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I = S, was heißt denn des?

 

Immer wieder rauchen die Köpfe, wenn es um die berühmte Formel I = S geht, also darum, dass die gesamtwirtschaftlichen Investitionen (I) gleich den gesamtwirtschaftlichen Ersparnissen (S) sind, so zuletzt auch wieder einmal hier im Herdentrieb. Ganze Weltanschauungen scheiden sich daran, wie dieses Gleichheitszeichen zu interpretieren ist.

Neoklassiker glauben, dass erst einmal gespart werden müsse, damit sich dann die Investitionen in gleichem Umfang einstellen. Keynesianer denken genau anders herum, dass erst die Investitionen zu den entsprechenden Ersparnissen führen würden. Die unterschiedliche Sichtweise ist nicht trivial, denn je nachdem, wie man I = S interpretiert, kommt man zu ganz unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Empfehlungen.

So muss nach neoklassischer Lesart mehr gespart werden, damit auch mehr investiert wird – dadurch würde dann die Wirtschaft angekurbelt und die Beschäftigung erhöht. Diese Idee steht beispielsweise hinter der zur Lösung der Eurokrise propagierten Austeritätspolitik. Nach keynesiansischer Lesart müssten genau umgekehrt einfach die Investitionsausgaben erhöht werden und die Ersparnis stelle sich dann ganz von allein ein.

Bei beiden Positionen gibt es allerdings ein Grundproblem: Eine buchhalterische Identität wird als kausaler Zusammenhang zwischen zwei (vermeintlich) unterschiedlichen Größen interpretiert. Das hat zu großer Verwirrung nicht nur unter den Kommentatoren hier im Blog, sondern auch unter vielen Professorinnen und Professoren der Volkswirtschaftslehre geführt. Ein Grund für diese Verwirrung mag sein, dass sich die akademische Volkswirtschaftslehre zu selten mit etwas vermeintlich so trivialem wie buchhalterischen Zusammenhängen befasst – die akademischen Meriten lassen sich eher mit abstrakten und komplizierten Modellen verdienen, die nicht immer viel mit der ökonomischen Realität gemein haben.

Wer die berühmte Formel aber wirklich verstehen will, der muss sich leider in die Niederungen der Buchhaltung begeben. Dabei kommt man leider nicht um ein paar Definitionen und Formalien herum. Die sind aber mit den vier Grundrechenarten leicht zu bewältigen (einen sehr guten Überblich zum Thema gibt übrigens Johannes Schmidt).

Fangen wir damit an, uns klar zu machen, was mit dem „Sparen“, also dem S in I = S eigentlich genau gemeint ist. Dafür müssen wir genau verstehen, wie sich das Vermögen einer bestimmten Wirtschaftseinheit zusammensetzt – denn „Sparen“ ist nichts anderes als die Veränderung dieses Vermögens innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Das Vermögen einer Wirtschaftseinheit lässt sich in Form einer Vermögensbilanz darstellen. Auf der linken Seite der Bilanz, der Aktivseite, stehen das Sachvermögen (SV) und das Geldvermögen (GV). Als Geldvermögen werden alle Forderungen gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten bezeichnet. Auf der rechten Seite der Bilanz, der Passivseite, stehen die Schulden, d.h. alle Verbindlichkeiten (VB) gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten, und, wie wir gleich sehen werden, das Reinvermögen.

Der Vermögensstatus unserer Wirtschaftseinheit ergibt sich nun dadurch, dass man von der Summe der Aktiva die Schulden abzieht. Man erhält so das Reinvermögen (RV) einer Wirtschaftseinheit (Formal: RV = SV + GV – VB; wobei der Saldo aus Geldvermögen und Verbindlichkeiten auch als Nettogeldvermögen (NGV) bezeichnet wird, so dass RV = SV + NGV).

Grafuik: Beispiel einer Vermögensbilanz mit positivem NGV

Jetzt können wir genau definieren, was unter „Sparen“ zu verstehen ist: Sparen ist die Veränderung des Reinvermögens in einem bestimmten Zeitraum. Ist das Reinvermögen einer Wirtschaftseinheit, etwa eines Unternehmens oder eines Haushaltes, zwischen dem ersten und dem letzten eines Monats um einen bestimmten Betrag angestiegen, dann hat diese Wirtschaftseinheit in diesem Monat genau diesen Betrag gespart.

Aus der Definition des Reinvermögens ergibt sich, dass Sparen rein buchhalterisch gleich der Veränderung des Nettogeldvermögens (ΔNGV) plus der Veränderung des Sachvermögens (ΔSV) ist, wobei die Veränderung des Sachvermögens auch als Investition (I) (präziser: als Nettoinvestition) bezeichnet wird. Als Formel ausgedrückt ergibt sich also:

S = ΔNGV + I

Und jetzt kommt die Pointe: Die Investitionen (I) sind rein definitorisch eine der zwei Formen des Sparens. Wer Sachvermögen bildet, der spart. Wenn jetzt jemand sagt: Die Ersparnis führt zu einer Investition, sagt er nichts anderes, als dass eine Ersparnis zu einer Ersparnis führt; wer sagt, eine Investition führt zur Ersparnis, sagt lediglich, dass eine Investition eine Investition ist.

Allerdings steht in unserer aus dem Bilanzzusammenhang abgeleiteten Sparformel neben dem I – dem Sparen in Form der Sachvermögensbildung – noch das ΔNGV, also das Sparen in Form der Bildung von Nettogeldvermögen. Der Unterschied zwischen dieser Formel und der berühmten Formel I = S ist, dass es sich bei letzterer um die Gesamtwirtschaft handelt und nicht um eine beliebig abgegrenzte Wirtschaftseinheit, die nur einen Teil der Gesamtwirtschaft umfasst, wie z.B. ein einzelnes Unternehmen oder der Unternehmenssektor als Ganzes oder die privaten Haushalte oder der Staat etc.

Betrachtet man eine Gesamtwirtschaft, dann verschwindet die Nettogeldvermögensbildung. Um das zu verstehen, müssen wir klären, wie jemand sein Nettogeldvermögen eigentlich ändern, also auf diese Weise sparen kann. Dazu brauchen wir allerdings wieder ein paar Definitionen.

Die in Deutschland gängige Buchhaltung nennt Transaktionen, die das Nettogeldvermögen verändern, Ausgaben und Einnahmen. Ausgaben und Einnahmen sind etwa Löhne und Gehälter, Zinsen und Dividenden, Steuern, Transfers, Kauf und Verkauf von Gütern etc. Wer einen Einnahmenüberschuss erzielt (mehr einnimmt als ausgibt), erhöht sein Nettogeldvermögen, spart also; wer einen Ausgabenüberschuss hat (mehr ausgibt als er einnimmt), verringert sein Nettogeldvermögen, hat also eine negative Ersparnis (Man bezeichnet diese Transaktionen auch als Leistungstransaktionen im Gegensatz zu reinen Finanztransaktionen, die nie das Nettogeldvermögen verändern und von daher für die Höhe der Ersparnis irrelevant sind).

Jetzt ist es aber so, dass die Einnahmen eines Wirtschaftsakteurs immer notwendig die Ausgaben eines anderen Wirtschaftsakteurs sind: Die Lohneinnahmen der Arbeitnehmer sind die Lohnausgaben der Arbeitgeber; der Kauf des Kunden ist der Verkauf des Händlers oder des Produzenten; die Zinseinnahmen des Gläubigers sind die Zinsausgaben des Schuldners etc.

Das heißt dann: Wenn irgendjemand einen Einnahmeüberschuss hat, müssen alle anderen Wirtschaftseinheiten zusammen einen Ausgabenüberschuss in gleicher Höhe haben. Jemand kann also nur dann „Geldsparen“ (sein Nettogeldvermögen erhöhen), wenn alle anderen zusammen – d.h. der Rest der Wirtschaft – sein Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag verringert!

Ein Beispiel: Deutschland als eine Wirtschaftseinheit erzielt jedes Jahr einen gigantischen Einnahmenüberschuss, auch Leistungsbilanzüberschuss genannt. Der Rest der Welt hat notwendigerweise ein Leistungsbilanzdefizit – einen Ausgabenüberschuss – in gleicher Höhe.

Wenn wir dann alle Einnahmenüberschüsse von allen Ausgabenüberschüssen abziehen, ergibt sich immer: null. Das heißt, die Welt in ihrer Gänze (oder die jeweils betrachtete Gesamtwirtschaft) kann nie in Form von Nettogeldvermögen sparen. In der Gesamtheit kann man nur in Form von Sachvermögen sparen, also investieren. Genau das heißt die Formel I = S.

Um es klar zu sagen: Diese Zusammenhänge haben nichts mit dem „passenden“ Verhalten der Wirtschaftsakteure zu tun; die Identität von Ausgaben und Einnahmen auf der Ebene der Gesamtwirtschaft ist auch kein Gleichgewicht, das sich erst durch geeignete Veränderungen von Einkommen, Preisen oder Zinsen einstellt. Es ist eine immer gültige Definition. Wenn Sie das nicht glauben, versuchen Sie mal etwas einzunehmen, ohne einen anderen zu einer entsprechenden Ausgabe zu bringen.

Um noch mal zu veranschaulichen, was I = S bedeutet, ist es sinnvoll, genauer zu sagen, was die Formel nicht bedeutet: Sie bedeutet nicht, dass die Ersparnis der Haushalte von den Unternehmen investiert wird. So etwas Ähnliches denken oft die Neoklassiker. Sie heißt auch nicht, dass das, was Unternehmen investieren, dann irgendwie zu einer entsprechenden Ersparnis bei den Haushalten führt. So was denken manche Keynesianer.

Das lässt sich ganz gut an einem Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir eine Wirtschaft an, die nur aus zwei Wirtschaftssektoren besteht, einem Unternehmenssektor und einem Haushaltssektor. Die Ausgaben des Haushaltssektors sind dann notwendig die Einnahmen des Unternehmenssektors und umgekehrt.

Am ersten des Monats beschließen die Unternehmen zu investieren, also neue Maschinen zu bauen. Nehmen wir weiter an, die Unternehmen haben genug Geld, um Arbeiter einstellen zu können, die ihnen die Maschinen bauen und anschließend damit Konsumgüter produzieren. Nachdem die Maschinen fertiggestellt und die Konsumgüter produziert sind, zahlen die Unternehmen ihren Arbeitern den vereinbarten Lohn (die Ausgabe der Unternehmen sind die Einnahme der Haushalte).

Die Haushalte können sich jetzt überlegen, was sie mit ihren Einnahmen bis zum letzten des Monats anstellen. Gehen wir drei Möglichkeiten durch: Nehmen wir erstens an, die Haushalte geben weniger aus als sie eingenommen haben. Dann nehmen die Unternehmen notwendig weniger ein als sie ausgegeben haben – die Unternehmensumsätze sind also geringer als die Löhne, die sie gezahlt haben. Die Nettogeldersparnis der Haushalte ist dann positiv, die der Unternehmen um den gleichen Betrag negativ.

Geben die Haushalte aber – zweitens – so viel aus, wie sie an Lohn erhalten haben, sind die Umsätze der Unternehmen natürlich genauso hoch wie das, was sie vorher an Löhnen gezahlt haben. Weder bei den Haushalten noch bei den Unternehmen ändert sich das Nettogeldvermögen. Wenn die Haushalte schließlich – drittens – mehr ausgeben als sie eingenommen haben, verringern sie ihr Nettogeldvermögen, und die Unternehmen erhöhen ihr Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag.

Wie hoch ist in jedem der drei Fälle die gesamtwirtschaftliche Ersparnis in dem betrachteten Monat? Ganz einfach: Sie ist jedes Mal genau so hoch wie die Nettoinvestitionen der Unternehmen. Ob die Haushalte ihr Nettogeldvermögen also erhöhen, verringern oder gleich lassen – immer ändert es sich bei den Unternehmen im gleichen Maß (nur mit umgedrehten Vorzeichen). Gesamtwirtschaftlich addieren sich also notwendig alle Änderungen des Nettogeldvermögens zu null und übrig bleiben die neuen Maschinen, also das I (= S).

Im Beispiel führt die Ersparnis der Haushalte also nicht à la Neoklassik irgendwie zu höheren Investitionen – über die bestimmen die Unternehmen ganz allein. Die Investitionen führen aber auch nicht irgendwie zu einer entsprechend hohen Ersparnis der Haushalte wie es sich manche Keynesianer vorstellen. Es gibt schlicht keinen notwendigen buchhalterischen Zusammenhang zwischen der Höhe der Ersparnis der Haushalt und der der Unternehmen. Das S in der Formel ist immer das I. Das ist es auch egal, wer genau investiert. Würden etwa die Haushalte noch Häuser bauen – die ja auch zum Sachvermögen gehören –, würde das zu höherem I und damit zu höherem S führen, vollkommen unabhängig davon, wie sie in der gleichen Periode ihr Nettogeldvermögen verändern.

So weit also zu den rein buchhalterischen Zusammenhängen, die die Identität von Investition und Ersparnis begründen. So richtig spannend wird es natürlich erst, wenn wir auf die Pläne der einzelnen Wirtschaftsakteure schauen, also ihre Investitionsplänen, Ausgabenplänen und Einnahmeplänen, und was passiert, wenn die Pläne nicht aufgehen. Aber für heute war es schon anstrengend genug. Das große Drama der nicht zusammenpassenden Pläne, die zum Auf und Ab der Konjunktur führen, wollen wir ein anderes Mal genauer betrachten. (Wer mag kann auch hier mal nachschauen.)

307 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    @ Hermann Keske # 20

    Am Ende des Artikels unter „Abstracts“ behaupten die Autoren es – und dort mit den letzten fünf Wörtern:

    „Over the past 15 years, German economic policy has shown apparent similarities to what happened 20 years earlier in the Netherlands: Trade unions have made modest wage claims and the number of “atypical” (and often poorly paid) jobs has steadily risen. Such a policy has a price: a lower propensity to innovate and lower growth rates of labour productivity. During 1991 and 2001, when Germany was known as “the sick man of Europe”, it still achieved average annual labour productivity growth of 2.16%. Between 2001 and 2013, this percentage was reduced by half, and during the period after the Hartz reforms (2006 to 2013), annual growth averaged just 0.90%. This paper presents theoretical arguments and empirical findings that explain why this reduction is not a random process”

    “is not a random process” heißt:

    Ist kein Zufallsergebnis bzw. -prozess, sondern Gesetzmäßigkeit, d. h. allgemein gültig.

    Wenn das so ist, dürfte z. B. in den 70er Jahren, die von Lohnerhöhungen geprägt waren, die den damaligen Superminister Schiller zu der Feststellung veranlasst haben „Genossen habt Ihr noch alle Tassen im Schrank“ – also alles andere als „bescheiden“ waren – kein Rückgang der Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität gegenüber der Vorperiode festzustellen sein.

    Es ist aber einer festzustellen mit 3,2 zu 5,2, hier noch einmal die Zahlen:

    de.statista.com/statistik/daten/studie/249644/umfrage/historisches-wachstum-von-bip-bevoelkerung-und-produktivitaet-in-deutschland/

    Die Behauptung der Autoren ist überzogen – ihr Nachweis hat nicht die SIGNIFIKANZ, die sie ihm verleihen.

    Ich finde dies übrigens erstaunlich.

    Wer Wissenschaftlichkeit beansprucht, sollte sich fragen oder besser noch von kompetenten Leuten seine Aussagen dahingehend überprüfen lassen, ob es FAKTEN oder ARGUMENTE gibt, die diesen Aussagen widersprechen.

    Woanders, selbst für die renommiertesten Wissenschaftler an den besten angelsächsischen Universitäten ist das selbstverständlich, bevor sie etwas veröffentlichen.

    Hierzulande offensichtlich nicht.

  2.   Jörg Buschbeck

    @DT
    Mit „unfriedlich“ meine ich den unvernünftigen und von einzelwirtschaftlichen Vorstellungen geprägten Gesamtkontext. Und Exportsalden sind eben auch immer Gründe für Konflikte, bei den Opiumkriegen war es offiziell. Die Konflikte des letzten Jahrhunderts in Europa waren wohl auch ganz wesentlich von solchen Problemen geprägt. Nicht ohne Grund hat Keynes am Ende dieser Katastrophen ein Konzept für gesteuerte Saldenlosigkeit im Außenhandel (Bancor-Plan) vorgelegt.

    @all – zur Diskussion Lohnerhöhungen statt Guthabenbremse (Flassbeck aktuell) Mit der Annahme, dass geringbezahlte Arbeitnehmer eine Lohnerhöhung wieder ausgeben, ist eines klar:

    Deren Ausgaben werden wieder 100% zu Einnahmen Dritter, insbesondere der Unternehmer. Deswegen erhöhen höhere Löhne nicht deren Defizitposition, so wie Flassbeck es als „einfache Sache“ darstellt. Und da deren Investitionen im wesentlichen aus steuerfreien Abschreibungs-einnahmen finanziert werden, bringen auch erst mal höhere Steuern wenig.

    Die richtige Antwort auf Frage, Lohnerhöhungen ODER Guthabenbremse, ist deshalb also aktuell Lohnerhöhungen UND Guthabenbremse. Und wenn man der Meinung ist, dass Nichtunternehmern das Risiko von Sachwertsparen nicht zuzumuten ist, dann muss eben die Alters- und Risikovorsorge wieder komplett auf das Thema Umlage, sicher eine der akzeptabelsten Guthabenbremsen.

  3.   rjmaris

    #290 Sparparadoxon Unsinn? Das lässt aufhorchen. Immerhin: der Autor des betreffenden Aufsatzes ist niemand minder als Thomas Mayer (der, der mal Chefvolkswirt der Deutschen Bank war).

    Zum Inhalt: Er meint, dass es keine Korrelation gibt zwischen der Zunahme der Staatsverschuldung und die Beschäftigung. Natürlich gibt es diesen nicht! Irland z.B. hatte einfach Riesenprobleme, und die Zunahme hat deshalb selbstverständlich nicht zu mehr Beschäftigung geführt.

    Am Ende kommt die Empfehlung, dass es die Rahmenbedingungen für Investitionen seien, die entscheidend sind. Hm. Welcher Thinktank dient der Herr Mayer mit seiner gefärbten Arbeit?

  4.   rjmaris

    @292 Buschbeck

    Deren Ausgaben werden wieder 100% zu Einnahmen Dritter, insbesondere der Unternehmer. Deswegen erhöhen höhere Löhne nicht deren Defizitposition, so wie Flassbeck es als “einfache Sache” darstellt.

    Das kommt darauf an. Wenn die höheren Löhne das Ergebnis einer reinen „Kuchenverteilung“ sind, wären also die Gewinne der Unternehmen geringer als vor einer solchen Lohnerhöhung. Angenommen, die Unternehmen würden letztlich nur soviel Gewinn machen wie es der Summe aus Unternehmerkonsum und Investition darstellt, dann wäre der gesamte Kreislauf in einem wunderbaren Gleichgewicht. Bloß das Geldsparen der Unternehmen stranguliert die Wirtschaft auf lange Sicht, eben um so schneller wie der Geldersparnisanteil der Gewinne steigt.

    Bei deiner Anmerkung zur Rückkehr der Lohnzunahmen bei den Unternehmern musste ich an den sog. Bumerang-Effekt denken, den ich in #283 benannt hatte. Dieser Effekt wird übrigens wunderbar im folgenden „Märchen“ beschrieben: sites.google.com/site/geldsysteminfo/kritik-an-der-kritik/fehlender-zins (leider kein Direktlink zum betreffenden Abschnitt: auf ca. 3/4 der Seite, Überschrift: „Ein kleines Märchen zur Auflockerung“).

  5.   Dietmar Tischer

    @ Jörg Buschbeck # 292

    Wenn Sie „unfriedlich“ als „Konflikte fördernd“ verstehen, kann ich damit leben.

  6.   Wolfgang Waldner

    @islm #290

    Das Sparparadoxon von Keynes ist in der Praxis Unsinn. Das kann man hier nachlesen:

    fvs-ri.com/analysen/analysen-details.html#analysis_33

    Bei seiner empirischen Untersuchung hat der ehemalige Chefökonom der Deutschen Bank doch glatt die Außenhandelssalden weggelassen:

    For the 13 countries as a whole, the correlation coefficient between employment and debt is 0.10, well below any level of statistical significance.
    fvs-ri.com/files/the_paradox_of_thrift.pdf

    Und theoretisch verstanden hat THOMAS MAYER das Paradox auch nicht:

    The idea behind this paradox is that savings generally are hoarded, hence taken out of economic circulation, and therefore depress aggregate demand. This may happen under extreme circumstances, but is not the case in general. Savings are generally lent on to fund
    investment.

    Das Sparparadoxon hat mit Horten von Geld jenseits des Wirtschaftskreislaufs nichts zu tun, sondern damit, dass das Sparen (der Verzicht auf Konsum oder jegliche Ausgaben) halt keine Ersparnisse schafft, sondern nur die Einkommen senkt (Multiplikator).

    Das Sparen erzeugt keine Ersparnisse, mit denen Investitionen finanziert werden könnten, das ist nur eine Illusion des einzelwirtschaftlichen Denkens: Wenn ich Geld ausgebe, ist es nicht weg, sondern nur auf einem anderen Konto, dessen Eigentümer nun ein höheres Einkommen erhielt. Außerdem finanzieren sich die Nettoinvestitionen makroökonomisch selbst, wenn es nicht an der Konsumnachfrage fehlt:

    Unternehmergewinn = Nettoinvestitionen + Unternehmerkonsum
    – Geldvermögensbildung (Einnahmeüberschüsse) der Nichtunternehmer 🙂

  7.   Jörg Buschbeck

    @DT
    Ja 🙂

    @rjmaris
    >Angenommen, die Unternehmen würden letztlich nur soviel Gewinn machen wie es der Summe aus Unternehmerkonsum und Investition darstellt, dann wäre der gesamte Kreislauf in einem wunderbaren Gleichgewicht. Bloß das Geldsparen der Unternehmen stranguliert die Wirtschaft auf lange Sicht, eben um so schneller wie der Geldersparnisanteil der Gewinne steigt.

    Ja, wobei es grad egal ist, wer uns in die Depression spart. Und mit Guthabenbremse + Lohnerhöhungen haben wir die WIN/WIN Situation, dass höhere Lohnausgaben eben auch wieder Zusatzeinnahmen der Unternehmer sind, es also gar keinen Interessenkonflikt gibt, wenn sich eben nicht einzelne Unternehmer durch Tarif-Flucht auf Kosten der Anderen entziehen.

    Das Einzige was wir zu verlieren haben, ist unser Exportsaldo. Dies ist aber auch heute schon Verlust, der wird nur mit Zeitverzug erst gebucht.

    Und wer jetzt mit Guthabenbremse mehr investiert als Geld spart, Unternehmer in ihren Betrieb oder Nichtunternehmer in Sachwertsparen oder höhere Rentenversicherungsbeiträge statt Riester, ist auch nicht so wichtig wie die Frage, ob wir nachhaltiges binnenwirtschaftliches Gleichgewicht ohne immer stärkere außenwirtschaftliche Ungleichgewichte haben können.

  8.   Jörg Buschbeck

    Und um mal zum I=S Thema zurück zu kommen.

    I wird ja immer noch doppeldeutig verwendet für :

    1. Kauf von Sachwerten
    2. Ausgabeüberschüsse/Verschuldung

    Nun wird daraus natürlich gefolgert, dass bei fehlender Defizitposition der Unternehmer, diese einfach viel zu wenig investieren. Die Investitionen sind aber gar nicht so niedrig, sie finanzieren sich eben nur aus steuerfreien Abschreibungseinnahmen. Und wenn sie heute noch mehr investieren, dann ist morgen noch mehr Abschreibung. Es ist deshalb völlig unmöglich, die Unternehmer dauerhaft in eine Defizitposition von 7-8% BIP zu bringen. Wenn man den Staat nicht diese Aufgabe übereignen kann oder will, führt an einer Guthabenbremse kein Weg vorbei.

    Dieses Diagramm zeigt sehr schön, wie sich deutsche Bruttoinvestitionen zwar von 25 auf 20% BIP reduziert haben, aber eben die marginalisierten Nettoinvestitionen das eigentliche Thema sind.

    http://data6.blog.de/media/542/5249542_a312fd392f_m.png

  9.   Dietmar Tischer

    @ isIm # 290

    >Das Sparparadoxon von Keynes ist in der Praxis Unsinn. Das kann man hier nachlesen:

    http://www.fvs-ri.com/analysen/analysen-details.html#analysis_33>

    Nachlesen kann man viel.

    Fragen Sie sich einmal, auf welche Praxis T. Mayer sich bezieht und wie er argumentiert.

  10.   islm

    @ 299 Tischer

    „Fragen Sie sich einmal, auf welche Praxis T. Mayer sich bezieht und wie er argumentiert.“

    Das habe ich getan.
    Und jetzt?

 

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