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Wie sich Hans-Werner Sinn bei der Bankenunion verrennt

 

Wie vielleicht bekannt ist, schätze ich Hans-Werner Sinn, auch wenn ich mit ihm häufig nicht einer Meinung bin. Er ist einer der wenigen deutschen Ökonomen mit internationalem standing, er hat sein Institut nach vorne gebracht und ist soweit ich es beurteilen kann ein angenehmer Mensch.

Nur wenn es um den Euro geht, gehen ihm regelmäßig die Pferde durch. Wie gestern in der FAZ, wo er einen Kommentar über die Bankenunion veröffentlicht hat. Es beginnt schon im ersten Absatz:

Während die Nation den Fußballsieg über Brasilien bejubelt, beschloss das Bundeskabinett, die Mittel des gemeinsamen Rettungsfonds ESM für die Finanzierung der maroden Banken der Krisenländer verfügbar zu machen. 

Das suggeriert, die Regierung habe sozusagen die Gunst der Stunde genutzt um heimlich ein Gesetz durch den Bundestag zu peitschen. Aber ist Schäuble ein Hellseher oder woher soll er bei der Terminierung gewusst haben, dass Deutschland Brasilien vernichten würde?

Und so geht es weiter, denn Sinn argumentiert, dass den Steuerzahlern in Europa durch die Bankenunion neue Milliardenrisiken aufgebürdet würden. Dazu macht er folgende Rechnung auf: Die Selbstbeteiligung der Gläubiger, Einleger und Kunden im Krisenfall liegt bei mindestens 8 Prozent der Bilanzsumme, dazu kommt ein Beitrag aus dem neuen, von der Finanzbranche finanzierten und mit 55 Milliarden Euro gefüllten Rettungsfonds, in Höhe von 5 Prozent. Macht also 13 Prozent. Es verbleibe eine „Deckungslücke“ von 87 Prozent der Bilanzsumme.

Dafür dürfen nun im Falle des Falles die Steuerzahler geradestehen, und zwar nicht nur die Steuerzahler der betroffenen Länder selbst, sondern in gemeinschaftlicher Haftung auch die Steuerzahler anderer Länder. Angesichts einer Bilanzsumme der Banken der Krisenländer von 9131 Milliarden Euro ist dies keine Kleinigkeit, sondern ein großes Risiko für die finanzielle Stabilität der Bundesrepublik Deutschland. Deutschland haftet im Prinzip für 28 Prozent von 87 Prozent dieser Summe, also für 2145 Milliarden Euro. 

Deutschland hafte also für 2145 Milliarden Euro. Das wäre tatsächlich eine ganze Menge – wenn es denn stimmen würde. Denn zunächst einmal steht im Gesetz zur Bankenunion ja gerade nicht, dass fortan für alle Bankverbindlichkeiten eine gemeinsame Haftung gilt. Wenn die Branchenmittel aufgebraucht sind, muss in der Regel der betroffene Staat einspringen, der sich dann, wenn er alleine zu schwach ist, beim ESM Geld borgen kann. Das kann man nun kritisieren, es ist aber jetzt – siehe Spanien – bereits gängige Praxis. Es gibt hier keine zusätzliche, gesetzlich vorgeschriebene Haftung. Nur in Ausnahmefällen kann der ESM direkt rekapitalisieren und auch hier sind die Mittel begrenzt und der Bundestag muss zustimmen. Mit anderen Worten: Das wird nie passieren.

Wenn Sinn also schreibt, dass bei Bankenpleiten die Steuerzahler geradestehen, dann mag das stimmen. Aber das tun sie immer und es hat mit der Bankenunion nichts tu tun. Wenn überhaupt dann wird durch diese die Inanspruchnahme der Steuerzahler durch die Eigenbeteiligung des Finanzsektors verringert – ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage.

Irreführend ist es auch, in diesem Zusammenhang mit dem Bilanzvolumen der Banken zu argumentieren. Banken geraten in Schwierigkeiten, wenn sie Verluste erwirtschaften und Abschreibungen tätigen müssen. Dadurch wird ihr Eigenkapital aufgezehrt und irgendwann kommt das Moratorium der Aufsicht.

Für die Kosten der Rettung ist also entscheidend, wie groß die Verluste sind und wie gut die Kapitalausstattung ist – und nicht, wie groß die Bilanzsumme ist. Natürlich könnte man argumentieren, dass die Bilanzsumme sozusagen so etwas wie die maximal mögliche Kapitallücke angibt. Aber das stimmt nur, wenn das Vermögen komplett wertlos ist. Das ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern schlicht kaum vorstellbar. Und selbst wenn es so käme, würde man eine solche Bank wahrscheinlich abwickeln und nicht sanieren.

Sinn scheint zu ahnen, dass er sich hier etwas weit aus dem Fenster lehnt, denn er räumt ein, dass bislang die 13 Prozent in den meisten Fällen ausgereicht hätten. Bei der Commerzbank hätte der bail in ohne den Fonds damals übrigens rund 80 Milliarden Euro ausgemacht – das hätte locker gereicht, um ohne Staatshilfe auszukommen. Aber Sinn will sein Argument retten, und schreibt:

Die Risiken könnten alles sprengen, was man bislang hat beobachten können.

Stimmt: Wenn uns der Himmel auf dem Kopf fällt, sind wir alle tot. Aber jetzt packt Sinn noch ein Argument aus:

Das Hauptproblem bei der Risikoübernahme ist allerdings nicht das Eintreten des Risikos selbst, sondern die Erpressbarkeit der Garantie gebenden Staaten. Um die Risiken klein und die Abschreibungsverluste von vornherein unter 13 Prozent der Bilanzsumme halten zu können, werden die haftenden Länder gezwungen sein, die Rekapitalisierung der Banken Südeuropas durch eine exzessive Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank noch sehr lange hinzunehmen.

Auch hier gilt: Das stimm nur, wenn die Deutschen tatsächlich unbegrenzt haften würden. Das tun sie aber nicht. Und übrigens dürfte auch ohne Bankenunion keine Bundesregierung zusehen, wie in Südeuropa massenweise Banken kollabieren. Interveniert wird und wurde in solche Fällen, wenn man sich einen  Nutzen davon verspricht und nicht aufgrund irgendwelcher Abmachungen. 

Man kann an der Bankenunion sicher viel kritisieren – aber Sinn kritisiert nicht das diese Woche vom Kabinett verabschiedete Gesetz, sondern ein Zerrbild desselben.

Update: Stephan Ewald hat das Szenario sehr schön beschrieben, dass eintreten müsste, damit die Bilanzsumme die relevante Größe für die Kosten der Bankenrettung ist.

153 Kommentare


  1. @ bmmayr # 97

    Daraus aber zu schliessen, das die Funktion als Intermediär dadurch verschwindet ist falsch, denke ich.

    Nein, NEIN und nochmals N E I N ! ! !

    Wenn noch nicht einmal die Denker in diesem Forum die Zweistufigkeit unseres Geldsystems verstehen, obwohl ich mir hierzu seit Monaten die Finger wund schreibe, dann sehe ich schwarz für die Zukunft Europas.

    Ich kann mich nur wiederholen:

    1. Sichteinlagen/Depositen können NICHT verliehen werden!

    2. Sichteinlagen/Depositen sind KEINE Voraussetzung für eine Kreditvergabe!

    3. Zentralbankgeld in den Händen einer Geschäftsbank zählt NICHT zur Geldmenge!

    Veblen war in seiner # 83 mit heutzutage und verleihen begrifflich nicht ganz sauber. Einlagen konnten noch nie verliehen werden, da sie sich auf der Passivseite der Bilanz befinden. Bilanzielle Kapitalpositionen entziehen sich einem Verleihvorgang. Sie können nur Aktivposten (Vermögen) verleihen. Dies haben Sie immerhin verstanden.

    Aber selbst dann, wenn es um das ZB-Geld auf der Aktivseite ginge, wäre es keine Leihe/Miete, da bei einer Leihe derselbe (nicht der gleiche) Gegenstand zurück gegeben werden müsste. Kredit ist eben nicht nur juristisch etwas andere als Leihe/Miete. Nicht umsonst unterschreibt man bei einer Bank ja auch keinen Mietvertrag sondern einen Kreditvertrag. Zudem: Wie wollen Sie etwas verleihen, was gar nicht zur relevanten Geldmenge gehört? Eine Bareinzahlung bzw, eine Barauszahlung bei einer Geschäftsbank ist nichts anderes als eine Geldstufentransformation. Durch Ihren Hinweis auf die Investmentbanken in # 87 hatte ich eigentlich vermutet, dass Sie hiermit keine Schwierigkeiten haben.

    Sämtliche Vorstellungen zur Intermediarität von Banken sind Mumpitz.

    Dieser Mumpitz ist aber nicht nur bei Ihnen, sondern bei einer übergroßen Mehrheit auch der Ökonomen fester Glaubensbestandteil einer Duckschen Micky-Maus-Ökonomie. Dazu noch die Vorstellungen von einem Anspruch auf eine positive Numéraire-Rendite in Kombination mit positiven Abzinsungsfaktoren (kalkulatorische Zinsen bzw. Mindestrendite) und viele Investitionen unterbleiben, obwohl sie aus gesamtwirtschaftlicher Sicht durchaus sinnvoll sein können.

    Wenn Ökonomen aber nun einmal so numérairefixiert sind, dann sollten wir ihnen doch dass bieten, was sie sich wünschen. Dafür brauchen wir aber mehr von diesen Schuldentilgungsmitteln in den Händen potenzieller Konsumenten! Dies geht entweder über Umverteilung (nehmen) oder über ein ZFB (geben). Auch hier vertraue ich (wieder einmal) mehr den biblischen Weisheiten: Geben ist seliger denn Nehmen.

    LG Michael Stöcker

  2.   veblen

    @ Dietmar Tischer, 95

    Ich denke, man kann den Begriff Intermediarität so interpretieren wie Sie. Auch wenn Banken keine Ersparnisse verleihen, so vermitteln sie doch zwischen den Interessen der Sparer und der Kreditnehmer. Weiterhin kann man Geschäftsbanken als Intermediäre zwischen der Zentralbank und den Nichtbanken ansehen. Denn sie sind es, die Zentralbank-/Bargeld in Umlauf bringen.

    Aber ich glaube nicht, dass dies die Punkte sind, auf die es Michael Stöcker wirklich ankommt. Vielmehr geht es ihm um den Mythos, der immer noch in Lehrbüchern zu finden ist, dass Banken die Ersparnisse der Haushalte einsammeln, um sie dann an Unternehmen zu Investitionszwecken weiter zu verleihen. Das ist – da hat er recht – ein Märchen.

    LG veblen

    P.S. Mich würde auch interessieren, was F. Lindner, H. K. und M. Stöcker zu Waldmann sagen.

  3.   veblen

    @ bmmayr, 97 f.

    So sehr ich Sie als Kommentator schätze, dieses Mal liegen Sie definitiv falsch. Banken verleihen nicht nur keine Einlagen, sie verleihen auch keine Aktiva, die ihnen im Zuge des Einlagengeschäfts zufließen.

    Wenn die Bank bestehendes Geld verleihen würde, dann bliebe die Geldmenge unverändert. Wie Sie aber anhand Ihres Beispiels leicht nachprüfen können, ist die Geldmenge um 1000 € gestiegen. Daran ändert auch die Barauszahlung nichts. Hier wurde nur eine Geldform in eine andere „umgerubelt“.

    „Ich bin im übrigen davon überzeugt, dass viele kleinere Banken noch häufig per Saldo als Intermediär fungieren.“

    Das behaupten zumindest Sparkassen und Volksbanken in ihren Geschäftsberichten („Auch in diesem Geschäftsjahr konnten wir unsere Ausleihungen wieder vollständig durch Kundeneinlagen finanzieren ….“). Aber dieser Propaganda sollte man als kritischer und sachkundiger Ökonom keinen Glauben schenken.

    LG veblen

  4.   Dietmar Tischer

    @ veblen # 102

    >Aber ich glaube nicht, dass dies die Punkte sind, auf die es Michael Stöcker wirklich ankommt. Vielmehr geht es ihm um den Mythos, der immer noch in Lehrbüchern zu finden ist, dass Banken die Ersparnisse der Haushalte einsammeln, um sie dann an Unternehmen zu Investitionszwecken weiter zu verleihen.>

    Ich glaube auch, dass es ihm darum geht.

    Nur:

    DARÜBER hätte er mit mir nicht zu streiten brauchen. Denn ich hatte ja zu Anfang geschrieben, dass DIESE Art von Intermediarität nicht der Fall ist. Ich hatte allerdings auch geschrieben, dass Banken (auch) Intermediäre sind. Das hat er kategorisch bestritten. Daraus hat sich der Disput entwickelt: Ich habe im Sinne dieser Aussage argumentiert, nämlich, dass Intermediarität im Rahmen der GESAMTHEIT der Bankentätigkeiten vorkommt – auch weit weg von der Geldschöpfung, z. B. bei der Vermittlung eines Wertpapierkaufs. Michael Stöcker hat Intermediarität NUR auf die Geldschöpfung bezogen. Wieder einmal die Gretchenfrage: Was ist die Referenz – das, was eine Aussage meint, oder das, was fürs Thema relevant ist. Für mich sind es grundsätzlich die Aussagen. Wie auch immer, bei allen Mühen, am Ende ist dann doch noch etwas herausgekommen – auch dank Ihrer Beiträge.

    Im Übrigen glaube ich, dass man unter Intermediarität im hier besprochenen Kontext Unterschiedliches verstehen kann. Man könnte schon darüber diskutieren, ob die Banken zwischen den unterschiedlichen Interessen der Sparer und Kreditnehmer VERMITTELN oder, ob sie sich diese zu NUTZE machen. In beiden Fällen ist das Handeln der Banken auf den Nutzen aller direkt Beteiligten angelegt, aber die INTENTIONEN, mit denen dies erreicht werden soll, unterscheiden sich.


  5. @veblen 103
    „Wie Sie aber anhand Ihres Beispiels leicht nachprüfen können, ist die Geldmenge um 1000 € gestiegen. “

    Das ist im Prinzip natürlich völlig und absolut korrekt.
    Aber damit ist meiner Meinung nicht alles relevante über die Transaktion(en) gesagt. Denn im Prinzip kommt es mir nicht drauf an was im Prinzip passiert, sondern rein praktisch bin ich daran interessiert was die Transaktion(en) real in der Praxis bewirken. Und dabei kommt es darauf an was mit dem neu geschaffenen Geld passiert.

    2 Extrembeispiele:

    1. Das Deposit des Sparers ist eine tagesfällig Sichteinlage und S greift auch häufig darauf zu, gibt Geld aus und reizt den Dispo aus bis das nächste fette Gehalt kommt. Der langfristige Kredit an ist ein K wird sofort von der Bank verbrieft und verkauft. Das neu geschaffene Geld wird aktiv und sein Geldcharakter kommt voll zur Geltung.
    Die ganze Transaktion ist ganz klar praktisch wirksame Geldschöpfung hat aber auch noch ein wenig den Charakter eine Intermediation plus ein kräftige Dosis Fristentransformation.

    2. Das Deposit des Sparers ist unkündbar für 2 Jahre mit endfälliger Zinszahlung (z.B. Parken einer Sonderzahlung für einen geplanten Autokauf in 2 Jahren). Der Kredit an K läuft ebenfalls 2 Jahre dito mit endfälliger Zinszahlung (Überbrückung bis zur Fälligkeit einer Lebensversicherung zum Renteneintritt) und die Bank behält den Kredit in ihren Büchern.
    Die ganze Transaktion beinhaltet zwar formal auch Geldschöpfung, aber das neu geschöpfte Geld sitzt nur da und nimmt nicht am Geldkreislauf teil. So wie wenn die EZB physisch Geld druckt und sofort danach im Keller wegsperrt. Die Transaktion hat zero Fristentransformation und was übrig bleibt ist als Hauptcharakter die Intermediation. Bis auf die 2 Positionen in der Bilanz der Bank, die keine praktische Geldwirkung entfalten (aber natürlich die Risikoposition der Bank beeinflussen) ist es praktisch so als ob S direkt sein Geld für 2 Jahre an K vermietet hätte.

    Ich reite darauf so herum, weil je nachdem wie die Bank aktiv ist, alles per Saldo hauptsächlich den Charakter der Geldschöpfung und/oder aber auch der Intermediation (und/oder Fristen- und Risikotransformation) tragen kann. Und dieses Verhalten von Banken ist der Beeinflussung durch Zinssetzung der Zentralbank und durch regulatorische Vorgaben durch die Bankenaufsicht zugänglich.

    Nicht umsonst ist eine der Erkenntnisse der Finanzkrise, dass es sowas wie Schattenbanken gibt, Dinge die sich Versicherungen, Investment Häuser oder money market fonds nennen aber de facto Bank Geschäfte betreiben, weil sie über borrow short, lend long Fristentransformation betreiben oder durch Verbriefung von illiquiden assets liquides Geld schaffen.

    Aber als Gegenentwurf dazu kann eine Bank natürlich auch extrem, nennen wir es mal traditionell oder konservativ, verfahren und in der Summe den Geldschöpfungscharakter ihrer Aktivitäten minimieren.

    Das alles ist wichtig, weil wir uns zurecht von der Vorstellung verabschiedet haben (oder sollten), dass die Zentralbanken durch Geldmengensteuerung die Wirtschaft steuern (können), es aber über die oben genannten Parameter andere Einflußkanäle gibt durch die die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden ihre jeweiligen Ziele anstreben können.

    Die Buba fängt ja an entsprechend zu handeln, ich sehe zumindest die Einlassung des Chefvolkswirts über die Lohnpolitik in diesem Zusammenhang.

    Herzliche Grüße und Dank dafür, dass Sie sich als intellektueller Sparringspartner zur Verfügung stellen!

  6.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 101

    >Sämtliche Vorstellungen zur Intermediarität von Banken sind Mumpitz.>

    Sie wissen, WAS bzw. was NICHT mit Intermediarität gemeint sein kann bzw. darf?

    Sie kennen SÄMTLICHE Vorstellungen von Intermediarität?

    Sie kennen ALLES, bei Banken geschieht oder geschehen kann?

    Drei Fragen, dreimal JA – wenn Sie die Aussage ernsthaft vertreten wollen.

    Das ist anmaßend.

    Wenn Ihnen dann jemand ein Beispiel vorführt (Aktienkauf), dem jeder vernünftige Mensch Intermediarität zuschreiben würden, dann flüchten Sie sich ins Semantische oder relativieren. Das ist führt aber zu nichts: Wenn Sie „Sämtliche“ und „Banken“ sagen, dann können Sie nicht in der Diskussion die Umfang dieser Begrifflichkeiten so einengen, dass es IHNEN passt.

    Warum können Sie nicht einfach sagen:

    DIESE oder jene Funktionalität ist so bestimmt, dass dabei nicht das stattfinden kann, was dem allgemeinen Verständnis nach unter Intermediarität verstanden wird?

    Vielleicht würde man sich dann auch nicht einigen können bei einem Disput.

    Aber es wäre sehr viel einfacher und effizienter, ihn zu führen.


  7. @101
    Sorry, ich habe Ihren Kommentar gerade erst gesehen.

    1. und 2. völlig OK.

    Und nochmals sorry, dass ich Ihnen Verzweiflungsgefühle beschere, vielleicht bin ich tatsächlich so blöd, aber:
    Warum zählt Zentralbankgeld in den Händen einer Geschäftsbank NICHT zur Geldmenge?
    Und warum muß etwas zur relevanten Geldmenge (welche ? M1 M7 M08/15 ?) gehören, wenn ich es vermieten möchte?
    Man kann auch Aktien vermieten (obwol es Aktienleihe heisst).

    Ich bin völlig bei Ihnen, wenn Sie die Duckschen Micky-Maus-Ökonomie geisseln und ich denke auch nicht, dass Banken reine Intermediation betreiben können, es sind wie oben beschrieben auch immer andere Aspekt wie eben z.B. die Giralgeldschöpfung notwendigerweise mit dabei.

    Aber in der Summe der Aktivitäten eines Players denke ich schon, dass der Intermediationscharakter dominant sein kann (KANN). Bei anderen Geschäftsmodellen wie z.B. bei den money market funds oder der Depfa war durch borrow short, lend long der Fristentransformationscharakter dominant (der der Depfa das Genick gebrochen hat).

    Wenn man z.B. Derivate- oder andere Wertpapierhändler ansieht, dann gibt es auch welche die hauptsächlich als market maker fungieren, steht da nicht der Intermediationscharakter im Vordergrund?


  8. @ veblen # 103

    Sofern ich Waldman richtig verstehe, beschreibt er ein systemimmanentes Problem unseres Kreditgeldsystems, das schon vor 2000 Jahren bekannt war und heute als Matthäus-Effekt beschrieben wird (hatte ich hier schon mehrfach drauf hingewiesen). Es sind die Mechanismen, die ich in den Präliminarien meines 10-Punkteplans beschrieben hatte. Das Problem wird vor allem dann virulent, wenn sich nicht mehr die Unternehmen für Investitionen verschulden, sondern die Konsumenten und/oder der Staat, um die durch die Lohnlücke entstandene Nachfragelücke kreditorisch zu kompensieren.

    Dies ist die Schlinge am Hals des Konjunkturzyklus. Dieser wird nun einmal von der Kreditexpansion getrieben. Die Kredite werden durch den Bankensektor vergeben. Welche Fehler hierbei passieren können, hatte ich in dem Beitrag Das Geschäft mit der Verbriefung ausführlich beschrieben (passt thematisch sehr gut zu dem, was bmmayr in seiner # 105 beschreibt). Durch die Verbriefung wird das Risiko aus der Bankbilanz ausgelagert und auf eine andere Bank verlagert oder aber ganz aus dem Bankensektor herausgelöst, wenn irgendwelche Investoren auf der Suche nach höherer Rendite solche Assets erwerben. Damit liegt dann auch das Risiko nicht mehr im Bankensektor, sondern beim Investor. Von daher sollten wir auch ein striktes Trennbankensystem haben. Kein Zugang zu ZB-Geld für Investmentbanken, Hedgefonds etc. sondern ausschließlich für solche Banken, die der Kontrolle der EZB unterliegen.

    Um die Gefahren eines konjunkturellen Absturzes zu verhindern/verringern, hatte man sich in der sozialen Marktwirtschaft mal ein Steuersystem ausgedacht, das solche Verwerfungen abmildert/korrigiert (als kontinuierliche Alternative zum Jubeljahr). Dazu gehörten auch ein progressives Steuersystem sowie eine Erbschaftssteuer. Damit wurden die Geldüberschüsse systematisch abgeschöpft und durch den Staat wieder nachfragewirksam. Somit konnten die weniger Erfolgreichen in der zweiten Runde wieder etwas vom Geldkuchen/Schuldentilgungsmittelkuchen ergattern, um ihren Kreditverpflichtungen nachkommen zu können. Denn dies geht nur mit Geld, nicht aber mit Naturalien. Gerät dieser Prozess wegen der Konzentrationstendenz ins Stocken, dann kollabiert das System (alle Länder mit LB-Defiziten sowie steigendem Gini-Koeffizienten ohne eigene Währung sind hier besonders gefährdet). Sind Kredite durch Eigentum an Grund und Boden etc. abgesichert, dann steigt die Realvermögenskonzentration. Dies ist aus geldsystemischer Sicht kurzfristig weniger problematisch als der Totalausfall bei den Banken. Langfristig kommt dann aber irgendwann die Französische Revolution.

    Dies hat übrigens noch relativ wenig mit der Binswangerthese zu tun, auf der mein 10-Punkteplan basiert. Dies ist das Problem hinter dem Problem. Unser sichtbares Problem ist die Geldvermögenskonzentration in den Händen weniger, die eine Schuldentilgung bestehender Kredite buchhalterisch unmöglich macht. So verstehe ich auch die Argumentation von Waldman. Hier wirkte der internationale Steuersenkungswettbewerb als Brandbeschleuniger.

    Wir sollten immer bedenken, das Geld nichts anderes ist als Kredit. Es hat damit eine ganz andere Qualität als sämtliche anderen Assets, die grundsätzlich schuldfrei sind, sofern sie nicht verpfändet, abgetreten oder sonst wie besichert sind. Geld/Kredit hat immer einen Rückzahlungstermin; ebenso wie Forderungen/Verbindlichkeiten. Alle anderen bilanziellen Assets haben keinen Rückzahlungstermin, dienen aber als pfändbares Eigentum bei Zahlungsunfähigkeit. Gegenseitige Forderungen und Verbindlichkeiten lassen sich verrechnen. Bei multiplen Beziehungen ist dies nicht mehr möglich. Von daher gibt es ja dieses segensreiche Schuldgeld. Gibt es von diesem Geld zu wenig, weil es an anderer Stelle versickert (Schwarzgeld aus Steuerhinterziehung oder illegalen Geschäften) oder aber als Asset gebunkert wird, dann wird aus Segen Fluch, weil die Schuldner ihre Schulden nicht mehr bedienen können und die Abwärtsspirale nimmt ihren verhängnisvollen Lauf.

    Insofern ist Waldman für mich die Bestätigung, dass ich mit meiner Analyse (fehlerhafte Vorstellungen von unserem Geldsystem) sowie meinen Ideen zur Krisenbewältigung nicht so ganz danebenliege.

    LG Michael Stöcker


  9. @ bmmayr # 107

    Sie sind sicherlich nicht zu blöd!!! Ich lege großen Wert auf den Gedankenaustausch mit Ihnen. Auch ich stehe immer mal wieder auf dem Schlauch. Es ist für mich lediglich ein weiteres Indiz, wie sehr unsere Gedanken durch die Neoklassik und das tagtägliche Geschwätz in den Mainstream-Medien vernebelt werden.

    Warum zählt Zentralbankgeld in den Händen einer Geschäftsbank NICHT zur Geldmenge?

    Weil Nichtbanken hierüber nicht verfügen können. Nur das Geld, über das Nichtbanken verfügen können ist kaufrelevant; und das befindet sich bei der Bank auf der Passivseite (Deposit) oder aber im Geldbeutel (Geldstufentransformation).

    Man kann auch Aktien vermieten (obwol es Aktienleihe heisst).

    Nein, das kann man nicht. Wo wollen Sie da einziehen? Wir haben es hier mal wieder mit einer umgangssprachlichen Unschärfe zu tun. Tatsächlich handelt es sich bei der Wertpapierleihe um ein Sachdarlehen (auch wenn Ihnen Ihr Nachbar 5 Eier leiht, handelt es sich um ein Sachdarlehen).

    Und ein Sachdarlehen ist wiederum etwas anderes als ein Kreditvertrag! Wir müssen in der Begrifflichkeit präzise sein, da die Begriffe Miete, Leihe, Darlehen, Kredit für höchst unterschiedliche Sachverhalte reserviert sind.

    LG Michael Stöcker

  10.   rjmaris

    #108 Stöcker
    Das Problem wird vor allem dann virulent, wenn sich nicht mehr die Unternehmen für Investitionen verschulden, sondern die Konsumenten und/oder der Staat, um die durch die Lohnlücke entstandene Nachfragelücke kreditorisch zu kompensieren.

    Faktisch ist es ja so, dass die Schulden der Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten immer abgenommen haben. Dabei ist gleichzeitig eine Zunahme der Buchgeldmengen zu verzeichnen, ja tendenziell in wenigen Händen. So ist es nicht mehr als zwangslogisch, dass (nebst der Staat), die Masse der Konsumenten sich immer mehr verschuldet. Damit sage ich nichts Neues, fasse allerdings ein schleichender Prozess zusammen.

    […] um ihren Kreditverpflichtungen nachkommen zu können. Denn dies geht nur mit Geld, nicht aber mit Naturalien.

    Nun ja, der vollständigkeitshalber: mit (Arbeits)leistungen, die von Schuldnern erbracht werden können, dafür bekommt er ja Geld. Also Arbeit bzw. Naturalien. Das ist der EINZIGE Weg ohne Schuldenschnitt, dass im Waldmannschen Sinne Geldvermögen im Aggregat abgebaut werden können.

    Unser sichtbares Problem ist die Geldvermögenskonzentration in den Händen weniger, die eine Schuldentilgung bestehender Kredite buchhalterisch unmöglich macht.

    Genau dies ist der Punkt, um die es geht, und die auch aus dem Waldman-Epistel eben aus umgekehrter Sicht betrachtet wird.

    Eine etwas andere Sichtweise der Zahlungsunfähigkeit entsteht, wenn ich Jobverlust betrachte. Wer „vernünftig“ einen Kredit nachfragt, tut dies, weil er weiß, dass der Kredit getilgt werden kann. Im Normalfall wird nur Arbeitslosigkeit Kredittilgung und damit Verringerung von Geldvermögen anderswo verhindern. Hier liegt für mich ein tiefer Zusammenhang: Haltung liquider Mittel über längere Zeit (und wenn es verstecktes Schwarzgeld ist) erzeugt INDIREKT aus rein buchhalterischer Logik Arbeitslosigkeit. Dass dies in der Praxis über Konjunkturschwierigkeiten läuft, ist nur eine Auswirkung daraus, mehr nicht. Die buchhalterische Logik ist abstrakt; Konjunktur ist konkret. Deswegen meinen alle: die Konjunktur ist schuld. Ich denke anhand solcher Überlegungen: Arbeitslosigkeit ist nur in den seltensten Fällen selbstverschuldet, weil durch Geldakkumulation bedingt.

    Bei alledem geistert bei mir das Konzept der immer sinkenden Profitraten im Kopf, das lt. einem Buchlein (Geschichte des ökonomischen Denkens, D. Kurz) schon lange gängig sein soll. Ich kombiniere das mit Marxens Ringen zur Frage, wo der Unternehmensgewinn herkommt, und der damals offenbar erkannte: Im Aggregat aus der Vorfinanzierung bzw. Kreditmenge aller Investitionen. Klar, dass die Kreditmenge nicht ewig expandieren kann. Die fallende Profitrate wird wohl entgegengewirkt, indem immer mehr Konsumenten zu Kreditnehmern werden, angefangen in den USA, mit der Kreditkartenkultur, und natürlich auch mit der Verbriefung.

 

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