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„Helicopter Money“ wird gesellschaftsfähig

 

Geld fällt vom Himmel, von einem Helikopter abgeworfen, Mario Draghi am Steuerknüppel, immer wieder neue Flüge – bis die Leute so viel geschenkt bekommen haben, dass sie ihre Schulden fühlbar abbauen können und anfangen, endlich mal mehr Geld auszugeben. Dadurch würde die Konjunktur stimuliert und die Inflationsrate da hingebracht werden, wo sie hingehört, auf knapp zwei Prozent. Wenn es bisher an Geld gefehlt hat, na ja, dann lassen wir es doch einfach vom Himmel regnen. Wofür hat man schließlich eine Notenbank?

Das Thema hat eine lange intellektuelle Vorgeschichte – sie reicht mindestens von Keynes über den Monetaristen Milton Friedman (1948) bis zu Ben Bernanke (2002, 2003), dem vorletzten Chef der amerikanischen Fed. Jetzt hat Adair Turner in einem lesenswerten Buch seinen Hut in den Ring geworfen („Between Debt and the Devil – Money, Credit, and Fixing Global Finance„). Er plädiert dafür, die Geldpolitik durch das Instrument des Helicopter Money wieder handlungsfähiger zu machen und damit den Knoten zu durchschlagen, der durch die Überschuldung von Banken, Haushalten, Unternehmen und Staat, durch das Platzen von Blasen an den Märkten für Immobilien, Aktien, Devisen und Rohstoffen sowie das folgende sogenannte Deleveraging entstanden ist. Wenn durch den forcierten Schuldenabbau so viel gespart wird, fehlt es auf der Ausgabenseite. Turner würde das verbinden mit Maßnahmen, durch die Banken bei ihrer Geld- und Kreditschöpfung weniger Spielraum haben als bisher, weil Blasen immer dann gefährlich sind, wenn sie kreditfinanziert sind.

Adair Turner ist ein Geschäftsmann, Technokrat und Hochschullehrer, der von 2008 bis 2013, in der heißen Phase der Finanzkrise, Vorsitzender der FSA war, der britischen Finanzaufsicht. Er galt als Kandidat für die Nachfolge von Mervyn King als Chef der Bank of England und ist als geadelter Baron Turner of Ecchinswell seit 2005 (parteiloses) Mitglied des House of Lords, ist also ein Mann des Establishments schlechthin. Er weiß, wovon er spricht.

Seit dem Ausbruch der großen Finanzkrise im Herbst 2008, also seit mehr als sieben Jahren, sind die Notenbanken der reichen Länder dabei, ihre Bilanzen gewaltig aufzublähen, das heißt Geld zu drucken, die Leitzinsen in der Nähe von Null zu halten und gleichzeitig den Marktteilnehmern zu versichern, dass es für lange Zeit dabei bleiben wird (forward guidance nennen die Zentralbanker diese Strategie). Trotzdem liegen die Inflationsraten immer noch wie festgemauert weit unterhalb der Zielmarken wie übrigens auch in Japan, wo es bereits in den frühen neunziger Jahren zum großen Knall gekommen war. Der Einbruch des Ölpreises und anderer Rohstoffpreise bedeutet, dass sich an der Quasistagnation der Preisindizes fürs Erste nichts ändern wird und dass die mittelfristigen Inflationserwartungen, auf die es den Zentralbanken vor allem ankommt, weiter sinken dürften.

Zudem ist es in der Realwirtschaft offenbar zu einem nachhaltigen Rückgang des Potenzialwachstums gekommen – die expansive Geldpolitik hat die Investitionstätigkeit bisher noch nicht stimulieren können. Diese sogenannte secular stagnation ist zu einem Risiko geworden, das ernstgenommen werden muss. Was passiert erst, wenn es jetzt global zu einer neuen Rezession kommen sollte?

Vermutlich haben die Zentralbanken mit ihren Maßnahmen Schlimmeres verhindert, aber sie haben weder ihre Inflationsziele erreicht noch einen sichtbaren Beitrag für mehr Wachstum geleistet – und sind insofern gescheitert. Vielleicht wird zu viel von ihnen erwartet, vielleicht fehlen ihnen die richtigen Instrumente, vielleicht verstehen sie auch einfach nicht, wie die Wirtschaft angesichts hoher und steigender Schulden funktioniert.

Mario Draghi versichert immer wieder, dass die EZB alle denkbaren geldpolitischen Alternativen unvoreingenommen untersuche, aber es kommt bisher immer nur heraus, dass die bereits existierenden Programme modifiziert, verlängert oder aufgestockt werden. Wie Adair Turner frage auch ich mich, ob Helicopter Money im Kampf für eine höhere Inflationsrate eine Alternative ist. Soweit ich mich erinnern kann, hat es noch kein Journalist gewagt, Draghi bei einer seiner Pressekonferenzen zu fragen, ob sich seine Analysten mit diesem Thema beschäftigen. In einem Interview hatte Mark Schrörs von der Börsenzeitung kürzlich immerhin von EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio wissen wollen, ob Helikoptergeld eines der denkbaren geldpolitischen Instrumente sei, das heißt der Vorschlag, dass die Zentralbank Geld druckt und dieses dann direkt an die Bevölkerung oder den Staat weitergibt. Die Antwort: „Die ursprüngliche Idee von Helikoptergeld bezog sich auf die direkte Finanzierung öffentlicher Ausgaben. Das ist für uns keine Option. Das ist nichts, was wir erwägen. Wie Präsident Draghi zu dem Thema gesagt hat, verbietet der EU-Vertrag die direkte Finanzierung von Regierungen des Euroraums.“ Mit anderen Worten, Helicopter Money ist verboten und kommt daher von vornherein nicht infrage. Das ist wohl so.

Um was geht es bei dem Konzept eigentlich genau? Es handelt sich um ein Instrument, bei dem Finanzpolitik und Geldpolitik vermischt werden, was nach den Erfahrungen mit den hohen Inflationsraten der siebziger und frühen achtziger Jahre nie wieder passieren sollte. Wer darüber offen spricht, holt ein Tabuthema aus dem Schrank und riskiert, sich zu blamieren. Die Notenbank würde dem Staat Anleihen abkaufen, diese auf der Aktivseite ihrer Bilanz buchen und ihm auf seinem Konto (auf der Passivseite) den Gegenwert zur freien Verfügung gutschreiben. Das wäre verbunden mit der Zusicherung, dass die neuen Anleihen niemals eingelöst werden müssten – sie bleiben für alle Zeiten zwar eine Verbindlichkeit des Staates, aber nur pro forma. Die Zinseinnahmen der Notenbank aus diesen Anleihen würden an den Staat zurücküberwiesen und da die Notenbank dem Staat gehört, ist das nichts als ein bisschen Hin- und Hergebuche im Staatssektor ohne realwirtschaftliche Effekte. Die Bonität des Schuldners Staat würde nicht leiden, weil die Schulden gegenüber der Notenbank letztlich Schulden gegen sich selbst wären.

Turner weist darauf hin, dass die Kompetenzen klar abgegrenzt sein müssen, damit es nicht zu Entwicklungen wie in Simbabwe oder der Weimarer Republik kommt: Die Zentralbank bestimmt, wie viel Geld sie auf diese Weise in die Welt setzt und wann Schluss ist mit dem Gelddrucken, wohingegen der Staat entscheidet, wie er das Helikoptergeld unter die Leute bringt, ob für Investitionen, mehr Personal oder höhere Sozialausgaben, je nach seinen politischen Präferenzen.

Es handelt sich um kein Instrument, das dauerhaft eingesetzt werden darf, schreibt auch Turner. Sobald klar ist, dass die Inflationsrate nachhaltig ihren Zielwert erreicht hat, hat Helicopter Money seine Schuldigkeit getan. Sollte die Inflation danach aus dem Ruder zu laufen drohen, käme das normale Instrumentarium der Notenbank zum Einsatz: höhere Zinsen und Mindestreserven, Verkauf von Wertpapieren aus anderen Programmen als Helicopter Money – was immer in einer solchen Situation nötig ist. Die Geldpolitiker wissen ja, wie man Inflation bekämpfen muss. Nur mit der Deflation tun sie sich immer noch schwer.

Ein Gedanke zum Schluss: Da die Regeln der europäischen Währungsunion die monetäre Finanzierung des Staates verbieten, könnte stattdessen hilfsweise eine Institution wie die Europäische Investitionsbank Bonds emittieren, die dann von der EZB gekauft und in ihrer Bilanz begraben würden. Beim gegenwärtigen Quantitative-Easing-Programm kauft die EZB ebenfalls solche (und andere) Bonds, allerdings nur im Sekundärmarkt, also nicht an der Quelle und legt Wert darauf, dass sie bei Fälligkeit eingelöst werden müssen. Begraben wird nichts. Alternativ könnte der EU-Vertrag geändert werden. Dazu müsste die Deflationsgefahr allerdings vermutlich krisenhafte Züge annehmen. Da sind wir noch nicht.

50 Kommentare

  1.   Lignite

    Der Euro wurde nur eingeführt, d a m i t die Staatsfinanzierung durch die EZB erfolgen konnte. Nach einer Schamfrist hat dann Draghi die Gelegenheit einer „Krise“ genutzt, um den Notstand auszurufen und Geld in die Staaten zu pumpen, wo schon die Politiker in ihrer masslosen Geldgier bereitstanden um das zu empfangen, wofür sie lange gearbeitet haben.

    Die EU-Bürger wurden in einem schlimmen Ausmasse von vorne bis hinten belogen. Das scheint heute Politik zu sein.

    Der letzte Bundesbankpräsident mit Banker-Ausbildung (der also wusste wovon er spricht) Axel Weber, ist deswegen zurückgetreten. Weil er und alle Ökonomen wissen, was Staatsfinanzierung aus der Gelddruckerei für den Bürger bedeutet. Der Bürger zahlt es durch den Werteverlust seiner Sparguthaben zurück. Sein Geld verliert jedes Jahr 2-3 % an Wert und nach 30 Jahren kann er sich mit dem Gegenwert nur noch eine Rolle Klopapier kaufen. In der Zwischenzeit hat der betrügerische Staat den Wert des Geldes für sinnlose Kriege und andere sinnlose Veranstaltungen verjuxt.

  2.   Lignite

    „Quasistagnation der Preisindizes“

    Sie sagen es. Es ist die Stagnation der Indizes, der gefälschten Statistiken.

    Nicht der realen Preise.

  3.   Kromme

    Draghi druckt Geld wie verrückt, aber nur wer es nicht braucht, kann es bekommen.

    Ist ja wohl offensichtlich, das das nicht funktioniert.

    Wenn es denen ernst wäre mit Inflation, dann würde jede natürliche Person in Europa 1000 Euro bekommen. Da würde blitzschnell Konsum und Inflation anspringen.

  4.   Pommer79

    Nach meinem Verständnis soll Helikoptergeld ein Symptom lindern, dass durch falsche/unzureichende Verteilung des Kapitals entsteht. Eine tatsächlich Lösung ist es nicht.

    Wie der letzte Armuts- und Reichtumsbericht des BMAS zeigt, sind die Vermögen der ärmeren Hälfte Deutschlands von 1998 bis 2014 um 2/3 gesunken (3% -> 1% des deutschen Gesamtvermögens). Gleichzeitig werden in Deutschland Jahr für Jahr Exportüberschüsse (ca. 216Mrd. € allein 2014) erwirtschaftet. Wenn diese Exportüberschüsse als das betrachtet werden, was sie eigentlich darstellen: nämlich ein massives Binnenhandelsdefizit, kommen wir dem eigentlichen Problem und damit auch seiner Lösung um einiges näher.

    Das Binnenhandelsdefizit entsteht, weil die marktimmanente Umverteilung des Kapitals durch Löhne in Deutschland nicht in ausreichendem Maße stattfindet. Vielmehr wird das Kapital, wie o.a., der Masse der Konsumenten entzogen.

    Das führt zu unserem europäischen Problemen, weil es die deutschen Konsumenten davon abhält in Europa Waren und Dienstleistungen zu kaufen, was die Anbieter der Selbigen davon abhält diese zu produzieren. Entsprechend tätigen diese auch keine Investitionen, da sie ihre Produkte nicht absetzen können. Entsprechend gibt es bei den Arbeitnehmern dieser Anbieter keine Löhne/Kapital, was diese wiederum vom konsumieren abhält.

    Wie ließe sich dieser Teufelskreis aufbrechen? Vermutlich nicht mit diesem Finanzminister. Den es wäre Aufgabe desselben mit den Mitteln seines Amtes „steuernd“ in die aktuell bereits passierende Vermögensumverteilung einzugreifen und sie so zu steuern, dass das Vermögen/Kapital wieder bei den Konsumenten ankommt. Dies können dann auch wieder ihre Marktrolle erfüllen und Konsumieren.

  5.   zeitgenössisch

    Erstens sehe ich den Sinn von Helicopter Money nicht. Es ist ja nicht so, als ob man nicht auch so an zusätzliches Geld aus dem System der Geldschöpfung durch Banken und Zentralbanken kommt. Es kostet halt Zinsens. Wobei, inzwischen ja auch kaum noch, wenn man den Inflationsausgleich miteinrechnet.

    Kapitalkosten sind kein wirkliches Argument dafür, Konsum oder Investitionen zu unterlassen. Nicht zur Zeit. Und trotz dieser Niedrigzinsen und trotz eines geradezu „traumhaft“ niedrigen Ölpreis: die Pferde saufen nicht (man sollte keine selbstreferentielle Geldpolitik betreiben, Inflation und Deflation werden ja schließlich nicht von der Geldpolitik gesteuert, beide können höchstens von ihr beeinflußt werden).

    Weil sie einfach keinen Durst mehr haben. Wir leben in einer saturierten Gesellschaft, in der eigentlich jeder schon zuviel von allem besitzt. Mit Ersatzbedarfen alleine lässt sich kein Boom antreiben. Auch externe Nachfrage- und Nachholeffekte lassen nach. China hat inzwischen die ehemaligen Reisfelder mit modernen Metropolen bebaut, etc.

    Auch die klassische Ökonomie und Geldpolitik muss sich der Tatsache stellen, dass Konsum nicht unendlich wachsen kann und mithin auch nicht die Zirkulierung von Geld. Man erzeugt mit uneinsichtigen Versuchen den Konsumboom der 50er-80er zurück zu holen lediglich Verzerrungseffekte. Die galoppierende Ungleichverteilung der Geldvermögen auf der Welt ist einer dieser Verzerrungseffekte. Von der Niedrigzinspolitik und Kapitalschwemme haben ja v. a. die profitiert, die ja eh schon genug haben. Deren Vermögen haben große Teile des neuen Gelds „aufgesaugt“, deswegen kommt die Inflation ja auch nicht vom Fleck.

    Und damit hat diese Geldpolitik enormen politischen Sprengstoff erzeugt. Denn Geld ist nun einmal Macht. Ohne es zu wollen und offenbar auch ohne es zu wissen hat man in den letzten 8 Jahren plutokratische Strukturen befördert und gefestigt. Ohne erkennbaren Nutzen für die Allgemeinheit, im Gegenteil.

    Darüber hinaus: eine strukturell alternde und schrumpfende Gesellschaft wie jene von Euroland – Deutschland ist damit ja nicht alleine, auch die „typische italienische Großfamilie“ ist nur noch ein Klischee – die muss sich doch geradezu so verhalten, dass ihr Verhalten stark deflationär wirkt. Wir sind nicht in den USA, wir können nicht massiv zukünftige Kaufkraft anzapfen und auf Pump konsumieren. Weil unsere zukünftige Kaufkraft – kollektiv und individuell – geringer sein wird als die heutige. Die Kopfzahl der „aktiven Bevölkerung“ schrumpft in ganz Euroland massiv über die kommenden Jahre. Selbst mit exzessiv verstärkter Einwandeurng, die wohl den sozialen Friede zerstören würde, ist dies nicht umkehrbar, wie Demografen eindrucksvoll vorrechnen.

    Zeit für Umdenken. Denn selbst wer mir in meiner Analyse nicht zustimmt, der muss doch einräumen: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ (A. Einstein zugeschrieben)

    Wir haben es jetzt 8 Jahre mit Niedrigzinsen und QE und so weiter versucht.

  6.   Force9

    „Geld fällt vom Himmel, von einem Helikopter abgeworfen, Mario Draghi am Steuerknüppel, immer wieder neue Flüge – bis die Leute so viel geschenkt bekommen haben…“

    In der Vergangenheit waren bei solcher Gelegenheit immer welche mit sehr, sehr großen, aber umgedrehten Schirmen unterwegs.
    Und konnten den allergrößten Teil des Geldes zugunsten eines sehr kleinen Personenkreises auffangen.
    Siehe auch die ganzen Rettungsmilliarden, die doch angeblich nach GR geflossen sind. Oder all die Subventionen, die schon in strukturschwache Gebiete gepumpt wurden.
    Und die dann etwa in Italien bei den „Familien“ gelandet sind.
    Und wer „durfte“ in der Vergangenheit den Topf von Herrn Draghi & Co. wieder auffüllen?
    Siehe etwa die vergangenen Sozial“reformen“, Arbeitsmarkt“reformen“, Steuer“reformen“…….

  7.   Dieter P.

    „Direkte Staatsfinanzierung durch die EZB ist tabu. Ökonomen plädieren aber jetzt genau dafür“

    Der Euro war von Anfang an ein gigantischer Betrug. Regelbruch folgte auf Regelbruch.

    Es mehren sich aber zum Glück die Zeiten, dass die ganze EU bald in der Tonne liegt zusammen mit ihrem Desaster von Gemeinschaftwährung. Ich hoffe wirklich, es ist bald so weit. Ich will sie nicht mehr, diese EU.

    Dann könnten sie die Krisenländer soviel Geld drucken wie sie wollen, ohne in anderen Ländern die Altersversorgung zu vernichten. Denn es glaubt doch wohl nicht wirklich jemand, dass Draghi da Wohlstand drucken kann.

  8.   Dieter P.

    „und die Inflationsrate da hingebracht werden, wo sie hingehört, auf knapp zwei Prozent.“

    Ersten steht in keinem EU Vertrag, dass die Inflation dort hingehört.

    Zweitens ist die niedrige Inflation im großen Teil den Ölpreisen geschuldet

    Drittens, wenn ihr eure Inflation unbedingt wollt, dann müsste ihr nur die Immobilienpreise und Mieten in den Städten mit einrechnent, dann habt ihr eure geliebte Inflation. Es gibt nämlich Leute, die hatten 2012 noch kein Betongold und die betrifft Draghis Gelddruckerei ganz direkt und sehr negativ.

    Viertens hoffen ich, dass der Euro bald auf dem Müllhaufen der Geschichte liegt, am besten noch zu Lebzeiten von Helmut „es besteht gar kein Risiko“ Kohl.

  9.   Actrom

    Es wird kein Weg an „Helicopter Money“ vorbeigehen, allerdings in dem Sinn, dass nicht mehr Privaten Geld in die Hand gedrückt wird (ca. 60 Mrd € monatlich zur Zeit, mehr als die doppelten Ausgaben für Harz IV in D pro Jahr), sondern dem Staat.

    Nur die Gebietskörperschaften sind noch in der Lage, die Gewinnerwartungen (und damit die Investitionstätigkeit der Unternehmen) so zu bewegen, dass ein ökonomischer Absturz, der dann sämtliche „Altersvorsorge“ vernichten würde, ausbleibt.

    „Deficit-Spending“ ist der einzige Ausweg aus diesen Problemen, und glücklicherweise bereitet die EZB die „rationalen Voraussetzungen“ dazu sehr gezielt vor. Eine Erhöhung der Löhne ist aus verschiedenen Gründen vergleichsweise suboptimal – bis schädlich und gefährlich.

    Ich finde, wenn man sich (weltweit) umblickt, gibt es genügend sinnvolle ökonomische (soziale) Aktivitäten, die sich einer schlicht „marktwirtschaftlichen“ Beurteilung entziehen.

    Der Neoliberalismus ist, nachdem er „erfolgreich“ den sog. Ostblock niederkonkurriert hat, schlicht gescheitert. Der westen sieht ungefähr so aus, wie man es früher z.B. in der sog. DDR in der Schule gelernt hat. (Industrielle Reservearmee z.B. usw.)

  10.   Michael Stöcker

    Gerald Braunberger hat sich ebenfalls dieses Themas angenommen. Damit ist Helicopter Money zwar noch lange nicht gesellschaftsfähig, zumindest aber kein Tabu mehr. Braunberger zeigt eine große Schwäche von Turners Vorschlag auf, wenn er schreibt: Nur: Auch Turners Provokation löst das Problem der zu hohen Privatverschuldung nicht.

    In der Tat: Die privaten Schuldenprobleme sind damit nicht gelöst; und wenn überhaupt, dann nur sehr langfristig. Es gibt aber weitere Probleme mit Turners Vorschlag (die sind allerdings nichts gegen die deutsche Ignoranz).

    Dieter Wermuth verweist zu recht auf Art. 123 AEUV. Auch wenn die EZB in den letzten Jahren schon mehrfach das Recht gebeugt hat, sollten wir den Rechtsstaat nicht vollends vor die Hunde gehen lassen. So gewinnt man kein Vertrauen. Ich habe zudem große Zweifel, dass dieses Fass aufgemacht werden kann, zumal die Zeit auch drängt. Auf die Problematik der Vermischung von geldpolitischen Aufgaben mit fiskalischen Wünschen hat Babendiek in # 18 hingewiesen. Ich teile seine Einschätzung dem Grunde nach, allerdings nicht in Bezug auf die 70er und 80er Jahre. Ist hier aber off-topic.

    Zum anderen besteht die große Gefahr, dass wir in einen willkürlichen Schweinezyklus geraten, induziert durch zentralplanerische Allmachtsfantasien der Zentralbanken. Aber so einfach funktioniert diese soziale Welt nicht, wie sich das so mancher Vulgärmonetarist vorstellt. Von daher benötigen wir keinen An-Aus-Schalter, sondern Kontinuität; eine Kontinuität, auf die sich auch die Regierungen von Euroland verlassen können. Auf welcher Basis sollen denn die Ministerien zukünftig ihre Finanzplanung erstellen? Es gibt schon so genügend Imponderabilien (siehe hierzu auch Babendiek # 3).

    Ein dritter wichtiger Aspekt ist der Cantillon-Effekt, der insbesondere die lobbyistisch am besten vernetzten Branchen bevorzugt. Auch hier gilt der alte Grundsatz: Der Teufel schei… immer auf den größten Haufen. Bevor also wieder sinnlose Brücken ins Nichts gebaut werden oder die Vernichtung von Volksvermögen über Abwrackprämien und ähnlichen Unsinn vorangetrieben wird, sollten die Bürger doch unmittelbar selber darüber entscheiden, wofür sie diese Mehreinnahmen verwenden.

    Und dann gibt es noch einen vierten Punkt, der überhaupt nicht diskutiert wird, weil er nicht ins neoklassische Paradigma passt: Wachstum braucht Geld, Energie und Imagination: faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/kritiker-binswanger-wachstum-braucht-geld-energie-und-imagination-12013262.html. Binswanger legt meines Erachtens den Finger in die wunde Stelle des Kapitalismus (wie übrigens auch Marx und Schumpeter); denn der befindet sich in einer schweren monetären Krise. Dass wir es spätestens seit 2007 nicht mehr mit normalen Konjunkturzyklen zu tun haben, dies haben wohl mittlerweile die meisten verstanden, die sich mit der Thematik unvoreingenommen auseinander gesetzt haben. Tatsächlich geht ein 700järiger Megazyklus seinem Ende entgegen, der seinen Ursprung in der Wiedereinführung des Münzgeldes im Mittelalter hatte.

    Die Lösung dieser Krise muss über mehrere Ebenen erfolgen. Im Mittelpunkt steht hierbei die Emission von schuldfreiem Geld (Seigniorage). Allerdings nicht wie Turner oder aktuell auch wieder Daniel Stelter es in die Diskussion bringen, sondern vielmehr als kontinuierlicher Zufluss in Form einer direkten Bürgerfinanzierung, über deren Höhe eine Konzertierte Aktion entscheiden sollte (mein Vorschlag hierzu liegt bei ca. 80 EUR pro Kopf und Monat, ergänzt um eine zusätzliche Zahlung von 200 EUR in den ersten 12 Monaten der Einführung). Über die Empfehlung der Konzertierten Aktion sollten dann die Bürger von Euroland im Rahmen eines Volksentscheids abstimmen.

    So entscheidet der mündige Citoyen nicht nur über die Höhe der Seigniorage (ich nenne dieses neue geldpolitische Instrument Citoyage) sondern zugleich über die Zukunft von Euroland. Denn in einem Punkt stimme ich mit Turner zu 100 % überein: Ohne OMF oder direkte Bürgerfinanzierung wird die Eurozone nicht überleben.

    Die Einführung einer Citoyage ist ohne Gesetzesänderung möglich, da lediglich die monetäre Staatsfinanzierung verboten ist, nicht jedoch eine monetäre Bürgerfinanzierung. Der Cantillon-Effekt wird umgangen, die private Entschuldung erleichtert und zugleich die nationalen Haushalte entlastet. Denn selbstverständlich wird eine Citoyage als weitere Einkommensart unmittelbar an der Quelle mit dem persönlichen Grenzsteuersatz besteuert.

    Zielstellung von Helicopter Money ist zudem eine Steigerung der Inflation. Inflation wirkt immer wie eine Steuer und belastet insbesondere die unteren Einkommensgruppen. Diese Inflationsnachteile werden aber gerade für diese Zielgruppe durch eine Citoyage mehr als überkompensiert.

    Wer könnte etwas dagegen haben? Vor allem die 1 %. Mal schauen, ob sich in einer Demokratie die Interessen der 99 % gegen die 1 % durchsetzen werden. Da bedarf es allerdings noch sehr viel Aufklärung in der Buchführungs- und Bilanzierungspraxis von Banken und Zentralbanken: dieboersenblogger.de/64113/2016/01/wie-bankinstitute-eigenkapital-aus-dem-nichts-ermoeglichen/

    LG Michael Stöcker

 

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