunken, befinden sich aber noch in der Nachbarschaft von zwei Prozent. Anhand der vom Finanzinformationsdienst Bloomberg veröffentlichten Zahlen zu inflationsgeschützten Staatsanleihen sehe ich, dass für die Marktteilnehmer die erwartete durchschnittliche Inflationsrate in den nächsten fünf Jahren bei 0,81 Prozent (Deutschland) und 0,77 Prozent (Italien) liegt – für andere Länder gibt es in diesem Laufzeitenbereich keine solchen Anleihen –, also weit unterhalb des Zielwerts der EZB. Da die Inflationsraten für die kommenden zehn Jahre bei rund 1,3 Prozent erwartet werden, ergibt sich mit Hilfe einer einfachen Rechnung für die Jahre 6 bis 10 eine erwartete Inflationsrate von durchschnittlich etwa 1,8 Prozent. Alles in Ordnung also? Die EZB folgert unverdrossen, dass „die mittel- bis langfristigen Inflationserwartungen [fest verankert sind]“, und zwar da, wo sie sein sollen, nämlich bei knapp unter zwei Prozent. Das ist für mich Wunschdenken. Die industriellen Erzeugerpreise waren übrigens zuletzt 1,2 Prozent niedriger als vor Jahresfrist, die Lohnstückkosten lediglich um 0,4 Prozent höher. Zudem spricht auch die Kreditvergabe an Unternehmen (-3,0 Prozent ggVj) und Haushalte (-0,1 Prozent ggVj) nicht dafür, dass die Inflation demnächst anspringen könnte.

In ihrem Monatsbericht vom Mai (S. 44) gibt die EZB zu, dass sich die Indikatoren für die Schuldentragfähigkeit bislang nur leicht verbessert haben. Das Thema „deleveraging„, der Abbau der als zu hoch empfundenen Schulden, hat nach wie vor Priorität und kann daher keinesfalls abgehakt werden, auch nicht auf die mittlere Sicht, wenn es in dem bisherigen Tempo weitergeht. So lange an den Finanzmärkten keine „normalen“ Verhältnisse herrschen, kann die Notenbank die Pferden zur wohlgefüllten Tränke führen, dass sie auch saufen werden, darauf kann sie sich nicht verlassen.

Ich kann nur dringend davon abraten, zu viel von der Geldpolitik zu erwarten. Sie ist mit ihrem Latein am Ende. Gelddrucken allein wird die Finanzkrise nicht beenden. Die Besitzer von Aktien, Staatsanleihen und Immobilien können sich allerdings freuen – bis zum nächsten Crash.

189 Kommentare


  1. @ recover

    Nur ist die Situation jetzt so verfahren, dass es jetzt z.B. mit einem Mindestlohn eben einen schnellen Weg geben könnte, um die Stuation zumindest zu entschärfen.

    Der Mindestlohn ist ein Tropfen auf den heißen Stein und ist somit in dieser verfahrenen Situation gerade nicht zielführend und lenkt von der eigentlichen Problematik ab. Ich nenne es immer Das Problem hinter dem Problem!

    Hinter dem augenscheinlichen Lohnproblem lauert das viel tiefer liegende systemische Problem, das Binswanger in seinem Buch Geld und Magie treffend beschrieben hat. Da Binswanger aber genauso wie Flassbeck im Mainstream als persona non grata wahrgenommen wird, findet die Binswanger-These keinen Weg in die öffentliche Diskussion, obwohl Weidmann hierzu eine Rede gehalten hatte, die er aber wohl selber in seiner ganzen Tiefe nicht verstanden hat: bundesbank.de/Redaktion/DE/Reden/2012/2012_09_18_weidmann_begruessungsrede.html

    Also WIE sich jetzt die Löhne für die einzelnen Unternehmen gestalten ist Flassbeck nicht so wichtig…

    Und genau das ist sein Fehler. Man muss beide Brillen abwechselnd aufsetzen, um der Kurzsichtigkeit UND der Weitsichtigkeit entgegen zu wirken. Selbst bei einer besseren Lohnentwicklung würde das System sich dennoch selber strangulieren (Tendenz der fallenden Profitrate vs. Mindestrendite nach Marx/Binswanger), sofern es nicht von außen einen gemäßigten kontrollierten Zentralbankgeldzufluss gibt. Dies kann man aber nur verstehen, wenn man unser Geldsystem verstanden hat. Die Ökonomen haben es in der sehr großen Mehrheit jedenfalls nicht verstanden, wie man unter anderem an der Target-Diskussion zwischen Sinn und Sievert erkennen konnte. Sievert hat es verstanden, während Sinn kurz davor stand: wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=8787 (auch wer glaubt, hier schon alles zu kennen, sollte doch noch mal nachlesen; es lohnt sich!)

    Wenn ich alles in Ihrem letzten Beitrag und Flassbeck richtig verstanden habe, dann sehe ich eigentlich keinen Dissens!

    Ich denke schon, dass es einen Dissens gibt. Flassbeck und Sie sehen die Lösung vor allem bei den Löhnen, während ich die Lösung in einem ZFB sehe, was Sie (respektive die Nachdenkseiten) bislang ablehnen, weil Sie (so meine Vermutung) nicht den Unterschied zwischen meinem ZFB-Konzept und einem BGE erkennen wollen/können. Flassbeck lehnt ein BGE aus gutem Grund ab, da es auf den irrigen Vorstellungen der MMTler um Huber et. al. basieren: flassbeck-economics.de/das-bedingungslose-grundeinkommen-bge-ist-ein-irrweg/

    Die langwierigen Anpassungsprobleme über die Löhne werden viel leichter von statten gehen, wenn ein wohldosiertes ZFB als Substitut für zu niedrige Löhne wieder für mehr Nachfrage sorgt und gleichzeitig den Druck der Hartzreformen auf die Löhne mindert, jeden noch so schlecht bezahlten (Zweit)Job annehmen zu müssen. Zu Recht weist Flassbeck immer wieder darauf hin, dass der Arbeitsmarkt nicht nach neoklassischen Vorstellungen mit normaler Angebotsfunktion zu erklären ist. Auch da war Marx weitsichtiger als viele andere.

    Hilfreich ist hierzu unterstützend eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung, da eine Verknappung des Angebots automatisch zu höheren Preisen führt. Diese höheren Preise lassen sich aber wiederum nur durchsetzen, wenn es genügend Schuldentilgungsmittel (aka Zentralbankgeld) gibt. Und zwar in den Händen aller Bürger und nicht nur bei den Geldhortern. Nicht umsonst hatte ich keinen 1 Punkteplan skizziert sondern einen 10 Punkteplan.

    Sie müssen sich bei mir nicht entschuldigen. Danke, dass Sie es dennoch getan haben. Mir geht es dabei nicht anders als Ihnen und vielen anderen Foristen hier. Die Redaktion hat mich hier schon so manches Mal davor bewahrt, Dinge zu veröffentlichen, die weit jenseits der Sachebene lagen (der Dank geht wohl hier an Herrn Richter).

    Ich kann nun mal nicht an Zufälle glauben oder daran, dass die Verantwortlichen nicht wissen was sie tun. So langsam müssten sie doch erkennen, dass diese Politik ein Desaster für die Menschen ist, oder?

    Ich glaube, Sie unterschätzen hier die menschliche Psyche. Jahrelang wurde an den Schulen, den Universitäten sowie den Medien das unerschütterliche Dogma der EMH zum Besten gegeben (/blogs.faz.net/fazit/2014/06/23/ideologie-im-klassenzimmer-4100/). Bis zum Jahre 2008 hatte die Bundesbank nicht bemerkt, dass sie falsche Vorstellungen von der Geldschöpfung hatte und einem naiven Monetarismus anhing, der (mal mehr, mal weniger) zufälligerweise eine Zeitlang erfolgreich war.

    Zugleich haben alle Parteien vor dem Hintergrund fehlerhafter Paradigmen die systemisch falschen Entscheidungen getroffen, die genau kontraproduktiv waren. Wo sind die Mehrheiten, die vor die Kamera treten und offen eingestehen: Entschuldigung, wir haben uns geirrt, wir haben in einigen zentralen Aspekten genau das Gegenteil von dem gemacht, was wir eigentlich hätten machen müssen und damit große Schuld auf uns geladen!

    Dazu fehlt bei vielen leider immer noch die Erkenntnis. Bis zum zweiten Schritt ist es dann aber noch ein langer Weg. Das spanische Video kann hier einen wertvollen Beitrag leisten, uns bei unseren Erkenntnisdefiziten auf die Sprünge zu helfen und mehr Mut zu beweisen. Martin Hellwig ist der Überzeugung, dass eine Systemänderung nur über die breite Bevölkerung kommen kann, nicht jedoch über die sogenannten Eliten.

    Zur Ukraine: Ja, hier sollte sich jeder den Vortrag von Willy Wimmer anhören!
    LG Michael Stöcker


  2. @176
    „Nun bekommt aber gerade in Krisenzeiten dieses an sich wertlose Geld eine neue Funktion zugewiesen, die es in einem Kreditgeldstandard eigentlich gar nicht haben darf: Es wird zu einem eigenständigen Asset.“

    Absolut richtig!

    Nur eine Ergänzung: In den Köpfen vieler Menschen ist Geld immer ein asset, ein Wert an sich, egal wie die Wirtschaftslage ist. Aber in Zeiten wie diesen wird diese Einstellung zum Riesenproblem, weil auch in der Realtität Geld immer mehr als asset verwendet wird statt als Transaktionshilfsmittel.
    Die Vorstellung in den Köpfen ist auch einer der Grundpfeiler auf der die Ideologie der Schwäbischen Hausfrau, die Schuldenaversion und das Gezetere um die angebliche Sparerenteignung aufbaut.

    Man ist schon versucht biblische Zitate dafür zu finden, dass diese Fixierung auf den Mammon so völlig blind macht für den Verfall der realen assets (Humankapital, Infrastruktur uvm.)

  3.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 176

    >Es gibt kein Nettogeldvermögen auf aggregierter Ebene, da Geld in einer modernen Volkswirtschaft ein durchlaufender Posten ist, um die Ergebnisse des Produktionsprozesses zu verteilen.>

    Wenn das jemand versteht, dann ist es sicher enigma und wohl auch Sie.

    Ich bekenne, dass ich nicht weiß, ob ich das jemals verstehen werde.

    Auch wenn Sie recht haben sollten, bleibt auch bei Ihnen und enigma die Frage nach dem PRODUKTIONSPROZESS – nach meinem Verständnis – genauer: die VERÄNDERUNG der Produktionsprozesse.

    Heißt:

    Ich will überhaupt nicht bestreiten, dass Ihr Verständnis und das von enigma bezüglich des Geldes richtig ist und insbesondere, dass Geld AUSWIRKUGEN auf realwirtschaftliche Veränderungen hat, gehe aber bei der Analyse von REALWIRTSCHAFTLICHEN Veränderungen aus und betrachte die Ursachen und Folgen dieser Veränderungen – selbstverständlich auch das Geld betreffend.

    Hier nur als Hinweis, was ich meine:

    World Investment Report 2014 von UNCTAD

    unctad.org/en/pages/PublicationWebflyer.aspx?publicationid=937

    Im Teil “Overview”

    unctad.org/en/PublicationsLibrary/wir2014_overview_en.pdf

    werden folgende Feststellungen getroffen:

    “Developing economies maintain their lead in 2013. FDI (Foreign Direct Investment) flows to developed countries increased by 9 per cent to $566 billion, leaving them at 39 per Cent of global flows, while those to developing economies reached a new high of $778 billion, or 54 per cent of the total. The balance of $108 billion went to transition economies. Developing and transition economies now constitute half of the top 20 ranked by FDI inflows.”

    und:

    “FDI outflows from developing countries also reached a record level.
    Transnational corporations (TNCs) from developing economies are
    increasingly acquiring foreign affiliates from developed countries located in
    their regions. Developing and transition economies together invested $553
    billion, or 39 per cent of global FDI outflows, compared with only 12 per cent
    at the beginning of the 2000s.”

    Wenn man in einer derart kurzen Zeitspanne solche fundamentale Veränderungen hat, dann MUSS man sie, glaube ich, ins Zentrum der Betrachtungen stellen.

    Sie sind das Hauptproblem, aus dem die anderen Probleme erwachsen:

    Demnach teile ich nicht Ihre Auffassung:

    >Das Hauptproblem unserer Zeit ist die ungleiche Verteilung der Liquidität, im Sinne von Zentralbankgeld (egal ob als Bargeld oder als Sichtforderung der Geschäftsbanken).>

    Wenn wir nicht zum gleichen Verständnis der Dinge kommen, dann daher, dass wir die Betrachtung und konsequenterweise auch die Lösungsversuche auf UNTERSCHIEDLICHEN Ebenen ansetzen.


  4. @ Dietmar Tischer # 173

    Ich denke, diese Differenzierung ist in einem Kreditgeldstandard nicht nötig. Warum? Es gibt kein Nettogeldvermögen auf aggregierter Ebene, da Geld in einer modernen Volkswirtschaft ein durchlaufender Posten ist, um die Ergebnisse des Produktionsprozesses zu verteilen. Hat nur bislang vermutlich kaum einer begriffen (von enigma einmal abgesehen). Bei mir hatte dies auch sehr lange gedauert, da auch ich mit den falschen Paradigmen durch die Ökonomie geirrt bin.

    Auch wenn die Unternehmen keine Erweiterungsinvestitionen und/oder Ersatzinvestitionen durchführen, benötigt eine Volkswirtschaft dennoch Ersatzgeld, da alles Kreditgeld einen Rückzahlungstermin hat (es sei denn, wir kehrten zur Subsistenzwirtschaft zurück). Können die weniger Erfolgreichen diesen Termin nicht einhalten, dann sind sie in Krisenzeiten (Liquiditätsfalle) insolvent, obwohl sie aus systemischer Sicht vielleicht (absolute Wahrheiten gibt es bei relativen Preisen nicht) nur illiquide sind.

    Das Hauptproblem unserer Zeit ist die ungleiche Verteilung der Liquidität, im Sinne von Zentralbankgeld (egal ob als Bargeld oder als Sichtforderung der Geschäftsbanken). Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist bei einigen Unternehmen die Liquidität ersten Grades viel zu hoch. Im Gegenzug ist sie dafür bei vielen anderen zu gering. Aufgrund der Leistungsbilanzungleichgewichte ist dies insbesondere in der Südperipherie das zentrale Dilemma. Nun bekommt aber gerade in Krisenzeiten dieses an sich wertlose Geld eine neue Funktion zugewiesen, die es in einem Kreditgeldstandard eigentlich gar nicht haben darf: Es wird zu einem eigenständigen Asset. Damit entfällt das aristotelische Geldprinzip. Weil dies so wichtig ist, hier noch einmal der Link zu Hofweber: http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-687831.html

    Dies ist das systemische Dilemma in einem Kreditgeldstandard, auf das ich immer wieder versuche hinzuweisen. Dies ist auch der Grund, weshalb ich für Herrn Weidmann die Geschichte vom kleinen Milton und der dicken Bertha geschrieben hatte, da auch Herr Weidmann an seinen eigenen Widersprüchen scheitert: http://zinsfehler.wordpress.com/2013/11/14/die-leiden-des-jungen-w/

  5.   Recover

    @ Michael Stöcker
    Nachtrag:
    Und ich entschuldige mich für den Ton in meinem letzten Beitrag – ich bin nur manchmal so zornig über das was in Europa passiert, dass ich am liebsten in die Tischkante beißen würde!
    Das Video aus Spanien ist herzzerreissend – ich habe das zum ersten mal bei „uhupardo“ gesehen (ist eine Weile her). In der Zwischenzeit haben sich die Zustände verschlimmert, und nicht nur in Spanien!!
    Ich kann nun mal nicht an Zufälle glauben oder daran, dass die Verantwortlichen nicht wissen was sie tun. So langsam müssten sie doch erkennen, dass diese Politik ein Desaster für die Menschen ist, oder?
    … und es kommen immer neue Krisen hinzu, z.B. die Ukraine!
    LG Recover

  6.   Recover

    @Michael Stöcker

    Danke für die Rückmeldung und die Klarstellungen – ich glaube Sie jetzt besser zu verstehen …

    Naja, ich wollte bezüglich J. Huber nur auf die Funktionsweise des Geldsystems hinaus, nicht auf seine Vorschläge zur Veränderung. Aber das habe ich nicht so genau verfolgt.
    Sie schreiben, dass Flassbeck die betriebswirtschaftliche Sicht nicht genügend beachtet. Ich habe die Seite 19 ausgewählt um damit anzudeuten, dass eben die Unternehmen per Saldo Sparer sind. Dass es sehr große Unterschiede in der Möglichkeit für höhere Löhne bei den Unternehmen gibt, ist ja absolut richtig. Nur Flassbeck will ja gerade wieder starke Gewerkschaften, die auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern die Löhne entsprechend der Möglichkeiten verhandeln (Stichwort Manteltarifvertrag). Es ist ja gerade durch politische Entscheidungen zu einer geamtwirtschaftlichen Lohnmoderation gekommen. Das kann die Politik auch wieder ändern, indem sie z.B. H4 zurück nimmt. Es ist ja nicht so, dass F. alles über einen Kamm scheren würde. Nur ist die Situation jetzt so verfahren, dass es jetzt z.B. mit einem Mindestlohn eben einen schnellen Weg geben könnte, um die Stuation zumindest zu entschärfen. Über die mangelnde Besteuerung der Unternehmen sind wir uns ja alle einig. Es gibt dazu eine schöne Chronik von den Nachdenkseiten:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=18433

    Also WIE sich jetzt die Löhne für die einzelnen Unternehmen gestalten ist Flassbeck nicht so wichtig, denn er zielt ja gerade auf das Gesamtergebnis für die Volkswirtschaft. Ihm geht es zuerst um das Projekt Europa bzw. die Leistungsbilanzunterschiede. Dass es da Unterschiede bei den Unternehmen geben muss, ist aus seinen Vorträgen m.E. schon auch zu entnehmen.
    Ich sehe da jetzt gar keinen Widerspruch. Mich würde interessieren, auf welche Beiträge von Flassbeck Sie sich beziehen?
    Und ich denke, dass es ja gerade auch für die Unternehmen, die für den Binnenmarkt produzieren (ca. 88%) sehr förderlich wäre, wenn die Kaufkraft steigen würde (neben einer dadurch höheren Importquote).
    Wenn ich alles in Ihrem letzten Beitrag und Flassbeck richtig verstanden habe, dann sehe ich eigentlich keinen Dissens!

    LG Recover

  7.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker #172

    >Die Tatsache, dass im Durchschnitt die Unternehmen Nettosparer sind, obwohl dies niemals so sein dürfte, ist doch der Tatsache geschuldet, dass die hohen Gewinne der wenigen Erfolgreichen (Matthäus-Effekt, Kartellierung oder weshalb auch immer) nicht wegbesteuert wurden.>

    So wie sie formuliert ist, habe ich mit dieser Aussage habe ich ein Problem.

    Man muss m. A. n. unterscheiden zwischen

    a) warum im Durchschnitt die Unternehmen Nettosparer GEWORDEN sind

    und

    b) warum sie es BLEIBEN

    Zu a):

    Sie sind es geworden, weil sie nicht genug investiert haben. Sie haben nicht genug investiert, weil die Nachfrage nicht hoch genug war für lohnende Investments.

    Zu b):

    Hier stimme ich Ihnen zu:

    Wegen fehlender Besteuerung bleiben die Unternehmen Nettosparer und ihr Erspartes wird nicht in Nachfrage umgesetzt. Allerdings ist zum einen der Wettbewerb um Investitionen zu stark, als dass es hinreichend besteuert werden könnte und zum anderen kann die Besteuerung mitunter nicht auf die Ersparnisse zugreifen, wenn sie wollte.

    Letzteres ist für die großen US-Unternehmen der Fall, die über ca. $ 1 Billion in Cash und Cash-ähnlichen Anlagen im Ausland verfügen (sollen), diese Ersparnis aber nicht repatriieren, um keine Körperschaftssteuer zahlen zu müssen. Sie müssen die Ersparnisse auch nicht zurückholen, weil es für sie keine renditeträchtigen Investitionsmöglichkeiten gibt in USA und sie die Dividenden nicht aus dem Ersparten, sondern durch zinsgünstige Kredite finanzieren können. Stattdessen kaufen sie Unternehmen im Ausland auf, siehe z. B. GE/Alstom oder Pfizer/Zeneca.

    > Die Frage ist nun, wie kommt man aus diesem Schlamassel wieder heraus>

    Ja, das ist sie.


  8. @ Traumschau/Recover # 169

    Ich vermute, dass wir tatsächlich nicht gegensätzlicher Auffassung sind, sondern dass wir gerade aneinander vorbeireden. Vielleicht habe ich mich ja nicht klar genug ausgedrückt.

    Bevor ich auf das Wesentliche zu sprechen komme: Huber erklärt viel, wenn der Tag lang ist. Aber er fabuliert von einer Seigniorage, die es so nicht gibt! Es ist das Dilemma der MMTler und Vollgeldanhänger, dass sie immer noch nicht den Unterschied zwischen Stocks und Flows hinbekommen haben. Ohne grundlegende Kenntnisse der Buchführung und Bilanzierung kommt bei den ganzen Gelddiskussionen immer wieder Müll raus. Bei Werner scheint mir das nicht der Fall zu sein. Warum Huber das nicht auf die Reihe kriegt??? Oder wissen Sie etwas Neues hier zu berichten. Mein letzter Stand: soffisticated.wordpress.com/2012/10/31/vollgeldspielereien/#comment-160

    Steve Keens Vorschläge gehen in die gleiche Richtung wie Adair Turner mit OMF bzw. meine Ideen zu einem ZFB.

    Was aber m.E. nach kaum jemand versteht ist die Ansicht, dass Geld NICHTS kostet, produktive Investionen inflationsneutral sind und deshalb das ganze Gerede von dem “knappen Geld” kompletter Unsinn ist.

    Kompletter Unsinn ist es zwar nicht, in der aktuellen Situation aber sehr großer Unsinn. Vielleicht können wir uns hierauf einigen.

    Jetzt komme ich zum eigentlichen Thema: BWL vs VWL.

    Sie haben abgehoben auf die betriebswirtschaftliche Sicht, die bei Flassbeck angeblich fehlt. Sie irren sich m.E. aus rein logischen Gründen:

    Wenn ich mich irren sollte, dann müssten Sie aber auch auf betriebswirtschaftlicher Ebene argumentieren. Diese Niederungen überspringen Sie aber nonchalant und fokussieren unmittelbar auf die aggregierte Makroebene (Unternehmenssektor ist etwas anderes als Betriebswirtschaft). Auf dieser Ebene haben wir beide keinen Widerspruch und ich stimme der Analyse von Flassbeck vollkommen zu. Ich verweise dauernd auf das Stabilitätsgesetz von 1967. Eine Zeit, zu der es auch in der SPD noch ordnungspolitische Kompetenz gab. Diese Kompetenz ist bei allen Parteien im neoliberalen Nirwana verschwunden.

    Die perverse betriebswirtschafliche Wirklichkeit findet sich in diesen Charts (S. 19):

    Nein, hier findet sich nicht die betriebswirtschaftliche (mikroökonomische) Wirklichkeit, sondern die volkswirtschaftliche (makroökonomische) Wirklichkeit. Flassbeck argumentiert immer richtig, dass das individuelle Verhalten der „Schwäbsichen Hausfrau“ (Sparen auf individueller Ebene) nicht auf die Volkswirtschaft als Ganzes angewendet werden darf, da dies unmittelbar ins Elend führt, wie wir im Realexperiment ja seit 5 Jahren beobachten können.

    Aber: Was Flassbeck nicht sehen will oder nicht sehen kann, sind die monetären Restriktionen auf der Ebene des einzelnen Betriebs. Die Tatsache, dass im Durchschnitt die Unternehmen Nettosparer sind, obwohl dies niemals so sein dürfte, ist doch der Tatsache geschuldet, dass die hohen Gewinne der wenigen Erfolgreichen (Matthäus-Effekt, Kartellierung oder weshalb auch immer) nicht wegbesteuert wurden. Dieser Prozess lief über mehrere Jahrzehnte und hat zu enormen Verzerrungen geführt, die auf aggregierter Ebene von Flassbeck richtig analysiert wurden.

    Die Frage ist nun, wie kommt man aus diesem Schlamassel wieder heraus. Die erfolgreichen Unternehmen könnten die höheren Löhne locker bezahlen. Wollen dies aber nicht! Siehe Sparprogramm BMW: handelsblatt.com/unternehmen/industrie/sicherung-der-rendite-bmw-will-kein-milliarden-sparprogramm/10064286.html. Es geht eben immer um eine Mindestrendite. Wird die nicht mehr erreicht, droht die Wachstumsspirale zu kippen. Dies hat aus meiner Sicht Binswanger richtig erkannt.

    Und dann gibt es aber noch die vielen Unternehmen, die keine großen Gewinne machen, sondern um die schwache Restnachfrage konkurrieren. Höhere Löhne können hier nur wenige verkraften, da die Preissetzungsmacht nur bei den Großen vorhanden ist. Die meisten Betriebe sind Preisnehmer. Und solange das Arbeitskräfteangebot weltweit noch so hoch ist, gibt es genügend Druck auf die Löhne.

    Hätten wir in der Vergangenheit die hohen Gewinne stärker besteuert, dann wäre die Einkommensverteilung heute gleichmäßiger (mehr öffentliche Ausgaben sorgen für mehr Nachfrage und somit für mehr Redistribution). Flassbeck ignoriert leider die monetären Restriktionen auf der Ebene des einzelnen Betriebs und versucht von daher den Teufel (fehlende Nachfrage) mit dem Beelzebub auszutreiben (Schrumpfungsspirale nach Binswanger bei fehlender Mindestrendite). Flassbeck übersieht, dass sein Hinweis auf den Trugschluss der Komposition eben auch umgekehrt gelten kann: Der Trugschluss der Division. Er unterliegt letztlich dem gleichen Fehler, den er den anderen vorhält.

    Ich habe mich bemüht, was draus zu machen.

    Zum Schluss noch ein Link zu einem Video, dass von allen Deutschen/Europäern gesehen werden sollte: youtube.com/watch?v=iArgMIYiMhg

    Herzliche Grüße zurück
    Michael Stöcker

  9.   Recover

    @Dietmar Tischer

    Sie haben vollkommen recht: Ich bin bei den Banalitäten angekommen!
    Ich nutze jede Gelegenheit, um auf diese Banalitäten hinzuweisen, weil ich doch noch die Hoffnung habe, dass diese von unsere Regierung bzw. unseren Politikern und Euro-Experten endlich einmal zur Kenntnis genommen werden …
    Herzliche Grüße
    Recover

  10.   Dietmar Tischer

    @ Recover # 169

    Ich will mich nicht in Ihre Kontroverse mit M. Stöcker einmischen.

    Er wird Ihnen selbst antworten, wenn er denn will.

    Mir ist u. a. die folgende Feststellung aufgefallen:

    >Die Wahrheit ist, dass alles passieren kann was immer passieren wird – nur eines darf NIEMALS passieren: Das die reale Wirtschaft zusammen bricht!>

    Über DIESE Wahrheit – dass alles passieren kann, was immer passieren wird – sollten Sie, der Weltversteher, einmal nachdenken und sich fragen, ob sie damit beim „Kern des Problems“ oder bei den BANALITÄTEN angekommen sind.

 

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