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Disruptive Digitalisierung? Kein Grund zur Panik

 

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Fritz Helmedag von der TU Chemnitz beschreibt in der März-Ausgabe des Wirtschaftsdienst die Transformationsprozesse des Kapitalismus. Er zeigt, dass disruptive Prozesse kein ungewöhnliches Phänomen in der Geschichte des Kapitalismus sind. Aus seiner Sicht sind die Kassandra-Rufe und die Angst vor ausufernder Arbeitslosigkeit unbegründet, sofern die Politik den digitalen Transformationsprozess sinnvoll gestaltet. Digitalisierung führt also nicht zwingend zu Massenarbeitslosigkeit.

Die Volkswirtschaftslehre gilt seit ihren Anfängen als „dismal science“, weil Ökonomen seit jeher häufig trostlose Botschaften verkünden. So ging zum Beispiel der Ökonom Malthus davon aus, dass eine exponentiell wachsende Bevölkerung bei nur linear wachsender Lebensmittelproduktion dazu führen würde, dass es Massenelend und Hunger geben würde. Er irrte sich. Die Güterproduktion ist ähnlich rasant gestiegen wie die Weltbevölkerung, auch wenn Hunger noch immer ein existenzielles Problem für jeden zehnten Menschen auf der Welt ist.

Wie ist es zu dem rasanten Anstieg der Güterproduktion gekommen? Die Erklärung dafür wird oft in der folgende Gleichung zusammengefasst: Dampfmaschine + Bevölkerungswachstum = industrielle Revolution. So eingängig diese einfache Formel auch klingen mag, Fritz Helmedag hält sie für oberflächlich und ungenau: „Weder wurde in den ersten Jahrzehnten des sozialen, ökonomischen und kulturellen Epochenwandels die neue Antriebsmaschine weiträumig benutzt, noch geschah die Umwälzung quasi über Nacht in einem rapide ablaufenden Vorgang. In Ansätzen kommt diese Erkenntnis schon darin zum Ausdruck, dass man einerseits sowohl von der Industriellen Revolution schlechthin als einem singulären Ereignis spricht, als auch andererseits eine Abfolge solcher industriellen Revolutionen aneinanderreiht.“

Disruptive Technologien werden oft mit einer für sie charakteristischen Basisinnovation in Verbindung gebracht werden, stellt Helmedag fest. Bei der erste industrielle Revolution ist es die Dampfmaschine, bei der zweite das Fließband und bei der dritte Revolution der Computer. Bei der von der Digitalisierung befeuerten Industrie 4.0 handele es sich um die aktuelle Ausprägung. In Wahrheit, so Helmedag, orientiere sich die Terminologie hauptsächlich auf im Alltagsleben wahrzunehmende, wenngleich tiefgreifende Transformationsprozesse eines in seiner Grundstruktur beständigen kapitalistischen Systems, dessen ökonomische Triebkräfte meist im Dunkeln bleiben.

In der historischen Analyse zeigt Helmedag, welcher gesellschaftlichen Vorrausetzungen es letztendlich bedarf, „um die Entfaltung und Weiterentwicklung der in ihren Grundlinien meist schon bekannten Produktionsmethoden hervorzurufen.“ Er hebt dabei hervor, dass es entsprechend motivierte Individuen geben müsse, die eine Industrialisierung vorantreiben. Es sei von daher kein Zufall, dass die industrielle Revolution mit einer „Diesseitsorientierung“ und Emanzipation des Menschen einherging. Auf diesem Nährboden konnten sich Institutionen und Arbeitsweisen entwickeln, die den rasanten Anstieg der Produktion erst möglich machten. Fritz Helmedag resümiert: „Tatsächlich hat sich unterdessen der von Egoismus und Gier getriebene Homo oeconomicus in einer säkularisierten Welt kräftig vermehrt. Die Verbreitung der Eigenliebe und Habsucht unter den modernen Menschen sollte deshalb weniger unter der Rubrik ‚Industrielle Revolution‘ geführt werden, sondern inhaltlich präziser ‚kapitalistische Genese‘ heißen. Der Prozess ist mit einer extensiven und intensiven Landnahme der modernen Wirtschaftsweise verbunden: Die Globalisierung hat die internationale Konkurrenz mit Macht ergriffen und in den Ländern selbst unterliegt die Bereitstellung öffentlicher Güter – wie Infrastruktur und Bildungswesen – in erhöhtem Maß unternehmerischen Effizienzkriterien, bis hin zur Privatisierung.“

Mit Blick auf die Digitalisierung und die vierte industrielle Revolution warnen Studien vor einem massiven Einbruch der Beschäftigung: So seien die Hälfte aller Jobs bedroht, innerhalb der nächsten 20 Jahre zu verschwinden. Gegen solche Befürchtungen wendet Helmedag allerdings ein: „Freilich ist es keineswegs ausgemacht, dass die Automatisierung und Computerisierung wirklich das an die Wand gemalte Schreckgespenst massenhafter Erwerbslosigkeit heraufbeschwört. Gordon meint etwa, die Digitalisierung bleibe hinter den mit der Elektrifizierung und der Diffusion des Verbrennungsmotors verbundenen Umwälzungen der zweiten industriellen Revolution zurück, die zwischen 1913 und 1972 zu einem goldenen Zeitalter stark wachsender Produktivität geführt habe. Seitdem verläuft die Zunahme recht moderat, ja es ist von einer säkularen Stagnation die Rede. Dazu passen Untersuchungen, die ein eher konstantes Beschäftigungsniveau vorhersagen, wenngleich sich traditionelle Berufsbilder zum Teil stark verändern oder gar wegfallen.“

In Summe hält Helmedag fest, dass die Digitalisierung aus volkswirtschaftlicher Perspektive keine komplett neuen Probleme aufwerfe. Mit einer geeigneten Wachstums-, Verteilungs- und Arbeitszeitpolitik sind die durch die Digitalisierung angestoßenen Transformationsprozesse des Kapitalismus beherrschbar. Fritz Helmedag übt zum Abschluss deutliche Kritik am wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs und schreibt: „Doch nach wie vor macht die orthodoxe Ökonomik ihrem düsteren Ruf alle Ehre, indem sie dem Publikum ganz im Stile der alten ‚dismal science‘ weismacht, die Ursache allen Übels seien zu hohe Löhne, zu kurze Arbeitszeiten, zu üppige Sozialleistungen usw. Kritische Wissenschaftler verweisen indes auf den inzwischen erreichten Stand der Produktivkräfte, der die Perspektive eröffne, mit den geeigneten Maßnahmen künftige Häutungen – in Umkehrung einer bekannten Formel – als ‚zerstörerische Schöpfung‘ zu gestalten. Es dürfte aber eine sehr lange Strecke sein, welche die kapitalistische Genese auf diesem Weg noch zurückzulegen hat.“

Lesen Sie hier exklusiv vorab ausführlich den Beitrag von Fritz Helmedag zu einigen gesamtwirtschaftlichen Aspekten der Digitalisierung aus der März-Ausgabe des Wirtschaftsdienst:

Industrielle Revolution(en): Transformationsprozesse des Kapitalismus, in: Wirtschaftsdienst 3/2019, S. 210-215

 

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