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Krise in den Schwellenländern eskaliert

 

Am 26. September wird die Fed voraussichtlich ihren Leitzins. die Federal Funds Rate, um 25 Basispunkte auf 2,00 – 2,25 Prozent anheben, und am 19. Dezember noch einmal um diesen Betrag. Das sind schlechte Nachrichten für die Schwellenländer und alle, die ihnen Geld geliehen haben.

Angesichts der robusten Konjunktur in den USA, Inflationsraten zwischen 2,0 Prozent (Kernrate) und 2,9 Prozent (CPI) sowie einer mehr als lockeren Finanzpolitik sind die amerikanischen Zinsen immer noch niedrig – zu niedrig. Für viele Schwellenländer könnte sich der Zinsanstieg dagegen als katastrophal erweisen: Da sie hohe kurzfristige Dollarschulden haben, verteuert sich ihr Schuldendienst dramatisch. Bis zum Dezember 2015 betrug die Funds Rate lediglich 0 – 0,25 Prozent; der 3-Monatssatz für Interbankengeld (Dollar-LIBOR) hat sich seit dem Herbst 2015 bereits analog zur Funds Rate von 0,34 Prozent auf 2,32 Prozent erhöht, also fast um das Siebenfache. Hinzu kommt neuerdings in den meisten Fällen eine starke Abwertung gegenüber dem Dollar, was den Schuldendienst weiter erschwert.

In die Schusslinie sind an den Märkten vor allem die Länder geraten, die sowohl im Staatshaushalt als auch in der Leistungsbilanz hohe Defizite aufweisen (sogenannte twin deficits), vorneweg Argentinien, die Türkei und Brasilien. Wie die Tabelle zeigt, ist die Liste der potenziellen Krisenländer aber viel länger.

Tabelle: Länder mit twin deficits

Einige der reicheren Länder, wie die USA und Großbritannien, weisen zwar ebenfalls twin deficits auf, werden aber keine Probleme beim Schuldendienst haben, weil sie (netto) fast ausschließlich in ihren eigenen Währungen verschuldet sind und über unabhängige Notenbanken verfügen, die jederzeit neues Geld drucken können. Ihnen drohen höchstens Abwertungen, aber damit haben sie aus heutiger Sicht nicht nur keine Probleme, sondern würden sich darüber freuen. Warum? Weil das ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern und den Prozess der De-Industrialisierung stoppen würde. Donald Trump lässt grüßen.

Alle Elemente einer ausgewachsenen Schuldenkrise sind in den Schwellenländern der obigen Tabelle inzwischen vorhanden. Es ist wie im Lehrbuch, eine Kombination aus hohen Gesamtschulden – einschließlich inländischer Schuldenblasen, Prestigeprojekten wie Flughäfen oder Wolkenkratzern –, steigenden Dollarzinsen und immer hektischerer Finanzspekulation. Dazu ein unterkapitalisierter Bankensektor, staatliche Haushaltsdefizite, negative Salden in den Leistungsbilanzen, beträchtliche kurzfristig fällige Schulden in Fremdwährungen, vor allem in Dollar, sowie unzureichende Devisenreserven, eine schmale industrielle Basis, Abhängigkeit von Rohstoffexporten, Korruption, schwache staatliche und private Institutionen und eine unterentwickelte Infrastruktur. Manchmal frage ich mich, warum solche Länder überhaupt wachsen können.

Das Washingtoner Institute of International Finance berichtet, dass sich die Fremdwährungsschulden der Schwellenländer seit dem Vorkrisenjahr 2007 bis Ende 2017 von 4,3 Bill. Dollar auf 8,2 Bill. Dollar fast verdoppelt haben (das BIP der Schwellenländer lag zuletzt bei etwa 30 Bill. Dollar). Von heute bis Ende 2019 kommen auf die Schwellenländer Fälligkeiten von etwa drei Bill. Dollar zu (Bonds und syndizierte Kredite).

Die Zinsen in Amerika und Europa waren lange Zeit einfach unschlagbar niedrig, vor allem im Vergleich zu den Renditen in Ländern, die sich im rapiden wirtschaftlichen Aufholprozess befinden. Nichts war naheliegender als die Strategie, sich in den reichen Ländern zu einem Zins von nahe Null zu verschulden und das Geld in Schwellenländern anzulegen, wo die Wachstumsraten des realen BIP Jahr für Jahr um die Marke von fünf Prozent pendelten.

Inzwischen nähert sich die Niedrigzinsphase in den USA ihrem Ende, und es ist absehbar, dass Euroland in etwa einem Jahr ebenfalls auf eine restriktivere Geldpolitik einschwenken wird. Der vergleichsweise geringe Anstieg der amerikanischen Zinsen hat bereits ausgereicht, mehrere große Schwellenländer an den Rand ihrer Zahlungsfähigkeit zu bringen. Die Lage wird sich vermutlich noch für vielleicht zwei Jahre verschlechtern, bevor sie sich wieder bessert, es sei denn, es kommt schon vorher zu einem Knall. Der Handelskrieg zwischen den USA, China und Europa, die Sanktionen gegen Russland und den Iran oder ein starker Anstieg des Ölpreises durch einen neuen Krieg im Nahen Osten könnten die Auslöser sein.

Wenn ein Schwellenland Probleme mit seinem Schuldendienst hat, wird es in der Regel versuchen, die Inlandsnachfrage durch hohe Zinsen und eine restriktive Finanzpolitik zu dämpfen und auf diese Weise Ressourcen für Exporte freizumachen. Nur durch eine Exportoffensive und den Verkauf inländischen Vermögens an Ausländer lassen sich die Schulden vermindern. Eine Rezession, verbunden mit einem Einbruch der Aktienmärkte, ist die logische Folge. Das trägt dann ebenfalls zum Ende des bisherigen Erfolgsmodells bei, nämlich der Verschuldung in kurzen Dollars und des Erwerbs realer Aktiva in Schwellenländern.

Umschuldungen und Hilfsersuchen an den IWF werden für’s Erste die Nachrichten beherrschen. Glücklicherweise haben die Krisenländer „nur“ einen Anteil von 13,7 Prozent am globalen BIP, wenn ich, wie in der Tabelle geschehen, China außen vor lasse, weil das Land die zweitgrößten Währungsreserven der Welt hält, über einen riesigen Binnenmarkt verfügt und so gut wie keine Auslandsschulden hat.

Absehbar ist darüber hinaus, dass es Schwierigkeiten bei den Gläubigern der Krisenländer geben wird. Das betrifft in erster Linie international tätige Banken. Zumindest die europäischen unter ihnen sind noch nicht ausreichend kapitalisiert, und ihre notleidenden Kredite sind nach wie vor beunruhigend hoch. Das ist deswegen beunruhigend, weil die neue Krise in den Schwellenländern gerade erst begonnen hat. Probleme wird es auch bei Industrieunternehmen geben, die in diesen Teil der Welt exportieren. Wenn sie dagegen dort in der Vergangenheit Produktionsstätten geschaffen haben, können sie sich freuen. In Dollar oder Euro gerechnet sind die Kosten in der Türkei, in Brasilien, Argentinien oder Südafrika so stark gesunken, dass sich Marktanteile gewinnen lassen.

Insgesamt sieht es nicht gut aus. Es wird demnächst wohl wieder eine Flucht in „sichere“ Anlagen geben, die Zinsspreads zwischen europäischen Bondmärkten dürften wieder einmal auseinander gehen. Eine größere Korrektur der europäischen und amerikanischen Aktienmärkte rückt näher.

7 Kommentare

  1.   rjmaris

    > Ihnen drohen höchstens Abwertungen, aber damit haben sie aus heutiger Sicht nicht nur keine Probleme, sondern würden sich darüber freuen. Warum? Weil das ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern und den Prozess der De-Industrialisierung stoppen würde. <

    Die Rede ist hier von den USA und Großbrittannien.
    Wer sich darüber freuen würden sind ausschließlich die Eliten. Die Bevölkerung sieht die Kaufkraft (ihres Warenkorbes) schwinden.

    Ich meine, das ist eine der Gründe gewesen, weshalb halb Südeuropa Brüssel so lange die Stange gehalten hatte, weil man merkte, dass die schleichende Verschlechterung der Kaufkraft eben aufhörte.

  2.   Dieter Wermuth

    @ rjmaris

    klar, bei einer Abwertung gibt es immer einen Trade-off zwischen mehr Jobs und einer Verschlechterung der Terms of Trade, also des Lebensstandards, wenn auch vielleicht nur in der ersten Runde. Durch rascheres Wirtschaftswachstum, einschließlich eines rascheren Wachstums des Produktionspotenzials, kann, muss aber nicht, später der Wohlstand kräftiger zunehmen als in einem Szenarium ohne Abwertung. DW

  3.   Reyab

    Ich habe das Gefühl, dass hier die westlichen Industriestaaten die Inflation, die sie durch ihr QE erzeugen, in die Schwellenländer sozusagen „exportieren“ und sich auf deren Kosten gesund stoßen, wenn jetzt QE ausläuft und das Kapital damit in Europa und Nordamerika zwar wieder teurer wird, aber auch eben rentierlicher und somit dorthin zurückfließt, aus den Schwellenländern, damit im Westen trotz Ende von QE keine Liquiditätslücke entstehen wird und die Inflation durch die geschwächten Schwellenlandwährungen im Gegenzug in die Schwellenländer kanalisiert wird. Sozusagen ein doppelter Tiefschlag, das Kapital zieht sich in den Westen zurück, die Inflation wird von dort exportiert und eigentlich sind diese absolut chancenlos etwas dagegen zu unternehmen. Politische (In)Stabilität dürfte höchstens darüber entscheiden, wie schlimm es ein Schwellenland jeweils trifft. Die Türkei dürfte m. E. nach am schlimmsten abstürzen, wenn nicht gar regelrecht kollabieren. Das würde die Kapitalflucht westlichen Gelds nur weiter beschleunigen und zusätzlich noch das in den Schwellenländern selbst inzwischen gebildete Kapital zusätzlich in den sicheren Hafen Euro- und Dollarlands flüchten lassen.

    Selten war Fortune in den letzten Jahren so ungleich, zu Gunsten der alten Industriestaaten, verteilt. Wenn die EZB nun auch mittelfristig konsequent aus QE aussteigt, zuerst den Strafzins abschaffen, am besten „sofort“, ab Jahresende keine zusätzlichen Ankäufe durch die EZB mehr, ab nächsten Sommer der erste Zinsschritt, dann dürfte daraus für uns eine sanfte Landung und ein unerwartet glücklicher Exit aus der QE-Dekade gelingen – und das Feuer in den Schwellenländern erst recht angefacht werden. Wenn nämlich nach der Flucht in den Dollar nun auch die Flucht in den Euro dazu kommt, dann weiss ich wirklich nicht was die Türkei und die anderen Schwellenländer noch halten soll (China vermutlich einmal ausgenommen).

  4.   BMMMayr

    @3
    „Ich habe das Gefühl, dass hier die westlichen Industriestaaten die Inflation, die sie durch ihr QE erzeugen, in die Schwellenländer sozusagen „exportieren“ und sich auf deren Kosten gesund stoßen“

    Dass es anders geht zeigt China. Man muß aber u.a. die Macht und den Willen und den ökonomischen Sachverstand haben den Kapitalverkehr so einzuschränken, dass die Auslandsverschuldung unkritisch bleibt. Die Türkei hatte schon öfter diese Boom-Bust Episoden Erdogan und andere freuen sich über den Boom und befeuern ihn auch noch aus kurzfristigen Motiven, den Bust meistern sie dann politisch mit dem Autokratie-Werkzeugkasten.

    Wie gesagt, wer ein Vorbild sucht, wie man vom Schwellenland zum Industrieland wird, der muß nach Asien scheuen. Offene Grenzen für Kapital und Waren kommen zum Schluß, nicht am Anfang, war auch z.B. in Südkorea ähnlich.

  5.   NIKYTOELE

    Zitate: … im rapiden wirtschaftlichen Aufholprozess befinden…. und
    …..warum solche Länder überhaupt wachsen können…..
    ja, was denn nun ? das widerspricht sich doch
    hier ist etwas anderes entscheidend: die Währungsspekulationen, die mit den Währungen der Schwellenländern Jo-Jo spielen und das ist ein ständig wiederkehrendes Szenario:
    Wegen höherer Inflation ( höherer Anlagezinsen) fliesst viel Spekulationskapital in diese Schwellenländer – entgegen der volkswirtschaftlichen Notwenigkeit (Inflation) wertet die Währung auf = doppelter Gewinn für Spekulanten, aber Leistungsbilanzdefizite wachsen, dann ein Gerücht, ein politisches Statement oder ein umgefallener Sack Reis verunsichert ein paar Anleger, die ziehen ihr Kapital raus, dann folgen plötzlich sehr viele und die Währung fällt in den Keller
    dann kann das Schwellenland zwischen Teufel und Belzebub wählen:
    Zinsen hoch, Währung stabilisiert sich auf Kosten einer starken Rezession oder
    mal holt den IWF, der in seinem einfältigen Dogma: es liegt an der Völlerei des Staates – demnach muß gespart werden: Renten, Löhne runter, Tafelsilber wird unter Wert privatisiert, die Schulden steigen und am Schluss verarmt das ganze Land, nur ein paar Entscheidungsträger und Investbanker werdenn reicher….. verbrannte Erde, vor allem in Afrika und Südamerika
    „Märkte “ sind oft alles andere als objektiv – siehe auch die Blogüberschrift: Herdenverhalten!
    BMMayr hat Recht: offene Grenzen (freie Wechselkurse) sind hier das zentrale Problem: sie laden zur Spekulation ein, produzieren immer wieder Krisen. diesem Teufelskreis können Schwellenländer nur entgehen, wenn sie die Inflationsrate (Anlagezins) nach unten drücken. Inflation wird auch nicht durch QE erzeugt („Reyab“) oder exportiert: das ist Monetarismus, schon ein Kardinalfehler bei den Maastrichtverträgen.
    Fliesst viel Kapital etwa in die Türkei , wird mehr Lira nachgefragt : die Währung wertet auf. Erst wenn das Kapital in die Wirtschaft fliesst (höhere Umlaufgeschwindigkeit), Unternehmen investieren =sich verschulden, Arbeitskräfte gesucht werden, die dann höhere Löhne durchsetzen können gibt es Inflation
    Inflation kommt hauptsächlich von den Löhnen, genauer von der Lohnstückkosten- da, bei den Nominallöhnen müssten Schwellenländer ansetzen, Die Umsetzung ist allerdings nicht einfach
    Daneben müssten Wechselkurse , wie früher schon reguliert werden – nur dann verdienen Investbanker der Wall Street hier nicht mehr

  6.   Dieter Wermuth

    @ NIKYTOELE (#5)

    na ja, ich wundere mich nur, dass die vielen Schwellenländer trotz der vielen (von mir aufgelisteten) Probleme so schnell wachsen – und daher Kapitalimporte auslösen. Ich denke, zwei mächtige Faktoren sind da am Werk und stimulieren das Wachstum: auf der Nachfrageseite der große Nachholbedarf gegenüber den reichen Ländern, auf der Angebotsseite die Einfuhr und Übernahme von hochproduktiven Gütern und Dienstleistungen („leapfrogging“). Ich denke da an Mobiltelefone, das Internet, moderne Transportmittel und Infrastruktur und so weiter. DW

  7.   Reyab

    @#6
    Ich denke, in der Wirtschaft ist viel „Psychologie“.

    Und eine Bevölkerung die sozusagen noch mit Konsumgütern und Dienstleistungen „untervesorgt“ ist erscheint attraktiver als der bekannte, gesättigte Markt, da ist dann sozusagen „Fantasie“ in der „Wachstumsstory“, die eben den Anlegern geliefert werden muss. Ob sich das dann auch realisiert, oft ja nicht, oder das ganze in horrenden Verlusten mündet, wie schon oft geschehen.

    Der Markt ist nur eine Summe aus Individuen. Und die Individuen in den Führungsetagen zB hierzulande sind auch nur Deutsche, mit ihrer Sozialisation und ihren Vorstellungen, wie der restliche Querschnitt der Bevölkerung. Da wird das Nahe gerne als triste Routine gesehen, das Ferne oft als aufregende Exotik und ja auch „irgendwie alles viel besser“. Und so wie die zig von Fernsehteams begleiteten „Auswanderer“ damit naiv auf die Schnaue fielen, so ergeht es eben auch vielen Unternehmen ganz genauso.

    Zumal eine „Wachstumsstory“ ja auch eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, zumindest bis zur ersten Nagelprobe. Die findet jetzt statt. Und wie das so ist mit Unterfangen, die nicht auf Fakten und Erkenntnis begründet sind, sondern auf viel „Fantasie“ und einer „Erwartungsblase“, kann sich die Entwicklung auch über Nacht radikal umkehren. Die Erwartungsblase platzt sozusagen und die Investoren versuchen sich in panischer Schadensminimierung aus Angst vor dem Kollaps und auch das wird dann wieder zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

    Eigentlich ein perfektes Beispiel für den Titel dieses Blogs.

 

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