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Aktien und Bonds extrem teuer

 

Vom ersten Quartal 2009, dem Tiefpunkt der Rezession, bis zum ersten Quartal 2018 ist der DAX um 217 Prozent gestiegen, das nominale Sozialprodukt Deutschlands aber nur um 37,5 Prozent. Ähnlich lief es in den USA. Aktien haben die Bodenhaftung verloren. Aber auch Renten, vor allem Bundesanleihen, sind sehr teuer: Bei den Zehnjährigen beträgt die Rendite 0,44 Prozent, die Inflation hat dagegen in der Zwischenzeit 2,2 Prozent erreicht. Real haben wir es also mit deutlich negativen Zinsen zu tun. In anderen europäischen Ländern ist es nicht ganz so krass, aber auch dort lässt sich mit guten Festverzinslichen kaum Geld verdienen.

Den Anlegern ist klar, dass das nicht so bleiben kann, weswegen sie einigermaßen nervös sind und den Marktausgang fest im Blick haben. Sie fragen sich, was der Auslöser für eine größere Korrektur sein könnte. Mehrere Kandidaten kommen dafür infrage:

1. Die Insolvenz eines Schwellenlandes in Reaktion auf höhere Dollarzinsen und einen festen Dollar. Mitte Mai kam es zu einer kleinen Panik. Vor allem Argentinien, die Türkei und Brasilien waren betroffen, Länder, die große Twin Deficits aufweisen, also Defizite in der Leistungsbilanz und im Staatshaushalt. Bisher halten die Abwehrmechanismen und es ist zumindest vorübergehend wieder Ruhe eingekehrt.

2. Italien! Die neue Regierung gibt sich spendierfreudig und nimmt in Kauf, dass sie gegen die Maastricht-Auflagen verstoßen wird. Im Grunde ist die Wirtschaft des Lands auf dem Wege der Gesundung und es gibt keinen Zweifel, dass der Schuldendienst geleistet werden kann. Es handelt sich um eine politische, nicht um eine wirtschaftliche Krise. Allerdings ist eine Bankenkrise angesichts gewaltiger notleidender Kredite immer noch ein Risiko.

3. Eine restriktivere Geldpolitik in den USA und in Europa. Hier wird es keine Schocks geben. Vielmehr haben sowohl die Fed als auch die EZB durchblicken lassen, dass sie die Zügel etwas anziehen werden, aber eben nur piano.

4. Ein Handelskrieg. Bisher sind die Größenordnungen ungefährlich. Vermutlich wird es nicht zu einer Eskalation kommen, weil selbst der amerikanischen Regierung klar sein dürfte, dass dann alle verlieren werden. Im Handelskrieg gibt es keine Gewinner.

5. China. Der private Sektor ist stark verschuldet und es könnte sein, dass die Erträge aus den schuldenfinanzierten Investitionen bald nicht mehr ausreichen, die Gläubiger zu befriedigen. Das Land verfügt allerdings über gewaltige Reserven und hat nur relativ geringe Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Allerdings ist die Lage wegen der schlechten Datenlage nur schwer zu durchschauen und potenziell gefährlich.

6. Die Carbon-Blase: das Zeitalter der fossilen Brennstoffe neigt sich dem Ende zu, aber noch steigen Ölproduktion, CO2-Emissionen, die globale Durchschnittstemperatur und die Gewinne der Ölproduzenten. Alternative Energie wird immer billiger, so dass die Nachfrage nach Erdöl, Gas und Kohle irgendwann stark zurückgehen wird. Das ist aber kein unmittelbares Risiko für die Kapitalmärkte.

Eine ausführliche Analyse der aktuellen Risiken für Aktien und Bonds finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – Extremely expensive stocks and bonds, June 2018*) (pdf, 754 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

15 Kommentare

  1.   Die Freiheit liebender

    Aktien und Bonds sind in der Tat extrem teuer, sodass die Risiken für eine größere Korrektur erheblich sind.

    In einem Artikel hier businessinsider.de/panik-an-den-finanzmaerkten-deutschlands-top-oekonomen-sprechen-duestere-warnung-aus-2018-5 titelt „Business Insider Deutschland“ mit der Überschrift „Panik an den Finanzmärkten“: Deutschlands Top-Ökonomen sprechen düstere Warnung aus.

    Der Grundtenor der Experten lautete, Italien könnte der Auslöser für eine neue Krise in der Euro-Zone sein. Wenngleich auch darauf verwiesen wird: „Mit Italien, Korea und der Türkei haben wir drei Brennpunkte gleichzeitig. Bis jetzt haben die Anleger recht entspannt reagiert, doch die Nervosität nimmt zu“, sagte Portfolio-Manager Thomas Altmann von QC Partners.

    Meiner Meinung nach lässt sich noch nicht sagen, was bzw. wer der Auslöser für eine größere Korrektur sein könnte. Alleine die Summe der Risiken, die Dieter Wermuth im Artikel auflistet, lässt allerdings erwarten, dass die Wahrscheinlichkeit für eine größere Korrektur extrem hoch ist.

    Allerdings wird aus meiner Sicht die Krise aufgrund der Weltverschuldung von aktuell 327% des Welt-BIP, nicht nur die Eurozone oder nur wenige Länder betreffen, sondern eine weltweite Krise werden. Alle Länder zusammengefasst haben seit der letzten Finanzkrise, im Jahr 2008, weitere 70 Billionen (!) Dollar neue Schulden aufgenommen. Der MSCI Welt-Aktien-Index in Unzen GOLD oder in Barrel ROHÖL hat 70 % verloren. Sieh dazu Abbildung 2 hier: goldseiten.de/artikel/378193–Duestere-Warnung~-Panik-an-den-Finanzmaerkten.html?seite=1

    Das zeigt die monetäre Illusion, welche sich in Papiergeldbewertungen ergibt. Dass es da zu einer größeren Korrektur kommen muss, ist nach meinem Eindruck unvermeidlich.

    „The next bear market is going to be worst in my lifetime…“ (Jim Rogers am 16. April 2018, ehemaliger Hedgefonds-Manager-Partner von George Soros)

    Das deckt sich mit meiner Erwartung.

    Im Übrigen habe ich in diesem Blog schon länger diese Überzeugung vertreten.

  2.   Die Freiheit liebender

    In Wermuth’s Investment Outlook – Extremely expensive stocks and bonds, June 2018*) (pdf, 754 KB) heißt es: „Markets overstate the Italy risk“.

    Diese Einschätzung teile ich nicht. Denn das Risiko ist erheblich.

    Begründungen:

    1.) Italienische Banken halten schätzungsweise 348 Milliarden Euro in italienischen Staatsanleihen. Das bedeutet: Sobald die Megablase in den italienischen Staatsanleihen platzt, werden wir in Europa ein finanzielles Chaos erleben, das sich rasch in das weltweite Finanzsystem ausbreitet. Denn weltweit belaufen sich die Forderungen der ausländischen Banken gegenüber Italien auf 550 Milliarden Euro. Französische Geldhäuser tragen mit 250 Milliarden Euro das größte Risiko, auf Platz zwei folgen dann bereits deutsche Institute mit 92,7 Milliarden Euro. Jedes Kreditinstitut ist engmaschig miteinander vernetzt – fällt ein Dominostein, fallen alle anderen. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass einzelne Institute noch stark genug wären, um zu überleben.

    2.) Die Target-2 Forderungen der Deutschen Bundesbank, (nichts anderes als zinslose Eurobonds) belaufen sich mittlerweile auf 923,5 Mrd. Euro. Italien hat davon 442,5 Milliarden Euro.

    Und anders als bei den Bankenkrisen in Griechenland, Portugal und Irland, ist das Bankensystem in Italien schlicht und einfach zu groß, um durch einen „Bail-Out“ der Europäischen Zentralbank gerettet zu werden. Darüber hinaus beheimatet Italien den weltweit drittgrößten Bond-Markt, mit ausstehenden Staatsanleihe-Schulden im Volumen von mehr als 2 Billionen Euro.

    3.) Trotz rekordhoher Staatsverschuldung plant die neue Regierung unter anderem folgende Maßnahmen:

    Drastische Steuersenkung mit Einführung einer „Flat Tax“ von 15 Prozent für Einkommen bis 80.000 Euro und einem Steuersatz von 20 Prozent für größere Einkommen.

    Steuersenkungen für Unternehmen.

    Einführung eines Bürgergelds von 780 Euro im Monat.

    Deutliche Senkung des Renteneintrittsalters. So sollen Italiener nach 41 Beitragsjahren statt mit einem Alter von 67 Jahren in Rente gehen können.

    Das Problem: Finanziert natürlich über neue Kredite. Das ist in meinen Augen Harakiri.

    Anders wären diese Maßnahmen zu bewerten, wenn sie über entsprechend gleich hohe Einsparungen im Staatshaushalt gegenfinanziert wären. Austerity sollte bei den Staatsausgaben ansetzen. Dann bleibt bei den Bürgern und Unternehmen mehr vom Einkommen und diese können dann investieren um die Produktivität zu steigern und Wachstum schaffen. Bei einer Staatsquote in Italien von rund 50 % dürfte da viel Luft für Austerity sein.

    4.) Das Gelddruck-Experiment der EZB wird voraussichtlich spektakulär scheitern. Denn die italienische Koalitionsregierung aus Fünf-Sterne-Partei und Lega ist anti-EU und anti-Euro, auch wenn das z.T. offiziell relativiert wird. Was sie planen, ist ein Schienbeintritt des italienischen Stiefels, der Deutschland in den Staatsbankrott zu katapultieren droht. Denn verlässt Italien den Euro, bricht die EU auseinander und Deutschland droht schon alleine wegen der nicht einholbaren Target-2 Forderungen der Staatsbankrott.

  3.   Tigerklaue

    „Denn verlässt Italien den Euro, bricht die EU auseinander und Deutschland droht schon alleine wegen der nicht einholbaren Target-2 Forderungen der Staatsbankrott.“

    Danke für das Stichwort, denn das habe ich schon oft gehört, verstehe es aber nicht.
    Angenommen, IT tritt aus dem EURO aus und die 442 Mrd. sind wirklich futsch.
    Was hindert die Bundesbank, diese Summe einfach abzuschreiben und zur Tagesordnung überzugehen? Wo ist der Haken?

    (Ernstgemeinte Frage!)

  4.   Die Freiheit liebender

    „Was hindert die Bundesbank, diese Summe einfach abzuschreiben und zur Tagesordnung überzugehen? Wo ist der Haken?“

    Ein einfaches Beispiel:
    Nehmen wir einmal an ein Unternehmer hätte einem Geschäftsfreund aus dem Vermögen seiner Firma 1 Million € geliehen und dieser zahlt ihm diese 1 Million € nicht zurück. Dann müssen er diese 1 Million € abschreiben. Diese Abschreibung könnte allerdings seine Zahlungsunfähigkeit herbeiführen, nicht wahr?

    Nun kann zwar die Bundesbank im Gegensatz zum privaten Unternehmer diese 1 Million € aus dem Beispiel durch Geldschöpfung sich wiederbeschaffen. Wenn das aber ohne Folgen bliebe, warum erlaubt man dann dem privaten Unternehmer nicht ebenfalls die ihm nun fehlenden 1 Million € sich dies selber mit seinem Computer zu „drucken“, indem er seine Bilanz entsprechend „anpasst“?

    Mich erinnert diese kreative Buchführung bei Zentralbanken (und auch Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe) an die Alten Alchemisten, die versuchten Gold aus wertlosen Substanzen herzustellen.

    Gelten für Staaten etwa andere ökonomische Gesetze als für private Leute?

    Ist es nicht eher so, dass Staaten zwar in der Lage sind, eine drohende Insolvenz mit kreativer Buchführung lediglich hinauszuzögern?

    Führt aber nicht eine plötzliche Abschreibung von 442 Mrd. € Target-2 Forderungen (und beim Zusammenbrechen der EU handelt es sich dann um gut 900 Mrd. €) bei der Bundesbank zu einem Schock an den Märkten?

    Was passiert wenn die Zinsen dadurch in Deutschland sprunghaft steigen?

    Kann der Staat dann noch seine Schulden an den Märkten refinanzieren?

    Ist denn dann tatsächlich ein drohender Staatsbankrott ausgeschlossen?

    In meinem Kommentar habe ich ja lediglich geschrieben, dass ein Staatsbankrott droht. Ob und wann er tatsächlich eintritt, steht auf einem anderen Blatt.

    Sind das nicht eine Menge „Haken“?

  5.   BMMMayr

    „Gelten für Staaten etwa andere ökonomische Gesetze als für private Leute?“

    Ja, auch für Zentralbanken.

    Glauben Sie mir nicht? Glauben Sie der Bundesbank? Die war nämlich schon mal technisch „pleite“.

    blogs.faz.net/fazit/2017/06/13/als-die-bundesbank-einmal-pleite-war-8833/

    Die Tschechische Nationalbank war zwölf Jahre lang insolvent.

    blogs.faz.net/fazit/2015/04/05/zwoelf-jahre-lang-insolvent-und-trotzdem-quietschfidel-was-bedeuten-verluste-fuer-zentralbanken-1-5501/

    Merke: Eine Zentralbank, die selbst Geld schöpfen kann ist immer liquide und hat zwar möglicherweise eine negatives Eigenkapital, geht aber nicht bankrott.

    Wenn die Bundesbank, die Target Salden in den Wind schreiben muß, dann passiert erstmal nichts, außer dass die Bilanz nicht gut aussieht.

    Das reicht aber wahrscheinlich schon, dass die Bundesregierung verrückt spielt.
    Wenn dann noch die Bundesbankgewinne für ein paar Jahre ausfallen …

    Das Hauptproblem bei einem Target Ausfall ist politisch, nicht zentralbank-ökonomisch.

  6.   Barthel Berand

    „Wenn dann noch die Bundesbankgewinne für ein paar Jahre ausfallen …“

    Mit ein paar Jahren wird es nicht getan sein.

    Ich darf Ihre Aufmerksamkeit auf Punkt 9.4 der BuBa-Bilanz auf den 31.12.2017 lenken. Dort stehen – aus der Erinnerung – 906 Mrd. sonstige Forderungen, wohinter sich die Taget-2-Forderungen verbergen – bei einem Eigenkapital von nicht einmal 6 Mrd.
    Sollten nur 10% dieser Forderungen ausfallen (man darf ja mal Optimist sein…), werde ich es nicht mehr erleben, dass die BuBa Gewinne überweist.

    Abgesehen davon, dass die Target-2-Forderungen in diesem Jahr die 1 Billion-Marke sprengen dürften…
    Wenn Sie in der freien Wirtschaft so bilanzieren würden – also ohne jegliche Risikovorsorge – würden Sie wegen Insolvenzverschleppung sehr lange Zeit gesiebte Luft atmen – und das völlig zu Recht.

    Das gesamte System ist zuriefst marode. Mit Wirtschaft hat das alles nichts mehr zu tun. Nur noch mit Kriminalität.

  7.   Tigerklaue

    @Die Freiheit liebender

    Vielen Dank für die ausführliche Antwort.

    Ihr Beispiel mit den Privatleuten ist einleuchtend.
    Bei den Zentralbanken ist es aber anders, scheint mir. Das ist ja genau mein Verständnisproblem.

    Denn warum sollten die Märkte beim Abschreiben von 900 Mrd. Target2 Forderungen verrücktspielen? Es wurde ja kein Marktteilnehmer geschädigt.

    Geschädigt wurden, so wie ich das sehe die deutsche Bevölkerung, die für die 900 Mrd. Sachen hergestellt hat, die nun andere besitzen. Diese Leute checken das offenbar aber gar nicht.

    Ich sehe daher keine Verwerfungen oder einen Zinsanstieg der „Bunds“, falls die BuBa die Target2-Salden abschreiben würde.

  8.   Die Freiheit liebender

    Bezüglich der Risiken, die von Italien ausgehen, noch ein weiterer Gesichtspunkt, der meiner Meinung nach nicht zu unterschätzen ist:

    Die Regierungsparteien in Italien sollen den Plan haben, die zusätzlichen Ausgaben, die sie planen, mit „mini-BOT“ (kurzlaufende Anleihen: Buoni Ordinari del Tesoro, BOT) zu finanzieren. Weil ja Italien der Eurozone angehört, hat das Land de facto keine Möglichkeit auf üblichem Weg Geldschöpfung zu betreiben. Es ist auf die EZB angewiesen. Zwar wird die EU alles daran setzen, Italien im Euro und der EU zu halten und Draghi wird dem nicht im Wege stehen. Mit den „mini-BOT“ könnte sich die italienische Regierung allerdings Geld für ihre Ausgabenwünsche durch die Hintertür selbst erzeugen, nämlich über die Ausgabe dieses neuen Typs von Staatsanleihen. Damit wäre die Regierung in Italien auch unabhängig von der EZB und auch wenn die EZB ihr QE Programm in Zukunft beenden sollte, könnte Italien weiterhin seine Ausgaben finanzieren. Denn diese „mini-BOT“ sind eine Art Parallelwährung. „Der Clou: Mit den selbst gedruckten mini-BOTs will die Regierung zum Beispiel offene Rechnungen bei Unternehmen bezahlen. Die Unternehmen könnten die mini-BOTs außerdem nutzen, um zum Beispiel ihre Steuern zu begleichen. Zwar wären die mini-BOTs kein gesetzliches Zahlungsmittel. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass Italiener damit auch ihre Zugtickets bei der staatlichen Bahngesellschaft bezahlen könnten. Mit der Zeit könnten auch private Unternehmen dazu übergehen, die mini-BOTs anstelle von Euro zu akzeptieren. Damit hätte die italienische Regierung auf recht elegantem Weg eine Parallelwährung zum Euro etabliert, über die sie selbst die Kontrolle hätte. Bräuchte die Regierung mehr Geld, würde sie es sich einfach selbst drucken. Dabei müssten die mini-BOTs möglicherweise nicht einmal auf die Schuldenlast des italienischen Staates angerechnet werden. Die Lega geht davon aus, dass die mini-BOTs nicht als Schulden zählen würden, da mit den mini-BOTs tatsächlich nur bereits bestehende Schulden bezahlt würden.“ Quelle und Ausführliches dazu: https://www.godmode-trader.de/artikel/italien-sieht-so-der-crash-des-jahrhunderts-aus,6084100

    Wenn dieses Beispiel in der EU Schule macht, wie wirkt sich das auf den Euro und die EU aus?

    Ist dann der Neuverschuldung der Staaten in der EU überhaupt noch Einhalt zu gebieten?

    Die Geschichte hat doch gelehrt, dass Staaten nicht beliebig ihre Währung inflationieren können. Wie sich so etwas auf die Bürger auswirkt, zeigt doch gerade wieder einmal Venezuela. Aber in den 1920er Jahren konnte man die Folgen solcher ungezügelten Inflationierung des Geldes auch in Deutschland erleben. Im November 1918 war der Erste Weltkrieg zu Ende. Danach folgten „die Goldenen Zwanziger“, eine kurze Phase des Aufatmens, die jedoch nur wenigen Menschen in Deutschland vorbehalten war, bis dann das schreckliche Erwachen folgt: Hyperinflation. Am 2. Dezember 1923 kostete in Berlin:
    1 Ei – 320 Milliarden Reichsmark
    1 Liter Milch – 360 Milliarden Reichsmark
    1 Kilo Kartoffeln – 90 Milliarden Reichsmark

    Dazu passend: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ (Mark Twain)

    Die hinter der Italienkrise stehende „Mutter aller Krisen“ ist der mittlerweile erreichte weltweite enorme Verschuldungsgrad. (Zur weltweiten Verschuldung hier http://www.mauldineconomics.com/frontlinethoughts/debt-clock-ticking mehr Details. Darin eine Grafik von McKinsey mit einer Zusammenfassung der Weltverschuldungssituation von Mitte 2014.
    Beachtenswerte Zitate daraus: „Modern slaves are not in chains, they are in debt.“ Und: „CBO projections show that within 18 years, entitlements spending will absorb all US federal tax revenues—leaving no revenues even for interest expense on the debt and for the military. In Germany, which proudly pays annually for its expenditures without incurring debt, Deutsche Bank has estimated that by 2045, income tax rates of 80% (total, not marginal rates) would be needed for its PAYGO system. The entire workforce of the nation would be in bondage to the elderly. Other nations face even worse prospects.“) Der frühere Chef-Volkswirt der BIS, William White, sagte angesichts dieser weltweiten Verschuldung, der Auslöser einer Krise kann irgendetwas sein, seine Bedeutung muss nicht einmal in irgendeiner Relation zum Gesamtsystem stehen. Daher sollte man sich nicht mit möglichen Auslösern einer Krise beschäftigen, sondern frühzeitig Zeichen möglicher Instabilitäten identifizieren.

    Italien gehört ganz sicher dazu.

    Hätte man vor Mitte Mai nach Hinweisen auf einen möglichen Krisentrigger in Italien gesucht, wäre man bei der Rendite der zweijährigen italienischen Staatsanleihen zu den Schluss gekommen, mit Italien ist alles in Ordnung. Dann schoss die Rendite im Kontext der Regierungskrise bis auf 2,4% in die Höhe und fiel nach „genehmigter“ Regierung bis auf unter 0,8%. Jetzt könnte sie sich bei 1% einpendeln. Siehe Abbildung der zweijährige Staatsanleihen hier: https://www.marketwatch.com/investing/bond/tmbmkit-02y/charts?countrycode=bx

    Ganz allgemein trifft zu, was Ludwig von Mises sagte: „Durch Kunstgriffe der Bank- und Währungspolitik kann man nur vorübergehende Scheinbesserung erzielen, die dann zu umso schwererer Katastrophe führen muss. Denn der Schaden, der durch Anwendung solcher Mittel dem Volkswohlstand zugefügt wird, ist umso größer, je länger es gelungen ist, die Scheinblüte durch Schaffung zusätzlicher Kredite vorzutäuschen.“

  9.   Powdered Toast Man

    Herr Wermuth, ich möchte Ihnen aus meinem Leben berichten.

    Ich bin freiberuflicher Jurist und habe zusätzlich zu den Pflichtbeiträgen zur berufsständigen Altersversorgung inzwischen über 600.000 € Cash für den Ruhestand angespart, von Festgeld zu Festgeld. Mit meinem Altersgeld zocke ich nicht, daher gehe ich nicht in Aktien. Festgeld ist schon länger ein schlechtes Geschäft.

    Sie und andere Finanzexperten sagen immer wieder, dass es hierzulande keine Immobilienblase gibt. Nun, vielleicht nicht auf der Seite der Finanzierung, aufgrund der deutschen Übervorsicht bekommen viele Leute von der örtlichen RaiffVolksSparkasse ja sogar mit besten Einkommen im ÖD und reichlich Eigenkapital keine Baufinanzierung mehr, weil die hiesigen Banken die eh schon teils kafkaesken Neuregelungen im Rahmen von „Basel“ – typisch deutsch – noch einmal übertreffen müssen und besonders restriktiv auslegen.

    Aber auf der Seite der Preise! Ich suche seit 2 Jahren nach einer geeigneten Immobilienanlage, also das Modell „ich kaufe 2-3 Eigentumswohnungen und vermiete die um mit den Mieten ein langfristiges Einkommen, insb. im Alter, zu haben“. Ich finde nichts bei dem ich nicht Geld verbrenne. Also noch mehr Geld als derzeit per Festgeld. Die Kaufpreise sind hier im Raum Augsburg inzwischen so lächerlich hoch, dass für eine Studio-Wohnung mit 35 qm in einem Neubaugebiet um die Ecke zB inzwischen knapp 250.000€ verlangt werden. Plus Erwerbsnebenkosten wäre ich damit bei fast 300.00 €. Für eine winzige Wohnung in einem typisch-deutschen EnEV Styroporwürfel ohne jegliche architektonische Finesse oder Luxusausstattung.

    Den Kaufpreis bekomme ich, selbst nach den Mietsteigerungen der letzten Jahre, nie und nimmer in einem vernünftigen Zeithorizont wieder rein. Von einer Rendite gar nicht zu reden.

    Und trotzdem kaufen die Leute Immobilien wie irre, das gesamte Neubaugebiet ist fast schon komplett verkauft, dabei steht der Baubeginn der meisten Baufelder erst noch bevor.

    Wir haben eine Immobilien-PREIS-Blase hierzulande – die sich gewaschen hat. Und nur wer immer nur in den Rückspiegel schaut und darauf achtet, dass sich eine Krise nicht mehr EXAKT GENAUSO wiederholen kann, wie sie schon einmal da war, sieht darin kein Problem. Was ist wenn diese Preisblase platzt? Die Privatleute verlieren viel Geld. Aber die vielen Investoren – hierzulande werfen Banken Bauträgern das Geld nur so hinterher, sozusagen genau umgekehrt zur lächerlich rigiden Finanzierung von Immokrediten für Selbstnutzer – werden die irgendwann unweigerliche Wertberechtigung großteils doch nicht überleben können. Wenn schon jetzt, zum historischen Niedrigzins und dieser, wie ich meine, Preisblase die Rechnung eigentlich nicht mehr aufgeht, dann steht zahllose Immobilienunternehmen doch vor dem Aus, spätestens wenn die Anschlussfinanzierung zu historisch normaleren Zinsen, in einem anderen Preisumfeld nach einer Preiskorrektur, ansteht.

    Und bei der Art und Weise wie hierzulande inzwischen regelrecht wahnhaft jeglicher Preis für Immobilien gezahlt wird müssen wir uns doch genauso Sorgen machen?!

    Zumal Immobilienfinanzierungen anders strukturiert sind als der Aktienmarkt da stecken auch die Gelder unserer Versicherungen drin, unserer betrieblichen und privaten Altersvorsorge.

    Und die Ironie ist, dass – weil wir alle wie hypnotisiert nur die Finanzkrise 2008 im Hinterkopf haben und verhindern wollen, dass sich GENAU DAS GENAU SO wiederholt – die jüngste Gesetzgebung gegen eine ImmobilienFINANZIERUNGSblase dagegen rein gar nichts ausrichtet. Da geht es nur darum zB die Finanzierungsbedingungen für Selbstnutzer noch lächerlich-deutsch-restriktiver zu gestalten und noch mehr Leute zum Dasein als Mieter zu verdammen, um die Assets Anderer zu refinanzieren. Aber gegen die eigentliche Preisblase wird damit rein gar nichts ausgerichtet. Dabei ist es doch am Ende egal, ob wir, wie damals in den USA a lá Subprime, eine FINANZIERUNGSblase haben oder direkt eine Preisblase, beides basiert(e) ja letztlich auf übertriebenen und vollkommen exzessiven Preisentwicklungen an den Immobilienmärkten.

    Wieso also sind hierzulande alle so verdammt gelassen, bloß weil wir nicht ZUSÄTZLICH noch ein Subprime Problem haben?

  10.   BMMMayr

    @ reicher Rechtsanwalt

    Wenn die Immobilienkäufer alle so wie Sie dass wollten die Immobilen mit cash/Festgeld gekauft haben, dann wäre es für die Immobilienbesitzer natürlich bitter, wenn das Ding plötzlich halb so viel Wert wäre. Wenn sich das in sinkenden Mieten niederschlüge, dann hätte es auch einen Impakt auf die Realwirtschaft.

    Je mehr die Immobilien auf Pump gekauft sind, um so größer wäre der Impakt auf die Realwirtschaft, weil dann statt Buchwertverlusten einzelne Akteure massiv ihre Ausgaben kürzen müssten und z.B. durch Insolvenzen sich das dominoartig durch die Wirtschaft fräsen könnte.

 

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