‹ Alle Einträge

I = S, was heißt denn des?

 

Immer wieder rauchen die Köpfe, wenn es um die berühmte Formel I = S geht, also darum, dass die gesamtwirtschaftlichen Investitionen (I) gleich den gesamtwirtschaftlichen Ersparnissen (S) sind, so zuletzt auch wieder einmal hier im Herdentrieb. Ganze Weltanschauungen scheiden sich daran, wie dieses Gleichheitszeichen zu interpretieren ist.

Neoklassiker glauben, dass erst einmal gespart werden müsse, damit sich dann die Investitionen in gleichem Umfang einstellen. Keynesianer denken genau anders herum, dass erst die Investitionen zu den entsprechenden Ersparnissen führen würden. Die unterschiedliche Sichtweise ist nicht trivial, denn je nachdem, wie man I = S interpretiert, kommt man zu ganz unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Empfehlungen.

So muss nach neoklassischer Lesart mehr gespart werden, damit auch mehr investiert wird – dadurch würde dann die Wirtschaft angekurbelt und die Beschäftigung erhöht. Diese Idee steht beispielsweise hinter der zur Lösung der Eurokrise propagierten Austeritätspolitik. Nach keynesiansischer Lesart müssten genau umgekehrt einfach die Investitionsausgaben erhöht werden und die Ersparnis stelle sich dann ganz von allein ein.

Bei beiden Positionen gibt es allerdings ein Grundproblem: Eine buchhalterische Identität wird als kausaler Zusammenhang zwischen zwei (vermeintlich) unterschiedlichen Größen interpretiert. Das hat zu großer Verwirrung nicht nur unter den Kommentatoren hier im Blog, sondern auch unter vielen Professorinnen und Professoren der Volkswirtschaftslehre geführt. Ein Grund für diese Verwirrung mag sein, dass sich die akademische Volkswirtschaftslehre zu selten mit etwas vermeintlich so trivialem wie buchhalterischen Zusammenhängen befasst – die akademischen Meriten lassen sich eher mit abstrakten und komplizierten Modellen verdienen, die nicht immer viel mit der ökonomischen Realität gemein haben.

Wer die berühmte Formel aber wirklich verstehen will, der muss sich leider in die Niederungen der Buchhaltung begeben. Dabei kommt man leider nicht um ein paar Definitionen und Formalien herum. Die sind aber mit den vier Grundrechenarten leicht zu bewältigen (einen sehr guten Überblich zum Thema gibt übrigens Johannes Schmidt).

Fangen wir damit an, uns klar zu machen, was mit dem „Sparen“, also dem S in I = S eigentlich genau gemeint ist. Dafür müssen wir genau verstehen, wie sich das Vermögen einer bestimmten Wirtschaftseinheit zusammensetzt – denn „Sparen“ ist nichts anderes als die Veränderung dieses Vermögens innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Das Vermögen einer Wirtschaftseinheit lässt sich in Form einer Vermögensbilanz darstellen. Auf der linken Seite der Bilanz, der Aktivseite, stehen das Sachvermögen (SV) und das Geldvermögen (GV). Als Geldvermögen werden alle Forderungen gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten bezeichnet. Auf der rechten Seite der Bilanz, der Passivseite, stehen die Schulden, d.h. alle Verbindlichkeiten (VB) gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten, und, wie wir gleich sehen werden, das Reinvermögen.

Der Vermögensstatus unserer Wirtschaftseinheit ergibt sich nun dadurch, dass man von der Summe der Aktiva die Schulden abzieht. Man erhält so das Reinvermögen (RV) einer Wirtschaftseinheit (Formal: RV = SV + GV – VB; wobei der Saldo aus Geldvermögen und Verbindlichkeiten auch als Nettogeldvermögen (NGV) bezeichnet wird, so dass RV = SV + NGV).

Grafuik: Beispiel einer Vermögensbilanz mit positivem NGV

Jetzt können wir genau definieren, was unter „Sparen“ zu verstehen ist: Sparen ist die Veränderung des Reinvermögens in einem bestimmten Zeitraum. Ist das Reinvermögen einer Wirtschaftseinheit, etwa eines Unternehmens oder eines Haushaltes, zwischen dem ersten und dem letzten eines Monats um einen bestimmten Betrag angestiegen, dann hat diese Wirtschaftseinheit in diesem Monat genau diesen Betrag gespart.

Aus der Definition des Reinvermögens ergibt sich, dass Sparen rein buchhalterisch gleich der Veränderung des Nettogeldvermögens (ΔNGV) plus der Veränderung des Sachvermögens (ΔSV) ist, wobei die Veränderung des Sachvermögens auch als Investition (I) (präziser: als Nettoinvestition) bezeichnet wird. Als Formel ausgedrückt ergibt sich also:

S = ΔNGV + I

Und jetzt kommt die Pointe: Die Investitionen (I) sind rein definitorisch eine der zwei Formen des Sparens. Wer Sachvermögen bildet, der spart. Wenn jetzt jemand sagt: Die Ersparnis führt zu einer Investition, sagt er nichts anderes, als dass eine Ersparnis zu einer Ersparnis führt; wer sagt, eine Investition führt zur Ersparnis, sagt lediglich, dass eine Investition eine Investition ist.

Allerdings steht in unserer aus dem Bilanzzusammenhang abgeleiteten Sparformel neben dem I – dem Sparen in Form der Sachvermögensbildung – noch das ΔNGV, also das Sparen in Form der Bildung von Nettogeldvermögen. Der Unterschied zwischen dieser Formel und der berühmten Formel I = S ist, dass es sich bei letzterer um die Gesamtwirtschaft handelt und nicht um eine beliebig abgegrenzte Wirtschaftseinheit, die nur einen Teil der Gesamtwirtschaft umfasst, wie z.B. ein einzelnes Unternehmen oder der Unternehmenssektor als Ganzes oder die privaten Haushalte oder der Staat etc.

Betrachtet man eine Gesamtwirtschaft, dann verschwindet die Nettogeldvermögensbildung. Um das zu verstehen, müssen wir klären, wie jemand sein Nettogeldvermögen eigentlich ändern, also auf diese Weise sparen kann. Dazu brauchen wir allerdings wieder ein paar Definitionen.

Die in Deutschland gängige Buchhaltung nennt Transaktionen, die das Nettogeldvermögen verändern, Ausgaben und Einnahmen. Ausgaben und Einnahmen sind etwa Löhne und Gehälter, Zinsen und Dividenden, Steuern, Transfers, Kauf und Verkauf von Gütern etc. Wer einen Einnahmenüberschuss erzielt (mehr einnimmt als ausgibt), erhöht sein Nettogeldvermögen, spart also; wer einen Ausgabenüberschuss hat (mehr ausgibt als er einnimmt), verringert sein Nettogeldvermögen, hat also eine negative Ersparnis (Man bezeichnet diese Transaktionen auch als Leistungstransaktionen im Gegensatz zu reinen Finanztransaktionen, die nie das Nettogeldvermögen verändern und von daher für die Höhe der Ersparnis irrelevant sind).

Jetzt ist es aber so, dass die Einnahmen eines Wirtschaftsakteurs immer notwendig die Ausgaben eines anderen Wirtschaftsakteurs sind: Die Lohneinnahmen der Arbeitnehmer sind die Lohnausgaben der Arbeitgeber; der Kauf des Kunden ist der Verkauf des Händlers oder des Produzenten; die Zinseinnahmen des Gläubigers sind die Zinsausgaben des Schuldners etc.

Das heißt dann: Wenn irgendjemand einen Einnahmeüberschuss hat, müssen alle anderen Wirtschaftseinheiten zusammen einen Ausgabenüberschuss in gleicher Höhe haben. Jemand kann also nur dann „Geldsparen“ (sein Nettogeldvermögen erhöhen), wenn alle anderen zusammen – d.h. der Rest der Wirtschaft – sein Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag verringert!

Ein Beispiel: Deutschland als eine Wirtschaftseinheit erzielt jedes Jahr einen gigantischen Einnahmenüberschuss, auch Leistungsbilanzüberschuss genannt. Der Rest der Welt hat notwendigerweise ein Leistungsbilanzdefizit – einen Ausgabenüberschuss – in gleicher Höhe.

Wenn wir dann alle Einnahmenüberschüsse von allen Ausgabenüberschüssen abziehen, ergibt sich immer: null. Das heißt, die Welt in ihrer Gänze (oder die jeweils betrachtete Gesamtwirtschaft) kann nie in Form von Nettogeldvermögen sparen. In der Gesamtheit kann man nur in Form von Sachvermögen sparen, also investieren. Genau das heißt die Formel I = S.

Um es klar zu sagen: Diese Zusammenhänge haben nichts mit dem „passenden“ Verhalten der Wirtschaftsakteure zu tun; die Identität von Ausgaben und Einnahmen auf der Ebene der Gesamtwirtschaft ist auch kein Gleichgewicht, das sich erst durch geeignete Veränderungen von Einkommen, Preisen oder Zinsen einstellt. Es ist eine immer gültige Definition. Wenn Sie das nicht glauben, versuchen Sie mal etwas einzunehmen, ohne einen anderen zu einer entsprechenden Ausgabe zu bringen.

Um noch mal zu veranschaulichen, was I = S bedeutet, ist es sinnvoll, genauer zu sagen, was die Formel nicht bedeutet: Sie bedeutet nicht, dass die Ersparnis der Haushalte von den Unternehmen investiert wird. So etwas Ähnliches denken oft die Neoklassiker. Sie heißt auch nicht, dass das, was Unternehmen investieren, dann irgendwie zu einer entsprechenden Ersparnis bei den Haushalten führt. So was denken manche Keynesianer.

Das lässt sich ganz gut an einem Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir eine Wirtschaft an, die nur aus zwei Wirtschaftssektoren besteht, einem Unternehmenssektor und einem Haushaltssektor. Die Ausgaben des Haushaltssektors sind dann notwendig die Einnahmen des Unternehmenssektors und umgekehrt.

Am ersten des Monats beschließen die Unternehmen zu investieren, also neue Maschinen zu bauen. Nehmen wir weiter an, die Unternehmen haben genug Geld, um Arbeiter einstellen zu können, die ihnen die Maschinen bauen und anschließend damit Konsumgüter produzieren. Nachdem die Maschinen fertiggestellt und die Konsumgüter produziert sind, zahlen die Unternehmen ihren Arbeitern den vereinbarten Lohn (die Ausgabe der Unternehmen sind die Einnahme der Haushalte).

Die Haushalte können sich jetzt überlegen, was sie mit ihren Einnahmen bis zum letzten des Monats anstellen. Gehen wir drei Möglichkeiten durch: Nehmen wir erstens an, die Haushalte geben weniger aus als sie eingenommen haben. Dann nehmen die Unternehmen notwendig weniger ein als sie ausgegeben haben – die Unternehmensumsätze sind also geringer als die Löhne, die sie gezahlt haben. Die Nettogeldersparnis der Haushalte ist dann positiv, die der Unternehmen um den gleichen Betrag negativ.

Geben die Haushalte aber – zweitens – so viel aus, wie sie an Lohn erhalten haben, sind die Umsätze der Unternehmen natürlich genauso hoch wie das, was sie vorher an Löhnen gezahlt haben. Weder bei den Haushalten noch bei den Unternehmen ändert sich das Nettogeldvermögen. Wenn die Haushalte schließlich – drittens – mehr ausgeben als sie eingenommen haben, verringern sie ihr Nettogeldvermögen, und die Unternehmen erhöhen ihr Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag.

Wie hoch ist in jedem der drei Fälle die gesamtwirtschaftliche Ersparnis in dem betrachteten Monat? Ganz einfach: Sie ist jedes Mal genau so hoch wie die Nettoinvestitionen der Unternehmen. Ob die Haushalte ihr Nettogeldvermögen also erhöhen, verringern oder gleich lassen – immer ändert es sich bei den Unternehmen im gleichen Maß (nur mit umgedrehten Vorzeichen). Gesamtwirtschaftlich addieren sich also notwendig alle Änderungen des Nettogeldvermögens zu null und übrig bleiben die neuen Maschinen, also das I (= S).

Im Beispiel führt die Ersparnis der Haushalte also nicht à la Neoklassik irgendwie zu höheren Investitionen – über die bestimmen die Unternehmen ganz allein. Die Investitionen führen aber auch nicht irgendwie zu einer entsprechend hohen Ersparnis der Haushalte wie es sich manche Keynesianer vorstellen. Es gibt schlicht keinen notwendigen buchhalterischen Zusammenhang zwischen der Höhe der Ersparnis der Haushalt und der der Unternehmen. Das S in der Formel ist immer das I. Das ist es auch egal, wer genau investiert. Würden etwa die Haushalte noch Häuser bauen – die ja auch zum Sachvermögen gehören –, würde das zu höherem I und damit zu höherem S führen, vollkommen unabhängig davon, wie sie in der gleichen Periode ihr Nettogeldvermögen verändern.

So weit also zu den rein buchhalterischen Zusammenhängen, die die Identität von Investition und Ersparnis begründen. So richtig spannend wird es natürlich erst, wenn wir auf die Pläne der einzelnen Wirtschaftsakteure schauen, also ihre Investitionsplänen, Ausgabenplänen und Einnahmeplänen, und was passiert, wenn die Pläne nicht aufgehen. Aber für heute war es schon anstrengend genug. Das große Drama der nicht zusammenpassenden Pläne, die zum Auf und Ab der Konjunktur führen, wollen wir ein anderes Mal genauer betrachten. (Wer mag kann auch hier mal nachschauen.)

307 Kommentare

  1.   Wolfgang Waldner

    Nach keynesiansischer Lesart müssten genau umgekehrt einfach die Investitionsausgaben erhöht werden und die Ersparnis stelle sich dann ganz von allein ein.

    Das könnte jetzt auch missverstanden werden, als ob immer Kapital fehle und die Investition den Kapitalstock ohne weitere Bedingungen erhöhe.

    Vermutlich können sich Keynesianer darauf einigen, dass eine Ökonomie immer mit dem optimalen Kapitalstock produziert, bei dem die Kosten der Produktion minimiert sind. Es wäre ja teurer, z. B. mit zu wenig Maschinen in nicht ausreichend großen Gebäuden oder auf zu enger Fläche zu produzieren. Es gibt also keinen Kapitalmangel in einer Ökonomie, auch wenn jedem von uns persönlich viel Kapital mangeln mag, was den beliebten Kapitalmangelstuss der VWL so überzeugend erscheinen lässt.

    Der Kapitalstock richtet sich nach der Auslastung, daher muss die Nachfrage gefördert werden. Die Investition in den Kapitalstock kommt von selber, wenn die Unternehmer die Produktion zu den für sie niedrigsten Kosten optimal organisieren.

    In einer Krise wird auch Kapital vernichtet, um wieder die zwei wichtigsten Sätze von Keynes zu zitieren:

    Der Bestand an Kapital und das Niveau der Beschäftigung werden folglich schrumpfen müssen, bis das Gemeinwesen so verarmt ist, dass die Gesamtersparnis Null geworden ist, so dass die positive Ersparnis einiger Individuen oder Gruppen durch die negative Ersparnis anderer ausgeglichen wird. In einer unseren Annahmen entsprechenden Gesellschaft wird das Gleichgewicht somit unter Verhältnissen des laissez-faire in einer Situation bestehen, in der die Beschäftigung niedrig genug und die Lebensstandard genügend elend ist, um die Ersparnisse auf Null zu bringen.

    Allgemeine Theorie, Berlin 1936/2009, S. 183

    Keynes wird ja gerne missverstanden und so ausgelegt, als solle der Staat die Investitionen der Wirtschaft (durch Subventionen oder Steuergeschenke) fördern, weil damit Kapitalmangel behoben würde und erst danach die Löhne durch eine bessere Produktivität steigen könnten. Die Investition wird erst zur Ersparnis, wenn sie dank zusätzlicher Nachfrage zur Nettoinvestition wurde. Sonst verdrängen sich Investitionen nur gegenseitig, wenn die Nachfrage fehlt.

    Es muss folglich die Konsumnachfrage steigen, wenn es einen größeren Kapitalstock und damit eine reale Ersparnis der Ökonomie geben soll. Andere Darstellungen sind Bastard-Keynesianismus.


  2. Vielleicht kann man es so einfach sagen:

    Wenn man global nicht Geldsparen kann, dann kann man nur Sparen, wenn man reale Werte schafft.

    Oder auf schwäbisch:

    Schaffe, schaffe, Häusle baue,
    und ned nur aufs Konto schaue!

  3.   Wolfgang Waldner

    Interessant übrigens, was die führenden Lehrbücher zu dem Thema schreiben. Zum Beispiel das berüchtigte Werk „Makroökonomie“ von Blanchard/Illing. Im Kapitel 3.4 (5. Auflage, 2009, S. 102) müssen wir da allen Ernstes lesen:

    Investition ist gleich der Ersparnis – ein alternativer Ansatz für das Gleichgewicht am Gütermarkt

    Bislang haben wir das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt als die Gleichheit von Produktion und Güternachfrage beschrieben. Ein alternativer, aber äquivalenter Ansatz betrachtet die Gleichheit von Investition und Ersparnis. Dies ist der Weg, den erstmals John Maynard Keynes 1936 in seinem Buch „The General Theory of Employment, Interest and Money“ formulierte.

    Das grenzt an üble Nachrede:

    Die klassischen Ökonomen faselten seit jeher von einem Kapitalmarkt, an dem der Zins das Angebot von Ersparnissen mit der Nachfrage für Investitionen in Übereinstimmung und damit ins Gleichgewicht bringe.

    Keynes hat dagegen erstmals dem Hirngespinst dieses Kapitalmarkts ein Ende bereitet mit seiner für die Klassiker und Neoklassiker bis heute revolutionären und unbegreiflichen Enthüllung, wonach die Investition erst die Ersparnis schafft, mit der sie ja identisch ist.

    Es gibt also nie ein Ungleichgewicht von Ersparnis und Investition, weil es sich um eine Tautologie handelt. Da ist nichts, womit ein „Sparer“ zu einem Kapitalmarkt gehen könnte, um „es“ einem Investor anzubieten.

    Der Investor schafft die Ersparnis mit seiner Investition, wenn die bei steigender Nachfrage zu einer Nettoinvestition werden kann und nicht am Nachfragemangel scheitert oder nur älteres Kapital am Markt verdrängt.

  4.   Dietmar Tischer

    @ Fabian Lindner

    >… je nachdem, wie man I = S interpretiert, kommt man zu ganz unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Empfehlungen.>

    Das ist richtig.

    Es ist aber falsch, diese Identität („≡“) überhaupt interpretieren zu wollen.

    Denn jede Interpretation, z. B. die von Ihnen dargelegten der Neoklassiker und Keynesianer greift auf Sachverhalte, hier Wirkmechanismen zu, die IN der Identität NICHT enthalten sind.

    Sie sagen

    >Bei beiden Positionen gibt es allerdings ein Grundproblem: Eine buchhalterische Identität wird als kausaler Zusammenhang zwischen zwei (vermeintlich) unterschiedlichen Größen interpretiert.>

    und haben recht, weil die die Identität NICHTS über Kausalität aussagt bzw. sie beinhaltet.

    Sie sagen weiter:

    >Wer die berühmte Formel aber wirklich verstehen will, der muss sich leider in die Niederungen der Buchhaltung begeben.>

    Auch DAS ist eine Interpretation, die im Folgenden Ihrer Ausführungen zur Vermögensbilanz führt.

    Man muss sich NICHT in die Niederungen der Buchhaltung begeben, um die Identität, die KEINE Formel ist, zu verstehen.

    Die Identität bezieht sich auf das MODELL einer Volkswirtschaft, in der das gesamtwirtschaftliche Güterangebot gleich der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage ist, d. h. auf ein GÜTERMARKTGLEICHGEWICHT. Die gesamte Güternachfrage ist die Summe aus Konsumgüternachfrage C und Investitionsgüternachfrage I. Bezeichnet man die Gütermenge, die bezogen auf das Güterangebot nicht konsumiert wurde, mit S (Ersparnis), dann MUSS das S identisch mit I sein.

    Das ist alles, was dazu zu sagen ist – Buchhaltung und Vermögen braucht es nicht.

    Kurzum:

    Die Identität kann zwar interpretiert werden, WIRKLICH verstanden wird sie aber nur, wenn man auf Interpretationen verzichtet, d. h. obiges Modell der Volkswirtschaft NICHT verlässt.

  5.   Wolfgang Waldner

    @Dietmar Tischer #4

    Es ist aber falsch, diese Identität („≡“) überhaupt interpretieren zu wollen.

    Erzählen Sie das bitte mal den VWL-Professoren!

    Die VWL-Professoren lehren nämlich bis heute ihren Studenten, dass eine höhere Sparquote nur ganz kurzfristig nach Keynes einen negativen Nachfrageschock über den Mutliplikator verschärfe, aber schon mittelfristig würde eine möglichst hohe Sparquote zu größeren Investitionen in den Kapitalstock und über die kapitalintensivere Produktion zu mehr Wachstum und Wohlstand führen.

    Die Grenzproduktivität der Arbeit würde durch die bessere Kapitalausstattung später höhere Löhne erlauben. Dazu müsse aber erst einmal gespart und auf Lohn zu Gunsten der Profite verzichtet werden, damit sich höhere Investitionen auch rechnen.

    Ich weiß gar nicht, wie die Studenten den Blödsinn aushalten:

    11.2.3 Der Einfluss der Sparquote auf die Produktion

    2. Die Sparquote bestimmt aber die Höhe des langfristigen Produktionsniveaus je Beschäftigten. Ceteris paribus erreichen Länder mit einer höheren Sparquote langfristig ein höheres Produktionsniveau.

    Makroökonomie, Blanchard/Illing, 5. Auflage 2009, Seite 342

    Die Autoren haben auch keinerlei Hemmungen, ihre auf einzelwirtschaftlichem Denken (schwäbische Hausfrau) beruhenden Vorstellungen „Makroökonomie“ zu nennen. Keynes gelte nur auf ganz kurze Frist. Danach sei das Geld wieder neutral und das Sparen bestimme die Höhe der Investition.

    Dabei führt jeder Versuch, die Sparquote durch Konsumverzicht zu erhöhen, auf kurze, mittlere und lange Frist in Krise und Rezession. So lange, wie diese Sparerei politisch durchgehalten und trotz aller Verheerungen fortgesetzt wird.

    Das Sparen ist die Ursache der Wirtschaftskrisen und man muss nur mit dem Sparen aufhören, wie nach 1933 etwa mit dem New Deal in den USA, um die Krisen zu beenden, ob man das überhaupt verstanden hat oder nicht. Es könnte so einfach sein, wenn die VWL nicht wäre. Aber wegen der VWL und ihrer völlig uneinsichtigen Professoren dürfen wir nicht nachlassen, das I = S richtig zu interpretieren.

  6.   Wolfgang Waldner

    Zum Thema I = S haben Mankiw/Taylor mit ihrem Lehrbuch „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“ den Vogel abgeschossen. Zum Schaubild 26-1 (5. Auflage 2011, Seite 693) heißt es dort:

    Der Kreditmarkt. Der Zinssatz passt sich an, um das Angebot an und die Nachfrage nach Kreditmitteln in einer Volkswirtschaft in Übereinstimmung zu bringen. Das Angebot an Kreditmitteln stammt aus der nationalen Ersparnis, die sowohl die private Ersparnis als auch die öffentliche Ersparnis umfasst. Die Nachfrage nach Kreditmitteln kommt vonseiten der Unternehmungen und Haushalte, die Geld zu Investitionszwecken aufnehmen möchten.

    Nach dieser Darstellung erhalten die Haushalte beim Sparen am Konsum die sogenannten Kreditmittel, die sie den Unternehmen oder Haushalten anbieten, die auf die ersparten Kreditmittel für ihre Investitionen angewiesen wären. Natürlich ist eine Staatsverschuldung wie die private Verschuldung für den Konsum nach dieser Vorstellung schlecht für die Investitionen der Unternehmen. Es käme zum Crowding-Out-Effekt der Staatsverschuldung auch oder gar besonders in den Zeiten der Krise, der die dringend nötigen Investitionen in eine bessere Kapitalausstattung durch einen Anstieg der Zinsen verhindere.

    Der Autor, Gregory Mankiw, bezeichnet sich dreist zur Verwirrung der Studenten als „Neuen Keynesianer“ und so einen Unsinn als „Neue Keynesianische Theorie“.

    Vermutlich eilen die intelligenteren VWL-Professoren nach jeder Vorlesung mit schmerzverzerrten Gesichtern in Ihr Büro, um sich dort erst mal hinter verschlossener Tür die Bäuche zu halten vor Lachen über den Stuss, den sie ihren armen Studenten gerade wieder erzählt haben.

    Sowas ist eines der bekanntesten Lehrbücher der VWL im 21. Jahrhundert!

  7.   komaro

    Evtl. banal aber wichtig.
    Investition ist Konsumverzicht und das wird bei dieser Diskussion nicht berücksichtigt.

  8.   Marlene

    Bei manchen Menschen reicht der Begriff „Wettbewerbsfähigkeit“
    aus, um sich den Start eines Hundertmeterlaufes, bei dem es nur einen Sieger geben kann, zu verdinglichen.

    Ohne eine makroökonomische Theorie des Begriffes ‚Wettberbsfähigkeit‘ zu haben wird jede Diskussion über Wettbewerbsfähigkeit im Sande verlaufen.

    I=S sollte man als Rings = Dings denken.

    Sachkapitalaufbau/erhalt ist eine reine Planungsgröße die durch das konjunkturelle auf und ab spiegelt.

    Es ist empirisch genau andersherum.Erzwungener Konsumverzicht als Folge von Ungleichheit, schrumpft die Planungsgröße Sachkapitalaufbau/erhalt.

  9.   Dietmar Tischer

    @ Wolfgang Waldner # 5

    >Die VWL-Professoren lehren nämlich bis heute ihren Studenten, dass … verschärfe … würde … zu führen.>

    Sie bringen hier GRUNDSÄTZLICHES durcheinander und verwirren damit.

    Wer das Modell eines GÜTERMARKTGLEICHGEWICHTS aufstellt oder davon ausgeht, der erklärt NICHT, was zu was führen würde.

    Wenn Sie mit derartigen ERKLÄRUNGEN gegen DIESES Modell argumentieren, dann ist Ihre Argumentation irrelevant, d. h. neben der Sache, weil sie gegen etwas argumentieren, das mit dem Modell nichts zu tun hat.

    Aber natürlich:

    Man kann selbstverständlich erklären, WIE ein Etwas ein anderes Etwas BEEINFLUSST.

    Es ist auch völlig legitim und obendrein auch noch sinnvoll in solche Erklärungen „S“ und „I“ einzubeziehen.

    Und selbstverständlich kann man die jeweiligen Erklärungen auch kritisieren.

    Das alles hat aber mit dem Modell, demzufolge S≡I ist, NICHTS, aber auch gar NICHTS zu tun.

  10.   Stephan Ewald

    Ist i = s? Nur im Spezialfall. Eigentlich ist die Identität i = s + (t – g) + (m – x)

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren