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Warum wir Griechenland auf dem Gewissen haben

 

Es ist bekannt, dass die öffentliche Verwaltung in Athen oder Thessaloniki nicht mit der Verwaltung in, sagen wir, München oder Hamburg (bei Berlin wäre ich mir da nicht ganz so sicher) mithalten kann. Der griechische Staat ist verrottet und hochgradig reformbedürftig.

So weit so gut. In den vergangenen Tagen ist aus dieser Diagnose ein Erklärungsmuster für den Verlauf der Krise abgeleitet worden. Die Rettungspolitik hat demnach in Griechenland nicht funktioniert, weil Griechenland so ganz anders ist als Irland, Spanien oder Portugal, und man für das Land deshalb ein völlig anderes Programm hätte entwickeln müssen.

Ich habe da meine Zweifel. Wahrscheinlich ginge es den Griechen besser, wenn sie tatsächlich wie Portugal oder Spanien behandelt worden wären. Wurden sie aber nicht. Sie wurden zu Sparmaßnahmen gezwungen, die weit über das hinausgingen, was in Portugal oder Spanien passiert ist.

Wir haben Griechenland auf dem Gewissen

Die Sparleistung – gemessen an der Veränderung des konjunkturbereinigten Etatdefizits – war in Griechenland deutlich höher als in den anderen Krisenländern. Entsprechend größer war der Dämpfer für die Wirtschaft durch den Nachfrageausfall.

Als der Schlamassel in Griechenland begann, ging es eben auch darum, ein Exempel zu statuieren, um andere Länder davon abzuhalten, ebenfalls Geld zu verlangen. Das war der vielleicht schwerste Fehler in dieser Krise und verantwortlich dafür ist vor allem die deutsche Bundesregierung. Oder wie der damalige amerikanische Finanzminister Tim Geithner es beschreibt:

„The Europeans came into that meeting basically saying: ‘We’re going to teach the Greeks a lesson. They are really terrible. They lied to us. They suck and they were profligate and took advantage of the whole basic thing and we’re going to crush them.’“

Damit will ich nicht sagen, dass Griechenland keine institutionellen Reformen braucht und auch nicht die Fehler der aktuellen Regierung entschuldigen – ganz im Gegenteil. Aber dass das Land jetzt so tief in der Misere steckt, liegt auch daran, dass es zumindest am Anfang besonders schlecht behandelt wurde.

108 Kommentare


  1. Griechenland hatte den größten Anpassungsbedarf und die wenigsten Fähigkeiten dazu. Deshalb ist es als erstes unter der Roßkur zusammengebrochen.

    So wie Varoufakis sagt: The canary in the coalmine.

  2.   tAntChen

    zu erst mal danke an den Autor für den ausgewogenen Artikel. Der Inhalt ist für mich an sich keine Neuigkeit, denn ich lese schon seit Monaten, abseits des Mainstreams ähnliche Nachrichten.

    Es ist nur etwas schade dass diese Stimmen erst seit wenigen Wochen im Mainstream stärker werden. Ich habe schon seit geraumer Zeit den Eindruck dass viele Journalisten sich in der Rolle des Griechen-Bashers sehr gefallen.

    Bessere Recherche und Unvoreingenommenheit hätten schon früher zu ausgewogneren Informationen führen können.


  3. … ja vergessen wir denn alles, was in Deutschland auch passiert?

    Wenn die lieben Bayern das arme aber sexy Berlin nicht mit ein paar Mrd jährlich unter die Arme greifen würde, dann wäre Berlin nur noch arm.

    DAS aber genau ist die solidarische Hilfe die ein Land (auch Europa) in einer Fiskalunion braucht.

    Der Traum einer Euro-Zone ohne Fiskalunion war, ist und bleibt ein dilettantischer.

  4.   Running

    Griechenland hatte vorher die größte Partie gefeiert, ohne das strukturell was geändert wurde. Aber auch kein Wunder. Kredite gab es so billig wie nie zuvor in Griechenland. Da wurde auf Pump gekauft, was das Zeug hielt und der Staat mischte kräftig mit. Finanzierte irre Lohnerhöhungen auf Pump.

    In Spanien war es im Prinzip nur Pech. Die haben ordentlich gearbeitet, aber leider alles in nur eine Idee gesteckt. Bauen bis zum geht nicht mehr. Als die Immobilienblase platze waren die Bürger hoch verschuldet und der Staat musste diese Schulden teilweise übernehmen.

  5.   kausz

    Hm, die Bodenreform und Korruption wurde nie angegangen. Dieses Land ist sehr sicher nur von aussen zu reformieren. All die etablierten Parteien haben es nicht auf die Reihe bekommen. Auch nicht die ’neuen‘, die Syriza. Weiteres Geld reinpumpen bringt nichts. Dann sind eben Löhne, Arbeitszeiten als auch Renten in die nähe des Existenzminimums zu redizieren. Den Menschen in der Slowakei, Polen, Rumänien etc geht es noch schlechter.

  6.   Niedersachse

    Wieder Ursache und Wirkung verwechselt – und schuld ist, ganz klar, wieder Deutschland. Oder um es anders zu sagen: Bild-Niveau, statt Griechen- gibt’s jetzt Deutschen-Bashing…

  7.   Holger Hoefling

    Und was wäre genau die Alternative gewesen? 15% Defizit in 2008 gefolgt von 18%. Es stimmt schon – Irland hat beim gleichen angefangen und man hat ihnen weniger abverlangt. Aber: Sie haben auch keinen Schuldenschnitt haben wollen und mussten in den letzten 5 Jahren ihre Schuldenquote von sehr guten 40% auf 100% erhöhen um durch die Krise zu kommen.

    Es war von Anfang an klar dass Griechenland viele Hilfsgelder nicht zrückzahlen oder dauerhaft deren Zinsen bedienen kann. Bei einer langsameren Anpassung wären also noch mehr Hilfsgelder notig gewesen. Und man kann ohnehin nicht annehmen dass die Anpassung so reibungslos wie in Irland verlaufen wäre – denn die Insitutionen von Griechenland sind viel schlechter.

    Deshalb war eine schnelle Anpassung nötig – niemand wäre bereit gewesen GR ein Jahrzehnt Zeit zu geben und darür 100% ihres BIP an Hilfen zu zahlen und abzuschreiben. Wie man sich bettet, so liegt man. Nie war das Sprichwort wahrer als im Fall von Griechenland.


  8. In Anbetracht der Tatsache das der Norden durch Lonverzicht und Produktivitätssteigerungen seinen Binnenmarkt durch Steuergeschenke und staatliche Sparsamkeit gerade noch nur stabil hält und in Gr. Löhne, Renten und Sozialausgaben Kürzungen bei gleichzeitiger staatlicher Sparsamkeit zu enormen Kaufkraftverlusten und Marktverkleinerungen führen. In einer koruppten, ineffizienten und durch Vetternwirtschaft geprägten Struktur können niemals unter vorgenaten Bedingungen Investitionsanreize für neue Arbeitsplätze enstehen. Selbst hier wird wegen mangelnder Massenkaufkraft trotz niedrigster Zinsen nicht Investiert wie dann unter der denkbar schlechtesten Bedingungen in Athen? Da mir als Laie das klar ist kann es nur Absicht oder verbohrtheit sein. Hier wäre die Presse gefragt alternative Meinungen und Expetise zu der mach die Reichen reicher und das freie Kapital wird es scjon richten Ideologie aufzuzeigen.


  9. Es ist schon bemerkenswert, dass die USA den Europäern dies und das in bezug auf Griechenland vowerfen!
    Es hindert sie doch niemand sich dort selbst (ausser über den IMF) zu engagieren – schliesslich lassen sie ihre Druckerpresse für vielen anderen Unsinn heisslaufen…………….


  10. Leider ist es für Angela Merkel nicht alarmierend, dass die Zustimmungswelle insbesondere zu Schäuble in der Bevölkerung so gross ist. Der einfache Mann auf der Strasse bekommt keine Aufklärung dafür, warum GRs Probleme so gross geworden sind.
    Es ist leise aber ständige Demagogie mit grossen Lettern etwas zu behaupten und die Hintergrundinformationen zu verschweigen. Jedesmal würde das Volk im Sinne der Propaganda reagieren, wenn die Leute nichts anderes hören. So einfach ist das für BILD, die heute sagen : „Referendum für Deutschland ob wir zahlen wollen“ Insofern sollte es viel mehr Artikel geben, die auch die andere Seite, nämlich die Geldgeber und deren Methoden beleuchten.

 

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