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Mario, so haben wir uns das mit der EZB nicht vorgestellt!

 

In der jüngsten Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen stellt Rainer Hank die Frage, wer Mario Draghi stoppen kann. Wenn es nach Hank geht, möchten das hierzulande offenbar alle, jedenfalls alle, die wir aus den Talkshows kennen, angefangen mit Hans-Werner Sinn, über Carsten Linnemann von der CDU-Mittelstandsvereinigung, Peter Bofinger, Bert Rürup, Marcel Fratzscher und die Juristen Dietrich Murswieck und Udo Di Fabio. Jens Weidmann würde gerne, könne aber nicht, weil seine Stimme im EZB-Rat kein Gewicht habe, während Sabine Lautenschläger, seine deutsche Kollegin, unter „Konformitätserwartung“ stehe. Auch Zitate des britischen Ökonomen Charles Goodhard und sogar des liberalen Säulenheiligen Walter Eucken legen für Hank nahe, dass es so nicht weitergehen könne, dass die Unabhängigkeit der EZB und ihre Machtfülle, die er anscheinend bei Draghi konzentriert sieht, vielleicht doch keine so gute Idee war. Nikolaus von Bomhard, der Chef der Münchner Rück spricht sogar von einer Erosion des Rechts, ist verständnislos und sogar entsetzt über das, was die EZB zurzeit anrichtet. Nur der Franzose Benoît Cœuré vom Frankfurter EZB-Direktorium stehe dem Italiener Draghi zur Seite, und zwar auf schnippische Art. Otmar Issing, immerhin, ruft um Gottes Willen, nein, „wer die Unabhängigkeit der EZB aufgibt, besiegelt damit das Ende des stabilen Euros“!

Ein langer Artikel, aber die entscheidenden Fragen werden gar nicht gestellt: Warum soll Draghi überhaupt gestoppt werden, wo ist das Problem, was macht die EZB falsch, und wie könnte eine Lösung aussehen?

In einer Hinsicht ist Hank immerhin konkret: Zustimmend zitiert er Bomhard, dass die jetzige Geldpolitik eine massive Umverteilung zu Lasten der Ärmeren betreibe. Da ist was dran, wenn auch nur für bestimmte Gruppen und unter bestimmten Annahmen. Wenn es der EZB trotz der vielen Liquidität, die sie ins Bankensystem pumpt, nicht gelingt, die europäische Wirtschaft anzukurbeln – weil Schuldenabbau für Haushalte, Banken und Staat weiterhin Priorität hat und sie keine neuen Schulden machen wollen –, bahnt sich das Geld seinen Weg in die Märkte für inländische und ausländische Wertpapiere und Immobilien und treibt dort Kurse und Preise. Auf diese Weise steigt der Nominalwert der Vermögen. Die, die was haben, werden reicher (zumindest auf dem Papier), die die nichts haben, haben so wenig wie vorher. Die Vermögensverteilung verschiebt sich zugunsten der Reichen. So weit so gut, oder so schlecht.

Und sonst? Sehen wir uns die Effekte der jetzigen Geldpolitik etwas näher an! Wer beispielsweise ein kleines Sparguthaben besitzt, bekommt als Folge der Nullzinspolitik auf seinem Konto keine Gutschriften mehr, aber verliert auch nichts, weil die Verbraucherpreise nicht steigen, es also keine Geldentwertung gibt. Sollte das Preisniveau sinken, würde der Wert der Ersparnisse real sogar zunehmen (vgl. Bundesbank: Negative reale Verzinsung von Einlagen kein neues Phänomen, 27. 6. 2014). Ähnliches gilt für Lebensversicherungen: Die Garantiezinsen tendieren gegen Null, aber die Kaufkraft des später einmal ausgezahlten Kapitals ist tendenziell stabil, wenn es hierzulande von nun an so weitergehen sollte wie einst in Japan, wo die Preisindices schon seit fast 20 Jahren unverändert sind. Ein interessanter Nebeneffekt: Bei positiven nominalen Sparzinsen muss ab einer bestimmten Grenze Einkommensteuer bezahlt werden – bei Nullzinsen ist das kein Thema. Wenn die Realzinsen durch fallende Verbraucherpreise steigen, bleibt der Ertrag voll beim Sparer, der Staat bekommt nichts.

Rentner dürften zu den Gewinnern zählen, da die Renten in Deutschland an die Einkommenssteigerungen der Beschäftigten gekoppelt sind. Im Sommer werden sie um mehr als vier Prozent zunehmen, was angesichts nahezu stabiler Preise real einer kräftigen Zunahme entspricht. Empfänger von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe können sich ebenfalls nicht beklagen, ebenso wenig wie solche Arbeiter und Angestellten, die keine Kürzung ihrer Einkommen befürchten müssen. Das dürfte für die meisten von ihnen gelten; im Augenblick nimmt die Zahl der Beschäftigten im Vorjahresvergleich um beachtliche 1,3 Prozent zu, so dass das Jobrisiko relativ gering ist. Laut Bundesbank übertrafen die Löhne und Gehälter je Arbeitnehmer zuletzt ihren Vorjahreswert um 3,0 Prozent; das war nominal – real waren es 2,7 Prozent.

Es fällt schwer, der EZB auf der Basis solcher Zahlen den Vorwurf zu machen, sie treibe mit ihrer Politik die Menschen in die Armut. Für Deutschland jedenfalls ist das Gegenteil der Fall.

Eins macht die EZB seit Jahren richtig gut: Sie hält die Kaufkraft des Geldes stabil. Hank hält das allerdings nicht für erwähnenswert. In den drei Jahren seit 2013 lag die Geldentwertung im Durchschnitt bei 0,9 Prozent und damit weit unter der Zielmarke von knapp unter zwei Prozent, unterhalb derer nach allgemeinem Verständnis Preisstabilität herrscht. Seit Einführung des Euro im Januar 1999 sind die Verbraucherpreise in Deutschland im Jahresdurchschnitt um 1,4 Prozent gestiegen, in den Jahren 1960 bis 1998, als die Bundesbank noch das Sagen hatte, betrug die durchschnittliche Inflationsrate 3,2 Prozent.

Grafik: Deutsche Inflationsraten seit 1960

Einen Vorwurf kann man der EZB allerdings machen, nämlich dass es ihr nicht gelingt, die Inflationsrate auf 1,8 oder 1,9 Prozent anzuheben, so wie sie es sich zum Ziel gesetzt hat. Auch das ist für Hank kein Thema. Die Inflationsrate der Währungsunion lag im März bei -0,1 Prozent (Deutschland +0,1 Prozent), die Kernrate immerhin bei 1,0 Prozent. Am Markt wird damit gerechnet, dass die durchschnittliche deutsche und französische Inflation in den nächsten zehn Jahren 1,0 Prozent betragen wird (abgeleitet aus inflationsgeschützten Staatsanleihen). Die EZB betreibt daher ungewollt, de facto aber durchaus eine Politik zugunsten der Gläubiger und zulasten der Schuldner, vor allem der Unternehmen und Häuslebauer, und bremst damit ungewollt das Wirtschaftswachstum. Da es keine Inflation gibt, bleibt die reale Last der Schulden gleich – bei „normaler“ Inflation würde sie dagegen ständig geringer.

Leider hat Hank trotz der vielen Kontakte, die er erwähnt, niemanden gefunden, der einen brauchbaren Vorschlag hatte, was die EZB denn nun anders machen solle. Alle waren sich anscheinend nur in Einem einig: die EZB überdehne ihr Mandat. Für mich heißt das im Klartext, dass die Ankäufe von staatlichen und neuerdings privaten Anleihen ein gefährliches Volumen erreicht hätten. Gefährlich wofür? Vermutlich für die Stabilität des Euro in der langen Frist. Es wird offenbar befürchtet, dass der Hexenmeister die Liquiditätsflut am Ende, wenn die Inflation schließlich doch ins Laufen gekommen ist, nicht mehr eindämmen kann. Hyperinflation könnte die Folge sein. Ich selbst sehe das nicht so, weil die Notenbanker im Kampf gegen die Inflation über genügend Instrumente verfügen und in der Schule gelernt haben, wie sie einzusetzen sind. Mit der Deflation ist das eine ganz andere Sache. Darauf waren sie intellektuell nicht vorbereitet.

Vielleicht ist den deutschen Kritikern auch unwohl bei dem Gedanken, dass die EZB zunehmend zu einem Staatsfinanzierer mutiert. Wenn sie von den 80 Mrd Euro, die sie jetzt netto monatlich für Anleihekäufe ausgibt, beispielsweise 70 Mrd für staatliche Anleihen verwendet, macht das auf’s Jahr gerechnet 840 Mrd Euro. Das aggregierte Budgetdefizit aller Euroländer dürfte sich in diesem Jahr aber „nur“ auf rund 220 Mrd Euro belaufen. Anders ausgedrückt, die EZB subventioniert indirekt, dabei aber sehr massiv, die staatlichen Haushalte. Konkret schlägt sich das nieder in einem stark rückläufigen Schuldendienst und niedrigen Bondrenditen. Hardliner werden argumentieren, dass die nationalen Parlamente und Finanzminister dann einen entsprechend geringeren Anreiz haben, ihre Haushalte durch sparsames Wirtschaften in Ordnung zu bringen. Wenn dann die nächste Krise kommt, wären sie entsprechend schlecht darauf vorbereitet.

Eine solche Kritik am „quantitative easing“ ist allerdings nicht nur gegenüber der EZB angebracht – alle anderen wichtigen Notenbanken haben, wenn es die Lage erforderte, ebenfalls massiv staatliche Papiere in ihre Bücher genommen. Man sollte im Übrigen nicht vergessen, dass Notenbanken zum staatlichen Sektor gehören und sich per Saldo in dessen Vermögensposition nichts verändert, wenn der Eine seine Schulden gegenüber der Notenbank erhöht – deren Forderungen (Aktiva) nehmen nämlich im selben Umfang zu.

Grafik: Zentralbankbilanzen, Aktiva insg., Jan.2007=100

Niemand von Hanks Zeugen schlägt übrigens vor, dass endlich mal wieder die Zinsen angehoben werden sollten. Dann würden sich die Besitzer von Sparbüchern zwar freuen, aber wer in eine Immobilie oder ein Unternehmen investieren möchte, hätte eine höhere Hürde zu überwinden. Höhere Zinsen wären Gift für die Konjunktur. Um es klar zu sagen, das Ziel der Geldpolitik besteht im Augenblick darin, Haushalte, Unternehmen und Staat dazu zu bringen, mehr Geld auszugeben und dadurch die Produktion anzukurbeln, die Produktionslücken zu verringern und Spielräume für steigende Preise und Löhne zu schaffen. Das Sparen durch höhere Zinsen zu fördern wäre kontraproduktiv.

Was die Zinspolitik angeht, ist die EZB ebenfalls in guter Gesellschaft. Wie die folgende Grafik zeigt, war die amerikanische Notenbank in dieser Hinsicht sogar weit expansiver.

Grafik: Leitzinsen der Bundesbank, EZB und Fed seit 1960

Auch das Thema Euro-Abwertung kommt in Hanks Artikel nicht vor. Vermutlich sind alle insgeheim erfreut darüber, dass die EZB mit ihrer Politik zur Schwäche des Euros beigetragen hat. Der Außenbeitrag, und mit ihm das Wachstum, wären sonst im vergangenen Jahr noch schwächer ausgefallen.

Insgesamt wird nicht klar, weshalb Draghi denn nun gestoppt werden soll. Richtig was falsch scheint er nicht zu machen. Ärgerlich ist allerdings, dass Hank trotzdem versucht, das Ansehen Draghis in der deutschen Öffentlichkeit mit nebulösen Vorwürfen zu schwächen. Er tut so, als sei der EZB-Chef eine Art Diktator, der quasi autokratisch über ein „Schattenkabinett“ herrscht. Er verschweigt, dass die EZB bereits unter Trichet expansiv war und tut so, als ob die Bezeichnung „unkonventionelle Maßnahmen“ eine Erfindung von Draghi sei. In Wirklichkeit war das schon unter Trichet der offizielle Sprachgebrauch.

Hank zitiert einen Lord Acton mit der Aussage, dass Macht korrumpiert, absolute Macht sogar absolut. Das komme im Falle der EZB daher, dass „auf Aufsicht und Kontrolle gewollt verzichtet und die Gewaltenteilung suspendiert wird“. Die Verführung zum Machtmissbrauch liege nahe. War das zu Bundesbankzeiten anders?

Ich weiß nicht, was der Artikel eigentlich bezwecken soll. Konstruktiv ist er nicht.

121 Kommentare

  1.   Babendiek

    @ i3p3

    „Ob investiert wird entscheiden die BANKEN mit ihrer Kreditvergabe und nicht die Unternehmer.“

    Das war vielleicht einmal vor 30 oder 50 Jahren so. Inzwischen gibt es zahlreiche Alternativen zu Bankkrediten, die von den Unternehmen auch zunehmend genutzt werden.

    Da dieses Thema hier immer wieder angesprochen wird, darf ich vielleicht einmal im Zusammenhang das Spektrum an Finanzierungsformen darstellen, die den Firmen in Deutschland heute zur Verfügung stehen.

    1. Großunternehmen wie Bayer, BMW oder Siemens finanzieren sich vorzugsweise mit Anleihen. Konzerne bester Bonität müssen den Anlegern keine höhere Zinsen bieten als der Bund. So günstig ist kein Bankkredit.

    2. Auch große Mittelständler, also Firmen mit Umsätzen von 500 Millionen bis fünf Milliarden Euro, finanzieren sich zunehmend mit Unternehmensanleihen. Für diese Unternehmen gibt es überdies eine vereinfachte Form der Anleihe, den so genannten Schuldschein.

    3. Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mit Umsätzen bis zu 500 Millionen Euro können zu einer staatlichen Förderbank gehen, wenn sie von der Hausbank kein Geld mehr bekommen. Neben der bundesweit aktiven KfW gibt es in jedem Bundesland ein solches Förderinstitut. Mit zinsgünstigen Krediten und Bürgschaften haben diese Institute in den ersten Jahren nach Ausbruch der Finanzkrise buchstäblich tausende von KMU vor dem Untergang gerettet.

    4. Anstatt Lastwagen, Maschinen und Anlagen zu kaufen, können Unternehmen all diese Dinge auch leasen. Das Leasing hat seit der Finanzkrise ebenfalls einen starken Aufschwung erlebt. Das Neugeschäft hat in Deutschland ein jährliches Volumen von mehr als 50 Milliarden Euro.

    5. Bei kurzfristigen Finanzierungen, etwa für Betriebsmittel, gibt es gleichfalls eine Alternative zu Bankkrediten – nämlich das Factoring. Hierbei handelt es sich um den Verkauf von Forderungen an spezialisierte Finanzinstitute. Factoring wird vor allem von Zulieferern der Auto-, Chemie- und Elektro-Industrie genutzt, wo sich Großunternehmen gegenüber den Lieferanten häufig sehr lange Zahlungsfristen einräumen.

    6. Mit der Finanzierung von Start-ups sind Banken in der Tat überfordert. Hierum kümmern sich ebenfalls die bereits erwähnten Förderinstitute. Obendrein hat der Bund 2005 den High-Tech-Gründerfonds ins Leben gerufen, der seither hunderte von technologieorientierten Start-ups gefördert hat.

    Die Finanzierungsszene ist also in den vergangenen Jahren sehr viel vielfältiger geworden. Die Banken haben erheblich an Macht und Einfluss verloren.

  2.   Michael Stöcker

    @ i3p3 # 58

    Dabei ist doch das e-Geld (elektronische Geld) nur eine Zahl im Computer, die Leistungslos und ohne Rohstoffe aus dem Nichts bei jeder Kreditvergabe erst erschaffen wurde. Also, Null Risiko.

    Null Risiko? Null Ahnung!

    Das lässt sich aber ändern. Hier die elementaren Basics: bundesbank.de/Navigation/DE/Service/Schule_und_Bildung/Geld_und_Geldpolitik/geld_und_geldpolitik.html und hier geht es zum Aufbaustudium: perrymehrling.com/2016/01/great-and-mighty-things-which-thou-knowest-not/

    LG Michael Stöcker

  3.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 50

    >Selbstverständlich verfolgt die EZB dieses doppelte Ziel, auch wenn sie das vielleicht nicht offen ausspricht.

    Auf der einen Seite sollen die Zinsen auf absehbare Zeit sehr niedrig bleiben. Dies hat Draghi nun wirklich mehrfach öffentlich geäußert….

    … Auf der anderen Seite hat die EZB das selbsterklärte Ziel, dass die Inflationsrate europaweit bei nahe zwei Prozent liegt.>

    Wenn Sie ernsthaft meinen, dass dies das doppelte Ziel der EZB ist, dann unterstellen Sie der EZB/Draghi einen WIDERSPRUCH.

    Ich habe schon viel über die EZB und Draghi gehört und gelesen, aber noch NIE, dass sie widersprüchlich sind.

    Das erklärte ZIEL ist eine Inflationsrate nahe zwei Prozent.

    Das erklärte MITTEL dazu sind u. a. die niedrigen Zinsen, die sie festlegt bzw. mit QE niedrig hält in der Erwartung, dass durch die damit verbundenen günstigen Finanzierungskosten realwirtschaftliche Projekte in hinreichendem Umfang realisiert werden, so dass die Wirtschaft wächst und irgendwann die avisierten 2% Inflationsrate erreicht werden.

    Darauf, meine ich, sollte man sich einigen können.

    Wenn nicht, kann man m. A. n. nicht sinnvoll über die EZB diskutieren.

  4.   Dietmar Tischer

    @ Tiefenwahn # 52

    >Kann denn die EZB überhaupt ein Interesse daran haben, dass das Inflationsziel von 2% erreicht wird?>

    Sie MUSS ein Interesse daran haben.

    Erreichte die EZB das Inflationsziel von 2%, würden die Zinsen für die Krisenstaaten höher liegen. Dann, wenn nicht schon früher müsste die EZB aufhören mit QE.

    Höhere Zinsen werden dann nicht als dramatisch erachtet, wenn das WACHSTUM und damit die Steuereinnahmen dieser Staaten HÖHER als die zu zahlenden Zinsen sind.

    Die 2% sind der Indikator für Wachstum (wenn alles so funktioniert, wie die EZB es sich vorstellt bzw. wünscht und wie es anscheinend zuletzt in USA abläuft).

    Die Krux:

    Der betreffende Staat darf nicht zu hoch verschuldet sein.

    Frankreich wäre vermutlich (noch) nicht gefährdet, Italien schon deutlich mehr (könnte aber die Vermögen seiner Bürger, zu 70 bis 80% wohl Immobilienbesitz, über deren Besteuerung für die Staatsfinanzierung heranziehen) während Griechenland OHNE einen erheblichen Schuldenschnitt ein aussichtsloser Fall wäre.

  5.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 55

    >Die Lebensversicherungen und die Pensionsfonds kommen durch die Geldpolitik der EZB in große Schwierigkeiten, weil sie rechtliche Zusagen einer hohen Verzinsung nicht über längere Zeit durchhalten.

    Nicht die Geldpolitik ist hierfür verantwortlich, sondern die Fiskalpolitik (siehe auch mein Link zu Larry Summers).>

    Diese Auffassung verstehe ich so wenig wie Babendiek.

    Natürlich kann der Staat die Steuern erhöhen und – ganz richtig – die Lebensversicherungen und die Pensionsfonds kommen dann nicht mehr in Schwierigkeiten, wenn er das nur konsequent genug macht:

    Denn dann haben viele Menschen keine Ersparnisse mehr, um in Lebensversicherungen und Pensionsfonds Geld anzulegen – das Problem existiert nicht mehr, ist also „gelöst“.

    Danke für den Link zu Larry Summers, der Mann ist es immer wert, gehört zu werden.

    Hier meine Meinung zu zwei seiner dort geäußerten Auffassungen:

    a) Was soll HEUTE das Verständnis von Makroökonomie sein?

    Ich stimme seiner Auffassung zu, dass es darum geht, das durchschnittliche NIVEAU der Output-Lücke über eine LANGE Zeitperioden zu verstehen und füge hinzu, wie ich das begreife: Es gilt insbesondere zu verstehen, WAS dieses Niveau WIE über lange Zeiträume bestimmt und verändert.

    Ich verstehe allerdings zu wenig von Ökonomie, um mich ihm anschließen zu können, wenn er sagt, dass damit „nahezu die gesamte Weisheit (Erkenntnis soll das wohl heißen) des Keynesschen und klassischen Ökonomieverständnisses infrage gestellt werden müsse“.

    Vielleicht meint er das nicht wortwörtlich so, sondern wollte damit nur die Bedeutung unterstreichen, die neuem makroökonomischem Denken seiner Meinung nach zukommt.

    Ich bin allerdings sicher, dass angesichts der langfristig dominierenden Megatrends, die auch er im Hinterkopf hat, Nachfragestimulierung durch Fiskalpolitik mit Schuldenfinanzierung à la Keynes nicht die Lösung ist, die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zu bringen.

    b) Monetarisierung der Staatsausgaben

    Er sieht kein fundamentales ökonomisches Problem, das dies ausschließe, versteift sich aber auch nicht darauf, dass es keines gebe. Er verstehe die Kritik der Gegner nicht wirklich, sei aber offen für Kritik, wenn ÖKONOMISCHE Argumente gegen seine Auffassung vorgebracht würden.

    Es gibt empirisch begründbare Kritik, hier Erfahrungen, wie schnell es mit der Inflationierung gehen kann, Schaubild 4 (wird auch anderswo diskutiert):

    pimco.de/DE/Insights/Pages/Ein-hasslicher-Entschuldungsprozess.aspx

    Sorry, Larry, es muss nicht ökonomische Kritik sein, politische ist hinreichend, um gegen die Monetarisierung von Staatsausgaben zu sein: It is the government, stupid.

    Das mag für einen Amerikaner befremdlich sein, aber Du als der Ökonom, der Du bist, solltest die aufgezeigte Empirie als Argument nachvollziehen können:

    Denn Du erinnerst Dich sicher, dass Deine Disziplin vor Zeiten nicht nur Ökonomie, sondern POLITISCHE Ökonomie war.

  6.   Tiefenwahn

    @Tischer # 64

    An der Möglichkeit, mit Helikoptergeld 2% Inflation zu erreichen, habe ich keine Zweifel. Irgendwann wird man dies auch mit den jetzigen Methoden erreichen (etwa wenn die Rohstoffpreise wieder steigen). Aber dass dann auch die Krisenstaaten wieder im Wachstum stehen, da habe ich schon eher meine Zweifel. Auf jeden Fall bedingt das eine nicht das andere. Selbst wenn die Servicepreise auf Grund niedriger Löhne konstant bleiben, gibt es noch genügend andere Preise, die die Inflationsrate antreiben können. Ohne QE wird die EZB dann die Anleihezinsen von Italien, Spanien und Portugal sicher nicht auf der Höhe der Inflationsrate halten können. Vermutlich wird das selbst für Frankreich problematisch. Folge ist dann eine erheblich Beschleunigung der Verschuldung dieser Länder, und damit die nächste Krise, nur dieses Mal mit einer dann bestehenden, höheren Inflation.

  7.   Dietmar Tischer

    @ Tiefenwahn # 66

    Ich habe geschrieben, wie m. A. n. das ökonomische Kalkül ist.

    Ich schließe nicht aus, dass es nicht aufgeht.

    Speziell bei Helikoptergeld ist vorstellbar, dass der Anstieg zu einer moderaten Inflationsrate nicht durch nachhalitges Wachstum gedeckt ist.

    Dann kann es dazu kommen, dass man immer mehr Helikoptergeld einsetzt und es zu einer nicht mehr kontrollierbaren Inflation kommt.

    Oder eben die Renditen der Krisenländer durch die Decke schießen und diese insolvent werden, wenn – was kaum vorstellbar ist – die EZB sich mit dem Helikoptergeld mäßigen würde.

    Deshalb sage ich auch:

    Strukturreformen für nachhaltiges Wachstum.

    Ich bin mir mittlerweile nicht mehr sicher, ob es damit gelänge, hinreichendes Wachstum zu schaffen, so dass die EZB die Zügel anziehen könnte.

  8.   Michael Stöcker

    @ Dietmar Tischer # 65

    Diese Auffassung verstehe ich so wenig wie Babendiek.

    Die Antwort hierauf findet sich bei Dieter Wermuth. Ein wirklich guter Beitrag, an dem ich mal nichts zu mäkeln habe: https://blog.zeit.de/herdentrieb/2016/04/11/schauble-will-hohere-leitzinsen_9472

    LG Michael Stöcker

  9.   rjmaris

    Durch ein von M. Stöcker gesetzten Link bin ich hier gelandet (also #47 veblen und die Reaktion Stöckers darauf (#53). Kurz:
    “Gewinne sind nach Schumpeter aber nur in einer wachsenden Wirtschaft möglich.”

    Und was veblen dazu sagt, nämlich zu den Nullzinsen, die mit einer stationären Wirtschaft einhergehen müssten, insbesondere der Hinweis auf Böhm-Bawerks Kritik darauf, gibt mir Stoff zum Nachdenken und weiterer Befassung. Jedenfalls scheint mir, dass dieser Befund zu den Bodenrenten der Grund ist, weshalb seriöse Freiwirtschafter immer auch eine Bodenreform mitdenken.

    Zurück zu Schumpeter: Wenn er das gesagt hat, bezieht er sich wahrscheinlich auf den Schneeballeffekt des modernen Kapitalismus (grob: die jetzigen Investitionsfinanzierungen sind die heutigen Gewinne anderer). Das ändert aber nichts daran, dass in einer stationären Wirtschaft zweifellos Gewinne gemacht werden können, aber nur, wenn die Gewinne etwa in der laufenden Periode wieder ausgegeben werden, nach dem Motto:
    Gewinn = Investitionssumme + Konsum der Unternehmer
    Also in einer wachsenden Wirtschaft können darüber hinaus monetäre Gewinne gemacht werden, also entstehen dann monetäre Ersparnisse. Die entsprechend gleich hohe Verschuldung ist hier investitionsbedingt und auch normal.

    Zu der spannenden Frage, ob ein positiver Geldzins in einer stationären Wirtschaft möglich ist, tendiere ich mit Stöcker (#53) zu nein, aus den dort genannten Gründen. Sofern der Zins als Gleichgewichtswert verstanden wird (Geldersparnisangebot/Kreditnachfrage) leuchtet das bereits ein.

  10.   veblen

    @ rjmaris, #69

    Wenn Sie an der Frage der Vereinbarkeit einer positiven Zinsrate mit einer nicht mehr wachsenden Wirtschaft bzw. am Thema „Wachstumszwang“ interessiert sind, dann könnte Ihnen der folgende Artikel weiterhelfen:
    docplayer.org/12145559-Ferdinand-wenzlaff-christian-kimmich-oliver-richters.html

    Der Artikel vermittelt einen Überblick über den Zusammenhang zwischen Zins und Wachstum bzw. Wachstumszwang aus der Sicht unterschiedlicher Theorien und behandelt dazu verschiedene Zinstheorien. Schumpeters Zinstheorie (S. 9, FN 24) kommt dabei übrigens nicht gut weg.

    LG veblen

 

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