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I = S, was heißt denn des?

 

Immer wieder rauchen die Köpfe, wenn es um die berühmte Formel I = S geht, also darum, dass die gesamtwirtschaftlichen Investitionen (I) gleich den gesamtwirtschaftlichen Ersparnissen (S) sind, so zuletzt auch wieder einmal hier im Herdentrieb. Ganze Weltanschauungen scheiden sich daran, wie dieses Gleichheitszeichen zu interpretieren ist.

Neoklassiker glauben, dass erst einmal gespart werden müsse, damit sich dann die Investitionen in gleichem Umfang einstellen. Keynesianer denken genau anders herum, dass erst die Investitionen zu den entsprechenden Ersparnissen führen würden. Die unterschiedliche Sichtweise ist nicht trivial, denn je nachdem, wie man I = S interpretiert, kommt man zu ganz unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Empfehlungen.

So muss nach neoklassischer Lesart mehr gespart werden, damit auch mehr investiert wird – dadurch würde dann die Wirtschaft angekurbelt und die Beschäftigung erhöht. Diese Idee steht beispielsweise hinter der zur Lösung der Eurokrise propagierten Austeritätspolitik. Nach keynesiansischer Lesart müssten genau umgekehrt einfach die Investitionsausgaben erhöht werden und die Ersparnis stelle sich dann ganz von allein ein.

Bei beiden Positionen gibt es allerdings ein Grundproblem: Eine buchhalterische Identität wird als kausaler Zusammenhang zwischen zwei (vermeintlich) unterschiedlichen Größen interpretiert. Das hat zu großer Verwirrung nicht nur unter den Kommentatoren hier im Blog, sondern auch unter vielen Professorinnen und Professoren der Volkswirtschaftslehre geführt. Ein Grund für diese Verwirrung mag sein, dass sich die akademische Volkswirtschaftslehre zu selten mit etwas vermeintlich so trivialem wie buchhalterischen Zusammenhängen befasst – die akademischen Meriten lassen sich eher mit abstrakten und komplizierten Modellen verdienen, die nicht immer viel mit der ökonomischen Realität gemein haben.

Wer die berühmte Formel aber wirklich verstehen will, der muss sich leider in die Niederungen der Buchhaltung begeben. Dabei kommt man leider nicht um ein paar Definitionen und Formalien herum. Die sind aber mit den vier Grundrechenarten leicht zu bewältigen (einen sehr guten Überblich zum Thema gibt übrigens Johannes Schmidt).

Fangen wir damit an, uns klar zu machen, was mit dem „Sparen“, also dem S in I = S eigentlich genau gemeint ist. Dafür müssen wir genau verstehen, wie sich das Vermögen einer bestimmten Wirtschaftseinheit zusammensetzt – denn „Sparen“ ist nichts anderes als die Veränderung dieses Vermögens innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Das Vermögen einer Wirtschaftseinheit lässt sich in Form einer Vermögensbilanz darstellen. Auf der linken Seite der Bilanz, der Aktivseite, stehen das Sachvermögen (SV) und das Geldvermögen (GV). Als Geldvermögen werden alle Forderungen gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten bezeichnet. Auf der rechten Seite der Bilanz, der Passivseite, stehen die Schulden, d.h. alle Verbindlichkeiten (VB) gegenüber anderen Wirtschaftseinheiten, und, wie wir gleich sehen werden, das Reinvermögen.

Der Vermögensstatus unserer Wirtschaftseinheit ergibt sich nun dadurch, dass man von der Summe der Aktiva die Schulden abzieht. Man erhält so das Reinvermögen (RV) einer Wirtschaftseinheit (Formal: RV = SV + GV – VB; wobei der Saldo aus Geldvermögen und Verbindlichkeiten auch als Nettogeldvermögen (NGV) bezeichnet wird, so dass RV = SV + NGV).

Grafuik: Beispiel einer Vermögensbilanz mit positivem NGV

Jetzt können wir genau definieren, was unter „Sparen“ zu verstehen ist: Sparen ist die Veränderung des Reinvermögens in einem bestimmten Zeitraum. Ist das Reinvermögen einer Wirtschaftseinheit, etwa eines Unternehmens oder eines Haushaltes, zwischen dem ersten und dem letzten eines Monats um einen bestimmten Betrag angestiegen, dann hat diese Wirtschaftseinheit in diesem Monat genau diesen Betrag gespart.

Aus der Definition des Reinvermögens ergibt sich, dass Sparen rein buchhalterisch gleich der Veränderung des Nettogeldvermögens (ΔNGV) plus der Veränderung des Sachvermögens (ΔSV) ist, wobei die Veränderung des Sachvermögens auch als Investition (I) (präziser: als Nettoinvestition) bezeichnet wird. Als Formel ausgedrückt ergibt sich also:

S = ΔNGV + I

Und jetzt kommt die Pointe: Die Investitionen (I) sind rein definitorisch eine der zwei Formen des Sparens. Wer Sachvermögen bildet, der spart. Wenn jetzt jemand sagt: Die Ersparnis führt zu einer Investition, sagt er nichts anderes, als dass eine Ersparnis zu einer Ersparnis führt; wer sagt, eine Investition führt zur Ersparnis, sagt lediglich, dass eine Investition eine Investition ist.

Allerdings steht in unserer aus dem Bilanzzusammenhang abgeleiteten Sparformel neben dem I – dem Sparen in Form der Sachvermögensbildung – noch das ΔNGV, also das Sparen in Form der Bildung von Nettogeldvermögen. Der Unterschied zwischen dieser Formel und der berühmten Formel I = S ist, dass es sich bei letzterer um die Gesamtwirtschaft handelt und nicht um eine beliebig abgegrenzte Wirtschaftseinheit, die nur einen Teil der Gesamtwirtschaft umfasst, wie z.B. ein einzelnes Unternehmen oder der Unternehmenssektor als Ganzes oder die privaten Haushalte oder der Staat etc.

Betrachtet man eine Gesamtwirtschaft, dann verschwindet die Nettogeldvermögensbildung. Um das zu verstehen, müssen wir klären, wie jemand sein Nettogeldvermögen eigentlich ändern, also auf diese Weise sparen kann. Dazu brauchen wir allerdings wieder ein paar Definitionen.

Die in Deutschland gängige Buchhaltung nennt Transaktionen, die das Nettogeldvermögen verändern, Ausgaben und Einnahmen. Ausgaben und Einnahmen sind etwa Löhne und Gehälter, Zinsen und Dividenden, Steuern, Transfers, Kauf und Verkauf von Gütern etc. Wer einen Einnahmenüberschuss erzielt (mehr einnimmt als ausgibt), erhöht sein Nettogeldvermögen, spart also; wer einen Ausgabenüberschuss hat (mehr ausgibt als er einnimmt), verringert sein Nettogeldvermögen, hat also eine negative Ersparnis (Man bezeichnet diese Transaktionen auch als Leistungstransaktionen im Gegensatz zu reinen Finanztransaktionen, die nie das Nettogeldvermögen verändern und von daher für die Höhe der Ersparnis irrelevant sind).

Jetzt ist es aber so, dass die Einnahmen eines Wirtschaftsakteurs immer notwendig die Ausgaben eines anderen Wirtschaftsakteurs sind: Die Lohneinnahmen der Arbeitnehmer sind die Lohnausgaben der Arbeitgeber; der Kauf des Kunden ist der Verkauf des Händlers oder des Produzenten; die Zinseinnahmen des Gläubigers sind die Zinsausgaben des Schuldners etc.

Das heißt dann: Wenn irgendjemand einen Einnahmeüberschuss hat, müssen alle anderen Wirtschaftseinheiten zusammen einen Ausgabenüberschuss in gleicher Höhe haben. Jemand kann also nur dann „Geldsparen“ (sein Nettogeldvermögen erhöhen), wenn alle anderen zusammen – d.h. der Rest der Wirtschaft – sein Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag verringert!

Ein Beispiel: Deutschland als eine Wirtschaftseinheit erzielt jedes Jahr einen gigantischen Einnahmenüberschuss, auch Leistungsbilanzüberschuss genannt. Der Rest der Welt hat notwendigerweise ein Leistungsbilanzdefizit – einen Ausgabenüberschuss – in gleicher Höhe.

Wenn wir dann alle Einnahmenüberschüsse von allen Ausgabenüberschüssen abziehen, ergibt sich immer: null. Das heißt, die Welt in ihrer Gänze (oder die jeweils betrachtete Gesamtwirtschaft) kann nie in Form von Nettogeldvermögen sparen. In der Gesamtheit kann man nur in Form von Sachvermögen sparen, also investieren. Genau das heißt die Formel I = S.

Um es klar zu sagen: Diese Zusammenhänge haben nichts mit dem „passenden“ Verhalten der Wirtschaftsakteure zu tun; die Identität von Ausgaben und Einnahmen auf der Ebene der Gesamtwirtschaft ist auch kein Gleichgewicht, das sich erst durch geeignete Veränderungen von Einkommen, Preisen oder Zinsen einstellt. Es ist eine immer gültige Definition. Wenn Sie das nicht glauben, versuchen Sie mal etwas einzunehmen, ohne einen anderen zu einer entsprechenden Ausgabe zu bringen.

Um noch mal zu veranschaulichen, was I = S bedeutet, ist es sinnvoll, genauer zu sagen, was die Formel nicht bedeutet: Sie bedeutet nicht, dass die Ersparnis der Haushalte von den Unternehmen investiert wird. So etwas Ähnliches denken oft die Neoklassiker. Sie heißt auch nicht, dass das, was Unternehmen investieren, dann irgendwie zu einer entsprechenden Ersparnis bei den Haushalten führt. So was denken manche Keynesianer.

Das lässt sich ganz gut an einem Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir eine Wirtschaft an, die nur aus zwei Wirtschaftssektoren besteht, einem Unternehmenssektor und einem Haushaltssektor. Die Ausgaben des Haushaltssektors sind dann notwendig die Einnahmen des Unternehmenssektors und umgekehrt.

Am ersten des Monats beschließen die Unternehmen zu investieren, also neue Maschinen zu bauen. Nehmen wir weiter an, die Unternehmen haben genug Geld, um Arbeiter einstellen zu können, die ihnen die Maschinen bauen und anschließend damit Konsumgüter produzieren. Nachdem die Maschinen fertiggestellt und die Konsumgüter produziert sind, zahlen die Unternehmen ihren Arbeitern den vereinbarten Lohn (die Ausgabe der Unternehmen sind die Einnahme der Haushalte).

Die Haushalte können sich jetzt überlegen, was sie mit ihren Einnahmen bis zum letzten des Monats anstellen. Gehen wir drei Möglichkeiten durch: Nehmen wir erstens an, die Haushalte geben weniger aus als sie eingenommen haben. Dann nehmen die Unternehmen notwendig weniger ein als sie ausgegeben haben – die Unternehmensumsätze sind also geringer als die Löhne, die sie gezahlt haben. Die Nettogeldersparnis der Haushalte ist dann positiv, die der Unternehmen um den gleichen Betrag negativ.

Geben die Haushalte aber – zweitens – so viel aus, wie sie an Lohn erhalten haben, sind die Umsätze der Unternehmen natürlich genauso hoch wie das, was sie vorher an Löhnen gezahlt haben. Weder bei den Haushalten noch bei den Unternehmen ändert sich das Nettogeldvermögen. Wenn die Haushalte schließlich – drittens – mehr ausgeben als sie eingenommen haben, verringern sie ihr Nettogeldvermögen, und die Unternehmen erhöhen ihr Nettogeldvermögen um den gleichen Betrag.

Wie hoch ist in jedem der drei Fälle die gesamtwirtschaftliche Ersparnis in dem betrachteten Monat? Ganz einfach: Sie ist jedes Mal genau so hoch wie die Nettoinvestitionen der Unternehmen. Ob die Haushalte ihr Nettogeldvermögen also erhöhen, verringern oder gleich lassen – immer ändert es sich bei den Unternehmen im gleichen Maß (nur mit umgedrehten Vorzeichen). Gesamtwirtschaftlich addieren sich also notwendig alle Änderungen des Nettogeldvermögens zu null und übrig bleiben die neuen Maschinen, also das I (= S).

Im Beispiel führt die Ersparnis der Haushalte also nicht à la Neoklassik irgendwie zu höheren Investitionen – über die bestimmen die Unternehmen ganz allein. Die Investitionen führen aber auch nicht irgendwie zu einer entsprechend hohen Ersparnis der Haushalte wie es sich manche Keynesianer vorstellen. Es gibt schlicht keinen notwendigen buchhalterischen Zusammenhang zwischen der Höhe der Ersparnis der Haushalt und der der Unternehmen. Das S in der Formel ist immer das I. Das ist es auch egal, wer genau investiert. Würden etwa die Haushalte noch Häuser bauen – die ja auch zum Sachvermögen gehören –, würde das zu höherem I und damit zu höherem S führen, vollkommen unabhängig davon, wie sie in der gleichen Periode ihr Nettogeldvermögen verändern.

So weit also zu den rein buchhalterischen Zusammenhängen, die die Identität von Investition und Ersparnis begründen. So richtig spannend wird es natürlich erst, wenn wir auf die Pläne der einzelnen Wirtschaftsakteure schauen, also ihre Investitionsplänen, Ausgabenplänen und Einnahmeplänen, und was passiert, wenn die Pläne nicht aufgehen. Aber für heute war es schon anstrengend genug. Das große Drama der nicht zusammenpassenden Pläne, die zum Auf und Ab der Konjunktur führen, wollen wir ein anderes Mal genauer betrachten. (Wer mag kann auch hier mal nachschauen.)

307 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    @ islm # 300

    Und jetzt – lesen wir noch einmal.

    Keynes, GT, chapter 7, sagt:

    “For although the amount of his own saving is unlikely to have any significant influence on his own income, the reactions of the amount of his consumption on the incomes of others makes it impossible for all individuals simultaneously to save any given sums. Every such attempt to save more by reducing consumption will so affect incomes that the attempt necessarily defeats itself.”

    Mayer sagt:

    “The idea behind this paradox (Keynesian paradox, eindeutige Referenz im Satz zuvor, D.T.) is that savings generally are hoarded, hence taken out of economic circulation, and therefore depress aggregate demand. This may happen under extreme circumstances, but is not the case in general”.

    Sind Sie der Meinung, dass Mayer über DAS redet, was Keynes gesagt hat?

    Bevor Sie antworten, empfehle ich die beiden Zitate noch einmal GENAU zu lesen.

  2.   Peter Ledwon

    Liest sich wie der alte Streit makro VS. mikro.

    Ehrlicherweise hätte Keynes auch sagen sollen dass mit erhöhter Kreditaufnahme die Kaufkraft „for all individuals simultaneously“ sinkt.

  3.   islm

    @301 Tischer

    Mayer drückt genau den Gedankengang von Keynes aus, nur zeigt er empirisch, dass sich die vermeintliche Krise danach nicht immer einstellt.

    Wer ordentlich ökonomische Theorie gelernt hat, wird sich darüber nicht wundern. Das Keynes’sche Ergebnis KANN sich einstellen, muss aber nicht. Ob es sich einstellt, hängt von Parametern ab, die man in nicht allzu komplizierte ökonomische Modelle einbauen kann – aber die halt über die simplistischen Identitätsgleichungen hinausgehen, die hier ergebnislos hin und her gedreht werden. Ebenso wenig ist volkswirtschaftliche Saldenmechanik Theorie – es ist Buchhaltung und als solche wichtig, aber halt auch nicht mehr.

  4.   Dietmar Tischer

    @ islm # 303

    >Mayer drückt genau den Gedankengang von Keynes aus, nur zeigt er empirisch, dass sich die vermeintliche Krise danach nicht immer einstellt.>

    Das ist nicht richtig.

    Keynes behauptet, es sei in einem geschlossenen System („all individuals“) unmöglich, dass gleichzeitig alle Individuen eine beliebig hohe Summe sparen können.

    Das ist keine empirische Aussage, denn Keynes sagt nicht, dass TATSÄCHLICH alle Individuen mehr und mehr sparen; sondern es ist eine zur LOGIK des Systems (WENN alle gleichzeitig mehr und mehr sparen WOLLTEN, dann … ).

    Mayer dagegen behauptet, Keynes meine, dass Ersparnisse im Allgemeinen gehortet werden und daher nicht für Nachfrage zur Verfügung stünden. Dies ist eine EMPIRISCHE Feststellung, die er ganz klar als solche deklariert, wenn er hinzufügt, dass dies in extremen Fällen, aber normalerweise nicht der Fall ist.

    Kurzum:

    Mayer hat den Gedanken von Keynes nicht verstanden (oder willkürlich umgedeutet), wenn er einer logischen Aussage mit einer empirischen begegnet (was nichts über sein Verständnis empirischer Gegebenheiten aussagt).

    Von WIDERLEGEN kann daher keine Rede sein.

    Kann Keynes widerlegt werden und wenn ja, wie?

    Ja und zwar mit folgendem Verfahren:

    Mayer hätte eine geschlossene Wirtschaft, z. B. eine völlig autarke Volkswirtschaft oder eben auch die Weltwirtschaft heranziehen und aufzeigen müssen, dass dort ALLE Individuen mehr und mehr sparen wollen und dies auch NACHWEISLICH, d. h. faktisch tun KÖNNEN.

    Das wäre die Widerlegung von Keynes – dem VERFAHREN nach.

    Diese Widerlegung scheitert nicht nur, weil sich kein geschlossenes System finden lässt, in dem ALLE mehr und mehr sparen wollen, sondern – gäbe es solch ein System – sich auch als unmöglich herausstellen würde, dass in einem solchen System alle Individuen mehr und mehr sparen können.

    Mayer hätte sagen sollen:

    Was Keynes sagt, ist zwar nicht falsch, aber IRRELEVANT, weil es in der Wirklichkeit praktisch nicht (kaum) vorkommt.

    Ob man so die Liquiditätsfalle übergehen kann, bleibt dahingestellt.

    Aber Mayer hätte sich intellektuell nicht so schwach präsentiert, wie er es getan hat.

  5.   islm

    # 304 Tischer

    Das ist mir zu konfus.

    Erst behaupten Sie, dass man Keynes nicht empirisch widerlegen solle, sondern theoretisch. Danach behaupten Sie, eine theoretische Widerlegung funktioniere nicht, weil es die dazu gehörende Praxis (Empirie) nicht gebe („Diese Widerlegung scheitert nicht nur, weil sich kein geschlossenes System finden lässt, in dem ALLE mehr und mehr sparen wollen…). Das passt nicht zusammen, Abgesehen davon gibt es natürlich theoretische Modelle, in denen alle mehr sparen können, ohne dass die Wirtschaft zusammenbricht. Es gab ökonomische Theorien vor Keynes und es gibt ökonomische Theorien seit Keynes.

    Das Zitat von Keynes ist Bestandteil eines Gesamtkonzepts, das unter bestimmten theoretischen Prämissen funktioniert und unter anderen nicht – wobei es theoretisch nicht ganz einfach ist zu zeigen, wie das Konzept unter Annahme vollkommen flexibler Preise funktioniert. Aber am Ende des Tages müssen Sie theoretische Konzepte empirisch überprüfen.

  6.   Marlene

    @304

    Schöner Beitrag.

    Machen wir da weiter.

    Damit Griechenland seine Auslandsschulden verringern kann, muß sich Griechenland ‚ändern‘ und ‚zusätzliche‘ Warenangebote schaffen (Wie das ohne vorherige Ausgaben gehen soll, ist ein weiteres logisches Problem).

    Aber gleichzeitig, rein logisch, müssen in Deutschland Bedingungen dafür geschaffen werden, dass mehr Waren im Ausland nachgefragt werden können, um damit Geldvermögensforderungen an Greichenland langfristig auszugleichen.

    Das geht logisch nur durch eine Änderung der Geldvermögensverteilung in Deutschland.

    Vorschläge an Frau Merkel wären:

    Unternehmenssteuern erhöhen, Mehrwertsteuersatz senken, Spitzensteuersatz erhöhen, Beitragsbemessungsgrenzen in den Sozialversicherungen anheben, …

    Natürlich sind Frau Merkel von ihren Beratern diese rein logischen Zusammenhänge vorgetragen worden.

    Wenn die Medien beginnen logischer zu argumentieren, wird sich auch der Druck auf Merkel erhöhen in den Verhandlungen mit Griechenland mehr die Logik zu berücksichtigen und einen Kompromiss zugunsten der deutschen und griechischen Arbeitnehmer zu finden.

  7.   Dietmar Tischer

    @ islm # 305

    >Erst behaupten Sie, dass man Keynes nicht empirisch widerlegen solle, sondern theoretisch.>

    Das behaupte ich nicht.

    Ich behaupte, dass man ihn mit einer empirischen Feststellung nicht widerlegen kann.

    Von einer theoretischen Widerlegung sage ich nichts.

    Eine Analogie, die nicht genau dem Beispiel entspricht, aber anschaulich klar machen dürfte, was ich meine:

    Wenn jemand behauptet, dass es nicht möglich ist, alle Apfelbäume im Garten zu fällen UND (dann noch) Äpfel im Garten ernten zu können, behauptet er eine BEZIEHUNG zwischen zwei Tätigkeiten – nicht mehr und nicht weniger.

    Wenn festgestellt wird, dass keine Apfelbäume im Garten gefällt werden, d. h. dies überhaupt nicht vorkommt, dann kann man auch nicht feststellen, was ist, wenn sie gefällt worden wären.

    Heißt:

    Eine empirische Feststellung taugt nichts zur Widerlegung.

    >Danach behaupten Sie, eine theoretische Widerlegung funktioniere nicht, weil es die dazu gehörende Praxis (Empirie) nicht gebe (“Diese Widerlegung scheitert nicht nur, weil sich kein geschlossenes System finden lässt, in dem ALLE mehr und mehr sparen wollen…).>

    Das behaupte ich nicht – ich rede nicht von „theoretischer Widerlegung“.

    Ich behaupte:

    Es ist ein EMPIRISCHES Verfahren denkbar, das aber nicht zur Widerlegung führen kann, weil die empirischen Bedingungen, die für die Widerlegung erfüllt sein müssen, nicht herzustellen sind.

    >Das passt nicht zusammen>

    Doch, es passt zusammen.

    Um beim Beispiel zu bleiben,

    zum einen:

    Man kann wie oben gezeigt feststellen, dass eine Aussage zu einem empirischen Sachverhalt keine Widerlegung ist.

    Und zum anderen:

    Man kann natürlich einen Garten suchen in dem Apfelbäume stehen, alle im Frühjahr fällen und danach feststellen, ob man noch Äpfel ernten kann.

    Das ist ein Verfahren, mit dem sich feststellen lässt, ob obige Behauptung hinsichtlich der Beziehung Fällen/Ernten wahr ist oder nicht. Das VERFAHREN zur Widerlegung ist so GÜLTIG wie das im Falle der Behauptung von Keynes, bei dem es allerdings schon daran scheitert, dass sich – um im Bilde zu bleiben – kein Garten mit Apfelbäumen finden lässt, obwohl nicht ausgeschlossen ist, dass es ihn geben könnte (dass „alle Individuen gleichzeitig mehr und mehr sparen wollen“)

    Ich sehe nicht, warum das eine nicht mit dem anderen zusammenpassen soll.

    Beachten Sie:

    Im einen Fall will man der Behauptung mit einem empirischen Sachverhalt entgegentreten, der der Behauptung ausdrücklich NICHT gerecht wird („werden keine Apfelbäume gefällt“; Mayer: „nicht alle Individuen sparen gleichzeitig mehr und mehr“).

    Im anderen Fall will man der Behauptung mit einem empirischen Sachverhalt entgegentreten, der die Behauptung GENAU trifft („alle Apfelbäume werden gefällt“; als empirisch möglicher Fall denkbar: „alle Individuen wollen gleichzeitig mehr und mehr sparen“).

    Das eine schließt das andere nicht aus – es passt demnach zusammen.

    Und konfus ist es auch nicht.

    >Abgesehen davon gibt es natürlich theoretische Modelle, in denen alle mehr sparen können, ohne dass die Wirtschaft zusammenbricht.>

    Keynes hat nicht davon gesprochen, dass die Wirtschaft zusammenbricht.

    Er hat gesagt, dass das Wollen aller Individuen gleichzeitig mehr und mehr zu sparen „necessarily defeats itself“, d. h. sich als Unmöglichkeit herausstellt – und zwar notwendigerweise so.

    Wenn Sie ein Modell kennen, das zu anderen Ergebnissen kommt, dann legen Sie es dar.

    Aber bitte denken Sie daran, dass es nicht irgendein Modell ist – davon gibt es viele –, sondern eines, dass ein GESCHLOSSENES System ist, in dem ALLE GLEICHZEITIG mehr sparen wollen und dies auch KÖNNEN.

 

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