‹ Alle Einträge

Wer höhere Zinsen will, muss die Löhne erhöhen

 

Die Zinsdebatte ist endlich dort angelangt, wo sie hingehört: Bei der Frage nach den Ursachen der niedrigen Zinsen. Mario Draghi hat bekanntlich eine Ersparnisschwemme als Ursache ins Spiel gebracht, zu der Deutschland mit seinen hohen Leistungsbilanzüberschüssen beitrage, was der deutsche Sachverständigenrat empört zurückweist.

Welche Seite man in diesem Streit auch einnimmt, klar ist: Die EZB wird die Zinsen erst wieder erhöhen, wenn auch die Inflation anzieht. Was die Frage aufwirft, warum diese so niedrig ist. Der wichtigste Kostenfaktor für die Unternehmen sind die Löhne, weshalb ein enger Zusammenhang zwischen Lohnentwicklung und Preisentwicklung besteht.

Wer oberflächig die Zeitungen liest, könnte den Eindruck gewinnen, dass die Löhne in Deutschland derzeit heftig steigen – schließlich treten die Gewerkschaften nicht unbedingt bescheiden auf. Aber so einfach ist es nicht, zum Beispiel weil wie auch bei TTIP zwischen Forderung und Abschluss ein erheblicher Unterschied besteht. Hier die Commerzbank:
Bildschirmfoto 2016-05-04 um 10.39.33

Über den letzte Halbsatz kann man lange streiten, aber darum soll es hier nicht gehen. Entscheidend ist: Nimmt man zur Bestimmung des Zielwerts für die erwünschte Lohnsteigerung die gängige Formel Produktivitätssteigerung plus Zielinflationsrate der EZB, so kommt man auf eine Spanne zwischen drei und dreieinhalb Prozent. Gemessen daran ist die deutsche Lohnentwicklung deflationär.

Kein Wunder, dass die Zinsen nicht höher sind. Wenn Wolfgang Schäuble also ein Problem mit den niedrigen Zinsen hat, dann gäbe es einen einfachen Weg: Mehr Geld für kräftige Lohnabschlüsse im öffentlichen Dienst.


49 Kommentare

  1.   Babendiek

    @ Schieritz

    Sie schreiben:

    „Nimmt man zur Bestimmung des Zielwerts für die erwünschte Lohnsteigerung die gängige Formel Produktivitätssteigerung plus Zielinflationsrate der EZB, so kommt man auf eine Spanne zwischen drei und dreieinhalb Prozent Gemessen daran ist die deutsche Lohnentwicklung deflationär.“

    Dies ist eine Berechnung, die ich leider nicht nachvollziehen kann. Nimmt man an, dass die Zielinflationsrate der EZB bei etwa 1,8 bis 1,9 Prozent liegt, dann folgt aus Ihrer Angabe „Spanne zwischen drei bis dreieinhalb Prozent“, dass Sie eine jährliche Steigerung der Produktivität zwischen etwa 1,1 bis 1,7 Prozent zugrunde legen.

    Mein lieber Herr Schieritz, solche Zuwachsraten hat Deutschland schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen!

    Laut dem Statistischen Bundesamt betrug die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen im Produzierenden Gewerbe

    2006: 100,94
    2015: 102,81
    Index 2010 = 100.

    Binnen zehn Jahren stieg die Arbeitsproduktivität also insgesamt um knapp zwei Prozent. Das sind pro Jahr im Durchschnitt 0,2 Prozent.

    Die monatlichen Bruttolöhne im Produzierenden Gewerbe betrugen:
    2006: 2.225 Euro je Erwerbstätigen
    2015: 2.710 Euro

    Das ist ein Anstieg von insgesamt 22 Prozent. Die Bruttolöhne sind also mehr als zehn Mal so stark gestiegen wie die Arbeitsproduktivität.

    Was ist denn daran deflationär?

    Sie zitieren die Commerzbank, die sich Sorgen um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit macht. Derzeit scheint die Entwicklung noch nicht fruchtbar dramatisch zu sein.

    Tatsächlich aber verschlechtert sich über die Jahre sachte die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie.

    Das zeigt die Entwicklung der Lohnstückkosten:
    2006: 93,59
    2015: 110,73
    Index 2010 = 100

    In den vergangenen zehn Jahren ist der Index für die Lohnstückkosten also um 18 Prozent gestiegen.

    Die Entwicklung ist, wie gesagt, derzeit noch kein Drama. Hält die Entwicklung aber an, dann dürfte es auf breiter Front einen Exodus der deutschen Industrie geben.

    Schon jetzt investieren viele deutsche Großunternehmen mehr im Ausland als im Inland. VW plant fünf neue Fabriken in China, aber kein einziges Werk in Deutschland.

    Für den Anstieg der deutschen Direktinvestitionen im Ausland gibt es viele Gründe – vom strategischen Marktzugang bis zur Vermeidung der hohen deutschen Energiekosten.

    Die tendenziell steigenden Lohnstückkosten in der Bundesrepublik dürfte aber auch so manches Unternehmen im Auge haben.

  2.   Mark Schieritz

    Die Finanzkrise hat die Produktivitätsstatistik erheblich beeinträchtigt. Wenn ich den langfristigen Schnitt von 1991 bis 2007 nehme, komme ich laut SVR auf 1,3 für die Gesamtwirtschaft.

    Selbst die Bundesbank – nicht als gewerkschaftsnah bekannt – rechnet mit „überschlagsmäßig mittelfristig knapp zwei Prozent Preisanstieg und ein Prozent trendmäßigem Produktivitätswachstum“ als rund drei Prozent. (Quelle: handelsblatt.com/politik/konjunktur/tarifpolitik-weidmann-empfiehlt-drei-prozent-mehr-lohn/10267246.html)

  3.   Dietmar Tischer

    Lassen wir einmal den Produktivitätszuwachs und die Wettbewerbsfähigkeit beiseite.

    Dann steuern wir das folgende, sehr interessante Szenario an::

    „überschlagsmäßig mittelfristig knapp zwei Prozent Preisanstieg“ und dann noch – sagen wir – ein Prozent Minuszinsen auf die Bankeinlagen dank Geldpolitik der EZB.

    Das ergibt ca. 3%/Jahr minus für die deutschen Geldsparer.

    Ich würde sagen, dass spätestens dann die Eurozone auseinanderfliegt und Herr Draghi sich keine Gedanken mehr über eine deutsche Ersparnisschwemme zu machen braucht.

    Dafür wird es nicht einmal einer AfD bedürfen.

    Das besorgen dann auch gutbürgerliche Parteien.

    Wenn es sie noch gibt, auch gern mit Merkel und Schäuble an der Spitze.

  4.   Mark Schieritz

    @ Tischer

    Wenn wir wieder zwei Prozent Preisanstieg haben, haben wir auch keinen Minuszins mehr

  5.   Blacksheeple

    Ich verstehe das ganze Konzept des Ersparnisüberhangs nicht so wirklich, angesichts dessen dass die Menge an Geld in einem geschlossenen volkswirtschaftlichen System immer gleich hoch mit der Menge an Schulden ist.

  6.   Blacksheeple

    Das ganze Konzept des Ersparnisüberhamgs und der säkulären Stagnation ist mir nicht wirklich schlüssig, da die Menge an Schulden und an Geldvermögen insgesamt gesehen gleich hoch ist. Wie soll in einem solchen Geldsystem eine Seite überwiegen.

  7.   Tiefenwahn

    @Schieritz #4

    Wenn wir zwei Prozent Preisanstieg und keinen Minuszins mehr haben, dann fliegt die Eurozone auseinander, weil die Zinsen für die Südeurostaaten dann für diese nicht mehr tragbar sind.

  8.   Dietmar Tischer

    @ Tiefenwahn # 7

    So ist es!

    Ich bin allerdings davon ausgegangen, dass Draghi mittelfristig seine Geldpolitik weiterfährt, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Mehrheit im EZB-Rat erst einmal an Anderes als den deutschen Geldsparer denkt.

    Merkel und Schäuble können Draghi nicht zu irgendetwas zwingen, aber ADIEU sagen, das können sie, auch wenn es ihnen schwer fallen würde.

    Skrupel werden sie keine haben im von mir aufgezeigten Szenario.

    Jedes Land hat irgendwo seine „Schmerzgrenze“ – wir bei der Wertentwicklung unserer Bankeinlagen.

  9.   Babendiek

    @ Schieritz # 2

    Sie schreiben:

    „Wenn ich den langfristigen Schnitt von 1991 bis 2007 nehme, komme ich laut SVR auf 1,3 für die Gesamtwirtschaft.“

    Die Frage ist nur, ob dies sinnvoll ist. Vor allem, wenn die letzten zehn Jahre einen ganz anderen Trend (Wachstum knapp über Null ) zeigen als die 15 Jahre zuvor, in denen die Produktivität noch ordentlich zugenommen hat.

    Die Arbeitsproduktivität kann langfristig nur steigen, wenn es technischen Fortschritt gibt. Der aber bleibt weitgehend aus.

    Den letzten kräftigen Schub haben die Informationstechnologien ausgelöst – etwa von Mitte der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre.

    Mittlerweile ist bei Banken, Versicherungen und anderen Dienstleistungen längst so ziemlich alles rationalisiert, was sich nur irgend rationalisieren lässt. Das gleich gilt für die Prozessindustrien (Öl, Chemie, Stahl etc.)

    Auch in der Fertigungsindustrie haben die Großunternehmen, insbesondere in der Autoindustrie , seit Anfang der 1990er Jahre nach Kräften automatisiert. Jetzt entdecken Firmen wie Daimler, dass Menschen unendlich viel flexibler sind als alle Menschen – und schicken Roboter in Heerscharen in den Vorruhestand.

    Meiner Ansicht nach gibt es in der gesamten Wirtschaft in der absehbaren Zukunft nur noch ein sehr geringes Potenzial zur Verbesserung der Arbeitsproduktivität. Das bedeutet: Sozialprodukt, Löhne und Konsum können nur noch in gebremsten Tempo zunehmen.

    Damit will ich nicht sagen, dass die aktuellen Lohnforderungen generell ungerechtfertigt wären. Die meisten Großunternehmen verdienen ja prima, und die Arbeiter haben einen gewissen Nachholbedarf.

    Aber langfristig können die Löhne nicht, wie sich das offenbar manche Gewerkschafter vorstellen, um fünf Prozent pro Jahr steigen. Und auch nicht um drei Prozent.

  10.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 9

    Ich sehe das Produktivitätswachstum so wie Sie auch eher kritisch, würde aber ein paar andere Akzente setzen:

    Bei Banken, Versicherungen und anderes Dienstleistungen wird weiter rationalisiert und zwar indem die Leistungsangebote in großem Umfang NORMIERT werden, d. h. als Internet-Informationen auf den Markt kommen. Der Antrieb dafür: Leute zu entlassen, speziell im ÜBERBESETZTEN Banken- und teilweise auch Versicherungssektor.

    Die Fertigungsindustrien entdecken den Menschen wieder – allerdings muss er hoch qualifiziert sein. Dort, wo er es nicht ist, also als „Kollege“ des Roboters, z. B. am Band in der Automobilproduktion, wird er AUSGETAUSCHT: Für ausscheidende Arbeitnehmer mit vergleichsweise sehr guter Bezahlung kommen Leiharbeiter oder „freiberuflich“ arbeitende Menschen. Die Gewerkschaften spielen übrigens mit.

    Das gilt im bestimmten Umfang auch schon für Leute, die vergleichsweise anspruchsvoll am PC arbeiten. Der erste Schritt ist bereits damit getan, dass sie den einen oder anderen Tag zuhause arbeiten KÖNNEN/DÜRFEN – noch als Angestellte mit allen Sozialleistungen. Der nächst ist, dass sie ganz zuhause arbeiten MÜSSEN als Freiberufler, die höchstens einmal ab und an vorbeischauen sollen.

    Das alles läuft auf Kostensenkungen raus, nicht mehr auf technologiebezogenes Wachstum der Arbeitsproduktivität. Dieses ist mit IT, wie Sie sagen, weitgehend realisiert, wird aber mit Outsourcing weiter nutzbar gemacht.

    Paradoxerweise:

    Die höchsten Lohnsteigerungen wird es dort geben– wie bei den jüngsten Abschlüssen zu beobachten war –, wo die Produktivität mit am GERINGSTEN ist: im Öffentlichen Dienst. Tja, so ist das eben, wenn man die Kita nicht nach China verlegen kann.

    Ich habe auch nichts gegen die Lohnsteigerungen, die jetzt vereinbart werden. Wir sollten uns allerdings hüten, die zins- und konjunkturbedingten Spielräume als naturgesetzliche Gegebenheiten zu verstehen.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren