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Pluralismus in der Ökonomik: Lehre und Forschung auf dem Prüfstand

 

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Sind Lehre und Forschung in den Wirtschaftswissenschaften breit genug angelegt? Oder gibt es eine Dominanz des sogenannten Mainstreams, die den Blickwinkel der ökonomischen Disziplin derart verengt, dass sie ihrem Forschungsgegenstand weder methodisch noch in seiner ganzen Vielfalt hinreichend gerecht wird, was sich dann auch in der Praxis und der Art der wirtschaftspolitischen Beratung widerspiegelt? Tatsächlich gehört die Debatte über Pluralität seit Jahren zum Grundrauschen des ökonomischen Diskurses und im Gefolge der Finanzkrise wurde sie auch für eine breitere Öffentlichkeit hörbar geführt. Nach wie vor wird der Zustand dieser Wissenschaft höchst unterschiedlich beurteilt. In der Dezember-Ausgabe des Wirtschaftsdienst geben die Autorinnen und Autoren des aktuellen Zeitgesprächs ihre jeweilige Sicht der Dinge wieder.

Johannes Becker, Finanzwissenschaftler der Universität Münster, nennt als Grundsatz: „Eine plurale, multiperspektivische Ökonomik ist nicht nur bessere Wissenschaft, sie ist auch interessanter und attraktiver für die Besten eines Jahrgangs.“ Er weist darauf hin, dass in den englischsprachigen Top-Journals und auf internationalen Fachkonferenzen schon jetzt methodische Pluralität stattfindet. Vor allem jüngere Ökonomen seien besonderes begierig auf neue Methoden und neue Datenquellen. Zwar ähnele sich die in Deutschland praktizierte Lehre in Bezug auf die vermittelten Grundlagen stark, aber das sei auch nötig, weil Masterabsolventen dazu fähig sein müssten, Fachliteratur zu verstehen und die gängigen Methoden anzuwenden. Daher hält Becker die Maxime „je pluraler, desto besser“ für ungeeignet und stellt stattdessen fest, dass Pluralität nur eine von vielen Anforderungen ist, unter denen es abzuwägen gilt, um „ein optimales, ‚gutes‘ Maß an Pluralität“ zu finden. Den Kritikern vom „Netzwerk Plurale Ökonomik“ hält Becker entgegen, dass sie die Rolle, die sie in diesem Prozess als Anwalt der Pluralität spielen könnten, „denkbar schlecht“ erfüllen. Er bemängelt, dass sie sich zunehmend nicht mehr nur als wissenschaftsverändernde, sondern auch als gesellschaftsverändernde Kraft verstehen und sich so Stück für Stück aus dem Dialog mit etablierten Ökonomen zurückzögen.

Für Sebastian Dullien von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin steht die Frage nach dem Warum von Pluralität in der Lehre unmittelbar im Zusammenhang mit der Frage danach, „… welche Lernziele bzw. welcher Kompetenzerwerb eigentlich mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre erreicht werden soll.“ Falls es darum geht, Volkswirte so auszubilden, dass diese möglichst einfach einen Lehrstuhl an einer deutschen Universität bekommen können, dann sei das jetzige Maß an Pluralismus vermutlich tatsächlich ausreichend. Falls es jedoch darum gehen sollte, Studenten zur Analyse komplexer Probleme in real existierenden Institutionen zu befähigen, ihnen also „kritisches Denken in volkswirtschaftlichen Zusammenhängen“ beizubringen, dann müssen vermehrt alternative Paradigmen in die Lehre einfließen. Dullien fordert folglich: „Um also wirklich die Begrenzungen und Schwächen der Modelle zu verstehen, sollten die Studierenden möglichst alternative Theorien auch von deren Vertretern unterrichtet bekommen.“ Trotz dieser Kritik an der Lehre erkennt Dullien gewisse Fortschritte an: „Die VWL ist wesentlich offener und vielfältiger als sie es noch vor zehn Jahren war.“ Anders als die Verteidiger des Status quo behaupten, reichen diese Veränderungen aber bei weitem noch nicht aus, argumentiert Dullien und schließt, „… die deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten [haben] noch einiges zu tun haben, bis ein ausreichendes Maß an Pluralität erreicht ist.“

Als wohlwollenden Pluralismusskeptiker bezeichnet sich Rüdiger Bachmann, der an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Notre Dame in den USA lehrt. Für ihn ist das, was als akademischer Mainstream gilt, jedenfalls extrem vielschichtig, sodass er die pauschale Kritik, die Ökonomik sei ein „monolithisches und starr-statisches Gebilde“ ins Leere laufen sieht. Bachmann verteidigt den Mainstream außerdem gegen den häufig vorgebrachten Vorwurf, die Finanzkrise ab 2007 nicht prognostiziert zu haben: „Die wohlfeile Kritik […] ist Unsinn, denn der Mainstream begründet ja auch theoretisch, warum Finanzkrisen grundsätzlich nicht vorhersehbar sind.“ Der Beobachtung von Mainstream-Kritikern, dass Ökonomen als Gruppe wenig Methoden- und Paradigmenreflexion betreiben, stimmt Bachmann zu. Allerdings zieht er daraus einen anderen Schluss als die Kritiker: „Für mich ist das eine Stärke der Ökonomik, weil sie so eben auch zu Sachfragen kommt und damit an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt.“ In Bezug auf den Zustand der Lehre lässt Bachmann Sympathie für deren Kritiker erkennen: „Ich persönlich denke mit Schrecken an meine Studienzeit zurück, als ich ISLM-Gleichgewichte mit Zahlen ausrechnen musste, statt die Ökonomik hinter dem Modell beigebracht zu bekommen.“ Er hält dennoch fest, „dass die jungen Ökonomen zuerst einen einheitlichen disziplinären Kern vermittelt bekommen“ müssen, wenn das Lehrangebot durch mehr Diversität und Fungibilität erweitert werden soll. Den Ruf nach einer besseren und vielfältigeren Lehre hält er aber für sehr berechtigt.

Es handelte sich „grundsätzlich“ um „ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft […] vieler kluger Menschen […], die Risiken für das System im Ganzen zu verstehen“, war die Antwort der British Academy auf die legendäre Frage der englischen Königin, wie es passieren konnte, dass niemand die Krise vorhergesehen hat. Silja Graupe, Professorin für Ökonomie und Philosophie an der Cusanus Hochschule, greift in ihrem Beitrag die nicht minder legendäre Antwort der Akademie auf und stellt ihrerseits die Frage, was diese Vorstellungskraft bestimmt und worin das Versagen der kollektiven Vorstellungskraft der Ökonomen begründet liegen mag. Zur Beantwortung dieser Frage bedient sie sich der Methoden und Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft. Demnach wird ein Großteil des menschlichen Denkens und Handelns von weitestgehend unreflektierten Vorstellungen bestimmt, die durch gedankliche Deutungsrahmen, sogenannte Frames, strukturiert werden. Anhand einer Untersuchung ökonomischer Standardlehrbücher zeigt die Autorin unter anderem, wie es durch mathematische Abstraktion und sprachlich vermittelte abstrakte Konzeptionen zu bestimmten selektiven Framings kommt. „Je weniger Hintergrundsituationen durch die sprachliche Vermittlung abstrakter Konzepte aktiviert werden, desto eingeschränkter wird der Spielraum möglicher Interpretationen. […] Der interpretative Rahmen für die Deutung realer Phänomene droht drastisch reduziert zu werden, sodass es zu einem Verlust kognitiver Pluralität kommen kann,“ stellt Silja Graupe fest. Die Ausgangsfrage nach der kollektiven Vorstellungskraft der Ökonomen beantwortet sie folgendermaßen: „Sie [die Veränderungen des Denkens über Wirtschaft] können zu einer maßgeblichen Verarmung jenes kognitiven Bodens führen, auf dem Ökonomen und jene Menschen, die durch sie geschult werden, ihre ‚kollektive Vorstellungskraft‘ begründen, sodass auf ihm nur noch eine unreflektierte Monokultur des Denkens zu wachsen vermag. Ein zentraler Ort dies zu ändern ist die ökonomische Bildung.“

Arne Heise von der Universität Hamburg betrachtet die Frage nach der Pluralität in der ökonomischen Disziplin vor dem Hintergrund der wirtschaftspolitischen Beratung in Deutschland. Dabei zeigt schon „die Praxis der Beratungsarbeit des Sachverständigenrats für Wirtschaft, dass die Wirtschaftswissenschaft dazu neigt, mit einander im Wettstreit stehende wirtschaftspolitische Empfehlungen zu produzieren … .“ Dies ist nicht zuletzt dem Wesensmerkmal des Untersuchungsobjekts der Wirtschaftswissenschaft geschuldet, „ein offenes, niemals vollständig analysierbares System zu sein … .“ Umso mehr bemängelt der Autor den öffentlichen Umgang mit Minderheitsvoten in den Jahresgutachten: „Diese Praxis wird kritisiert, weil die Minderheitsvoten fast ausschließlich von jenen Ratsmitgliedern verfasst werden, die von den Gewerkschaften vorgeschlagen wurden. Damit wird insinuiert, dass die Minderheitsvoten nicht das Ergebnis von Theorievariation oder Paradigmenpluralismus sind, sondern eine die Neutralität verletzende Wert- oder Ideologiebehaftetheit widerspiegeln, die ‚Kokolores‘ oder ‚wirres Zeug‘ hervorbringt, welches mit viel Aufwand wieder zurechtgerückt werden müsse.“ Für Arne Heise steht fest, dass die Wirtschaftswissenschaft keine monistische Disziplin ist, die gesichertes Erklärungs- und Handlungswissen schafft, sondern als plurale Disziplin konstruiert und betrieben werden muss. Aus diesem Grund plädiert Heise für mehr Pluralismus: „Plurale Gesellschaften benötigen alternative politische, vor allem auch wirtschaftspolitische Angebote, die den unterschiedlichen materiellen Anforderungen und Präferenzen an gesellschaftliche Zielsetzungen entsprechen.“

Lesen Sie hier exklusiv vorab ausführlich das aktuelle Zeitgespräch zur Pluralismusdebatte in den Wirtschaftswissenschaften aus der Dezember-Ausgabe des Wirtschaftsdienst:

Wirtschaftswissenschaften: zu wenig Pluralität der Methoden und Forschungsrichtungen?, in: Wirtschaftsdienst 12/2017 (mit folgenden fünf Beitragen: „Das’richtige‘ Maß an Pluralität und das Problem des fehlenden Adressaten“ von Johannes Becker; „Lippenbekenntnisse sind nicht genug“ von Sebastian Dullien; „Zur aktuellen Pluralismusdebatte in der Ökonomik: Ansichten eines wohlwollenden Pluralismusskeptikers“ von Rüdiger Bachmann; „ ‚Wie konnte es passieren?‘ – ökonomische Bildung als Boden einer geistigen Monokultur“ von Silja Graupe; „Fünf Weise und nur eine Weisheit?“ von Arne Heise)

62 Kommentare

  1.   BMMMayr

    Pluralismus von Methoden, Modellen etc ist eine feine Sache, jede Herangehensweise hat ihre Stärken und Schwächen, Situationen in denen sie nützlich sind und Situationen in denen sie nur Müll produzieren. Ein großes Problem in der VWL ist, dass sich die Modell zu selten wissenschaftlichen Standards stellen, insbesondere dem Grundgebot der Falsifizierbarkeit: Wenn Modell oder Methoden für bestimmte Anwendungsfälle ihre Untauglichkeit z.B. durch komplett falsche Vorhersagen erwiesen haben, dann sollte man sie nicht mehr für diese Anwendungsfälle heranziehen, zumindest nicht ohne grundlegende Überarbeitung.

    Wer sich z.B. die Jahresgutachten der „Wirtschaftsweisen“ reinzieht, der merkt, dass es an dieser Wissenschaftliche Redlichkeit mangelt.
    Den tonangebenden deutschen Ökonomen wird jedes Problem zum Nagel, weil sie nur einen Hammer als Werkzeug kennen, auch wenn sie eine Torx Schraube, einen Seeger-Ring oder verklebtes Verbundmaterial vor sich haben.

  2.   Die Freiheit liebender

    Die meinungsführenden Ökonomen​ betrachten die Ökonomie als eine Erfahrungswissenschaft, wie es die Naturwissenschaften sind. Die wissenschaftliche Methode die in den Naturwissenschaften sich etabliert hat, hat Einzug gehalten in die Volkswirtschaftslehre.

    ​Ludwig von Mises argumentiert, dass die wissenschaftliche Methode der Naturwissenschaft sich nicht auf die Nationalökonomie anwenden lässt, weil das Erkenntnisobjekt der Naturwissenschaft nämlich ein ganz anderes ist als bei der Nationalökonomie. In der Naturwissenschaft geht es um Naturphänomene. In der Nationalökonomie geht es um das menschliche Handeln.

    ​Es ist offensichtlich logisch nicht denkbar, dass Ideen, die das menschliche Handeln bestimmen, durch externe Größen sich jemals erklären werden können. Denn das hieße, dass sich das menschliche Handeln – also in dem Sinne wie gehandelt wird – dass sich das menschliche Handeln voraussagen ließe. Das aber ist unlogisch – Denkunmöglich. Denn dann wäre das menschliche Handeln perfekt vorhersehbar.​ Sonst könnte man ja auch Börsenkurse exakt vorhersagen.

    Die Nationalökonomie fordert eine wissenschaftliche Methode, die anders ist und sein muss als die wissenschaftliche Methode, die in den sogenannten Erfahrungswissenschaften wie der Naturwissenschaft angewandt wird. Warum? Wissenschaftlich betrachtet ist der handelnde Mensch ein völlig anderes Erkenntnisobjekt als es Erkenntnisobjekte in der Naturwissenschaft sind, wie z.B. Steine, Planeten, Atome oder Regenwürmer. Der Mensch ist ein handelndes, lernendes Wesen. Er wählt zwischen Zielen, er hat Präferenzen und er bildet Werturteile und er lernt auch. Steine, Planeten und Atome wählen keine Ziele, haben keine Präferenzen, bilden keine Werturteile. Die Nationalökonomie lässt sich widerspruchslos daher nur als a priori Handlungswissenschaft begründen und verstehen, nicht aber als Erfahrungswissenschaft.

    Dennoch gibt es im Bereich des menschlichen Handels Gesetzmäßigkeiten, an die sich unser Handeln anzupassen hat, um erfolgreich zu sein. Die Erkenntnis über diese Gesetzmäßigkeiten erschließt sich uns durch die Praxeologie, durch die wissenschaftliche Methode, die Ludwig von Mises als die richtige wissenschaftliche Methode in der Nationalökonomie vertreten hat. Die Nationalökonomie lässt sich demnach widerspruchsfrei als a priori Handlungswissenschaft verstehen. Sie ist keine Erfahrungswissenschaft.

    Ausführliches und Quelle für die Aussagen zu Mises hier:
    youtube.com/…

  3.   BMMMayr

    @2
    „Wissenschaftlich betrachtet ist der handelnde Mensch ein völlig anderes Erkenntnisobjekt als es Erkenntnisobjekte in der Naturwissenschaft sind, wie z.B. Steine, Planeten, Atome oder Regenwürmer. Der Mensch ist ein handelndes, lernendes Wesen. Er wählt zwischen Zielen, er hat Präferenzen und er bildet Werturteile und er lernt auch. Steine, Planeten und Atome wählen keine Ziele, haben keine Präferenzen, bilden keine Werturteile.“

    Nur nebenbei: Regenwürmer handeln und lernen und haben Präferenzen. Auch der Mensch kann Gegenstand einer Naturwissenschaft sein.

    Aber natürlich muß sich die methodische Heransgehensweise am Gegenstand der Wissenschaft ausrichten.

    Eine Konstante wissenschaftlichen Handelns muß aber folgendes sein, da beziehe ich mich ganz klar auf Popper:
    Eine Wissenschaft muß überprüfbare Aussagen machen, die Aussagen müssen am Maßstab der erfahrbaren Realität überprüft werden und das Ergebnis der Überprüfung muß Konsequenzen haben. Z.B. dass man Herangehensweisen, die zu Aussagen führen, die nicht mit der beobachtbaren Realität übereinstimmen verbessert, ihren Gültigkeitsbereich enger definiert oder die Herangehensweise komplett verlässt.
    Der Erzeugung von Gold aus Blei versucht heute aus guten Grund keiner mehr, die Gesetze der klassischen Physik sind zwar im Prinzip unrichtig, aber immer noch hilfreich, solange man sich auf nicht-relativistische und nicht-quantenmechnische Größenordnungen beschränkt.

  4.   Die Freiheit liebender

    @#3, BMMMayr

    Es geht um die wissenschaftliche Methode. Und die muss im Bereich der Ökonomie aus den genannten Gründen eine andere sein.

    Auf Karl Popper geht der Falsifikationismus zurück. Er ist wie der Empirismus der Meinung, dass das Wissen aus der Erfahrung stammt und dass eben auch der Wahrheitsgehalt von Erkenntnissen durch Beobachtung zu überprüfen ist. Allerdings lehnt der Falsifikationismus das Verifikationsprinzip ab. Also den Anspruch, dass durch Erfahrung der Wahrheitsgehalt einer Hypothese abschließend festgestellt werden kann. Popper argumentiert, dass es bestenfalls möglich ist, eine Hypothese nicht zu verwerfen. Also sie nicht zu falsifizieren. Dass es aber niemals möglich sei, sie ein für alle mal als Wahr zu bestätigen. Sie zu verifizieren. Popper sagt, man kann sich nämlich nie sicher sein, dass eine Hypothese, die heute als bestätigt gilt, nicht doch künftig, wenn es neue Beobachtungen gibt, abgelegt werden muss. Weil absolute Wahrheit nicht gewonnen werden kann, sollen im Zuge von Versuch und Irrtum falsche Theorien ausgesondert werden. Und das, so Popper, ermöglicht den Wissensfortschritt. Man kommt der Wahrheit nahe, wenngleich auch abschließend wahre Erkenntnis nicht erreicht werden kann.

    Kritik am Empirismus und Falsifikationismus:

    Kann diese Wissenschaftsprogramm auf die Nationalökonomie angewendet werden?

    Die Erkenntnis alle Erkenntnis aus Erfahrung, lässt sich durch Erfahrung nicht abschließend begründen. Der Grund ist das sogenannte Induktionsproblem. Aus einzelnen Beobachtungen lässt sich aus logischen Gründen keine zweifelsfreie Allgemeingültigkeit ableiten. So dachte man im 18. oder 19. Jahrhundert, alle Schwäne sind weiß und in der Tat waren ja auch alle Schwäne die man beobachten konnte waren weiß. Bis dann Australien erschlossen wurde und man auf den ersten schwarzen Schwan traf. Und da war klar, dass alle Schwäne nicht weiß sind. Aus einzelnen Beobachtungen lässt sich nicht mit logischer Allgemeingültigkeit auf eine Gesetzmäßigkeit schließen.

    Mehr dazu hier: Gibt es ökonomische Gesetze? von Professor Dr. Thorsten Polleit, Universität Bayreuth
    (Ludwig von Mises Seminar 2017 – „Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – Gegenpol zur Hauptstrom-Volkswirtschaftslehre“, 17./18. März 2017, Kronberg/Taunus) Siehe #2

  5.   Michael Stöcker

    Statt krudem Apriorismus aus dem österreichischen Glaubensbekenntnis hier der Link zu den 33 Thesen von Mariana Mazzucato, Kate Raworth, Steve Keen & Co., die vor zwei Tagen an die Türen der LSE „genagelt“ wurden: drive.google.com/file/…

    Und damit wäre auch die Frage von Johannes Becker beantwortet, der da schreibt: „Doch an wen richten sich diese Appelle?“

    LG Michael Stöcker

  6.   BMMMayr

    @5 & Die Freiheit liebender
    „Third, mainstream economics appears to have become incapable of self-correction, developing more as a faith than as a science. Too often, when theories and evidence have come into conflict, it is the theories that have been upheld and the evidence that has been discarded.“

    Genau was ich gesagt habe, nur viel besser formuliert.

  7.   Die Freiheit liebender

    @ #5 Michael Stöcker

    Was ist denn krude daran, dass sich die Nationalökonomie widerspruchsfrei als a priori und Handlungswissenschaft begreifen lässt und dass sie die Erkenntnisse logisch deduktiv, also logisch ableitend, aus dem Satz der Mensch handelt abzuleiten vermag?

    Die Erkenntnis, dass der Mensch handelt mag zwar trivial klingen, ist allerdings erkenntnistheoretisch von großer Tragweite. Aus dem Satz der Mensch handelt, lassen sich nun weiter, ebenfalls logische Erkenntnisse, ableiten.
    Beispiele:
    1. Menschliches Handeln ist stets zielbezogen.
    2. Menschliches Handeln erfordert den Einsatz von Mitteln oder Gütern. Beispielsweise komme ich nicht umhin meine Stimmbänder zu bemühen, um zu sprechen.
    3. Güter sind knapp. Wären sie das nicht, dann müsste man sie nicht bewirtschaften und dann wären sie kein Güter.
    4. Zeit ist ein Mittel um Ziele zu erreichen. Zeitloses handeln ist nicht vorstellbar.
    5. Ursache Wirkung oder Kausalität ist im Satz der Mensch handelt, impliziert. Zielbezogenes Handeln bedeutet, das der Handelnde davon ausgeht, dass er durch sein Handeln, also die Ursache, seinen Zielen – die Wirkung – näher kommen kann. Aufgrund der Knappheit von Gütern werden Gegenwartsgüter stets höher wertgeschätzt als Zukunftsgüter. Das ist die so genannte Zeitpräferenz. Der Zins, oder Ludwig von Mises spricht vom Urzins, ist der Wertabschlag den Zukunftsgüter gegenüber den Gegenwartsgütern erleiden.
    6. Auch das Privateigentum, verstanden als das Eigentum am eigenen Körper, und dem auf nicht aggressivem Wege sich beschafften Güter, das ist ebenfalls im Satz der Mensch handelt, mit gedacht. Es stellt ein sogenanntes a priori dar.

    Widerlegen Sie doch bitte ganz konkret diese a priori Aussagen.

  8.   Die Freiheit liebender

    @#6 BMMMayr

    „Drittens scheint die Mainstream-Ökonomie unfähig geworden zu sein, sich selbst zu korrigieren…“

    Hier geht es doch um die Mainstream-Ökonomie. Die Ökonomen der Österreichischen Schule zählen allerdings nicht zum Mainstream.

    Das ökonomische Standardwerk von Ludwig von Mises „Human Action“ ist das Gegenstück zu Marxens Kapital. Mises analysiert darin die Funktionsweise der auf Privateigentum, Arbeitsteilung und Geldgebrauch beruhenden kapitalistischen Wirtschaft. Er zeigt, wie diese Wirtschaft letztlich von den Konsumenten gelenkt wird – die Unternehmer sind nur die “Steuermänner”, die den Befehlen der Konsumenten-“Kapitäne” gehorchen.

    Das Kernelement in “Human Action” ist das Axiom des menschlichen Handelns. “Dieses Axiom ist nun unbestreitbar wahr, denn man kann nicht verneinen, dass der Mensch handelt, ohne in einen logischen Widerspruch zu verfallen; es ist a priori. Aus dem Axiom des menschlichen Handelns lässt sich eine Vielzahl von Erkenntnissen (logisch-deduktiv) ableiten” (Thorsten Polleit). Dazu benötigt man eben keine empirischen Studien. Gerade Sozialisten wollen dieses Axiom nicht wahr haben, weil dann nämlich ihre ganze Ideologie zusammenbricht, bei der nämlich lediglich mit Empirie gearbeitet wird, die so angelegt ist, dass ein gewünschtes Ergebnis dabei heraus kommt. Entspricht das Ergebnis dann nicht dem gewünschten Ergebnis, verweist man auf irgendeinen Parameter, der gefehlt habe und beim nächsten mal würde es dann wohl klappen.

  9.   veblen

    @ Die Freiheit liebender

    Sind Sie es, Barthel Berand?

  10.   Pacifist

    #8 DFL
    „Die Ökonomen der Österreichischen Schule zählen allerdings nicht zum Mainstream.“
    I beg to differ. Die Glaubensgemeinschaft der Österreichischen Schule ist allerhöchstens insoweit am Rande des Mainstreams, als dass sie tendenziell die Dosis des Giftes an dem der Patient gesunden soll, noch schneller erhöhen möchte, als der Mainstream dies aus takischen Gründen üblicherweise tut. Das zu verabreichende Gift bleibt identisch.

    „Er zeigt, wie diese Wirtschaft letztlich von den Konsumenten gelenkt wird – die Unternehmer sind nur die “Steuermänner”, die den Befehlen der Konsumenten-“Kapitäne” gehorchen.“
    a) Mises zeigt nichts, – wie alle Ökonomen – behauptet er schlicht. Jeglicher Hauch von Falsifizierbarkeit wurde – speziell in jeder mir bekannten liberalen oder libertären – Ökonomischen Theorie (der unschöne Verdacht liegt nahe, mit Bedacht) umschifft. Im Zweifelsfall ist immer der noch so ausgemergelte Nachtwächterstaat Schuld.
    b) Die obige Behauptung suggeriert ein Machtverhältnis, dass historisch immer der Ausnahmefall war und heutzutage immer seltener wird. Meines Erachtens ist das bereits strukturell bedingt, da die Macht der Konsumenten nur durch einen Konsens eines Großteils umzusetzen ist und ein Konsens größerer Gruppen immer schwerer zu erreichen und aufrecht zu erhalten ist, als der kleinerer Gruppen.
    Alternativ kann man natürlich „die unsichtbare Hand“ anbeten und per Definition ein Verteilungsergebnis eines Marktes immer als Willen der Konsumenten ansehen. (Siehe auch „Täuschung, bewußte“.)

    @#7
    „(…) auf nicht aggressivem Wege sich beschafften Güter (…)“
    Der liberale Klassiker, mittels dem man „Das Recht des Stärkeren“ in „Das Recht des ökonmisch Stärkeren“ verwandelt und aus Marketing-Gründen „Freiheit“ schimpft.
    Der Oma die Handtasche klauen ist „aggressiv“, ihr bei der Vermögensberatung Angst machen und vertragsgemäß um ihr Erspartes bringen, dagegen nicht. Sie hat ja aus freiem Willen unterschrieben.

    Im Grunde ist die Welt der Ökonomie – speziell heutzutage – trivial:
    Jede Theorie, die am Ende durchgehend Handlungsempfehlungen herausgibt, die Macht der Kapitalseite zu stärken, ist – freundlich ausgedrückt – akademisch verbrämter Lobbyismus. Und darin geben sich die „rebellische“ Österreichischen Schule und ihr Mainstream Zwilling lediglich die Klinke in die Hand.

 

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