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Globale Kapitalmärkte: Fast alles ist teuer

 

Seit März 2009, dem Tiefpunkt der vergangenen großen Rezession, befinden sich die Aktienmärkte der OECD-Länder im Aufwind. Die Performance-Indices sind deutlich rascher gestiegen als das nominale Bruttosozialprodukt des jeweiligen Landes, was ein Indiz dafür ist, dass Aktien überteuert sind und eine größere Korrektur sowohl nötig als auch wahrscheinlich ist. Vor allem in den USA, und dort besonders bei den Tech-Unternehmen haben die Kurse und Bewertungen astronomische Größenordnungen erreicht. Die Korrektur hat aber bisher vor allem auf den Märkten von Euroland und in China stattgefunden. Diese sind daher nicht mehr so überteuert wie noch vor kurzem.

Anleger wissen nicht so recht, was sie tun sollen, denn auch die Bondmärkte der wichtigsten Volkswirtschaften sind nicht gerade billig. Eine Ausnahme sind am ehesten länger laufende amerikanische Treasuries, die zwischen drei Prozent und 3,3 Prozent rentieren und damit real gesehen knapp im positiven Bereich liegen, anders als Bundesanleihen, deren Rendite real negativ ist und die damit aus der Sicht von Sparern ein Zuschussgeschäft sind. Bei den deutschen Zehnjährigen etwa gibt es nominal nur 0,31 Prozent, was nach Abzug der aktuellen Inflationsrate von 2,2 Prozent eine reale Rendite von minus 1,9 Prozent ergibt. Eine „normale“ nominale Rendite risikoloser langlaufender Staatsanleihen liegt sowohl in den USA als auch in Deutschland bei 4,5 Prozent, dem Produkt aus der mittelfristigen Wachstumsrate des realen Sozialprodukts von etwa zwei Prozent, der angestrebten Inflationsrate von zwei Prozent und einer Risikoprämie von 0,5 Prozent für die lange Laufzeit und die damit verbundene hohe Volatilität der Kurse.

Während die amerikanische Zentralbank wegen des kräftigen Wirtschaftswachstums, der rekordniedrigen Arbeitslosigkeit und des Anstiegs der Kerninflationsrate auf das Zielniveau von zwei Prozent weiter die Zinsen erhöhen wird, und zwar bis zum nächsten Sommer auf dann vermutlich drei Prozent, von augenblicklich 2,2 Prozent, hält die EZB noch still, hat aber angekündigt, die Leitzinsen ab dem Herbst 2019 erstmals wieder anzuheben und insgesamt eine restriktivere Politik verfolgen zu wollen. Das bedeutet, wenn es dabei bleibt, dass sich die beiden wichtigsten Zentralbanken vorerst weiter in entgegengesetzte Richtungen bewegen werden, so dass es bei amerikanischen Bonds Kursgewinne, bei europäischen dagegen Kursverluste geben wird. Die Fed hat wegen des relativ hohen Zinsniveaus Spielraum für eine expansivere Politik.

Wenn sich herausstellen sollte, dass die europäische Konjunktur von nun an doch nicht so gut läuft und die Inflationsraten auf deutlich weniger als zwei Prozent zurückfallen, wird die EZB ein Problem bekommen. Spielraum für eine expansivere Politik als jetzt ist nämlich kaum noch vorhanden. Wie viel teurer können Bonds noch werden? Es kann zu japanischen Verhältnissen kommen, einschließlich eines hohen Deflationsrisikos und der Übernahme von immer mehr Staatsanleihen durch die EZB, bekannt als Gelddruckpolitik.

Ob es wegen des Korrekturbedarfs an den Aktienmärkten zu einer großen Finanzkrise à la 2008 / 2009 kommen wird, hängt davon ab, ob es parallel zum Aktienboom zu einem Immobilienboom in den Industrieländern gekommen ist. Danach sieht es glücklicherweise nicht aus, ebenso wenig wie nach neuen Verschuldungsexzessen.

Im Übrigen halte ich die Risiken, dass Chinas Kapitalmärkte und seine Konjunktur einbrechen werden, oder dass ein erneuter starker Anstieg der Ölpreise eine Rezession auslösen könnte (ich halte das Gegenteil für wahrscheinlicher) oder dass die italienische Budgetkrise in eine neue Eurokrise mündet für beherrschbar. Im Allgemeinen gilt auch an den Kapitalmärkten, dass nichts so heiß gegessen wird wie es gekocht wurde.

Eine ausführliche Analyse der aktuellen Risiken für die Weltwirtschaft und die globalen Finanzmärkte finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – Almost everything is expensive, December 2018*) (pdf, 857 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

1 Kommentar

  1.   yagi

    Und schon wieder wird die hedonistische Inflationsrate von nur 2%! herangezogen.

    Die Gehälter, Renten und Löhne richteten sich in den siebziger Jahren nach der Inflationsrate für den Konsum aus. Die stieg nach der damaligen Berechnung bereits über 10% (und noch heute ist es so). Das störte und so kam man (die Neoliberalen) zu dem Trick, die Inflationsrate für das alltägliche Leben künstlich runterzurechnen,

    Einfache Rechnung: je geringer die Konsumenten-Inflationsrate, umso größer ist die Differenz zur Vermögenspreis-Inflation. Liegt die Konsumenten-Inflationsrate über der Vermögenspreis-Inflation, dann verliert auch der Rentier massiv an Vermögen. Zur Zeit erleben wir gerade, dass die tatsächliche Konsumenten-Inflation
    (nicht die uns vorgegaukelte hedonistische Inflationsrate)
    ein Null-Summen-Spiel im Vergleich zur durchschnittlichen Vermögenspreisinflationsrate ist. Nur wer seinen Vermögenswert über 10 % im Jahr zu steigern vermag, hat einen tatsächlichen Gewinn zu verzeichnen. Und das sind nur sehr wenige. Auch die Masse der kleinen Rentiers (Kleinaktionäre, Besitzer von Kleinimmobilien usw) verliert an absolutem Wohlstand, nur merkt sie es nicht. Wer gar keine Vermögenswerte sein eigen nennt, der kackt total ab.

 

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