Lesezeichen
‹ Alle Einträge

I = S, was heißt denn des?

 

Immer wieder rauchen die Köpfe, wenn es um die berühmte Formel I = S geht, also darum, dass die gesamtwirtschaftlichen Investitionen (I) gleich den gesamtwirtschaftlichen Ersparnissen (S) sind, so zuletzt auch wieder einmal hier im Herdentrieb. Ganze Weltanschauungen scheiden sich daran, wie dieses Gleichheitszeichen zu interpretieren ist.

Neoklassiker glauben, dass erst einmal gespart werden müsse, damit sich dann die Investitionen in gleichem Umfang einstellen. Keynesianer denken genau anders herum, dass erst die Investitionen zu den entsprechenden Ersparnissen führen würden. Die unterschiedliche Sichtweise ist nicht trivial, denn je nachdem, wie man I = S interpretiert, kommt man zu ganz unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Empfehlungen.

So muss nach neoklassischer Lesart mehr gespart werden, damit auch mehr investiert wird – dadurch würde dann die Wirtschaft angekurbelt und die Beschäftigung erhöht. Diese Idee steht beispielsweise hinter der zur Lösung der Eurokrise propagierten Austeritätspolitik. Nach keynesiansischer Lesart müssten genau umgekehrt einfach die Investitionsausgaben erhöht werden und die Ersparnis stelle sich dann ganz von allein ein.

Bei beiden Positionen gibt es allerdings ein Grundproblem: Eine buchhalterische Identität wird als kausaler Zusammenhang zwischen zwei (vermeintlich) unterschiedlichen Größen interpretiert. Das hat zu großer Verwirrung nicht nur unter den Kommentatoren hier im Blog, sondern auch unter vielen Professorinnen und Professoren der Volkswirtschaftslehre geführt. Ein Grund für diese Verwirrung mag sein, dass sich die akademische Volkswirtschaftslehre zu selten mit etwas vermeintlich so trivialem wie buchhalterischen Zusammenhängen befasst – die akademischen Meriten lassen sich eher mit abstrakten und komplizierten Modellen verdienen, die nicht immer viel mit der ökonomischen Realität gemein haben.

Wer die berühmte Formel aber wirklich verstehen will, der muss sich leider in die Niederungen der Buchhaltung begeben. Dabei kommt man leider nicht um ein paar Definitionen und Formalien herum. Die sind aber mit den vier Grundrechenarten leicht zu bewältigen (einen sehr guten Überblich zum Thema gibt übrigens Johannes Schmidt).

Fangen wir damit an, uns klar zu machen, was mit dem „Sparen“, also dem S in I = S eigentlich genau gemeint ist. Dafür müssen wir genau verstehen, wie sich das Vermögen einer bestimmten Wirtschaftseinheit zusammensetzt – denn „Sparen“ ist nichts anderes als die Veränderung dieses Vermögens innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Das Vermögen einer Wirtschaftseinheit lässt sich in Form einer Vermögensbilanz darstellen. Auf der linken Seite der Bilanz, der Aktivseite, stehen das Sachvermögen (SV) und das Geldvermögen (GV). Als Geldvermögen werden alle Forderungen gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten bezeichnet. Auf der rechten Seite der Bilanz, der Passivseite, stehen die Schulden, d.h. alle Verbindlichkeiten (VB) gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten, und, wie wir gleich sehen werden, das Reinvermögen.

Der Vermögensstatus unserer Wirtschaftseinheit ergibt sich nun dadurch, dass man von der Summe der Aktiva die Schulden abzieht. Man erhält so das Reinvermögen (RV) einer Wirtschaftseinheit (Formal: RV = SV + GV – VB; wobei der Saldo aus Geldvermögen und Verbindlichkeiten auch als Nettogeldvermögen (NGV) bezeichnet wird, so dass RV = SV + NGV).

Grafuik: Beispiel einer Vermögensbilanz mit positivem NGV

Jetzt können wir genau definieren, was unter „Sparen“ zu verstehen ist: Sparen ist die Veränderung des Reinvermögens in einem bestimmten Zeitraum. Ist das Reinvermögen einer Wirtschaftseinheit, etwa eines Unternehmens oder eines Haushaltes, zwischen dem ersten und dem letzten eines Monats um einen bestimmten Betrag angestiegen, dann hat diese Wirtschaftseinheit in diesem Monat genau diesen Betrag gespart.

Aus der Definition des Reinvermögens ergibt sich, dass Sparen rein buchhalterisch gleich der Veränderung des Nettogeldvermögens (ΔNGV) plus der Veränderung des Sachvermögens (ΔSV) ist, wobei die Veränderung des Sachvermögens auch als Investition (I) (präziser: als Nettoinvestition) bezeichnet wird. Als Formel ausgedrückt ergibt sich also:

S = ΔNGV + I

Und jetzt kommt die Pointe: Die Investitionen (I) sind rein definitorisch eine der zwei Formen des Sparens. Wer Sachvermögen bildet, der spart. Wenn jetzt jemand sagt: Die Ersparnis führt zu einer Investition, sagt er nichts anderes, als dass eine Ersparnis zu einer Ersparnis führt; wer sagt, eine Investition führt zur Ersparnis, sagt lediglich, dass eine Investition eine Investition ist.

Allerdings steht in unserer aus dem Bilanzzusammenhang abgeleiteten Sparformel neben dem I – dem Sparen in Form der Sachvermögensbildung – noch das ΔNGV, also das Sparen in Form der Bildung von Nettogeldvermögen. Der Unterschied zwischen dieser Formel und der berühmten Formel I = S ist, dass es sich bei letzterer um die Gesamtwirtschaft handelt und nicht um eine beliebig abgegrenzte Wirtschaftseinheit, die nur einen Teil der Gesamtwirtschaft umfasst, wie z.B. ein einzelnes Unternehmen oder der Unternehmenssektor als Ganzes oder die privaten Haushalte oder der Staat etc.

Betrachtet man eine Gesamtwirtschaft, dann verschwindet die Nettogeldvermögensbildung. Um das zu verstehen, müssen wir klären, wie jemand sein Nettogeldvermögen eigentlich ändern, also auf diese Weise sparen kann. Dazu brauchen wir allerdings wieder ein paar Definitionen.

Die in Deutschland gängige Buchhaltung nennt Transaktionen, die das Nettogeldvermögen verändern, Ausgaben und Einnahmen. Ausgaben und Einnahmen sind etwa Löhne und Gehälter, Zinsen und Dividenden, Steuern, Transfers, Kauf und Verkauf von Gütern etc. Wer einen Einnahmenüberschuss erzielt (mehr einnimmt als ausgibt), erhöht sein Nettogeldvermögen, spart also; wer einen Ausgabenüberschuss hat (mehr ausgibt als er einnimmt), verringert sein Nettogeldvermögen, hat also eine negative Ersparnis (Man bezeichnet diese Transaktionen auch als Leistungstransaktionen im Gegensatz zu reinen Finanztransaktionen, die nie das Nettogeldvermögen verändern und von daher für die Höhe der Ersparnis irrelevant sind).

Jetzt ist es aber so, dass die Einnahmen eines Wirtschaftsakteurs immer notwendig die Ausgaben eines anderen Wirtschaftsakteurs sind: Die Lohneinnahmen der Arbeitnehmer sind die Lohnausgaben der Arbeitgeber; der Kauf des Kunden ist der Verkauf des Händlers oder des Produzenten; die Zinseinnahmen des Gläubigers sind die Zinsausgaben des Schuldners etc.

Das heißt dann: Wenn irgendjemand einen Einnahmeüberschuss hat, müssen alle anderen Wirtschaftseinheiten zusammen einen Ausgabenüberschuss in gleicher Höhe haben. Jemand kann also nur dann „Geldsparen“ (sein Nettogeldvermögen erhöhen), wenn alle anderen zusammen – d.h. der Rest der Wirtschaft – sein Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag verringert!

Ein Beispiel: Deutschland als eine Wirtschaftseinheit erzielt jedes Jahr einen gigantischen Einnahmenüberschuss, auch Leistungsbilanzüberschuss genannt. Der Rest der Welt hat notwendigerweise ein Leistungsbilanzdefizit – einen Ausgabenüberschuss – in gleicher Höhe.

Wenn wir dann alle Einnahmenüberschüsse von allen Ausgabenüberschüssen abziehen, ergibt sich immer: null. Das heißt, die Welt in ihrer Gänze (oder die jeweils betrachtete Gesamtwirtschaft) kann nie in Form von Nettogeldvermögen sparen. In der Gesamtheit kann man nur in Form von Sachvermögen sparen, also investieren. Genau das heißt die Formel I = S.

Um es klar zu sagen: Diese Zusammenhänge haben nichts mit dem „passenden“ Verhalten der Wirtschaftsakteure zu tun; die Identität von Ausgaben und Einnahmen auf der Ebene der Gesamtwirtschaft ist auch kein Gleichgewicht, das sich erst durch geeignete Veränderungen von Einkommen, Preisen oder Zinsen einstellt. Es ist eine immer gültige Definition. Wenn Sie das nicht glauben, versuchen Sie mal etwas einzunehmen, ohne einen anderen zu einer entsprechenden Ausgabe zu bringen.

Um noch mal zu veranschaulichen, was I = S bedeutet, ist es sinnvoll, genauer zu sagen, was die Formel nicht bedeutet: Sie bedeutet nicht, dass die Ersparnis der Haushalte von den Unternehmen investiert wird. So etwas Ähnliches denken oft die Neoklassiker. Sie heißt auch nicht, dass das, was Unternehmen investieren, dann irgendwie zu einer entsprechenden Ersparnis bei den Haushalten führt. So was denken manche Keynesianer.

Das lässt sich ganz gut an einem Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir eine Wirtschaft an, die nur aus zwei Wirtschaftssektoren besteht, einem Unternehmenssektor und einem Haushaltssektor. Die Ausgaben des Haushaltssektors sind dann notwendig die Einnahmen des Unternehmenssektors und umgekehrt.

Am ersten des Monats beschließen die Unternehmen zu investieren, also neue Maschinen zu bauen. Nehmen wir weiter an, die Unternehmen haben genug Geld, um Arbeiter einstellen zu können, die ihnen die Maschinen bauen und anschließend damit Konsumgüter produzieren. Nachdem die Maschinen fertiggestellt und die Konsumgüter produziert sind, zahlen die Unternehmen ihren Arbeitern den vereinbarten Lohn (die Ausgabe der Unternehmen sind die Einnahme der Haushalte).

Die Haushalte können sich jetzt überlegen, was sie mit ihren Einnahmen bis zum letzten des Monats anstellen. Gehen wir drei Möglichkeiten durch: Nehmen wir erstens an, die Haushalte geben weniger aus als sie eingenommen haben. Dann nehmen die Unternehmen notwendig weniger ein als sie ausgegeben haben – die Unternehmensumsätze sind also geringer als die Löhne, die sie gezahlt haben. Die Nettogeldersparnis der Haushalte ist dann positiv, die der Unternehmen um den gleichen Betrag negativ.

Geben die Haushalte aber – zweitens – so viel aus, wie sie an Lohn erhalten haben, sind die Umsätze der Unternehmen natürlich genauso hoch wie das, was sie vorher an Löhnen gezahlt haben. Weder bei den Haushalten noch bei den Unternehmen ändert sich das Nettogeldvermögen. Wenn die Haushalte schließlich – drittens – mehr ausgeben als sie eingenommen haben, verringern sie ihr Nettogeldvermögen, und die Unternehmen erhöhen ihr Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag.

Wie hoch ist in jedem der drei Fälle die gesamtwirtschaftliche Ersparnis in dem betrachteten Monat? Ganz einfach: Sie ist jedes Mal genau so hoch wie die Nettoinvestitionen der Unternehmen. Ob die Haushalte ihr Nettogeldvermögen also erhöhen, verringern oder gleich lassen – immer ändert es sich bei den Unternehmen im gleichen Maß (nur mit umgedrehten Vorzeichen). Gesamtwirtschaftlich addieren sich also notwendig alle Änderungen des Nettogeldvermögens zu null und übrig bleiben die neuen Maschinen, also das I (= S).

Im Beispiel führt die Ersparnis der Haushalte also nicht à la Neoklassik irgendwie zu höheren Investitionen – über die bestimmen die Unternehmen ganz allein. Die Investitionen führen aber auch nicht irgendwie zu einer entsprechend hohen Ersparnis der Haushalte wie es sich manche Keynesianer vorstellen. Es gibt schlicht keinen notwendigen buchhalterischen Zusammenhang zwischen der Höhe der Ersparnis der Haushalt und der der Unternehmen. Das S in der Formel ist immer das I. Das ist es auch egal, wer genau investiert. Würden etwa die Haushalte noch Häuser bauen – die ja auch zum Sachvermögen gehören –, würde das zu höherem I und damit zu höherem S führen, vollkommen unabhängig davon, wie sie in der gleichen Periode ihr Nettogeldvermögen verändern.

So weit also zu den rein buchhalterischen Zusammenhängen, die die Identität von Investition und Ersparnis begründen. So richtig spannend wird es natürlich erst, wenn wir auf die Pläne der einzelnen Wirtschaftsakteure schauen, also ihre Investitionsplänen, Ausgabenplänen und Einnahmeplänen, und was passiert, wenn die Pläne nicht aufgehen. Aber für heute war es schon anstrengend genug. Das große Drama der nicht zusammenpassenden Pläne, die zum Auf und Ab der Konjunktur führen, wollen wir ein anderes Mal genauer betrachten. (Wer mag kann auch hier mal nachschauen.)

307 Kommentare

  1.   veblen

    @ bmmayr, 19

    „Die Haushalte kaufen die Lager leer und das Unternehmen zieht den Schluß weniger zu investieren …“

    Ausser Volkswirte einer bestimmten Denkschule glaubt das natürlich kein Mensch.

    LG veblen

  2.   Uwe Richter

    @ HKaspar (#11)

    „Welch seltsames Beispiel. Wenn die Haushalte ihr gesamtes Einkommen ausgeben, bedeutet dies, dass sie saemtliche Konsum- UND Investitionsgueter kaufen, welche die Unternehmen produzierten.“

    Falsch, das bedeutet es nicht.

    @ HKaspar (#14)

    „Wenn aber Unternehmen Investitionsgueter produzieren, die Haushalte das Einkommen aus der Produktion beziehen, selbst aber nur Konsumgueter konsumieren, dann bedeutet dies notwendig, dass die Haushalte sparen, d.h. ihr Einkommen nicht vollstaendig verkonsumieren.“

    Falsch, das bedeutet es nicht notwendig, denn die Haushalte können dieses Einkommen vollständig in Konsum umsetzen, oder anders ausgedrückt, ihre Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Arbeitszeit können gleich ihren Ausgaben für Konsum sein.

  3.   Uwe Richter

    @ Hermann Keske (#17)

    „Das Geld, das die Unternehmen investieren, gehört nicht zu den Einnahmen der Haushalte, kann also auch von den Haushalten nicht gespart werden.“

    Ist das ein Naturgesetz oder haben Sie das so definiert?

    In der Welt, in der I = S gilt, ist dieser Satz jedenfalls nicht gültig. Da versteht man unter investieren die Bildung von Sachvermögen. Wenn ein Unternehmen eine Maschine produzieren lässt, dann ist es durchaus möglich, dass die Ausgaben des Unternehmens für diese Maschine zu Einnahmen bei irgendwelchen Haushalten führen.

    „Und schließlich kann auch ein Unternehmen noch sparen, ohne zu investieren – indem es, wie der Haushalt, weniger Geld ausgibt als es eingenommen hat. Investitionen sind bekanntlich auch Ausgaben.“

    Richtig, Investitionen sind auch Ausgaben. In dem Beispiel von Fabian Lindner können die Unternehmen aber nicht weniger ausgeben als sie einnehmen, wenn die Haushalte weniger ausgeben als sie einnehmen. (Wenn sie Investitionsausgaben tätigen, dann investieren sie aber auch. Das ist tautologisch.)

    Der Satz, den Sie da von HK zitieren, kann unter bestimmten Bedingungen richtig sein, notwendig richtig ist er allerdings nicht. Würde also jemand behaupten, dass er notwendig richtig ist, wäre diese Behauptung falsch.

    Der Nutzen des Verständnisse von I = S liegt meiner Meinung nach darin, dass man dann von vielen ökonomische Zusammenhängen ein klareres Bild bekommt, und es sich über diese Zusammenhange stringenter reden lässt.

    Sie schreiben: „Stützels Saldenmechanik ist auch eine solche Schleife – sie setzt voraus, daß die Geldmenge konstant ist.“

    Da würde es mich interessieren, was da „konstant“ sein muss, und inwiefern die Saldenmechanik das voraussetzt.

  4.   HKaspar

    @ Richter

    “Welch seltsames Beispiel. Wenn die Haushalte ihr gesamtes Einkommen ausgeben, bedeutet dies, dass sie saemtliche Konsum- UND Investitionsgueter kaufen, welche die Unternehmen produzierten.” Falsch, das bedeutet es nicht.

    Natuerlich bedeutet es dies, zumindest wenn die Unternehmen den Haushalten gehoeren (und wem sollen sie sonst gehoeren)?

    “Wenn aber Unternehmen Investitionsgueter produzieren, die Haushalte das Einkommen aus der Produktion beziehen, selbst aber nur Konsumgueter konsumieren, dann bedeutet dies notwendig, dass die Haushalte sparen, d.h. ihr Einkommen nicht vollstaendig verkonsumieren.” Falsch, das bedeutet es nicht notwendig, denn die Haushalte können dieses Einkommen vollständig in Konsum umsetzen, oder anders ausgedrückt, ihre Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Arbeitszeit können gleich ihren Ausgaben für Konsum sein.

    Nur wenn niemand Investitionsgueter produziert. Andernfalls uebersteigt das Einkommen der Haushalte notwenig die produzierten Konsumgueter, d.h. sie koennen ihr Einkommen nicht verkonsumieren.

    Mir scheint Sie haben eine Aufteilung der Volkswirtschaft in Arbeiter und UnternehmeR im Sinn, bei der Arbeiter ihre Arbeitszeit an die Unternehmer verkaufen. Davon war aber bei Lindner nicht die Rede, er sprach von Haushalten und UnternehmeN, und an die Unterscheidung habe ich mich gehalten. Wenn es zwei Typen von Haushalten gibt – Arbeiter- und Unternehmerhaushalte – dann ist Investition in der Tat ohne Arbeiter-Ersparnis moeglich, sofern die Unternehmer-Haushalte einen Teil ihres Einkommens sparen.

    @ Veblen

    Schoen dass Sie sich so gern an mir abarbeiten.

    Wenn man wie F. Lindner Sparen als Erhöhung des Reinvermögens definiert, dann müssen Investitionen von privaten Haushalten in neu errichtete Wohnbauten zu den gesamtwirtschaftlichen Investitionen gezählt werden. Und genau so wird es in der VGR auch gehandhabt.

    Alles richtig, aber von Thema eher ablenkend als dazu beisteuernd. Bauinvestitionen zaehlen in der VGR zu „I“, obwohl sie keine Investitionen im oekonomischen Sinn sind – d.h. Gueter, die dem Zweck dienen , andere Gueter zu produzieren. Sie sind langlebige Konsumgueter. Richtig, Haushalte koennen sparen und langlebige Konsumgueter erwerben, ohne dass Unternehmen investieren. Dies hat niemand bestritten.

    Aber Unternehmen koennen nicht (Anlage-)investitionsgueter produzieren ohne dass Haushalte sparen. Darum geht es.

    … dann würden sich die Ersparnisse den Investitionen anpassen, nicht umgekehrt.

    Auch das habe ich mit keiner Silbe bestritten. Von Kausalitaet in die eine oder andere Richtung war bei mir nicht die Rede, lediglich davon dass es (Anlage-)investitionen der Unternehmen ohne Ersparnis der Haushalte nicht geben kann.

    Dies bezieht sich auf Lindners Satz „es gibt schlicht keinen notwendigen buchhalterischen Zusammenhang zwischen der Höhe der Ersparnis der Haushalt und der der Unternehmen“. Es gibt einen notwendigen logischen Zusammenhang.

    @ bmmayr

    Die Haushalte kaufen die Lager leer und das Unternehmen zieht den Schluß weniger zu investieren …

    Die Haushalte kaufen die Lager leer, und die Unternehmen ziehen den Schluss, dass sie mehr Konsumgueter produzieren muessen. Bei gegebener Kapazitaet ist dies nur moeglich wenn sie weniger Investitionsgueter produzieren..

    Sie heben die Annahme der gegebenen Kapazitaet auf, und haben damit auch recht – bei mehr als einer Periode gibt es keinen Grund, dies anzunehmen. Dies fuehrt weg von rein definitorisch-logischen Fragen und geht bereits in die Abgleichung von Plaenen und die Anpassung an Marktungleichgewichte. Es ist wahrscheinlich besser, diese Fragen zurueckszustellen, bis die definitorisch-logischen Punkte geklaert sind.

    Besten Gruss,
    HK

  5.   Fabian Lindner

    @HK, #11

    „Welch seltsames Beispiel. Wenn die Haushalte ihr gesamtes Einkommen ausgeben, bedeutet dies, dass sie saemtliche Konsum- UND Investitionsgueter kaufen, welche die Unternehmen produzierten.“

    Warum soll das so sein? In welcher Welt soll da passieren?

    „wenn Haushalte saemtliche produzierte Konsumgueter kaufen, dann sparen sie genau soviel, wie die Unternehmen investieren.“

    Hä? Wie soll das denn gehen? Beispiel: Lohneinkommen = 1000, Wert aller produzierten Konsumgüter = 1000, Konsumausgaben der Haushalte = 1000.

    Sparen der Haushalte = Lohneinkommen – Konsum = 0

    Wo sparen die Haushalte jetzt?

    „wenn Haushalte weniger als die gesamte Konsumgueterproduktion kaufen, dann erzielen sie einen noch hoeren Einkommenssaldo –> sparen noch mehr. Das Gegenstueck dazu sind Lagerhaltungsinvestitionen der Unternehmen.“

    Auch das ist sehr merkwürdig. Wieder ein einfaches Gegenbeispiel. Wert der Konsumgüterproduktion = 1000, Einkommen der Haushalte = 900, Konsumausgaben = 900 -> Ersparnis der Haushalte = 0

    Lagerhaltung = 100.Würde nichts anderes investiert werden in der Periode, wären die Gesamtinvestitionen nur die Läger, I = 100, Ersparnis der Haushalte = 0, Ersparnis der Gesamtwirtschaft = 100.

    Wie kann das passieren? Weil die Unternehmen entweder damit gerechnet haben, dass die Haushalte auf Pump 100 mehr als ihr Einkommen konsumieren (Gab’s ja vor der Krise in UK und USA); oder die Unternehmen mögen halt Läger halten, um auf Schwankungen in der Nachfrage vorereitet zu sein.

    „der Fall, in dem die Haushalte mehr als die Konsumgueterproduktion kaufen – und damit weniger Sparen als zur Investitionsgueterproduktion vonnoeten ist – ist im Beispiel nicht vorgesehen.“

    Sorry, das ist einfach nicht so. Es steht nirgendwo, dass die Produktion fixiert ist. Wenn die Unternehmen Kapazitäten (über die Kapazitätsauslastung habe ich gar nichts geschrieben) haben, können sie der Nachfrage gemäß nachproduzieren, wenn die Leute mehr wollen.

  6.   Dietmar Tischer

    @ Uwe Richter # 22

    >@ HKaspar (#14)

    “Wenn aber Unternehmen Investitionsgueter produzieren, die Haushalte das Einkommen aus der Produktion beziehen, selbst aber nur Konsumgueter konsumieren, dann bedeutet dies notwendig, dass die Haushalte sparen, d.h. ihr Einkommen nicht vollstaendig verkonsumieren.”

    Falsch, das bedeutet es nicht notwendig, denn die Haushalte können dieses Einkommen vollständig in Konsum umsetzen, oder anders ausgedrückt, ihre Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Arbeitszeit können gleich ihren Ausgaben für Konsum sein.>

    Die Aussage von H.K. ist SO, wie sie dasteht, nicht falsch.

    H. K. sagt:

    Die Haushalte beziehen Einkommen aus der Produktion von Investitionsgütern und – nicht explizit gesagt, aber implizit vorausgesetzt – Einkommen aus der Produktion von Konsumgütern.

    Sie konsumieren jedoch nur Konsumgüter.

    Daraus folgt, dass sie NICHT ihr gesamtes Einkommen ausgeben.

    Das ist auch dann so, wenn sie – der Extremfall – ALLE (in der Periode) produzierten Konsumgüter erwerben.

    In diesem Fall geben Sie den Teil ihres Einkommens nicht aus, den sie für die Produktion von Investitionsgütern erhalten haben.

    Sie sparen also NOTWENDIGERWEISE.

    Sie haben allerdings recht, wenn sie ihr GESAMTES Einkommen, nämlich das, was sie für die Produktion von Konsumgütern UND für die Produktion von Investitionsgütern erhalten haben – in Ihren Worten „Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Arbeitszeit“ – für Konsumgüter ausgeben könnten und würden.

    Dann sparen sie nicht, und schon gar nicht „notwendigerweise“.

    Nur:

    Dafür muss eine Lagerfunktion angenommen werden, weil in dem Fall mehr Konsumgüter gekauft werden als in der Periode produziert wurden.

    In der von Ihnen zitierten Aussage von H. K. ist davon aber keine Rede.

    Ihre Stellungnahme zu H. K. ist ein Beispiel dafür, wie man mit „Interpretationen“ zu Aussagen kommt, die im URSPRÜNGLICHEN Modell nicht vorhanden sind.

    Im Übrigen:

    >Der Nutzen des Verständnisse von I = S liegt meiner Meinung nach darin, dass man dann von vielen ökonomische Zusammenhängen ein klareres Bild bekommt, und es sich über diese Zusammenhange stringenter reden lässt.>

    Ja, sehe ich auch so, würde es nur etwas anders ausdrücken:

    Der Nutzen des Verständnisses I=S (besser: I≡S) liegt darin, dass man sich klar machen kann, welche Annahmen man treffen muss, damit die Identität gilt und – wenn man wie Sie oben – die Identität in Frage stellt, sich fragen muss, welche WEITERE Annahmen man gemacht hat, wenn sie nicht gelten soll.


  7. Ich denke wir sind uns einig, dass die Identität I = S ex post halten muß, egal was der Wunsch von irgend jemandem ist zu sparen, zu investieren oder zu konsumieren. Die spannende Frage ist, über welchen Mechanismus das passiert

    Nochmal am Beispiel der Haushalte die die Lager leer kaufen:

    Eine Möglichkeit:
    Der Unternehmer macht gar nix anders. Er bekommt für sein Inventar Geld und spart Geld, die Haushalte entsparen.

    Gesamtwirtschaftliches Sachvermögen idem, keine Investitionen, kein Sparen.

    Andere Möglichkeit:
    Der Unternehmer sagt prima, es brummt und lässt seine Leute Produktionsmaschinen bauen und die Beschäftigten in der Produktion Überstunden machen (oder stellt ein). Die Haushalte hätten vielleicht gerne entspart, durch die Reaktion des Unternehmers gelingt Ihnen das aber nicht so wie sie das wollten, denn sie verdienen mehr.

    Gesamtwirtschaftliches Sachvermögen steigt durch die Investitionen, wer gespart hat (Haushalte, Unternehmen oder beide) hängt davon ab wie die Entgeltverhandlungen bei der Produktionsausweitung verlaufen sind.

    Noch ne Möglichkeit:
    Der Unternehmer sagt prima, es brummt und würde gerne seine Leute Produktionsmaschinen bauen und die Beschäftigten in der Produktion Überstunden machen lassen, die sagen aber: Sorry, Chef. Bei Dir läuft der Laden super, wir wollen eine Lohnerhöhung.
    Der Chef sagt, das geht nicht gut aus, sagt Nein und die Beschäftigten streiken. Produktion geht runter die Beschäftigten kaufen von der Streikkasse weiter Lagerbestände. Die Produktionsanlagen fangen an zu rosten.

    Gesamtwirtschaftliches Sachvermögen sinkt, die Haushalte entsparen, der Unternehmen spart Geld, je nachdem wie sich deren Wert zum Wertverlust der Produktionsanlagen verhält spart oder entspart er.

    Immer ist am Ende I = S, wer sich am Ende durchsetzt, der Spar-, Entspar-, Investitionswillige oder Desinvestitionsbereite (z.B. der Unternehmer, der einen Streik in Kauf nimmt), das hängt vom Einzelfall und von den realen Machtverhältnissen ab.

    Deshalb kann eine Wirtschaft insgesamt reicher oder ärmer werden und mal haben die einen und mal die anderen ein größeres Stück vom Kuchen.

  8.   Fabian Lindner

    @ Keske

    „Stützels Saldenmechanik ist auch eine solche Schleife – sie setzt voraus, daß die Geldmenge konstant ist. Bei sich ständig verändernden Geldmengen – das ist die Wirklichkeit – folgt nicht zwingend aus dem Geldvermögenszuwachs des einen eine gleichhohe Vermögensminderung beim anderen. Bei “gegebener” Geldmenge handelt es sich dann bei Stützels Erkenntnis um eine Banalität.“

    Von Stützel habe ich nichts geschrieben, sondern stelle hier lediglich allgemein von allen statistischen Ämtern und im deutschen Rechnungswesen gebrauchte Definitionen dar.

    Diese Defintionen muss man aber kennen, bevor man jemandem Banalität vorwirft. „(Netto)Geldvermögen“ ist nämlich etwas ganz anders als „Geld“ oder „Geldmenge“. „Geldvermögen“ ist der technische Term für die Differenz von Forderungen und Verbindlichkeiten. „Geld“ – besser noch: Zahlungsmittel – sind nur ein Teil der Forderungen, also nur ein Teil des Geldvermögens. Das Nettogeldvermögen der Welt ist immer null, weil jeder Forderung eine Verbindlichkeit entspricht; die Menge der Zahlungsmittel ist aber eigentlich fast immer positiv, weil Geld eben eine (Brutto)Forderung ist.

    Wenn Sie sich über Stützel auslassen, sollten Sie mal in eines seiner Bücher reinschauen. In der Saldenmechanik kritisiert er nämlich explizit und sehr deutlich die sog. „Umlaufgeschwindigkeit des Geldes“, wie sie die Quantitätstheoretiker benutzen – und zwar deswegen, weil die Geldmenge in der Regel eben NICHT konstant ist.

  9.   Wolfgang Waldner

    @Stephan Ewald #10

    Ist i = s? Nur im Spezialfall. Eigentlich ist die Identität i = s + (t – g) + (m – x)

    I = S gilt für die Ersparnis einer Ökonomie ohne Außenhandel.

    Die Gleichung

    i = s + (t – g) + (m – x)

    sollten wir erst einmal umbauen zu

    s = i + (g – t) + (x – m)

    um zu sehen, dass wir hier die Ersparnis der Privaten haben:

    Ersparnis = Nettoinvestition + Staatsdefizit + Exportüberschuss

    Die VWL verdreht die Gleichung immer, damit die Studenten und das Publikum nicht merken, wie die Ersparnis der Haushalte vom Staatsdefizit oder alternativ von einem Exportüberschuss abhängt.

    Weil nicht alle Länder einen Exportüberschuss haben können, muss den Haushalten ihre gewünschteErsparnis durch eine wachsende Staatsverschuldung ermöglicht werden. Das geht gar nicht anders, weil halt kein Kapital fehlt in einer Ökonomie, außer natürlich jedem von uns ganz persönlich.

    Darum ist die Nettoinvestition für die privaten Sparwünsche immer zu wenig, wenn wir nicht wieder einen Immobilienboom wie seinerzeit in Spanien oder den USA haben.

    Das Staatsdefizit kann nur durch eine Auslandsverschuldung abgelöst werden, wie es im Fall der deutschen Ökonomie zu sehen ist. Die schwarze Null ist nur durch den deutschen Exportüberschuss von derzeit 250 Mrd. € möglich. Einen sochen Exportüberschuss kann natürlich nicht jedes Land erzielen, auch wenn Merkel und Schäuble das so verkünden und vielleicht wirklich glauben, wenn man ihre Gesichter sieht.

    Die Staaten mit dem Handelsdefizit müssen sich um die 250 Mrd. € deutscher Exportüberschüsse zusätzlich in Schulden stürzen, um das wieder auszugleichen. Denn bei denen wollen die privaten Haushalte ja auch noch sparen.

    Wenn wir das nicht bald kapieren, fliegt uns die Eurozone in Fetzen und es wird heißen, Deutschland sei schuld gewesen.

  10.   Uwe Richter

    @ Dietmar Tischer (#26)

    Sie schreiben: „Ihre Stellungnahme zu H. K. ist ein Beispiel dafür, wie man mit „Interpretationen“ zu Aussagen kommt, die im URSPRÜNGLICHEN Modell nicht vorhanden sind.“

    Da irren Sie.

    Ihre Behauptung „Dafür muss eine Lagerfunktion angenommen werden, weil in dem Fall mehr Konsumgüter gekauft werden als in der Periode produziert wurden,“ ist falsch. (Und ich stimme Ihnen zu, dass irgendein Bestand an Konsumgüter, der nicht in der betrachteten Periode produziert worden wäre, nicht in dem Beispiel steckt.)

    Und ihre Schlussfolgerung „Daraus folgt, dass sie NICHT ihr gesamtes Einkommen ausgeben“ ist ebenso falsch.

    Die Haushalte konsumieren nur Konsumgüter, was auch sonst!

    Sie berücksichtigen aber nicht die Möglichkeit, dass die Einnahmen der Haushalte gerade so hoch sind, wie ihre Ausgaben für die Konsumgüter und zwar für die gesamten Konsumgüter, die in der betrachteten Periode auch produziert wurden.

    Man kann bei dem Beispiel von Fabian Lindner übrigens vollkommen auf den Aspekt der Lagerhaltung verzichten also darauf, dass nicht alle Konsumgüter, die produziert werden, auch verkauft werden.

 

Kommentare sind geschlossen.