Lesezeichen
‹ Alle Einträge

Mario, so haben wir uns das mit der EZB nicht vorgestellt!

 

In der jüngsten Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen stellt Rainer Hank die Frage, wer Mario Draghi stoppen kann. Wenn es nach Hank geht, möchten das hierzulande offenbar alle, jedenfalls alle, die wir aus den Talkshows kennen, angefangen mit Hans-Werner Sinn, über Carsten Linnemann von der CDU-Mittelstandsvereinigung, Peter Bofinger, Bert Rürup, Marcel Fratzscher und die Juristen Dietrich Murswieck und Udo Di Fabio. Jens Weidmann würde gerne, könne aber nicht, weil seine Stimme im EZB-Rat kein Gewicht habe, während Sabine Lautenschläger, seine deutsche Kollegin, unter „Konformitätserwartung“ stehe. Auch Zitate des britischen Ökonomen Charles Goodhard und sogar des liberalen Säulenheiligen Walter Eucken legen für Hank nahe, dass es so nicht weitergehen könne, dass die Unabhängigkeit der EZB und ihre Machtfülle, die er anscheinend bei Draghi konzentriert sieht, vielleicht doch keine so gute Idee war. Nikolaus von Bomhard, der Chef der Münchner Rück spricht sogar von einer Erosion des Rechts, ist verständnislos und sogar entsetzt über das, was die EZB zurzeit anrichtet. Nur der Franzose Benoît Cœuré vom Frankfurter EZB-Direktorium stehe dem Italiener Draghi zur Seite, und zwar auf schnippische Art. Otmar Issing, immerhin, ruft um Gottes Willen, nein, „wer die Unabhängigkeit der EZB aufgibt, besiegelt damit das Ende des stabilen Euros“!

Ein langer Artikel, aber die entscheidenden Fragen werden gar nicht gestellt: Warum soll Draghi überhaupt gestoppt werden, wo ist das Problem, was macht die EZB falsch, und wie könnte eine Lösung aussehen?

In einer Hinsicht ist Hank immerhin konkret: Zustimmend zitiert er Bomhard, dass die jetzige Geldpolitik eine massive Umverteilung zu Lasten der Ärmeren betreibe. Da ist was dran, wenn auch nur für bestimmte Gruppen und unter bestimmten Annahmen. Wenn es der EZB trotz der vielen Liquidität, die sie ins Bankensystem pumpt, nicht gelingt, die europäische Wirtschaft anzukurbeln – weil Schuldenabbau für Haushalte, Banken und Staat weiterhin Priorität hat und sie keine neuen Schulden machen wollen –, bahnt sich das Geld seinen Weg in die Märkte für inländische und ausländische Wertpapiere und Immobilien und treibt dort Kurse und Preise. Auf diese Weise steigt der Nominalwert der Vermögen. Die, die was haben, werden reicher (zumindest auf dem Papier), die die nichts haben, haben so wenig wie vorher. Die Vermögensverteilung verschiebt sich zugunsten der Reichen. So weit so gut, oder so schlecht.

Und sonst? Sehen wir uns die Effekte der jetzigen Geldpolitik etwas näher an! Wer beispielsweise ein kleines Sparguthaben besitzt, bekommt als Folge der Nullzinspolitik auf seinem Konto keine Gutschriften mehr, aber verliert auch nichts, weil die Verbraucherpreise nicht steigen, es also keine Geldentwertung gibt. Sollte das Preisniveau sinken, würde der Wert der Ersparnisse real sogar zunehmen (vgl. Bundesbank: Negative reale Verzinsung von Einlagen kein neues Phänomen, 27. 6. 2014). Ähnliches gilt für Lebensversicherungen: Die Garantiezinsen tendieren gegen Null, aber die Kaufkraft des später einmal ausgezahlten Kapitals ist tendenziell stabil, wenn es hierzulande von nun an so weitergehen sollte wie einst in Japan, wo die Preisindices schon seit fast 20 Jahren unverändert sind. Ein interessanter Nebeneffekt: Bei positiven nominalen Sparzinsen muss ab einer bestimmten Grenze Einkommensteuer bezahlt werden – bei Nullzinsen ist das kein Thema. Wenn die Realzinsen durch fallende Verbraucherpreise steigen, bleibt der Ertrag voll beim Sparer, der Staat bekommt nichts.

Rentner dürften zu den Gewinnern zählen, da die Renten in Deutschland an die Einkommenssteigerungen der Beschäftigten gekoppelt sind. Im Sommer werden sie um mehr als vier Prozent zunehmen, was angesichts nahezu stabiler Preise real einer kräftigen Zunahme entspricht. Empfänger von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe können sich ebenfalls nicht beklagen, ebenso wenig wie solche Arbeiter und Angestellten, die keine Kürzung ihrer Einkommen befürchten müssen. Das dürfte für die meisten von ihnen gelten; im Augenblick nimmt die Zahl der Beschäftigten im Vorjahresvergleich um beachtliche 1,3 Prozent zu, so dass das Jobrisiko relativ gering ist. Laut Bundesbank übertrafen die Löhne und Gehälter je Arbeitnehmer zuletzt ihren Vorjahreswert um 3,0 Prozent; das war nominal – real waren es 2,7 Prozent.

Es fällt schwer, der EZB auf der Basis solcher Zahlen den Vorwurf zu machen, sie treibe mit ihrer Politik die Menschen in die Armut. Für Deutschland jedenfalls ist das Gegenteil der Fall.

Eins macht die EZB seit Jahren richtig gut: Sie hält die Kaufkraft des Geldes stabil. Hank hält das allerdings nicht für erwähnenswert. In den drei Jahren seit 2013 lag die Geldentwertung im Durchschnitt bei 0,9 Prozent und damit weit unter der Zielmarke von knapp unter zwei Prozent, unterhalb derer nach allgemeinem Verständnis Preisstabilität herrscht. Seit Einführung des Euro im Januar 1999 sind die Verbraucherpreise in Deutschland im Jahresdurchschnitt um 1,4 Prozent gestiegen, in den Jahren 1960 bis 1998, als die Bundesbank noch das Sagen hatte, betrug die durchschnittliche Inflationsrate 3,2 Prozent.

Grafik: Deutsche Inflationsraten seit 1960

Einen Vorwurf kann man der EZB allerdings machen, nämlich dass es ihr nicht gelingt, die Inflationsrate auf 1,8 oder 1,9 Prozent anzuheben, so wie sie es sich zum Ziel gesetzt hat. Auch das ist für Hank kein Thema. Die Inflationsrate der Währungsunion lag im März bei -0,1 Prozent (Deutschland +0,1 Prozent), die Kernrate immerhin bei 1,0 Prozent. Am Markt wird damit gerechnet, dass die durchschnittliche deutsche und französische Inflation in den nächsten zehn Jahren 1,0 Prozent betragen wird (abgeleitet aus inflationsgeschützten Staatsanleihen). Die EZB betreibt daher ungewollt, de facto aber durchaus eine Politik zugunsten der Gläubiger und zulasten der Schuldner, vor allem der Unternehmen und Häuslebauer, und bremst damit ungewollt das Wirtschaftswachstum. Da es keine Inflation gibt, bleibt die reale Last der Schulden gleich – bei „normaler“ Inflation würde sie dagegen ständig geringer.

Leider hat Hank trotz der vielen Kontakte, die er erwähnt, niemanden gefunden, der einen brauchbaren Vorschlag hatte, was die EZB denn nun anders machen solle. Alle waren sich anscheinend nur in Einem einig: die EZB überdehne ihr Mandat. Für mich heißt das im Klartext, dass die Ankäufe von staatlichen und neuerdings privaten Anleihen ein gefährliches Volumen erreicht hätten. Gefährlich wofür? Vermutlich für die Stabilität des Euro in der langen Frist. Es wird offenbar befürchtet, dass der Hexenmeister die Liquiditätsflut am Ende, wenn die Inflation schließlich doch ins Laufen gekommen ist, nicht mehr eindämmen kann. Hyperinflation könnte die Folge sein. Ich selbst sehe das nicht so, weil die Notenbanker im Kampf gegen die Inflation über genügend Instrumente verfügen und in der Schule gelernt haben, wie sie einzusetzen sind. Mit der Deflation ist das eine ganz andere Sache. Darauf waren sie intellektuell nicht vorbereitet.

Vielleicht ist den deutschen Kritikern auch unwohl bei dem Gedanken, dass die EZB zunehmend zu einem Staatsfinanzierer mutiert. Wenn sie von den 80 Mrd Euro, die sie jetzt netto monatlich für Anleihekäufe ausgibt, beispielsweise 70 Mrd für staatliche Anleihen verwendet, macht das auf’s Jahr gerechnet 840 Mrd Euro. Das aggregierte Budgetdefizit aller Euroländer dürfte sich in diesem Jahr aber „nur“ auf rund 220 Mrd Euro belaufen. Anders ausgedrückt, die EZB subventioniert indirekt, dabei aber sehr massiv, die staatlichen Haushalte. Konkret schlägt sich das nieder in einem stark rückläufigen Schuldendienst und niedrigen Bondrenditen. Hardliner werden argumentieren, dass die nationalen Parlamente und Finanzminister dann einen entsprechend geringeren Anreiz haben, ihre Haushalte durch sparsames Wirtschaften in Ordnung zu bringen. Wenn dann die nächste Krise kommt, wären sie entsprechend schlecht darauf vorbereitet.

Eine solche Kritik am „quantitative easing“ ist allerdings nicht nur gegenüber der EZB angebracht – alle anderen wichtigen Notenbanken haben, wenn es die Lage erforderte, ebenfalls massiv staatliche Papiere in ihre Bücher genommen. Man sollte im Übrigen nicht vergessen, dass Notenbanken zum staatlichen Sektor gehören und sich per Saldo in dessen Vermögensposition nichts verändert, wenn der Eine seine Schulden gegenüber der Notenbank erhöht – deren Forderungen (Aktiva) nehmen nämlich im selben Umfang zu.

Grafik: Zentralbankbilanzen, Aktiva insg., Jan.2007=100

Niemand von Hanks Zeugen schlägt übrigens vor, dass endlich mal wieder die Zinsen angehoben werden sollten. Dann würden sich die Besitzer von Sparbüchern zwar freuen, aber wer in eine Immobilie oder ein Unternehmen investieren möchte, hätte eine höhere Hürde zu überwinden. Höhere Zinsen wären Gift für die Konjunktur. Um es klar zu sagen, das Ziel der Geldpolitik besteht im Augenblick darin, Haushalte, Unternehmen und Staat dazu zu bringen, mehr Geld auszugeben und dadurch die Produktion anzukurbeln, die Produktionslücken zu verringern und Spielräume für steigende Preise und Löhne zu schaffen. Das Sparen durch höhere Zinsen zu fördern wäre kontraproduktiv.

Was die Zinspolitik angeht, ist die EZB ebenfalls in guter Gesellschaft. Wie die folgende Grafik zeigt, war die amerikanische Notenbank in dieser Hinsicht sogar weit expansiver.

Grafik: Leitzinsen der Bundesbank, EZB und Fed seit 1960

Auch das Thema Euro-Abwertung kommt in Hanks Artikel nicht vor. Vermutlich sind alle insgeheim erfreut darüber, dass die EZB mit ihrer Politik zur Schwäche des Euros beigetragen hat. Der Außenbeitrag, und mit ihm das Wachstum, wären sonst im vergangenen Jahr noch schwächer ausgefallen.

Insgesamt wird nicht klar, weshalb Draghi denn nun gestoppt werden soll. Richtig was falsch scheint er nicht zu machen. Ärgerlich ist allerdings, dass Hank trotzdem versucht, das Ansehen Draghis in der deutschen Öffentlichkeit mit nebulösen Vorwürfen zu schwächen. Er tut so, als sei der EZB-Chef eine Art Diktator, der quasi autokratisch über ein „Schattenkabinett“ herrscht. Er verschweigt, dass die EZB bereits unter Trichet expansiv war und tut so, als ob die Bezeichnung „unkonventionelle Maßnahmen“ eine Erfindung von Draghi sei. In Wirklichkeit war das schon unter Trichet der offizielle Sprachgebrauch.

Hank zitiert einen Lord Acton mit der Aussage, dass Macht korrumpiert, absolute Macht sogar absolut. Das komme im Falle der EZB daher, dass „auf Aufsicht und Kontrolle gewollt verzichtet und die Gewaltenteilung suspendiert wird“. Die Verführung zum Machtmissbrauch liege nahe. War das zu Bundesbankzeiten anders?

Ich weiß nicht, was der Artikel eigentlich bezwecken soll. Konstruktiv ist er nicht.

121 Kommentare

  1.   Michael Stöcker

    @ Babendiek # 109

    Nun haben Sie die Gelegenheit, in Ihrem folgenden Kommentar Ihre Glaubensbekenntnisse zu verifizieren. Das Schöne an einer Bilanz ist die Tatsache, dass sie auf der unbestechlichen Logik der Doppik beruht. Also: Wie lautet nun der Buchungssatz, auf dessen Basis die von Ihnen behauptete Banknoten-Seigniorage buchungstechnisch möglich ist. Falls Sie etwas aus der Übung sein sollten, hier noch ein kleine Unterstützung: Es muss sich entweder um eine Bilanzverlängerung handeln oder aber um einen Passivtausch.

    Übrigens: Falls Ihnen die Falsifikation der Doppik gelingen sollte, dann ist Ihnen der Nobelpreis sicher und Paul Krugman wäre intellektuell exkulpiert.

    Uneinbringliche Forderungen aber müssen abgeschrieben werden. Dies schreibt das Gesetz jedem Privatunternehmen, jeder privaten Bank zwingend vor.

    Eine echte Zwangsjacke: wiwo.de/finanzen/fair-value-bilanzierung-bilanzen-und-bilanzregeln-vertrauen-verspielt/5527866-all.html… für den Steuerzahler.

    LG Michael Stöcker

  2.   veblen

    @ #109

    Welchen Bilanzgewinn macht denn eine Notenbank durch das Drucken von Banknoten? Das muss sich ja formal buchhalterisch darstellen lassen. Also, nur zu!

  3.   Babendiek

    @ Veblen, Stoecker und andere hochmögende Geldtheoetiker

    Wenn Sie meinen Beitrag aufmerksam gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich mich darauf beziehe, dass der STAAT Geld druckt.

    Der historische Begriff Seigniorage bezieht sich darauf, dass früher die Landesherren das Privileg hatten, Münzen zu prägen. (Ein Seignieur ist ein Fürst.)

    Mit der Erfindung des Papiergeldes begannen so manche Landesherren und Regierungen, auch Banknoten zu drucken bzw. von konzessionierten Privatbanken drucken zu lassen – mit absehbaren finanziellen Katastrophen.

    Der Staat geht mit dem gedruckten Geld einkaufen. Das tut eine Zentralbank natürlich nicht. Sie bringt die Banknoten in Verkehr, indem sie die Konten der Geschäftsbanken bei ihr entsprechend belastet bzw. andere Assets dafür in Zahlung nimmt.

    Da ich hier immer wieder darauf verwiesen habe, dass eine Zentralbank ordentlich bilanzieren muss, dürfen Sie durchaus davon ausgehen, dass ich weiß, was Doppik ist.

    Indirekt erzielt aber auch eine Zentralbank eine Seigniorage: Dies ist die Zinsmarge zwischen den Verbindlichkeiten auf der Passivseite, zu denen auch die ausgegebenen grundsätzlich UNVERZINSLICHEN Banknoten gehören, und den Assets auf der Aktivseite, unter denen sich zum Beispiel Staatsanleihen und Corporate Bonds befinden.

    Das Geld, das eine Zentralbank mit der Zinsspanne zwischen Aktiva und Passiva verdient, wird monetäre Seigniorage genannt. Kassiert der Staat die Zentralbank-Gewinne, wird von fiskalischer Seigniorage gesprochen.

    Eine besondere Form der fiskalischen Seigniorage ist die monetäre Staatsfinanzierung: Der Staat verkauft Anleihen an die Zentralbank, die diese dann für alle Zeiten hält, ohne jemals Geld zurückzufordern. Die flüssigen Mittel, die der Staat durch den Verkauf der Anleihen bekommt, sind reine Geschenke.

    So stellt Ihr Euch ja das QE4P vor: Geld ohne jede Gegenleistung. Buchung als Scheinposten.

    Wer auf diese Weise die Regeln aller soliden Bilanzierung mit Füßen tritt, sollte vielleicht etwas mehr Zurückhaltung üben, wenn er anderen Leuten vorwirft, Sie verstünden die Grundsätze der Buchhaltung nicht.

  4.   rjmaris

    @ Babendiek. Nun, immerhin haben Sie abstand genommen von Ihrer Aussage, wonach jede geschöpfte Banknote 99% Gewinn bewerkstellige.
    Das hätten Sie auch ohne große Umwege einfach direkt sagen können. Das spart viel Leserei.

  5.   Michael Stöcker

    @ Babendiek # 113

    Wenn Sie meinen Beitrag aufmerksam gelesen hätten…

    Oh, das habe ich. Für Sie zur Erinnerung:

    # 107 Die Seigniorage ist ein GEWINN, der durch das Prägen von Münzen und das Drucken von Banknoten entsteht.

    # 109 SEIGNIORAGE: Selbstverständlich entsteht durch das Drucken von Banknoten Gewinn. Und zwar sogar ein sehr heftiger. Der Druck eines Geldscheins mit einem Nominalwert von 100 Euro kostet einige wenige Cent. Mehr als 99 Euro sind für den Emittenten Gewinn.

    Immerhin wiederholen Sie nun nicht mehr diesen Unsinn, sondern versuchen die Kurve zu kriegen. Damit wird die weitere Diskussion – sofern Sie es wünschen – auf einer etwas solideren Basis fortgeführt werden können.

    Der historische Begriff Seigniorage bezieht sich darauf, dass früher die Landesherren das Privileg hatten, Münzen zu prägen. (Ein Seignieur ist ein Fürst.)

    So ist es. Von daher spreche ich bei QE4P ja auch von einer Citoyage. Der sogenannte Münzgewinn geht nun nicht mehr an den Seignieur, sondern demokratisch und solidarisch an den Citoyen.

    Mit der Erfindung des Papiergeldes begannen so manche Landesherren und Regierungen, auch Banknoten zu drucken bzw. von konzessionierten Privatbanken drucken zu lassen – mit absehbaren finanziellen Katastrophen.

    So ist es. Man darf es eben nicht übertreiben. Solche Banken gab es insbesondere zur Kriegsfinanzierung. Hierzu Axel Weber:

    Central banks were established to provide war financing to governments. Later, their mission was expanded to include the role of lender of last resort.

    Und welches Land hat sich hier besonders hervorgetan? Die BoE ist eine der ältesten ZBen der Welt. In normalen Zeiten ist eine ZB beinahe entbehrlich. Nur in Kriegszeiten wird sie gebraucht. Und wir befinden uns in einem subtilen Krieg der 1 % gegen die 99 %. Um mit Ihren Worten zu sprechen: mit absehbaren finanziellen Katastrophen.

    Das Geld, das eine Zentralbank mit der Zinsspanne zwischen Aktiva und Passiva verdient, wird monetäre Seigniorage genannt. Kassiert der Staat die Zentralbank-Gewinne, wird von fiskalischer Seigniorage gesprochen.

    Was Sie hier beschreiben hat aber eigentlich mit dem historischen Konzept der Seigniorage nichts gemein. Ich erlaube mir, hier ein weiteres Mal auf einen älteren Kommentar von mir zu verweisen: think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/vollgeld-liquiditaet-und-stabilitaet/#comment-8502

    So stellt Ihr Euch ja das QE4P vor: Geld ohne jede Gegenleistung. Buchung als Scheinposten.

    In unserer Gesellschaft werden sehr viele Leistungen ohne monetäre Gegenleistung erbracht und vice versa. Allein mit Ihren Kommentaren hier an diesem Blog haben Sie sich die 80 EUR locker erarbeitet. Am meisten lernt man ja aus Fehlern. Insofern haben wir sogar messbare Erfolge vorzuweisen.

    LG Michael Stöcker

  6.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker

    Hier der bei der DB zu Geldexperten ausgebildete Thomas Meyer:

    handelsblatt.com/politik/konjunktur/thomas-mayer-zu-helikoptergeld-ich-habe-grosse-zweifel-an-unserem-geldsystem/13486230.html

    Daraus:

    >Reputationsgeld passt nicht mit Inflationszielen zusammen. Wenn Sie es herausgeben, müssen Sie die Funktion des Geldes als Mittel zum Tausch und zur Wertaufbewahrung optimieren – sonst nichts. Ihr Ziel darf nicht sein, den Wert des Geldes systematisch zu verringern. Das wäre so, als wollten sie ein Auto verkaufen, das mit dem Ziel konstruiert wurde, dass es durchrostet. Der Nutzer will aber eine Garantie gegen Rost. Sie müssen daher das Reputationsgeld knapp halten, um seinen Wert zu erhalten.

    (Frage des Interviewers): Kann die EZB nicht einfach mit dem Helikoptergeld aufhören, wenn das Inflationsziel von zwei Prozent erreicht ist?

    Würden Sie einem Hersteller vertrauen, der ihnen verspricht, dass seine Autos mit genau zwei Prozent pro Jahr rosten? Nein! Sie wollen eine lebenslange Antirostgarantie. Dafür müsste die EZB aber alles vergessen, was sie bisher gepredigt hat.>

    Wie begegnen Sie dieser Argumentation?

  7.   rjmaris

    Das Interview habe ich gelesen. Ich habe zimindest Folgendes an Mayer auszusetzen.

    Aber ohne Kreditwachstum wachsen in einem Kreditgeldsystem Geldmenge und Wirtschaft nicht – es gibt keine Inflation. Da helfen auch keine Null- und Negativzinsen.

    Das verstehe ich nicht. Solange es ein ständiges „Rauschen“ von Tilgungen und Kreditvergaben gibt (was makroökonomisch betrachtet tatsächlich nur wie ein Rauschen auf bestimmten Gesamtkreditpegel aussieht) ist alles in Ordnung, siehe auch de.wikipedia.org/wiki/Saldenmechanik#Gleichschritt_und_Kreditbedarf.

    Gegen diesen Hintergrund ist es völlig unverständlich, dass Mayer seine Aussage mit „keine Inflation“ verknüpft.

    Nebenbei: dass das Helikoptergeld mit „Systemwechsel“ in Verbindung gebracht wird, ist nicht angemessen.

    Zu #116:

    Erinnert mich ein bisschen an den Vergleich eines Auto mit Microsoft Windows: Würden Sie ein auto kaufen, wenn sie wüssten, dass es regelmäßig streiken würde?
    Aber Spaß beiseite. Eine Übereinstimmung gibt es aber. Wenn Software streikt, ist das relativ harmlos. So ist es auch mit Geld. Wenn Geld „rostet“, ist das relativ harmlos. Man kann es ja immer verleihen gegen eine Rückgabevereinbarung mit Verzinsung (nun, immer… gilt heute nicht mehr).
    Die Anmerkung Mayers zum nicht rosten dürfen sind unverständlich, weil das Problem des Geldes nun mal die Unvergänglichkeit ist, und dies die Rolle als Tauschhilfsmittel entgegenwirkt. Addiert zum Liquiditätsvorteil des Geldes gegenüber anderen Assets begünstigt dies eben Hortungen (und so muss immer mehr Geld in den Markt geworfen werden).

    Eine allm

  8.   Michael Stöcker

    @ Dietmar Tischer # 116

    Mayer fokussiert leider immer noch zu sehr auf die Tausch- und Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes (der Ducksche Gold/Geldspeicher) und scheint mir immer noch nicht verstanden zu haben, wie ein zweistufiges Geldsystem funktioniert und welche Vorzüge es hat. Insofern halte ich seine grundsätzliche Kritik am Kreditgeldsystem für verfehlt. It‘s not a bug, it’s a feature. Es ist der Schuldendruck/Leistungsdruck, der den Wert des Geldes ausmacht und die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet.

    Er will ja das zweistufige Kreditgeldsystem durch sein einstufiges Aktivgeld ersetzen: norberthaering.de/de/buchtipps/141-thomas-mayer-die-neue-ordnung-des-geldes. Meine Idee ist hingegen eine Synthese aus Aktiv- und Passivgeld, die de facto in Krisenzeiten auch schon immer durch die BoE oder auch die Fed betrieben wurde (Hybridität). Und auch unser Münzgeld ist ja schon Aktivgeld im Sinne von Mayer, auch wenn es nicht unmittelbar an die Bürger verteilt wird.

    In diesem Sinne ist auch QE4P/Citoyage Aktivgeld und macht die Geldmengenexpansion etwas unabhängiger vom Konjunkturzyklus. Denn selbst in einer Rezession mit starkem Deleveraging verbleibt eine expansive Konstante, die zur Systemstabilisierung beitragen kann. Mayer schwebt hingegen eine feste einmalige Größe vor (siehe Link), die somit die Reputation gewährleisten soll. Ich frage mich allerdings, wo die Reputation herkommen soll, wenn all dieses Geld so schnell schuldfrei und ohne Leistungsverpflichtung in den Markt kommt. Eine große Übereinstimmung gibt es allerdings: Wir beide wollen das Geld unmittelbar dem Bürger zukommen lassen.

    Jetzt kommt aber der springende Punkt, auf den ich immer und immer wieder verweise: Geld darf niemals zu einem eigenständigen Asset werden. Nicht umsonst hat Luther beim Götzenbild auch immer auf den Mammon verwiesen und auch für Aristoteles war Geld immer nur Mittel zum Zweck, aber niemals der Zweck an sich.

    Auch in Mayers Geldsystem wird es weiterhin den Bankkredit geben, gedeckt durch 100 % Mindestreserve, die – wenn Sie meinen Vorschlag noch in Erinnerung haben – bei mir in der langen Frist ebenfalls bei 100 % liegt.

    Wenn nun aber aufgrund des Matthäus-Effekts sich das Geldvermögen wieder in der Zeit bei einigen wenigen ansammelt, dann kommen wir in die gleiche Situation, die die ZBen nun seit 8 Jahren relativ erfolglos versuchen zu bekämpfen. Von daher darf Geld nicht gegenüber der realen Welt privilegiert werden. Nur ein leicht inflationäres Geld sorgt für Gerechtigkeit zwischen Gläubigern und Schuldnern. Warum? Weil alle nützlichen Dinge auf dieser Welt einem Verfallsprozess unterliegen. Ausnahme: Grund und Boden, der von daher ja auch besteuert wird.

    Sie wollen eine lebenslange Antirostgarantie.

    Wie lange hält ein Auto? Manche 10 Jahre, manche auch 20 Jahre. Dann ist aber bei den meisten Schluss und der Rostfraß entwickelt sich exponentiell. Das Auto verliert aber auch so regelmäßig an Wert. Gäbe es nur Geld und Autos auf dieser Welt und wir würden zwanzig Jahre lang keine bauen, dann hätten wir zwar nach 20 Jahren noch das ganze Geld, aber keinen korrespondierenden Wert mehr.

    Auch in einem Aktivgeldsystem hängt also der Wert des Geldes nicht an einer unabhängigen monetären Institution, sondern vielmehr an der realen wirtschaftlichen Aktivität. Und auf die hat eine ZB nur sehr indirekt einen Einfluss. Die EZB muss also gar nichts vergessen, was sie bisher gepredigt hat, sondern diese Predigt vielmehr jeden Mittwoch wiederholen, wenn die Gemeinde der Gläubigen an den Lippen des hohen Priesters hängt.

    Dann klappt es auch wieder mit den Zinsen; denn die ergeben sich insbesondere aus den Wachstums- und Inflationserwartungen: oekonomenstimme.org/artikel/2015/06/warum-es-an-den-europaeischen-bondmaerkten-und-boersen-kriselt/.

    Wenn wir in diesen Punkten eine gemeinsame Basis finden, dann können wir auch gerne mit Binswanger fortfahren; denn hier stehe ich ja noch immer in einer Bringschuld.

    Und noch eine kleine Empfehlung für das verregnete Wochenende: Martin Wolf im Doppelpack.
    youtube.com/…
    youtube.com/…

    LG Michael Stöcker

  9.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 118

    Sie sprechen unterschiedliche Themen an.

    >Es ist der Schuldendruck/Leistungsdruck, der den Wert des Geldes ausmacht und die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet.>

    Den WERT des Geldes – mag sein.

    Hier geht es um die AKZEPTANZ des Geldes, die etwas mit Tausch und Wertaufbewahrung zu tun hat. Wenn niemand für Geld etwas tauschen will, spielt die Wertbestimmung durch Leistungsdruck keine Rolle.

    Jetzt zur Argumentation von Mayer:

    „Sie wollen eine lebenslange Antirostgarantie.“

    Hier würde ich ihn auch angreifen und sagen: Das will ich nicht, weil – Sie haben vollkommen Recht – es eine lebenslange Garantie für nichts gibt. Noch nicht mal fürs Leben 🙂

    >Auch in einem Aktivgeldsystem hängt also der Wert des Geldes nicht an einer unabhängigen monetären Institution, sondern vielmehr an der realen wirtschaftlichen Aktivität.>

    Korrekt. Wenn es eine Hungersnot gäbe – oder nur die einzige Wasserflasche in der Wüste –, dann kann keine ZB den Wert des Geldes garantieren.

    >Die EZB muss also gar nichts vergessen, was sie bisher gepredigt hat, sondern diese Predigt vielmehr jeden Mittwoch wiederholen, wenn die Gemeinde der Gläubigen an den Lippen des hohen Priesters hängt.>

    Das ist eine Schlussfolgerung, die ich nicht teile.

    Was tut die EZB mit QE?

    Sie setzt ein Inflationsziel, von dem sie hofft, dass es durch von ihr zu beeinflussende KOSTEN der Finanzierung erreicht wird. Begründung ist IMMER die Erreichung des Inflationsziels.

    Was würde die EZB mit Helikoptergeld für die Bürger tun?

    Sie würde FINANZIERUNG beeinflussen, aber nicht die Kosten der Finanzierung.

    Das ist etwas anderes – und so ist die Erfahrung der Menschen, die eine andere als bei QE ist.

    Die EZB müsste daher auch anders argumentieren, m. A. n. etwa so:

    Wir die EZB wollen, dass ihr, Bürger das geschenkte Geld ausgebt. Durch die damit generierte Nachfrage WÄCHST die Wirtschaft und die Zinsen STEIGEN (mehr Nachfrage nach Krediten in einer wachsenden Wirtschaft, höhere Sollzinsen als Angebot der Banken), so dass ihr für euer GESAMTES erspartes GELD auch mehr Zinsen bekommen werdet.

    Mit dieser Argumentation zerstreut man die Ängste, die jemand haben könnte, der pro Monat EUR 80 Helikoptergeld erhält und damit durch Inflation die EUR 100.000 entwerten soll, die er z. B. festverzinslich angelegt hat – ein Minusgeschäft für ihn.

    Man muss den Helikoptergeld-Empfänger zum Gewinner machen – zum GELDGEWINNER. Das wird er akzeptieren, der geschenkte Diskobesuch für EUR 80 ist dagegen zweitrangig.

    Allerdings:

    Mit dieser Argumentation betreibt die EZB nicht mehr Geldpolitik, sondern Wirtschaftspolitik, sozusagen „Fiskalpolitik für die privaten Haushalte“.

    Das ist der Unterschied, zu dem sie sich letztlich bekennen müsste bzw. der ihr zugestanden werden sollte, wenn Helikoptergeld eingeführt wird.

  10.   rjmaris

    >Es ist der Schuldendruck/Leistungsdruck, der den Wert des Geldes ausmacht und die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet.>

    Den WERT des Geldes – mag sein.

    Hier geht es um die AKZEPTANZ des Geldes, die etwas mit Tausch und Wertaufbewahrung zu tun hat. Wenn niemand für Geld etwas tauschen will, spielt die Wertbestimmung durch Leistungsdruck keine Rolle.

    Nein, Michael Stöcker hat für mich definitiv Recht. Das ist aber erst seit einigen Tagen zweifelsfrei klargeworden, als ich anlässlich einer Diskussion zwischen ihn und Babendiek näher recherchiert hatte, was auf soffisticated steht (Links habe ich nicht parat, kann ich aber auf Nachfrage vielleicht wiederfinden). Wichtig ist aber, dass Sie das Wort „Schuldendruck“ nicht weglassen! Klar kommt das eigentlich auch zum Ausdruck wenn man unsere Ökonomie als „Verpflichtungsökonomie“ begreift.

    Sie spielen aber darauf an, dass die Realwirtschaft durch „Mismatch“ nicht genau die Produkte/Leistungen hervorbringt, die nachgefragt werden. Das könnte rational dazu führen,dass Menschen Geld aufbewahren. Ich glaube aber, dass dies normalerweise nie die Dimension erreichen würde, dass die Wirtschaft dadurch stockt. Denn solche Ersparnisse würden in der Regel weitaus unter das Aggegrat an Krediten liegen.

    Das Problem ist vielmehr das Aufbewahren über dieses Maß hinaus. Und da greift wieder diese wunderbare Gelddefinition von Götz Werner. Aber auf Stöckers Ausführungen diesbezüglich gehen Sie gar nicht ein.

 

Kommentare sind geschlossen.