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Was Volkswagen die Staatskasse kostet

 

Volkswagen ist nicht nur ein Riesenkonzern, sondern zahlt auch einiges an Steuern in Deutschland. Was also bedeutet der jüngste Skandal für die Staatskasse? Im Detail ist das schwer zu sagen, weil es erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten gibt und die Summen noch nicht klar sind.

Eine Annäherung ist dennoch möglich. Nach Schätzungen bezahlt Volkswagen auf seinen Gewinn etwa 30 Prozent Steuern an den deutschen Staat. Im vergangenen Jahr fiel ein Rekordgewinn von 12,7 Milliarden Euro an – darauf dürften also rund vier Milliarden Steuern fällig geworden sein.

Nun hat der Konzern eine Rückstellung von 6,5 Milliarden Euro gebildet, wer weiß, ob in diesem Jahr überhaupt ein Gewinn ausgewiesen wird. Das könnte sich dann also mit rund drei bis vier Milliarden Euro beim Fiskus bemerkbar machen. Zum Vergleich: Das entspricht ungefähr der Hälfte des Überschusses im Bundeshaushalt in diesem Jahr.

Wie gesagt, das sind alles grobe Schätzungen und viel hängt davon ab, wie es jetzt weitergeht. Aber ich bin sicher, dass man im niedersächsischen Finanzministerium beziehungsweise in Wolfgang Schäubles Steuerabteilung schon rechnet.

14 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    Klar, dass das niedersächsische Finanzministerium und Schäubles Steuerabteilung schon rechnen. Es wäre unverantwortlich, dies nicht zu tun.

    Es werden Rechnungen in progress sein.

    Und es werden Rechnungen sein, die nicht nur VW betreffen.

    Habe heute von einem „Auto-Papst“ gehört, dass die Nachbesserung VW mehr als EUR 1.000 pro Fahrzeug kosten wird, wenn sie kostenfrei für die Besitzer der Autos sein soll – was, sollte das der Fall sein, „billig“ ist, wenn die Besitzer mit einer Nachbesserung einverstanden sind und nicht die für VW teurere Wandlung verlangen und durchsetzen können.

    Wenn man dazu noch Strafen + Schadenersatz (u. a. der Aktionäre!) dazuzählt, kann man auf Steuerausfälle in der angegebenen Größenordnung kommen – nur das eine Unternehmen VW betreffend.

    Bleibt die spannende Frage, wie sich der VW-Absatz entwickeln wird und damit nicht nur der Gewinn bzw. möglicherweise Verlust von VW, sondern auch der von Zulieferern.

    Spill over-Effekte auf andere Automobilunternehmen in Deutschland sind nicht ausgeschlossen. Die nächsten Quartale werden zeigen, ob die Verlustrechnung der Finanzministerien dahingehend erweitert werden muss.

    Die Probleme bei VW sollen jetzt schonungslos an der Wurzel gepackt werden.

    Werden sie natürlich nicht, weil dies zu schmerzhaft ist.

    Man wird an Symptomen wie Compliance-Defiziten herumdoktern.

    Wenn man an die Wurzel des Problems will, muss man sich klar machen, dass Volkswagen TROTZ seines riesigen Absatzes von ca. 10 Mio. Automobilen pro Jahr und damit erheblichen Skaleneffekten (Einkauf!) nur eine mickrige Rendite erzielt.

    Der Gewinn muss steigen, wenn die Anreize für Tricksereien und Betrug entfallen sollen.

    Kurz- bis mittelfristig steigt der Gewinn nur, wenn die Kosten vor allem im Inland sinken.

    Sie sinken m. A. n. hinreichend nur, wenn man Produktionsstätten schließt und Leute entlässt.

    Das werden Politik und Gewerkschaft zu verhindern wissen.

    Deshalb wird kurz- bis mittelfristig nichts an der Wurzel gepackt.

    Langfristig könnte es so sein, dass man vermehrt in den Schwellenländern und USA investiert, so dass mit der Wertschöpfung dort die hohen Kosten der teuren deutschen Standorte relativ zu den Gesamtkosten an Gewicht verlieren.

    Ich glaube, dass dies geschehen wird auch mit Blick darauf, in welchen Märkten mit höchstem Wachstum des Absatzes zu rechnen ist.

    Es ist ein verträglicher Weg zur relativen Bedeutungslosigkeit der deutschen Standorte.

  2.   Babendiek

    Zu den vermuteten Steuerverlusten ein paar Zahlen:

    Der Volkswagen-Konzern hat 2014 ausweislich des Geschäftsberichts weltweit 3,7 Milliarden Euro Steuern auf den Ertrag gezahlt.

    Hiervon entfielen exakt 2,073 Milliarden auf das Inland.

    Das Steueraufkommen in Deutschland betrug 2014 insgesamt 644 Milliarden Euro. Der drohende Verlust aufgrund des VW-Skandals beträgt also maximal 0,3 Prozent an den deutschen Steuereinnahmen. Dies bringt die Bundesfinanzen nicht ins Wanken.

    Etwas anders sieht es in Niedersachsen aus, wo die Muttergesellschaft VW ihren Sitz hat. (Ertragsteuern sind bekanntlich Gemeinschaftssteuern, die sich Bund, Ländern und Gemeinden teilen.) Doch auch hier dürfte der Schade überschaubar sein.

    Denn die gut verdienende Tochtergesellschaft Audi und die LKW-Tochter MAN haben ihren Sitz in Bayern und sind dort steuerpflichtig.

  3.   Frankie (f.k.a.B.)

    Schwieriges Gebiet, solche Schätzungen. Fraglich ist ob es sich im höchsten Aggregat überhaupt auswirkt. Geld, das VW nicht verdient, verdient ja dann einer anderer womöglich? Die Aufteilung der Gewinnsteuern ist sowieso ein schwieriges Feld, grundsätzlich gehen 42,5% an den Bund, 42,5% an die Länder , der Rest an die Kommunen. Wie da Niedersachsen leidet, ist sehr schwer festzustellen – womöglich werden weggebrochene Gewinnsteuern durch den LFA wieder ausgegeglichen. Durch das deutsche Verteilungsregime bei den Gemeinschaftsteuern (Est, KSt, Ust) sowohl vertikal wie horizontal lassen sich , glaube ich, nur sehr schwer direkt zurechenbare Effekte zu den Gemeinwesen feststellen. Fest steht nur, dass die Kommunen leiden werden, durch den Wegfall ( und womöglich Rückzahlung ) von Gewerbesteuer, hier ist der Abgabenweg kurz und direkt und dürfte sofort den Stadtsäckel von Braunschweig, Salzgitter, Wolfsburg etc. tangieren.

  4.   Hermann Keske

    @ Mark Schieritz

    Die 6,5 Mrd Rückstellungen werden wohl nicht viel mehr als ein Nasenwasser sein. Angesichts des Umstandes, daß VW hartnäckig und professionell getäuscht und betrogen hat, werden diese paar Milliarden kaum ausreichen, das Bußgeld zu bezahlen, das als erstes auf VW zukommen wird. Dieses Bußgeld dürfte sich eher am oberen Grenzpunkt orientieren, und das sind 18 Milliarden.

    Inzwischen sind schon ungefähr 40 Sammelklagen der Käufer anhängig – die US-Anwaltschaft jubelt in den höchsten Tönen, endlich mal wieder eine ganz fette Gans, die es zu schlachten gilt. Wieviele Käufer sind betroffen? 485.000 ? Daraus wird ein Milliardengeschäft für die Anwälte, darauf darf man Gift nehmen.

    Über den zu erwartenden Umsatzeinbruch kann man nur spekulieren wie auch darüber, aus welchen Ländern noch Sanktionen auf VW zukommen werden. Wenn es 11 Millionen Fahrzeuge sein sollen, die womöglich ihre Zulassung verlieren werden, dann können auch außerhalb der USA einige Milliarden Kosten auf den Konzern zukommen.

    Ich tippe mal, daß der Konzern gleich für mehrere Jahre keine Gewinne ausschütten wird. Vermutlich haben wir es mit einem Schaden irgendwo zwischen 30 und 50 Mrd zu tun.

    Dazu hat Dietmar Tischer schon den systemkonformen Vorschlag unterbreitet, den Schaden von der Belegschaft unterhalb des Managements bezahlen zu lassen. Das bloße Streichen der zuletzt bezahlten Gratifikationen an die Mitarbeiter wird nicht reichen. 700 Millionen im Jahr sind einfach zu wenig. Wenn wenigstens 10 Mrd pro Jahr für den Schaden erwirtschaftet werden sollen durch Kosteneinsparungen, dann müßte VW im Inland 200.000 Mitarbeiter entlassen. Ob man dann mit den Verbleibenden 72.000 noch Gewinne einfahren kann, muß erst noch untersucht werden.

    Immerhin: Wenn es gelingt, den Schaden komplett auf die hiesige Belegschaft der unteren Kategorien abzuwälzen, müßten die VW-Eigner nicht darüber nachdenken, ob für den Schadensausgleich womöglich Perlen wie Bentley oder Bugatti verwendet werden müssen.

    Und der Lerneffekt wäre doch gewaltig – so funktioniert moderner Kapitalismus. Das Konzernmanagement begeht Straftaten und wird reich dabei, den Schaden zahlen die Arbeitnehmer der unteren Einkommensgruppen mit dem Verlust von Einkommen oder gleich mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, und sie sollen damit zufrieden sein.

  5.   rjmaris

    @Keske: gut herausgearbeitet, mit der Verteilung des „Ausbadens“. Das ist immer wieder das Grundmuster.

    #Tischer: Kurz- bis mittelfristig steigt der Gewinn nur, wenn die Kosten vor allem im Inland sinken.

    Sie sinken m. A. n. hinreichend nur, wenn man Produktionsstätten schließt und Leute entlässt.

    Glauben Sie im Ernst, dass die Produktivität dabei höher wird? Jetzt, da unzählige Restrukturierungen in den Firmen das letzte Quäntchen Saft aus den Mitarbeitern geholt hat, und die Arbeitsverdichtung seine Grenzen erreicht hat?

    Nein, dann bleibt nur noch reiner Lohnsenkung! Das könnte funktionieren, denn es wäre keine Lohnsenkung, die unmittelbar einen Lohnsenkungswettbewerb auslösen würden, schlicht und ergreifend, weil an anderer Stelle die Kosten eben steigen. Gleichwohl trifft dann immerhin die Ungerechtigkeit zu, die Keske benannt hatte. Das heißt konkret: Lohnsenkungen sehr, sehr nach Progressivität gestaffelt. Das ist auch nicht unbedingt gerecht, aber immerhin weniger ungerecht, weil die stärkste Schultern die größte Last tragen.

  6.   Babendiek

    @ Hermann Keske

    Mit Verlaub: Volkswagen könnte auch Schadenersatz- und Strafzahlungen in Höhe von insgesamt 18 Milliarden Euro verkraften.

    Ende 2014 betrug die Brutto-Liquidität im Kerngeschäft Autos (also ohne VW Financial Services) 27,4 Milliarden Euro.

    Netto (nach Abzug der Kredite) belief sich die Liquidität immer noch auf 17,6 Milliarden Euro.

    VW hat sich dank der hohen Gewinne, die vor allem Audi und Porsche abwerfen, in den vergangenen Jahren vollgesogen mit Liquidität. Unrentabel sind ja nur die Kernmarke VW und die Lastwagen von MAN und Scania.

    Ich fürchte jedoch, dass es noch mehr als 18 Milliarden Euro werden könnten, von den Umsatzrückgängen ganz zu schweigen.

  7.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 2

    >Doch auch hier dürfte der Schade überschaubar sein.>

    Im Augenblick ist nichts überschaubar.

    Der GESAMTSCHADEN kann ganz erheblich steigen, wenn Verlustvorträge in den Folgejahren steuermindernd geltend gemacht werden können.

    @ Frankie # 3

    >Durch das deutsche Verteilungsregime bei den Gemeinschaftsteuern (Est, KSt, Ust) sowohl vertikal wie horizontal lassen sich , glaube ich, nur sehr schwer direkt zurechenbare Effekte zu den Gemeinwesen feststellen.>

    Das ist richtig.

    Schieritz spricht von groben Schätzungen und davon, dass die Ministerien in Berlin und Hannover rechnen. Dabei dürfte es erst einmal um Gesamtsummen bei Annahme von Alternativszenarien gehen. Das ist etwas anderes als „direkt zurechenbare Effekte“ zu berechnen.

    Was die Kommunen betrifft, haben Sie vollkommen recht:

    Heute hat Wolfsburg mit sofortiger Haushaltssperre und Einstellungsstopp auf die zu erwartenden Gewerbesteuereinbußen reagiert. Das ist nicht schön, aber man wird es verkraften können. Schließlich ist die Stadt schuldenfrei.

    Andere Städte wie Braunschweig und Emden werden Wolfsburg folgen.

    @ Hermann Keske # 4

    >Dazu hat Dietmar Tischer schon den systemkonformen Vorschlag unterbreitet, den Schaden von der Belegschaft unterhalb des Managements bezahlen zu lassen.>

    Unsinn.

    Ich habe gesagt, dass der Gewinn steigen muss, wenn ANREIZE für Trickserei und Betrag entfallen sollen und weiterhin, dass dies nur mit Kostensenkugen zu erreichen ist, was m. A. n. hinreichend nur mit der Schließung von inländischen Produktionsstätten und der Entlassung von Personal geschehen könne.

    Hier ist nirgends die Rede von der BEZAHLUNG des SCHADENS.

    Sie stellen hier am Blog meine Aussagen innerhalb weniger Stunden zum wiederholten Male FALSCH dar, um einen Kronzeugen für IHRE Auffassungen zu haben.

    Lassen Sie das.

    Im Übrigen:

    Bis jetzt haben vor allem die ANTEILSEIGNER für den Schaden „bezahlt“ und dies in satt zweistelliger Milliardensumme durch Kursverluste der Aktie.

    @ rjmaris # 5

    >Glauben Sie im Ernst, dass die Produktivität dabei höher wird? Jetzt, da unzählige Restrukturierungen in den Firmen das letzte Quäntchen Saft aus den Mitarbeitern geholt hat, und die Arbeitsverdichtung seine Grenzen erreicht hat?>

    Was ich glaube, habe ich geschrieben.

    Wenn es aber so sein sollte, wie Sie schreiben, dass nämlich unzählige Restrukturierungen das „letzte Quäntchen Saft aus den Mitarbeitern geholt haben“, ist doch nur folgerichtig, was ich mit Blick auf Betrugsvermeidung – siehe oben – geschrieben habe:

    Man sollt Mitarbeiter nicht weiter „quälen“, sondern entlassen.

  8.   rjmaris

    @Tischer – „Man sollt Mitarbeiter nicht weiter „quälen“, sondern entlassen.“

    Um mal Ihrem Duktus zu bemühen: Sie haben es überhaupt nicht kapiert. Wenn VW Leute entlässt, hat VW keine Möglichkeit zu weiterer Arbeitsverdichtung. Es wird also zwangsläufig zu weniger Output kommen. Der Laden schrumpft. Nur wenn Schrumpfung das (womöglich) unvermeidliche Ziel ist, dann sind Entlassungen natürlich die logische Folge.

  9.   Babendiek

    @ Keske, rjmaris, Tischler

    Mit Massenentlassungen wird Volkswagen seine finanziellen Probleme gewiss nicht lösen können. Gewinn machen kann das Unternehmen nur, wenn es auch künftig Autos verkauft. Und die müssen ja von irgend jemandem entwickelt und produziert werden.

    Wie ich schon schrieb, hat sich Volkswagen in den kommenden Jahren vollgesogen mit Liquidität. Falls diese Summen für die zu erwartenden Strafzahlungen und Entschädigungen nicht ausreichen sollten, könnte VW zum Beispiel Betriebsteile und Tochtergesellschaften verkaufen.

    MAN und Scania könnte VW ohne Schade loswerden. Zwischen Nutzfahrzeugen und PKW gibt es so gut wie keine Synergien. Auch die ganzen Exoten wie Bentley, Bugatti, Ducati und Lamborghini, die Piech im Größenwahn aufgekauft hat, passen nicht recht zum Kerngeschäft.

    Auch Porsche gehört traditionell nicht zu Volkswagen. Synergien gibt es mit VW nur bei den SUVs. Angesichts der hohen Gewinne dürfte Porsche einen Marktwert von rund 20 bis 30 Milliarden Euro haben.

    Noch mehr wert ist Audi. Beim branchenüblichen Multiple kommt das Unternehmen, das Bruttoerträge von rund 4,5 Milliarden Euro erzielt, auf einen Marktwert von mindestens 30 Milliarden Euro. Allerdings besteht zwischen Audi und VW ein enger Liefer- und Leistungsverbund (modularer Querbaukasten bei den wichtigsten Komponenten, gemeinsame Beschaffung). Genau aus diesem Grund dürften Seat und Skoda alleine nicht existieren können.

    Ohnehin ist der VW-Konzern mit seinen aktuell 12 Marken viel zu groß, um noch vernünftig geführt zu werden. Konkurrent Toyota hat nur drei oder vier Marken, General Motors hat nach der Finanzkrise einen Gutteil seiner einst ebenfalls 12 Marken eingestellt.

    Überdies denkt VW schon länger darüber nach, interne Zulieferbetriebe zu verkaufen, zum Beispiel das Getriebe-Werk in Kassel.

    Alternativ zu einem Verkauf könnte VW beispielsweise Audi oder Porsche an die Börse bringen.

    Es gibt also genügend Möglichkeiten, die drohenden Zahlungen zu leisten, ohne Zehntausende oder gar Hunderttausende von Mitarbeitern zu entlassen.

  10.   Dietmar Tischer

    @ rjmaris # 8

    Erklären Sie mir nicht, was ich vermeintlich nicht kapiere, wenn Sie noch nicht mal über den Tellerrand blicken können.

    Wenn man Leute in Deutschland entlässt kommt es c. p. natürlich zu weniger Output in Deutschland.

    Der Laden VW schrumpft aber nicht, wenn man – wie es geschieht und worauf ich hingewiesen habe – gleichzeitig Werke in China oder anderswo baut.

    KOSTENSENKUNG ist das Ziel, nicht Schrumpfung.

    Kapiert?

 

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