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Flüchtlinge zwingen den Staat zu einem Konjunkturprogramm

 

Jeder darf mal rechnen! Auf ZEIT ONLINE gab es heute früh eine viel kommentierte Nachricht mit der Überschrift „Flüchtlinge kosten Deutschland 50 Milliarden Euro“. Der Artikel bezog sich auf eine Berechnung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die auf den folgenden Annahmen beruhte:

1. Im Jahresdurchschnitt wird es 2016 insgesamt 1,5 Millionen, im Jahr 2017 dann 2,2 Millionen Flüchtlinge geben, die versorgt werden müssen. Nur etwa jeder Vierte von denen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, wird einen Job finden.

2. Die jährlichen Kosten für die Unterbringung und Verpflegung eines Flüchtlings belaufen sich auf 12.000 Euro. Das macht nach einer Bereinigung um wegfallende Sozialkosten 17,1 Milliarden in diesem und 22,6 Milliarden Euro im nächsten Jahr.

3. Hinzu kommen die Kosten für Sprach- und Integrationskurse von jeweils fünf Milliarden Euro.

Insgesamt ergibt das die besagten 50 Milliarden Euro.

Um das mal in Relation zu setzen: Wenn ich zunächst davon ausgehe, dass es keine Flüchtlinge zu betreuen gibt, wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2016 gegenüber 2015 überschlägig um 106 Milliarden Euro, im nächsten Jahr um 110 Milliarden Euro zunehmen. Ich nehme hier an, dass das nominale BIP sowohl 2016 als auch 2017 gegenüber dem Vorjahr jeweils um 3,5 Prozent zunimmt, also so rasch wie im Jahr 2015. Ich nehme weiterhin an, dass der Staat wie in der Vergangenheit etwa 44 Prozent des zusätzlichen BIP als Einnahmen verbuchen kann – ergibt ein Plus von rund 95 Milliarden Euro, einfach durch normales Wachstum.

Und jetzt die Flüchtlinge! Gegenüber seinen ursprünglichen Annahmen muss der Staat für sie auf einmal 50 Milliarden Euro mehr ausgeben. Dadurch nimmt das nominale BIP nicht um jeweils 3,5 Prozent, sondern schätzungsweise um zweimal 4,5 Prozent zu, was insgesamt einem Zusatz-Output von 92 Milliarden Euro entspricht und bei einer Abgabenquote von 44 Prozent zu staatlichen Zusatzeinnahmen von 40,5 Milliarden Euro führt.

Mit anderen Worten: Nach dieser Rechnung, die auf Annahmen beruht, die nicht weniger plausibel sind als die des IW, wird es für Herrn Schäuble und seine Kollegen in den Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen netto zu jährlichen Zusatzausgaben von etwa fünf Milliarden Euro kommen. Dafür braucht keine einzige Steuer erhöht zu werden, und es braucht auch nicht an anderer Stelle gespart zu werden.

Die Rechnung des IW ist schlicht und einfach Panikmache.

85 Kommentare

  1.   Majo

    Der Autor geht von einer Wachstumssteigerung von 1% jährlich aus, das durch die Zusatz-Ausgaben für die Flüchtlinge ausgelöst wird. Das BIP betrug 2015 rd. 3 Billionen €, 1% = 30 Mrd.€ für 2016 + 31 Mrd. für 2017 = 61 Mrd.€ und nicht 92 Mrd.€, wie oben behauptet.
    Bei einer Abgabenquote von 44% fließen dann aber nur 26,8 Mrd. an Finanzämter u. Sozialkassen zurück, aber nicht 40,5. Also liegt das Gesamt-Defizit nach obiger Berechnungs-Methode nicht bei 5 Mllrd. sondern bei 12 Mllrd. € pro Jahr

  2.   BMMMayr

    @DW

    A quote I once saw on the internet that seems most appropriate:

    „You’re a brave fellow putting up work like this in front of such an easily disturbed audience.“

    Keep up the good work!

  3.   Uwe Richter

    @ Majo (#81)

    In ihrer Rechnung steckt ein Denkfehler (der zugegebenermaßen nahe liegt).

    Hier die Erklärung: In 2016 beträgt der Unterschied zwischen dem 3,5%- und dem 4,5%-Szenario beim nominalen BIP tatsächlich 30 Mrd Euro. In 2017 beträgt der Unterschied aber 62,4 Mrd Euro und nicht 31 Mrd Euro. Sie kommen auf nur 31 Mrd Euro, weil Sie das BIP des 4,5%-Szenarios in 2017 mit einem BIP des 4,5%-Szenarios vergleichen, das in 2017 nur um 3,5% gestiegen ist. Sie müssen aber das BIP des 4,5%-Szenarios in 2017 mit dem BIP des 3,5%-Szenarios in 2017 vergleichen!

    Hier kurz in Zahlen:

    BIP im 3,5%-Szenario (Mrd Euro): 3000 (in 2015); 3105 (in 2016); 3213,7 (in 2017)
    BIP im 4,5%-Szenario (Mrd Euro): 3000 (in 2015); 3135 (in 2016); 3276,1 (in 2017)

    Das BIP ist also über die zwei Jahre akkumuliert um 92,4 Mrd Euro höher.

    Bei einer Staatseinnahmenquote von 44% (vgl. Bundesbank Monatsbericht statistischer Anhang S. 58*, Tabelle 2) ergibt das im 4,5%-Szenario Mehreinnahmen von 40,7 Mrd Euro verteilt über zwei Jahre.

  4.   Boris Zorn, Düsseldorf

    Guten Abend,

    sicherlich beschäftigt sich der Artikel mit den Folgen von kriegerischen Handlungen. Diese finden zum Glück nicht in unserer Nähe statt, oder gar hier.

    Ich habe vorherige Beiträge eher sehr schnell gelesen, dafür viele.

    Kurzum, ich vermisse in dieser Diskussion eine jegliche Würdigung von empathischem und menschlichen Handelns. Es geht um “ … das zahlt ja dann der Steuerzahler …“ und es verliert sich in fachlichem Gerangel.

    Kurzum, an diesem Punkt der Geschichte geht es darum, Menschen vor Folter, Mord und Zerstörung zu bewahren. Und es sollte um Lösungsansätze gehen, oder? 🙂

  5.   Hansjörg

    Eine schöne Milchmädchen-Rechnung.
    Derzeit liegen die Kosten für die Unterbringung und Verpflegung im Schnitt pro Flüchtling bei 2018,74 € pro Monat und nicht bei 1.000,00 €
    + Die kosten der Gesundheitsversorgung inkl. den für gut 20% notwendigen und sehr teuren Zahnersatz
    + Kosten für psychologische (und damit sehr kostspielige und langjährige) Betreuung.
    + Die Kosten für min. 20.000 neue Lehrkräfte , ebensoviel neue Polizisten und ca. 15.000 Verwaltungsangstellte (Jobbörse ja, aber leider auf Staatskosten).
    Einfach mal der Realität ins Auge schauen :
    welt.de/wirtschaft/article147697183/Kosten-von-bis-zu-30-Milliarden-Euro-jedes-Jahr.html
    Und wenn man nun vom Chef des Bundesamtes für Arbeit ausgeht, dass „Im ersten Jahr wohl nur 10 % eine Stelle finden, binnen 5 Jahren 25 % und erst nach gut 15 Jahren 70% in den Arbeitsmarkt integriert werden können “ Einfach mal rechnen liebes Milchmädchen =:)
    U

 

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